Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 10 (3.3.1932)
- Date
- 1932-03-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der Israelit Nr. 10 Seite 3 sollte — als jüdische Repräsentanten gelten. Der Beschluß zur Gründung einer Republik in Biro Bidschan wird eine Anziehungskraft für Zehntausende Juden bilden, die als Reusiedler ins Land kommen werden. Jetzt schon gehen Juden eher nach Viro Bidschan als nach der Krim oder der Ukraine. Die Zahl der jüdischen Neusiedler in Biro Bidschan war t. I. 1931 höher als die Zahl der jüdischen Neusiedler in den vorangegangcnen drei Jahren; in den ersten sechs Wochen des Jahres 1952 war sie viermal so hoch als in der gleichen Periode des Vorjahres, obwohl Komzet erst später die Order über den Beginn der neuen Siedlungsaktion versandt hat." — — Man kann darüber im Zweifel sein, ob die Gründung eines neuen Goluthlandes in Biro Bidschan als glückliche Wendung im 'Schicksal der Gesamtjudenheit zu begrüßen sei. Uns würde ein jüdisches Zentrum, in all seinen Rechten und Cntwicklungsmöglichkeiten nach außen gesichert und von den radikalen Strömungen ins Rloskau unberührt, vollkommen genügen, vielleicht sogar mehr Zusagen, da wir mit nationaler Cigenbrödelei über die absolut zu verlangende und erstrebende religiöse Autonomie hinaus in der Geschichte noch selten gute Erfahrungen gemacht haben. Interessant sind die Pläne Kalinins und der Lauf, den die Dinge in Biro Lidschan nehmen, auf alle Fälle, und die jüdische Öffentlichkeit sollte sic im Auge behalten. Heil und Heilung. Ein Freund unseres Blattes, ein bekannter Leipziger Arzt, stellt uns zwei Dokumente zur Verfügung, die in ihrer dürren Sachlichkeit mehr für die kranke Zeit besagen, als alle Artikel und Abhand-! lungen. Bekanntlich ist im Dezember auf denr ' Aerztetag in Leipzig eine Aerztcgruppe mitj Forderungen hervorgetreten, die, so verworren fie'; auch sind, doch daraus hinausgingen, die jüdischen! Aerzte zu boykottieren, aus den Krankenkassen aus-; zuschlicßen, sie gewissermaßen als Lerufsgenossen! zweiten Grades anzusehen. In die Organisation der Männer, die bis dahin nur ein Ziel kannten: heilen und helfen, wurde die Politik, der Arierparagraph, hineingetragen. Gegen diese Bestrebungen, die dazu angetan wären, den ganzen moralischen Bankrott des neuen Deutschland vor der Welt darzutun^ richtet sich ein Aufruf, unterzeichnet von „einigen nichtnationatsozialistischen Aerzten". Nach Schilderung der traurigen Konsequenzen solcher versuche, heißt es in diesem Appell an die Vernunft u. a.: „Kollegen! Das Lebenswerk Hermann Hartmanns, Cure Organisation, in Jahrzehnten mühseliger, aber einträchtiger und nur darum erfolgreicher Arbeit erkänipft, ist in höchster Gefahr! Das Treiben der nationalsozialistischen Aerzte kann, wenn Ihr ihm nicht steuert, nur eines erreichen: den Zerfall des Aerztebundes in politische und Intereffentengruppen, zu einem Machtkampf auf Leben und Tod. Und wenn das „Dritte Reich" nicht so schnei! kommen sollte, wie jene es sich denken, kann das Ende nur ein Trümmerhaufen sein. Damit habt Ihr aufgehört, ein Faktor im nationalen Leben zu sein. Ihr seid lediglich noch Objekt in den Händen jeweils herrschender Alachtgruppen und werdet Euch um Gnadenbissen gegenseitig zerfleischen, wer sich nicht zum Teilnehmer an diesem Zerstörungswerk machen will, verweise die Politik aus der Organisation und verweigere verantwortungslosen, sich „national" nennenden Phantasten und ihrem frevelhaften Spiel die Gefolgschaft." Das letzte Wort hat aber die Ortsgruppe Leipzig des N a t i o n a l so z i a l i st i s che n Aerzteb u n d e s, für die, merkwürdig genug, ein Dr. Gäbe i e l zeichnet. Nach der Hitler'schen Taktik des doppelten Gesichtes (ein friedliches nach dem Auslande, eil! grnnmiges nach innen) wird alles, was den braven völkischen Heilbringern in jenem