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Der Israelit · 1932-03-10 · Heft 11 (10.3.1932) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 11 (10.3.1932)
Date
1932-03-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 11 Der Israelit 10. März 1932 Ein jüdischer Bauer. Durch den herbstfrohen Hessengau ging die Fahrt. Weingesegnete Hügel grüßten zum Fenster herein. Aus buntblättrigen Baumzeilen leuchtete der Widerglanz goldener Oktobersonne von reifenden Früchten. Auf einer kleinen Station stieg ein junger Mann in das Abteil. Mit einem frischen „Guten Tagt", das ich freundlich erwiderte, verstaute er sein Gepäck. Als er Platz genommen, zündete er sich eine Zigarre an und sagte dann behaglich sich streckend: „Ein herrliches Reisewetter!" „Ja, eine Freude ist es," gab ich zurück, „jetzt durch die Landschaft zu fahren." „Der Herr fährt wohl weiter?" „Nach L." „Ah, das trifft sich gut. Das ist auch mein Ziel. Ich bin nämlich von dort gebürtig und möchte meine Eltern besuchen." Wir stellten uns gegenseitig vor. „Sind Sie verwandt zu Herrn W.?" frage ich. „Sein Sohn. Kennen Sie meinen Vater?" „Aber freilich! Wir sind früher oft zusammen im Zuge gesessen." Dieser Vater, ein braver Mann, Jude, war Viehhändler; auch verschaffte er Ackerern und Winzern gelegentlich Darlehen, wenn ihnen gerade Zahlungen anstanden und das Bar geld fehlte. Seine Reellität, die niemanden überforderte oder drückte, hatte ihm bei den kleinen Leuten viele Freunde gemacht; sie hießen ihn nur den „Babba";*) dieses vertrauliche Wort sagt mehr, als wenn man des Langen und Breiten von ihm erzählt. Am Samstag durfte ihm keiner tommen, da ging er — wie er sich ausdrückte — in seine Kärch,**) freute sich seines Familienkreises und ruhte aus. Aber Sonntags war er zu sprechen für alle die kleinen und großen Nöte feiner Kundschaft und riet und half, wie er nur es vermochte Und jetzt also saß mir sein Sohn gegenüber. So trifft sichs im Leben. Er war auf der Resalchule gewesen. Kaufmann werden lag ihm nicht. So hatte er sich zur Landwirtschaft gewendet. Bei einem Freund des Vaters war er als Eleve eingetreten. Mit großem Geschick griff er überall zu. Von da ging er auf die Landwirtsschule; als einer der bestgualifizierten verließ er sie und bekam einen schönen Posten; in dem rückte er mit den Jahren zum Verwalter auf. Seit zwei Jahren besaß er selbst ein hübsches Besitztum im Hessischen, vor einem Jahre hatte er sich ein braves Frauchen heimgeholt. Wir sprachen von den Aussichten jüdischer junger Leute in der Landwirtschaft; ich lenkte die Rede auf das Lehrgut „Hirschhof" der Agudas Jisroel im Odenwald. Das kannte er und wußte mir viel Interessantes davon zu erzählen. Besonders freute ihn die dortige Erziehungsweise mit j ihren guten Anregungen für Körper und Geist, nicht zum letzten nach der religiösen Seite. „Wissen Sie," fuhr er fort, „ich habe selber auch meine Jüdischkeit umgestellt. Mur keine Halbheiten! Dem Max von ehedem habe ich den Abschied gegeben und nenne mich mit meinem ehrlichen jüdischen Vornamen Mordechai; ich will nicht mosaischen Bekenntnisses sein, sondern Jude und rechne es mir zur Ehre, als jüdischer Bauer in meiner Umgebung dazustehen. Nicht mehr und nicht weniger. — Und wem glauben Sie, daß ich das alles verdanke? Meiner Frau! Die ist nämlich aus einem gutjüdischen Hause — ich lernte sie gelegentlich meiner letzten Verwalterstelle kennen. Aber sie wollte mich nur heiraten, wenn ich auch wirklich ein richtiger Jude sei. Sie gab mir Schriften von Samson Raphael Hirsch. O, was habe ich denen zu danken! Allerdings! Arbeiten hieß es da an sich, und nicht wenig. Es gab manch Unkraut zu jäten, manche harte Scholle zu zerschlagen: aber wir haben es geschafft! Meiner Frau Muttersbruder wurde mir ein-guter Ratgeber; er