Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 12 (17.3.1932)
- Date
- 1932-03-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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17. März 1932 Der Israelit Nr. 12 Seite 3 vollen Rassen als selbstverstänöliches Vorrecht von der ausschließlich auf Rassen-Cugenetik bedachten Vorsehung Vorbehalten ist. Lin wissenschaftlich einwandfreier Beleg ist für den jetzt „entdeckten" nordischen Ursprung der Germanen eben so wenig vorhanden, wie für den früher angenommenen südlichen. Lö handelt sich hier um eine rein gefühlsmäßige Cinstellung. Während man ehedem nach einer idealistischen Begründung der germanischen Raub- und Croberungszüge nach südlichen Ländern suchte, ist den heutigen Rasse-Teutonen der Süden als Heimat der Reger, der Orient als Wiege des Judentums und der Westen als Schöpfer und Hüter der Demokratie verleidet. Und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als den jetzt von Eskimos, Lappländern und anderen wegen ihrer Häßlichkeit von Heine verspotteten „Untermenschen" bewohnten R o r d e n als die Urheimat der Germanen zu inthronisieren. Wann sie und wie sie diese Urheimat verloren haben, das meldet kein Lied, kein Heldenbuch. Jedenfalls scheinen sie nach ihrem Abzug von dort in eine entsetzliche Diaspora geraten zu sein, wie die Juden nach der Croberung Jerusalems. Denn H. St. Chamberlain, der durch seinen Dilettantismus berüchtigte Verkünder der germanischen Rassenüberlegenheit, entdeckte in der ganzen Welt, unter allen möglichen und unmöglichen Völkern aller Zeiten Germanen als die eigentlichen, ja ausschließlichen Schöpfer aller dem sittlichen und kulturellen Fortschritt der Menschheit dienenden Ideen und Einrichtungen. Rachdem Delitzsch „bewiesen" hatten, daß R'osc^. seine Gesetze von dem B a - b y l o n i e r - König Hamurabi abgeschrieben habe, betrachtete es Chamberlain als seine Ehrenpflicht, diesen Herrscher über ein sentitisches Volk als Arier, zu deklarieren. Cr tat dies auf Grund einer Abbildung des Königs. Zwar konnte er sich leider keine Photographie des Hamurabi verschaffen, aber in der Rot genügte ihm auch das einzige, von dem König auf dem schlechten Schreibmaterial der Vorzeit erhaltene, im verlauf der Jahrtausende nicht gerade deutlicher gewordene „Porträt". Tin Blick Chamberlains darauf — und sofort enthüllten sich seinem geschärften Auge die geliebten Züge eines typischen Germanen! Auf derselben Linie liegt die Inanspruchnahme des Begründers des Christentums für die arische Rasse. Und damit diese Abstammung nicht mit der Herkunft aus dem Königshause David in Widerspruch gerate, mußte Chamberlain notgedrungen auch den Iuöcnkönig David als Arier anerkennen — denselben David, den Antisemiten älterer Schule mit allen angeblich für die jüdische Rasse charakteristischen, unsympathischen Clgenschasten ausgestattet hatten, wie z. B. Voltaire in seiner Bühnendichtung „Saul". wie man aus diesem Beispiel ersieht, ist der Antisemitismus wenigstens keine starr dogmatische Wissenschaft, sondern so wandelbar wie die menschliche — Phantasie. Man darf deshalb auch das moderne Axiom von der „nordischen" Urheimat der Germanen nicht etwa als ein schon für alle Zeiten fixiertes Dogma der Rassenkunde ansehen, sondern kann sich in dieser Beziehung noch auf manche Ueberraschungen gefaßt machen. Ganz absurd ist es jedenfalls, die Herkunft eines Volkes aus irgend einer Himmelsrichtung zur Voraussetzung sittlicher Ueberlegenheit und — politischer Vorrechte zu machen. Weiser als die Anbeter des „nordischen" Menschen urteilt Altmeister Gyethe: „G'ttcs ist der Orient, G'ttes ist der Occident. Rord- und südliches Gelände Ruht im Frieden seiner Hände." Wochenrundschau. Purim 5892. Die alte jüdische Volkstradition von der glückverheißenden Kraft des Adarmonats, der vor mehr als zweitausend Jahren der Iudenheit eines Weltreiches Rettung aus Tod und Rot, diesem Reiche selbst den .Segen selbstloser, weitschauender politischer Führung brachte — sie