Aufruf nachgesagt wird, als „eitel Lüge und Verleumdung" dahingestellt. was bleibt dennoch an der Sache, was will und erstrebt die nationalsozialistische Zelle unter den Jüngern Aeskulaps? Nämlich folgendes: „wir setzen uns ein für ein Reich der Freiheit und der Ehre, für ein Deutschland der Arbeit, der Kraft, der Sauberkeit, für eine Volksgemeinschaft auf rassischer, nationaler und sozialistischer Grundlage." Also doch! Und noch eine Kleinigkeit dazu: Sie sehen als Aerzte ihre besondere Aufgabe darin, diese Ziele auch innerhalb ihres Berufs- und Standeslebcns zu verwirklichen. Getreu dem Programme des Führers Adolf Hitler sind sie nicht länger gesonnen, Aemter und Chrenstellen anderen als d e u t f ch st ä m nr i g e n Volksgenossen zu übertragen. Das und das allein will die Nationalsozialistische Gruppe, und die Mehrheit der Leipziger 'Aerzte bekenne sich zu diesem Programm. Das Ganze schließt mit cinein HeilaufdasDritte Reich. wir fürchten, daß, wenn das deutsche Volk einmal erwacht ist und den bösen Traum abgeschüttelt hat, und alle die Dokumente dieser tieftraurigen Zeit im Dunkel des Archivs nur noch den Historiker interessieren, dieses Dokument, unter den vielen Iaminerlappen der jämmerlichste sein wird. Das gewaltige Heer der Menschenfeinde, die Mikroben und Bazillen, kennen keine Abgrenzung nach Rasse und Volksgemeinschaft, und der Name Arzt war bisher in der Vorstellung des Volkes gleichbedeutend mit „Freund" und „Helfer", der über Glauben, Rasse und Religion hinweg nur die unsichtbaren Feinde mittels der Wissenschaft zu bekämpfen hat. Soll es nun darin anders werden? Im Auslande überall, in den Ostländcrn wie in Amerika, wurden und werden deutsche Aerzte bevorzugt, wegen ihres tiefgründigen Wissens, wegen ihres beruflichen Ernstes, nicht zuletzt wegen ihrer schönen Menschlichkeit, die erste Voraussetzung alles ärztlichen Gelingens ist. Soll es auch darin anders werden? „Heil" auch in der Zunft der Heilungbringer?! Vorschläge über jüdische Ehegesehe. Von Rabbiner Dr. 3. INerzbach in Darmstadt. Iinmcr mehr beschäftigen sich allmählich unsere jüdischen Zeitungen mit dem Gebiete der Chcgesetze der Thora. Cs kann ja auch auf die Dauer nicht achtlos daran vorübergegangen werden, daß sich hier fortwährend schwerste Verstöße in unserer Mitte ereignen. Verstöße, die Generationen unglücklich machen, ihnen den Stempel des Mamsertums aufdrücken. Cs ist erklärlich, daß auch Vorschläge gemacht werden, um diejenigen tragischen Auswirkungen zu beseitigen, die, im Munde der Liberalen immer wieder angeführt, deren verbrechen an der Religion zu eruschuldigen suchen: Die Bindung der kinderlosen Witwe an ihren Schwager, auch wenn ch: die Chalizo nicht vollziehen will oder kann, und - die Bindung der bürgerlich geschiedenen Frau an ihren Mann, auch wenn er den Get verweigert. Aber solche Vorschläge müssen von peinlichster Sorgsamkeit und mit größter Gewissenhaftigkeit nach Prüfung aller halachischen Fragen von den Thorag r ö ß e n d e r Z e i t entworfen werden. S o n st könnte cs konnnen, daß solche Vorschläge selbst die ganze Weihe der jüdischen Ehe erschüttern, daß sie selbst neue Verstöße zu den anderen häufen. Unverantwortlich erscheint es uns, wenn man in Leichtfertigkeit, aus Halbwissen geborene „Vorschläge" als Heilmittel empfiehlt. In der „Jüdischen Zeitung" in Breslau schreibt Herr 'Arnold Wiener in Beuthen über „die jüdischen Ehegesetze". Selbstsicher und über jede Kritik erhaben. (Der Kritiker würde in ziemllchc Verlegenheit koinmen, solle er sagen müssen, welche Einzelheit denn nicht stimint.) In burschikosem, der Sache nicht angemessenen! Tone. 2lber mit erschütternder Unkenntnis über die wahren Bestimmungen des von ihm selbst als „gegebene Größe" anerkannten Religionsgefetzcs. Cs wendet sich Herr Wiener gegen die 2lrtikel des Herrn Dr. Goldmann, Leipzig, die