Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 11 (10.3.1932)
- Date
- 1932-03-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Jeuilleion* Lin kazew und ein Heiliger. Eine Volksgeschrchte von S. R—n. Rabbi Simcho Torts chiener war ein reicher Alaun, hatte viele Waldungen in Pacht, war dazu noch ein Thoragelehrter größten Ausmaßes und Ln G'ttesfurcht kam ihm keiner gleich. . Cr hatte aber einen Fehler: Tr war von Ratur aus sehr geizig und selten für eine größere Spende zu haben. Seine Frömmigkeit kannte keine Grenzen — solange sie kein Geld kostete. Das war Grund genug, daß man ihn im Städtchen nicht sonderlich liebte. Alan schmeichelte ihm zwar und bezeigte ihm viel Respekt in der Schul wie in der Gesellschaft. Hinter seinem Rücken wußte man aber allerlei von ihm zu erzählen, was seinem Ramen nicht gerade zur Ehre gereichte. Rabbi Simcho wußte das alles ganz genau, machte sich aber wenig daraus. Im gleichen Städtchen wohnte ein Kazew Fleischer) .namens I e ch i e l, ein einfacher, jüdischer Mensch, unwissend und ungebildet und von sehr robuster Art. Tin armer Alann war er dazu auch noch. Seinen engen Fleischladen hatte er bei Rabbi Simcho gemietet. Dafür hatte er aber eine herrliche Ligenschaft., Lr war ein Freund der Armen und ihr Wohltäter weit über seine Mittel hinaus. Freitag für Freitag verteilte er-an die Armen Fleisch und Knochen. Gegen Fleischreste handelte er beim Bäcker, beim FL-- scher und beim Händler Weißbrot, Fische und Wein ein, die er ebenfalls den armen Familien eigenhändig ins Haus brachte. Wo es Rot tat, half er auch mit barem Gelde aus, obwohl alle Welt wußte, wie nötig er die paar Groschen für seine eigene Familie hatte. Ging es an eine Sammlung für Talmud Thora, Bes Hamidrasch oder einem Wohltätigkeitsverein, durfte man an dem Kazew nicht vorübergehen. Lr ging, oft mit der größten Spende allen anderen voran. Alle wunderten sich über die Freigebigkeit des armen Fleischermeisters. Wo batte er das her? Im Ganzen schlachtete er durchschnittlich drei bis vier Stück in der Woche, wohnte in einem Stübchen, das kaum noch diesen Namen verdiente, und auch dieses Loch war nicht sein Cigentum, in einem Städtchetl, in dem fast jedermann seine eigene Hütte oder Baracke hatte. Gekleidet war die ganze-.Familie höchst dürftig. Eine erwachsene Tochter war auch im Haus, die noch nicht versorgt war. Wie konnte das alles Iechiel leisten? Das war nun s e i me -Sache. Wer' zw nehmen bestimmt und berechtigt war, nahm aus der offenen Hand Iechiels und machte sich weiter keine Gedanken darüber. Abends ging die Türe zu Iechiels Häuschen nicht zu. Die einen gingen, die andern kamen. ..Wer sorgengcbeügt das Haus betrat, verließ cs aufgerichtct und frohgemut. So ging es. jahrein, jahraus. Das ganze Städtchen, insbesondere die armen Leute beteten im Stillenfür ein' gesundes, langes Leben Iechiels. Ciner der armen, Leute wagte einmal aus ehrlicher Begeisterung und Dankbarkeit ihn mit R e b Iechiel anzureden. Da würde? aber der Fleischer ernstlich' böse. „Was für ein Reb b?"