Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 12 (17.3.1932)
- Date
- 1932-03-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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17. Marz 1932 Der Israelit Nr. 12 Seite 5 schwer abfinöen. wir fragen uns einfach» woher dieser krasse. Widerspruch zwischen der schriftlichen und mündlichen Tradition? warum hat die Thora eine Ausdrucksform gewählt» die so schroff von dem abweicht» was ste in Wirklichkeit sagen wollte? wir haben gar keine parallelstelle für einen ähnlichen Fall in der Thora. Die Aufgabe der mündlichen Tradition ist es regelmäßig, die schriftliche zu ergänzen. Die Thora spricht immer nur über das was, die mündliche Ueberlieferung über das Wie. Die Thora heißt uns» eine roo bauen» ohne sich über das Wie näher auszulassen. Diese Erläuterung wird der mündlichen Tradition Vorbehalten, die uns genau darüber unterrichtet, wie die Thora die ,rn gemacht haben will. Im Falle von py r>nn py aber ergänzen die beiden Traditionen nicht einander» sondern sind sich diametral entgegengesetzt. ' Merkwürdig ist auch Targum Unkelos. Unkelos richtet sich in seiner Wiedergabe regelmäßig nach der mündlichen Ueberlieferung» hier dagegen folgt er genau der schriftlichen Ueberlieferung. Krsr sagt Unkelos» also Auge um Auge» ebenso an der schon zitierten Stelle im wochenabschnittc von 11 m- •f'h. Tayrv’ p msn nwir p ntzw wie er getan hat, so soll mit ihm gemacht werden. Unkelos setzt sich somit bewußt in Widerspruch zu unserer mündlichen Tradition» welche unsere weisen bevorzugen, obgleich er überall ausnahmslos die Entscheidung unserer weisen als einzigen Maßstab kennt. Die ethische Seite des Problems stimmt den Menschen in uns bedenklich. Noch gefährlicher sind aber für den Juden in uns die Zweifel» welche das Problem in religiöser Beziehung auslöst. Zwischen der schriftlichen und mündlichen Tradition klafft hier ein unüberbrückbarer Gegensatz. Darüber kann man sich schwer hinwegsetzen. Soll man dennoch annehmen, daß beide Versionen am Sinai ausgesprochen worden sind? Für die Ueologie ist des Rätsels. Lösung leicht gegeben. Die Ueologie hat hier den klassischen Beweis für ihre Behauptung» daß die mündliche Ueberlieferung nicht sinaitischen Ursprunges sei» sondern Menschenwerk, ein Werk unserer Weisen. Unsere Weisen erkannten auch selbst die Heiligkeit und Unantastbarkeit der Thora gar nicht an. Sie wollten sich durchaus nicht mit der Thora identifizieren, was ihnen nicht gut schien, was in die moderne Zeit nicht mehr hineinpaßte» wurde korrigiert» umgemoöelt» ohne jegliche Scheu und übertriebene Acngstlichkert. So sagt weiß in seinem in rtntti *1V7' L. I. ®. 140: „Die ersten unter den Völkern» welche das Gesetz schufen» daß Körperverletzungen nur Geldstrafen unterliegen» waren die Römer. Run wäre es ein Irrtum, anzunehmen» daß die peruschim sich die Römer als Vorbild erkoren hätten und das Gesetz von py py nnn in der mm nur deswegen umdeuteten, weil sie nach Bekanntwerden der römischen Gesetzesformeln mit ihrer modernen sittlichen Auffassung hinter Hen Römern nicht Zurückbleiben wollten. Die Umöeutung ist vielmehr eine natürliche Folge des immer schärfer sich ausprägenden menschlichen Gefühls für Recht und Gerechtigkeit. Die Umdeutung von py py nnn entlehnten die Juden von keiner anderen Ration. Sie ist auch bei den Juden originellen Ursprunges» als spontaner Ausdruck der wachsenden Erkenntnis für das richtige Maß im Verhältnis zwischen Verbrechen und Strafe. Diese Erkenntnis hielt gleichen Schritt mit dem'Bildungsgrad» den die Juden im Fortschritt der Zeit zu erreichen imstande waren." So weit weiß. Bekanntlich traten die Sadduzäer für die wörtliche Auffassung von py nnn py ein, und so geht Geiger noch einen Schritt weiter, als sein Kollege weiß. Weiß lag nur daran» die peruschim in einen Gegensatz zur Thora zu bringen. Geiger will weit darüber hinaus. Er will nebst der Thora auch die Peruschim, die Träger der Thora» diskreditieren. Cr erteilt daher den peruschim» welche stch ohne jede Rücksichtnahme willkürliche Interpretationen am einfachen Wortlaut der Thora erlauben» eine sehr strenge Zensur» und hält ihnen als leuchtendes Vorbild die Sadduzäer entgegen» welche er als treue Hüter und Erben der Tradition feiert» da sie es weit von sich wiesen» den klaren Worten der Thora einen fremden Sinn beizulegen. Daß Geiger selbst durch diese Theorie gleichzeitig'seine Lieblinge, die Sadduzäer, zu den gefährlichsten Rückschrittlern stempelt und sie auf eine Saufe mit dem Urmenschen stellt» scheint ihm dabei tatsächlich nicht