verstand das, war er doch lange Jahre in einer Gemeinde Lehrer gewesen, wo es hieß, Strömungen abzuwehren, die nicht jüdisch sind. Jetzt verbringt er seinen Ruhestand bei uns; er hat im oberen Stock sein trauliches Stübchen vorneheraus mit dem Blick auf den Hof, die umzäunsnde Hecke und breite Baumkronen. Da kann er für sich studieren, was er will. Abends, wenn alles aufgearbeitet ist, lernen wir zusam- Mir wird ja schon oft die Zeit knapp, aber es fache bleibt uns, wie der Onkel sagt: das Vertrauen auf 3 Witwer, 5 Geschiedene). Nach den Zählungsergebnisdie Güte des Ewigen." Was hatte ich doch hier nun sen des Statistischen Amts der Stadt Berlin beträgt die für einen Mann gefunden! Herbsttag und Herbstfahrt Gesamtzahl der reinjüdischen Ehen i. I 1930 1010, die wurden mir doppelt schön. Wie vereint dieser junge, jü-' Zahl der jüdisch-nichtjüdischen Mischehen 495, die der dische Bauer harmonisch Thora im Derech Erez! Möge nichtjüdisch-jüdischen Mischehen 280. Die Zahl der rein- " '.r <■-— " ' jüdischen Eheschließungen wie die der Mischehen ist höher als i. I. 1929 (896, 489, 252). es noch viele solcher in Israel geben! Dr. med. W. Der Mutter Hände. Sie haben Leichen für das Jenseits gewaschen und viele Menschen vom Mutterleib entbunden. Sie haben unzählige Kranke gepflegt gestillt ihre Schmerzen, geheilt ihre Wunden. Sie haben in mächtige Fäuste geschlagen und die Waren und Säcke der Bauern befühlt. Sie haben das Beste zum Reichen getragen und ihre eigenen Wünsche nur selten erfüllt. Sie haben gezahlt, gewogen, gemessen und früh schon die Kinder in die Schule geführt. Sie haben die Tränen aus den Augen gewischt und selten nur haben sie den Vater berührt . . . Immer umklammerten ihre Arbeitshände schwere Lasten, Stiele, Griffe, Beile, Stangen. Risse, harte Beulen — keine Edelsteine, eingefressene Linien statt blanker Spangen. Kein Mensch hat sich über ihre Hände geneigt, ebensowenig wie sie keiner umschmeichelt. Selten nur hat ein Kind ihre Hände geküßt, aber niemand hat ihre Hände gestreichelt. — Doch des Freitags kurz vor Sonnenuntergänge, wenn die Wochenarbeit endlich war beendet, tauchten sie ins dampfende, heiße Wasserbad, in dem sie geheiligt wurden — und verändert. Wie die zehn Gebote aus dem Sinai-Berge streckten sich ihre Hände um das Sabbatlicht, Wie die zarten Fittiche des Lebensengels bedeckten ihre Hände das blasse Gesicht . . . - Moses Katz. 1177 jüdische Menschen sind während des Berichtszeitraums in Groß-Berlin gestorben; davon waren 618 Männer, 589 Frauen. Die Säuglingssterblichkeit war gering. Die meisten Personen starben im Alter von 65 bis 75 Jahren. Die Sterblichkeit der Frauen ist geringer, auch ihr Sterbealter liegt höher als das der Männer. Bei Zurechnung der Geburten aus Mischehen ergibt sich im zweiten Halbjahr 1930 ein Sterbeüberschuß von 455, ohne diese Zurechnung ein Sterbeüberschuß von 581 Menschen, somit für das ganze Jahr 1930 ein Sterbeüberschuß von etwas über 1100 Menschen. Dieser Ueberschuß entspricht ungefähr dem von 1928 (1133), ist aber niedriger als der von 1929 (1492). Dies ist jedoch nicht auf eine Steigerung der Geburtenzahl zurückzuführen, sondern aus einen Rückgang der Sterblichkeit, die 1929 mit 2714 Personen besonders hoch war. men. geht, zudem der Onkel die Bücher führt und mich so entlastet. Am schönsten ist es bei uns zu Sabbat. Da haben wir sogar ein Minjan.