• ereiferte,:ec sich. „Auch mir ein Rabbi. Hast du schon einmal mein Beten gehört?" . .; . Da geschah eines Tages, daß Rebb Simcho, der reiche Alann, ernstlich erkrankte. Cs stand schlimm um ihn. Aufregung im Städtchen. Zwar ein Geizhals, aber dennoch der reichste Alann, gelehrt, fromm und angesehen. Alan holte aus der Kreisstadt die besten Aerzte herbei, man telegraphierte in die Hauptstadt nach einem Professor. Aber alles umsonst. Alan sah, der Todescngel stand schon zu Köpfen des Patienten. Alan betete Psalmen in den Schulen. Vergebens. Die Pforten des Himmels blieben den Gebeten verschlossen. Am dritten Tag hauchte Rabbi Simcho seine Seele aus.; Wie es einmal in den alten Gemeinden üblich war, suchte sich der Kahal an dem Toten schadlos zu halten für all die Ausfälle zu dessen Lebenszeit. Die Gemeinde verlangte ganze tausend Rubel für das Grab. Die, Gemeinde, sagte man, sei in Röten. Der Friedhof brauche eine neue Mauer, wenn die Ziegen nicht auf die Gräber gelangen sollten, (damals waren es nur Ziegen, die ahnungslos Gräber schändeten), die Alikwoh wäre stark reparaturbedürftig, das Bes- Hamidrasch baufällig. Und Rabbi Simcho wäre doch, er möge mauchel sein, zu Lebzeiten für all diese Dinge nicht zu haben gewesen.! Die L h e w r a K a d i s ch a verlangte ihrerseits dreihundert Rubel, sonst wollte sie einfach nichts anrühren. Auch sie hatte mancherlei Bedürfnisse. Cs stirbt nicht jeden Tag ein Alagnat, und wie viele Magnaten hatte das Städtchen im Ganzen! Alles Feilschen und Handeln der Familie nützte nichts. Sie mußte zählen, tausend Rubel an die Gemeinde und dreihundert an die heilige Bruderschaft. Hinter der Bahre ging das ganze Städtchen her. viel ehrliche Trauer war außer bei den Familienmitgliedern nicht zu sehen. Aber wie sonderbar! Liner ging ganz gedrückt daher und schluchzte ganz laut und bitterlich, als trüge man seinen Vater zu Grabe. Ls war Iechiel der kazew, der sich vor Schmerz gar nicht fassen konnte. Jugend spottete über das sonderbare Benehmen des Fleischers. „Cr ist doch gar nicht verwandt." „Lben darum weint er doch so — weil er nicht verwandt ist und darum keinen Anteil an der Lrbschaft hat ..." In Wahrheit aber glaubte keiner, der Iechiel kannte — und wer kannte ihn nicht? — an diesen Grund seiner Trauer. .. Am ersten Freitag nach 'dein Tode Rabbi Simchos staüö Iechiel,.,wie immer, vor seiner Fleischerbank und war wie verändert. Cr sah die Armen einfach nicht mehr. „Leider nichts mehr da," sagte er zum' größten Erstaunen der armen Frauen, die um ihre Ration kamen. „Die sieben fetten Jahre sind herum. Ich habe nichts mehr zu vergeben." Sie gingen staunend und weinend mit leeren Händen davon. Rach Sabbatende kam eine arme Witwe zum Stadtrabbiner und klagte bitter ihr Leid. Die einzige Hilfsquelle war versiegt. .Iechiel, der Kazew; gab nichts mehr. Wie, ein böser Geist sei über Rächt in ihn gefahren. Cr sehe und kenne die 'Armen nicht mehr: Da gehe etwas nicht mit rechten. Dingen zu, und der Rabbi möchte doch der Sache auf den Grund gehen. , Gleich am Sonntag morgen ließ - sich der Rabbiner Iechiel kommen. Cr nahm ihn sehr freundlich auf, sprach zuerst mit ihm über alltägliche Dinge wie Viehcinkauf, Schlachthaus, Kaschrus und Verdienst. Und da Iechiel von selber nicht herausrückte, sagte der Rabbiner geradeaus: „Säget doch, lieber Iechiel, was habt Ihr auf einmal, gegen Mosche Chajils Witwe mit ihren fünf hungrigen Waisenkindern? Vielleicht Zwischenträgerei, Angeberei? Cin Jude wie Iechiel darf Üebelrede nicht annehmen." Iechiel ließ die Augen sinken. Dann fragte er ganz, leise: „Warum gerade Alosche Chajims Witwe mit ihren Waisen. Und die anderen Armen und Hungrigen?" „So wird in Wahrheit die „Kaschje" noch schwerer," meinte der Rabbiner. Iechiel seufzte.tief auf, trat ganz nahe an den Rabbiner heran und sprach mit gesenkter Stimme im Flüstertöne: „Ich bin ein einfacher, ungelernter Alann. Ich kann nicht viel mehr, als Fleisch aushacken und por- j. nr.11 lt IM schen. Aber eine Lüge habe ich noch nie ausgesprochen. So will ich Luch auch