ausgefallen zu sein. Hier wäre der Ort, etwas näher auf den Abschnitt „Iessod Hamischnah" im „Doroth Harischonim" B. lc. S. 144—511, einzugehen. Ausführliche Erörterungen müssen wir uns versagen. Kurz soll jedoch folgendes festgehalten werden. Die allermeisten Satzungen in der Thora erfahren ihre nähere Erläuterung in der mündlichen Ueberlieferung. Diese mündliche Ueberlieferung ist in der „Iessod Hamischnah". in der „Urmischnah", wie sie der Doroth Harischonim nennt, niedergelegt. Die allerletzte Redaktion erfuhr die Urmischnah von den „Männern der großen Versammlung". Die „Männer der großen Versammlung" haben auch den genauen Wortlaut der „Iessod Hamischnah" festgelegt, der bis auf heute der gleiche blieb. Anlehnungen an tnpiOQ und Ableitungen aus ö’pioa gibt es in der „Iessod Hamischnah". welche die ursprüngliche, reine sinaitische Ueberlieferung vermittelt» nicht. Auch die allerersten Tanaim, wie Hille! und Schamai, und die noch früheren, wie Jose Ben Ioeser. durften genau so wenig gegen die Urmischnah polemisieren, wie wir heute. Die erste Mischnah im Vmnn pns Baba Kamma S. 85b» welche die Abhandlung über py nnn py einleitet» trägt alle Merkmale einer Urmischnah und stammt mithin von der mündlichen Ueberlieferung und nicht von der Willkür unserer weisen. wir schalten diese Bemerkung über die „Iessod Hamischnah" nur ein, um dem haltlosen Gerede von weiß und Geiger entgegenzutreten» nicht aber als Lösung für den Widerspruch von py nnn py zwischen der schriftlichen und mündlichen Tradition. Denn dieser Widerspruch wird durch die Hinzuziehung und Rutzbarmachung der „Iessod Hamischnah" nicht gemildert. sondern im Gegenteil gar verschärft. Roch ein Wort über die Sadduzäer. Die Sadduzäer traten -ungefähr im Jahre 250 ante, auf» aber zuerst als Hellenisten oder Tobianer. In die Sadduzäer verwandelten sie sich erst nach den Hasmonäerkämpfen um das Jahr 140 ante. Mit der Thora und der Tradition batten die Sadduzäer» welche dem Judentum völlig entfremdet waren, und in ihrer hellenistischen Periode die syrischen Könige gegen ihr eigenes Volk aufstachelten» sehr wenig zu tun. Der Streit über py nnn py in der Thora ging übrigens gar nicht von den Sadduzäern aus, sondern von ihren ganz späten wesensverwandten politischen Freunden, den 2'vin"2. Der ganz zufällige Widerspruch gegen die Ueberlieferung in py nnn py war nicht von der Liebe zur Tradition diktiert. Die Streitigkeiten mit unseren Weisen in zwölf halachischen Bestimmungen hatten teilweise politische Hintergründe, teilweise beruhten ste auf vollkommener Ignoranz, was bei Abkömmlingen der Hellenisten sehr natürlich war. (Dornth Harischonim B. lc. S. 411 . . .) Rach dieser kleinen Exkursion, welche durch weiß und Geiger hervorgerufen worden ist, wenden wir uns nunmehr wieder unserem eigentlichen Thema zu, und zwar der dritten Hauptschwierigkeit, die allerdings trotz ihrer Kompliziertheit schon in die eigentliche Lösung des ganzen Problems hinüberleitet. Der Talmud selbst erwähnt diese Schwierigkeit» als einen der Beweise für die Zwangsläufigkeit der Erklärung, daß nnn py py nur Geld bedeute» wie der Talmud regelmäßig selbst für eine klare Ueberlieferung einen Anhaltspunkt in der Thora sucht. Auf Seite 84 in Baba Kamma heißt es: 'TT "pm haben gelernt, Auge um Auge, aber nicht Auge samt dem Leben für das Auge". Der Wortlaut von py nnn py bedeutet doch im Höchstfälle, daß dem Verbrecher Gleiches mit Gleichem vergolten und ihm ebenfalls ein Auge entfernt würde» nicht aber, baß ihm für die Vernichtung eines einzigen menschlichen Gliedes die Todesstrafe auferlegt werde. Die Zerstörung eines menschlichen Organs kann ohne weitere gesundheitsschädigende Folgen bleiben» kann aber auch durch unvorhergesehene Komplikationen einen unglücklichen Verlauf nehmen und zum Tode führen. Run kann aber folgendes eintreten. Der verletzte verliert zwar durch die Tat des Verbrechers ein Organ, trägt jedoch sonst keinen weiteren Schaden davon. Dagegen erleidet der Verbrecher durch den gleichen Prozeß den Tod» weil der Eingriff schwere Verwicklungen hervorgerufen hat. Dieses Resultat des Straf- Zwei koschere Pflanzenfette ... so sparsam, so bequem! Tomor, hergestellt unter Aufsicht Seiner Ehrwürden des Herrn Rabbiner Dr Wolf, ist reinste Mandelmilch-Margarine) Sie können sie als Brotaufstrich unter Fleischbelag verwenden und für Kuchen und Torten, die Sie unmittelbar nach der Mahlzeit reichen wollen. Tomor enthält keine tierischen Fette und darf daher zu allen Speisen ohne Unterschied gebraucht werden. 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