hat sich atn fünften Tage dieses zweiten Adar des Jahres fünftaufendsechshundertzweiundncunzig wieder einmal durch G'ttes Fügung glänzend bewährt! Deutschlands Inden gehen ihren purimtagen, fastend zwar und zur Cinkehr aufgerufen wie ihre Väter und Mütter in jenen Zeiten, entgegen, aber doch in dem frohen Bewußtsein, einer in ihren Konsequenzen gar nicht überblickbaren Gefahr entronnen zu feilt, von dieser Gefahr selbst, soweit sie sich auf Leib und Leben, auf wirtschaftliche Existenz, auf bürgerliche und menschliche Ehre erstreckte, wollen wir in diesem 'Augenblicke um so weniger reden, als wir es, solange sie unmittelbar drohte, mit vorbedacht unterlassen haben, den Teufel an die Wand zu malen. Der Jude, der sein geistiges Dasein auf die überreich sprudelnden. Ouellen seines g'ttgegebenen religiösen Schrifttums gründet, ist auf alles gefaßt und zittert nicht vor den ewig wiedcrkehrenderr Gestaltungen seiner Golusgeschichte. Aber was uns diese denkwürdige Reichspräsidcntenwahl als ein beglückendes Erlebnis und als harmonischen Auftakt zu unsrer purimfreude begreifen läßt, Füllfederhalter. 1000 schreibfertige Halter zur Auswahl! mit 14 karat. Goldfeder ab Rmk. 3.— Osmia-Supra, Parker Duofold, Montblanc, Pelikan, Soennecken Hausmarken: Ceka und Juwel und andere Marken CARL KLIPPEL Kaiserstrasse 75 Schreibwaren aller Art ist ihre symptomatische Bedeutung für den Stand der Dinge in Deutschland und in der Welt. Wir reden uns nicht ein, daß für die 18 Millionen, die am Sonntag Hindenburg ihre Stimmen gaben, der Respekt vor der jüdischen Chre und die Abneigung gegen die nationalsozialistische Iudenhetze eine bedeutende Rolle spielte, wie ja auch die l l Millionen Hitler-Wähler keineswegs als Antisemiten zu werten sind. Dennoch ist es nach dem mädchenhaften Aufstieg einer Partei, die ganz und gar än das rasscil- und blutmäßige Trieblebcn, an die dunkelsten Instinkte der primitivsten Menschennatur appelliert, ein stärkender Trost in Golusnacht, daß denn doch eine große Mehrheit diesen zur Tierheit niederziehenden Tendenzen einer verzweifelten Zeit Widerstand g e - l e i st e t u n d d e r v o n k l a r e r v e r n un f t best i nt m t e n S i t t l i ch k e i t d i e C h r e g e g e b e n h a t. Die Wahrheit ist auf dem Marsche. In unsren P""im-Träumen, in der bunten Maskerade der über die Bühne der Weltgeschichte schreitenden Völkertypen, mit denen das jüdische Volk in inniger Vermählung sein vicltauscndjähriges Goluslcben zu führen hat, mögen diesmal die Bilder Hitlers, Goethes und H i n d c n b u r g s wie Schatten an uns vorüberschwebcn, alle drei Kinder desselben Volkes und doch in geistiger Haltung und seelischem Habitus so gegensätzlich, als sähen wir des Menschenvaters Roa drei Söhne uns gegenüber. Das glühend „heiße" chauvinistisch-triebhafte Volkstum, in dessen wallendem Blute der Geist ertrinkt (onV der Olympier von Weimar mit dem verklärten 'Antlitze, aus dessen sprühendem Auge die Durchgcistigung der schönen Sinnlichkeit alles Irdischen leuchtet (na') und der Mann der eisernen, aus G'ttesfurcht und Selbst-- zucht geborenen, selbstlosen Pflichterfüllung, die Verkörperung des kategorischen Imperativs, den Sems offenbarte Lehre noch durch das Medium des Christendie Meinung des Tages. Der Könige Herz lenkte G'tt zum Besten der Völker, aber Homon war ja kein König, er hatte seine Willensfreiheit, er mißbrauchte sie zum Nachteil der Juden; hinein in die Stadt eilte Mordechai um bitterlich dort zu iammertt, daß nicht auf den König das Volk vertraue, der zum Gastmahl es hatte geladen; „höher steht Homon als Achaschverausch." Homon schmiedet Pläne, er führt sie durch. — Ein zweites Kind fragte Mordechai, welchen Vers es gelernt, und zur Antwort gab es ihm: „ich habe heute einen Vers gelernt, und bei diesem bin stehen ich geblieben: „(Jes.8,10) Schmiedet den Plan und er wird zerstört, redet das Wort nur, es hat nicht Bestand, denn mit uns ist G'tt." Mordechai atmete auf. Wenn G'tt auch die Willensfreiheit Homon