mein Geheimnis anvertrauen. Ihr müßt wissen, teurer Rabbi, daß all die von mir bisher geübten Wohltaten nicht aus meiner Tasche gingen. Ich könnte das auch nicht und würde mich schwer gegen eigenes Weib und Kind versündigen, wollte ich karges Brot anderen hergeben. Alles kam von ihm, Rabbi Simcho, deür ein lichtes Gan Lden beschieden sein mag. Lr, der Alann, den die ganze Stadt verachtete und im Geheimen beschimpfte und verleumdete, er und kein anderer ließ durch mich jede Woche das Fleisch, die Fische und die Gelder verteilen. Sammelte man für Bes Hamidrasch, für Fremdenherberge und dergleichen, so ging sein Beitrag auch durch meine Hand. Ich mußte aber mit Handschlag und Cid ihm geloben, nie zu seinen Lebzeiten dieses Geheimnis irgend einem Menschen zu verraten. Das Herz.krampfte sich in mir zusammen, wenn ich die bösen Reden der Leute gegen ihn vernahm, aber reden durfte ich nicht, wir haben nicht nur den Reichsten, sondern auch den besten Alenschen in der Stadt, vielleicht in der ganzen Welt, begraben. Begreift Ihr -jetzt, Rabbi, warum ich bei der Bahre so geweint habe?!" Der Rabbiner hörte und staunte. Wie man Menschen so verkennen konnte! Cr selbst hatte manchesmal Rabbi Simcho einiges nachzutragen. Am Grabe, da er eine Trauerrede zu halten hatte, wußte er nicht recht, was er sagen sollte. Cr sprach ausweichend nur von der Gelehrsamkeit und G'ttesfurcht des Abgeschiedenen, ohne das Gebiet der Wohltat zu streifen. Run! . ..Das war Rabbi Simcho. Rcuegefühle und Lußgedanken regten sich im Herzen des frommen Rabbi und verdüsterten sein Gesicht. Roch'am gleichen Sonntag wurde vom Schames „schulen gerufen". Die ganze Gemeinde war gegen Abend in der großen Schul versammelt, aufs Höchste gespannt, was der Rabbiner mitten in der Woche zu sagen hatte.^ Gleich nach dem Alinchogebete bestieg der Rabbiner die-Kanzel und fing an: „Heilige Gemeinde! Wir' mlle haben uns einer schweren Sünde schuldig gemacht gegen einen geheimen Zaödik, der in unserer Mitte gelebt hat und am letzten Dienstag zur Ruhe gekommen ist. Cs ist Rabbi Simcho, dessen Namen wir bei. jeder Gelegenheit geschändet haben und der doch in' Wahrheit ein stiller Heiliger war. Ich tue Cuch kund und zu wissen, daß alle Wohltaten, die bisher von Iechiel, dem Kazew, ausgeübt wurden, aus der Tasche von Rabbi Simcho bestritten waern. Eine Demut, die in solchem Grade nur Noch unseren Führer-Mosche zierte, hinderte ihn daran, seinen Rainen dazu zu geben, weil er für die Uebung von Wohltaten keine Ehrungen in der Gemeinde enttäuschen wollte. Cr wollte sich dadurch vor Hochmut schützen. Aber auch dem Vermittler, Iechiel, gebührt Dank. Cr hat geschwiegen, nicht um sich eine fremde Veröienstkrone aufzusetzen, sondern weil er gelobt und geschworen hatte, zu schweigen." Große Aufregung bemächtigte sich der Gemeinde, und jeder leistete im Herzen Abbitte dem frommen Wohltäter. Rach Beendigung der sieben Trauertage zog die ganze Gemeinde unter Anführung ihres Rabbiners zum frischen Grab hinaus. Unter Tränen sprachen die Männer ein eigenes Mechilo-Gebet, das ihnen der Rabbiner Wort für Wort vorsprach. Am ersten Iahrzeitstage, wie auch an den folgenden Gedenktagen Jahr für Jahr,. brannte in allen Häusern der Gemeinde ein Seelenlicht und es wurde in den Lehrunö Bethänsern Mischna gelernt zum Andenken an den stillen, vielverkannten Heiligen. Auf das Grabdenkmal für Rabbi Simcho wurde auf Vorschlag des Rabbiners nur das eine Wort gesetzt: T'T'p: Cs sind die Anfangsbuchstaben von 'inen npnx „(Er hat Wohltätigkeit im Geheimen ausgeübt."