- Freitag nachmittag schon spannen wir nicht mehr ein; das geht, wenn man die Arbeit in Feld und Wald richtig einteilt: stärker zusammen drängt es sich eigentlich nur in der Erntezeit. Aber was freuen wir uns, wenn die Frau die Sabbatlichter anzündet und der Onkel ein Sabbatlied singt und von Hirsch uns eine Predigt vorliest. Auf die Sabbatmahlzeiten freuen sich sogar die Dienstboten, und die Schabboskugel, dazu die frischen Berches, die meine Frau bäckt, finden allgemeinen Beifall." „Wie geht es Ihnen denn wirtschaftlich?" „Danke, da haben wir den Segen von oben. Die Zeiten sind jetzt ja überall schwer. Aber wir sind zufrieden. Frucht, Wein, Obst, Vieh konnten wir immer wieder gut verkaufen. Ich habe noch zwei jüdische Kollegen am Ort; mit denen habe ich mich zusammengetan. Ich halte einen jüdischen Melker. Wir liefern Kindermilch nach M. Unsere Butter wird von ersten Geschäften gern genommen. Meine Frau betreut den Geflügelhof: die Eier finden befriedigenden Absatz. Da wir. das Personal gut halten, arbeiten die Leute willig Wir nutzen die modernen Hilfen der Motoren, nehmen Düngermittel und Kraftfutter, gebrauchen die Versicherungen gegen Schäden aller Art, aber die Haupt- *) —- Pa pa, Väterchen. **) Eigentlich „Kirche", hier: Synagoge gebraucht. Die Bevölkerungsbewegung der Berliner Inden im zweiten Halbjahr 1930. In einem im Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde Berlin erschienenen Aufsatz stellt Dr. Hubert Pollack auf Grund zahlenmäßiger Beobachtungen, die seit dem 1. Juli 1930 durch das statistische Büro der Jüdischen Gemeinde Berlin vorgenommen wurden, eine Untersuchung über die natürliche Bevölkerungsbewegung dev Berliner Juden im zweiten Halbjahr 1930 an. Die statistischen Daten zeigen, daß die Geburtenziffer der Berliner jüdischen Bevölkerung ständig sinkt und daß der Geburtenausfall durch den Rückgang: der Sterblichkeit nur teilweise wettgemacht wird. Aus rein jüdischen Ehen wurden irr der Zeit vom 1. Juli bis 31. Dezember 1930 in Berlin 550 Kinder (284 Knaben, 266 Mädchens lebend, 13 Kinder (6 Knaben, 7 Mädchen) tot geboren. Dazn kommen noch 47 uneheliche Kinder jüdischer Mütter, darunter 46 lebend geborene. Aus Mischehen mit nichtjüdischer Mutter stammen 76, aus Mischehen mit jüdischer Mütter 51 Kinder. Selbst unter der Annahme, daß im ersten Halbjahr die Geburtenzahl etwas größer war, steht fest, daß die noch nicht ermittelte Geburtenzahl für das Gefamtjcchr 1930 niedriger sein wird als für 1929 und damit die niedrigste Geburtenzahl sein wird, die seit Bestehen der Stadtgemeinde Groß-Berlin ermittelt worden ist. Unter den ehelich Lebendgeborenen befinden sich 54,9 Proz. erste, 28,18 Proz. zweite, 8,54 Proz. dritte, 3,81 Proz. vierte Kinder. Bei den Kindern aus Mischehen mit jüdischer Mutter betrug die Zahl der Erstgeborenen 52,94 Proz., bei den Kindern aus Mischehe mit nichtjüdischer Mutter 65,33 Proz. Es überwiegt somit durchgängig das Einkindersystem, am stärksten in den gemischten Chen von jüdischem Mann mit nichtjüdischer Frau. Die Zahl der reinjüdischen Eheschließungen belief sich im zweiten Halbjahr 1930 auf 547. Von den männlichen Partnern waren dabei 455 ledig, 45 verwitwet, 47 geschieden; von den weiblichen Partnern waren 478 ledig. 24 verwitwet, 45 geschieden. Mischehen gingen ein 244 jüdische Männer (184 Ledige, 18 Witwer, 42 Geschiedene) ein. Von den nichtjüdischen Ehefrauen waren 178 evangelisch (157 Ledige, 6 Witwen, 15 Geschiedene), 34 katholisch (28 Ledige, 1 Witwe, 5 Geschiedene), 2 sonst christlich (beide ledig), 30 Dissidentinnen oder Frauen unbekannter Konfession (26 Ledige, 3 Witwen, 1 Geschiedene), 130 jüdische Frauen heirateten nichtjüdische Männer (103 Ledige, 6 Witwen, 21 Geschiedene). Die nichtjüdischen Ehemänner waren 80 Protestanten (58 Ledige, 4 Witwer, 18 Geschiedene), 14 Katholiken (11 Ledige, 3 Geschiedene, 2 sonstige Christen (beide ledig),' 34 Dissidenten oder Männer unbekannter Konfession (26 Ledige, Drama um den Geist vou 1912. Ein „dramatisches Zeitenbild" läßt sich nicht aus dem literarischen Aermel schütteln. Besonders dann nicht, wenn es um das jammervolle Kapitel Assimilation geht. Man sollte, gerade wenn man