läßt, Pläne zu schmieden, wenn auch der Plan schon gefaßt und ins Werk gesetzt ist, vor der Ausführung wird der fertige Plan zerstört, und das Wort das gesprochen, es hat nicht Bestand. Doch durfte Mordechai hoffen, daß G'tt das Unheil wenden werde, da doch Israels Sünden Strafe verdient, da beim Gastmahl des Königs Verbotenes sie genossen, da dem Götzenbild Homons sie sich hatten gebeugt? Ein drittes Kind, vom Mordechai nach dem Vers befragt, den es gelernt, verwies, ihn auf G'ttes Langmut. „Vis in die späteste Zeit hinein bin Ich derselbe, Hab' ich Geduld; was Ich geschaffen, das trage Ich auch, Ich habe Geduld und bringe die Rettung" (Jes. 46,4) Hoffnung erfüllte Mordechai und gab ihm die Kraft, Israel an die Reue zu mahnen, zu fordern, daß es der Rettung sich würdig zeige. Einst und jetzt. Nacht ist gebreitet über Israel. Verzweiflung hat sich der Herzen bemächtigt, Furcht hat in sie sich geschlichen, aus denen das G'ttesvertrauen geschwunden. Scheint nicht schon die Furcht eine Sünde? „Nur Sünder beben!" „Fürchte Dich nicht vor plötzlichem Beben, vor dem nahenden Ansturm der Frevler!" Nicht immer ist stark das menschliche Herz. Auf Parteien und Behörden richtet sich, von Angst erfüllt, der Blick; Petitionen und Audienzen suchen der Regierung Schutz zu erwirken, allein „höher steht Homon als Achaschverausch", der Parteiführer beherrscht die Straße, lenkt die Meinung des Volkes, er unternimnrt, woran der Herrscher niemals denkt; er mißbraucht seine Willensfreiheit zum Nachteil der Juden, er schmiedet Pläne und glaubt, sie durchführen zu können. Allein bestehen bleibt Israel bet dem Hofsnungswort, bei dem das jüdische Kind steh'n geblieben ist: „Schmiedet den Plan nur, er wird zerstört, redet das Wort nur, es hat nicht Bestand, denn mit uns ist G'tt." Wenn G'tt auch die Willensfreiheit läßt, Pläne zu schmieden, vor der Ausführung wird der Plan noch zerstört und das Wort, das gesprochen, es hat nicht Bestand. Doch wie dürfen wir hoffen, daß G'tt das Unheil wendet, da doch Israels Sünden Strafe verdient? G'ttes Langmut kennt ein Erbarmen. „Bis in die späteste Zeit hinein bin ich derselbe, ich habe Geduld und bringe die Rettung." Geduldig harrt G'tt unserer Reue und Besserung, und zeigt diese sich, bringt er uns die Rettung! Aleines Feuilleton. Aus der Hagodo von Purim. Worin unterscheidet sich der Monat Adar von allen anderen Monaten: daß gerade in ihm die Aktion der Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel stattfindet? Der aan antwortet: Weil das ganze Purimwunder beweist, wie wichtig die Mädchenerziehung ist. Mordechai hat eine Esther erzogen und dadurch das jüdische Volk errettet. In Erez Jisroel können in den agudistischen Mädchenschulen 630 Esthers zu solchen jüdischen Frauen erzogen werden, von denen der Talmud sagt, daß in ihrem S'chus einstens Jisroel erlöst wird. Der ysn antwortet: Weil die Palästina-Zentrale in der Megillas Esther vorkommt, nämlich unter dem Namen des 2. Sohnes von Homon: D a l p h o n. Der an antwortet: Damit man rechtzeitig für den Frühling die Reise nach Erez Jisroel gewinnt. Der snv (der nicht zu fordern versteht) antwortet: Weil der Adar der einzige Monat ist, der manchmal 8 Wochen hat, wodurch der Mangel an Persönlichkeiten, welche zu fordern verstehen, wenigstens durch die Zeit etwas ausgeglichen wird. Der Leser dieser Zeilen aber antwortet: Sie haben alle vier nicht ganz Unrecht, die Wirklichkeit aber ist, weil am Purim man sich freuen muß, der jüdische Mensch sich aber nur freuen kann, wenn er im Sinne des 'rinnen auch andere erfreut. •ms b-ä 2"N Darum fühle sich jeder verpflichtet, sich dieses Bewußtsein des Erfreuens anderer dadurch zu verfchaffen, daß er noch am Tanis Esther, spätestens aber am Purim selbst seinen Beitrag zur Adar-Aktion auf das Postscheckkonto der Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel Frankfurt a. M. Nr. 53 900 überweist. (INakkabi und Sabbat.) Wir lesen in der „Jüdischen Presse" in Wien: Einer Zeitungsnotiz entnehmen wir,