Dichter und Aufrüttler sein will, lange überlegen und vorsichtig sein, ehe man ein Bühnenstück an die Oesfentlichkeit bringt, wie etwa das von Adolf Schüler unter dem Titel „William Simon" (erschienen im Verlag Adalbert Schultz, Berlin). Die Tendenz um den Millionär Simon und seinen zionistischen Neffen, der außerdem Künstler, Aesthet und Schöngeist ist, verdient ohne Zweifel Aufmerksamkeit. Herr simon stiftet in den geruhsamen Zeiten von 1912 ein Altersheim in Berlin, „interkonfessionell" versteht sich. Es gilt eben, in dieser damals nicht ungewohnten Weise „die Gegensätze zwischen den Konfessionen" zu überbrücken. Das jüdische Geld hat man genommen. Aber die Zeiten wandeln sich, das Altersheim wird „judenrein", kriegt ein antisemitisches Kuratorium, und schließlich wird sogar der Gründer, Herr Simon, der um Aufnahme in das Heim ersucht, zurückgewiesen. Also Dinge, die Vorkommen können. Leider versagt die dramatische Gestaltung. Das happy end, verursacht durch das „Eingreifen" des loyalen Ministers, wirkt störend, — so sehr man sonst eine „allseitig befriedigende Lösung" begrüßen würde. Beinahe banal wirkt es ferner, wie überhaupt immer im richtigen Moment die erwarteten Personen und Einfälle aus den Kulissen treten. Das ist alles ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Auch die „Aufklärungsarbeit" des zionistischen Herrn Simon (er heißt — in einer assimilatorischen Anwandlung — Nomis; seine Gattin jedoch, die gar nicht hundertprozentig zionistisch ist, nennt sich Bathseba!) in seiner Konferenz mit dem Minister kann nicht recht überzeugen. Das Drama um den ganzen Geist von 1912 undfoweiter wartet immer noch auf den Dramatiker. I. Raphael. (Ein Bischof gegen die Iudenmission.) Die Schottische Mission in Budapest leitete vor einigen Wochen eine Judenbekehrungskampagne ein, die in der jüdischen und Tagespreise' Ungarns viel erörtert wurde. Anknüpfend an die verschiedenen Diskussionen gab Herr Dr. Desider B a l t h a z a r, prot. Bsichof von Debrecen, die algende Crklärung ab: Die Bekehrung dürste meiner Meinung nach nur im Kreise derjenigen Bäcker in organisierter Form geltend gemacht werden, welche noch nicht zur moralischen Höhe des geistigen, persönlichen G'ttheitsbegrifss gelangt sind. Nichts beweist mehr, daß das Judentum in'hohem Grade zu dieser Höhe gelangt ist, als eben der Stifter selbst, der die sitliche Höhe des Gesetzes und der Propheten anerkannt hat und ihnen einerseits die Unantastbarkeit sicherte, andererseits auf deren Grundlage stehend erklärte: „Das Heil kommt von den Juden". Wenn also das Judentum mit vollem Rechte sich darauf bezieht, daß es der Welt die reichste G'ttesidee und die höchste sittliche Auffassung gegeben hat, daß seine Heilige Schrift auch die Heilige Schrift des Christentums ist, daß es außer ihm auf dieser Weil keine Religionsgemeinschaft gibt, die ungeachtet ihrer Minderheit eines so enorm hohen Prozentsatzes vorzüglicher Männer auf dem Gebiete der Wissenchaft, der Kunst und des Wirtschaftslebens aufweist, daß vwohl die Diaspora als auch das sittliche Leiden seines Erdrücktseins es in seiner Glaubenstreue nicht erschüttert hat, dann muß jeder denkende Kopf glauben, daß die jüdische Religion den Segen besitzt, groß und glücklich zu machen! Ich lernte von meinem christlichen Glauben, daß man niemand in seinem Glück, besonders in seinem Glaubensglück, stören darf; man darf auch niemand des edlen Selbstbewußtseins des Besitzes seiner Tradition und der Werte seines Glaubens berauben. Die großen Dienste, die das Judentum der ganzen Welt geleistet hat, gemahnen auch uns ungarische Christen, mit keinen Bekehrungsabsichten Anlaß dazu zu geben, daß als Folge unserer Handlungen eine Bitterkeit entstehe . . ."

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