von uns in diesen Blättern schon „gewürdigt" wurden — und ehe er cs sich versieht, ist Herr Wiener selbst mitten drinnen im Kampf gegen die Ehegesetze. Aleines Feuilleton. Der Chassidismus. Im Anschluß an unsere Leitartikel über „Jüdische Geschichtsschreibungen" und „Chassidismus" (Dubnow und Kastein) in Nummer 6 und 7 des „Israelit", werden wir darauf aufmerksam gemacht, daß am Dienstag 's vjx n~n n' der sechzehnte Todestag des größten Kenners und Historikers des Chassidismus, Ahron Marcus ist. Sein Buch ,,Der Chassidismus", mit der Seele eines mit der Idee wahlverwandten großen Menschen geschrieben, ist heute noch, weitab von der Eisluft kritischer Forschung wie von überhitzter Romantik, die beste Quelle für die Kenntnis des Chassidismus, für Fachgelehrte sowohl wie für Laien. Was Ahron Marcus sonst noch für die jüdische Literatur und Wissenschaft bedeutete, davon zeugen sein „ Barsllai " sowie sein nop. Es sind grundlegende Werke über Tanach und die Sprache und Schreibweise der heiligen Schrift. Man sollte in einer Zeit auch der geistigen Not, da viele junge Menschen nach Wissen dürsten und nach Halt suchen, in einer Zeit, da genug der falschen Propheten auf den Plan treten, um ein Zerrbild zu bieten von dem, was uns hoch und heilig ist, nach den Werken Ahron Marcus' greifen und sie verbreiten. Der Jahrzeitstag mag neuen Antrieb dazu bieten. v , Alle Werke von Marcus sind zu haben in der Buchhandlung S. Marcus in Harburg (Elbe) Römerstr. 58. (Gelatine und <£is.) In der in Newyork erscheinenden Zeitschrift „The Jewish Forum" veröffentlicht der bekannte Arzt und Chemiker, Dr. David I. M acht, emen Artikel über die von ihm vorgenommenen Untersuchungen zur Feststellung von Gelatine in Eiscreme und Sauercreme. Ob. diese Bezeichnungen unseren Speise-Eis-Sorten entsprechen, wissen wir nicht. Er hat festgestellt, daß die Verwendung von Gelatine erfolgt, um die Herstellung zu verbilligen und daß gerade bei den minder teuren Sorten große Quantitäten von Gelatine im Eis enthalten jind. Gelatine wird aus tierischen Bestandteilen gewonnen. (Aus der Lebensgeschichte eines amerikanischen Richters.) Das in Newyork erscheinende orthodoxe Wochenblatt The Jewish horum berichtet über ein Interview, das ein Mitarbeiter des Blattes mit einem jungen amerikanischen Richter, Benjamin E. Greenspan, hatte. Greenspan hat es fertig gebracht, daß er trotz ungeheurer Ueberlaftung mit Terminen keinerlei Sitzungen am Sabbat abhält und auch im übrigen streng gesetzestreu lebt. Er steht mit seinen Kollegen so freundschaftlich, daß sie ihn an diesem Tage, soweit erforderlich, vertreten und er erklärte, daß der Respekt für den religiösen Juden so groß sei, daß er dabei nur sehr wenig Schwierigkeiten finde. Aus die Frage, ob Greenspan immer so gewissenhaft als Jude gelebt habe, antwortete Greenspan verneinend. Erst seit 5 Jahren habe er ganz bewußt sein Leben auf die Grundlage des jüdischen Religionsgesetzes gestellt und er fehle keinen Morgen im G'tteshaufe. Es war ein.Erlebnis, das ihn dazu brachte. Eines seiner Kinder war schwer erkrankt und von den Aerzten aufgegeben worden. In seiner Verzweiflung habe er vor dem offenen tfipn tpk gelobt, er werde, wenn sein Kind, entgegen dem ärztlichen Todesurteile, noch gerettet werde, ein neues jüdisches Leben beginnen, so wie es feine Vorfahren geführt hätten. Das Wunder geschah und das Kind wurde gesund. So sei er seinem Gelübde bis zum heutigen Tage treu geblieben und hoffe, das bis an sein Lebensende zu tun. (Jüdische Bevölkerungsstatistik in Polen.) Nach den Mitteilungen des Statistischen Amtes wurden im dritten Viertel des Jahres U>31 in Polen 56.962 jüdische Ehen geschlossen. Darin sind die Tausende rituell, aber nicht standesamtlich geschlossenen Ehen nicht mitgezählt. In der gleichen Zeitperiode wurden in Polen 16.024 Kinder geboren. Die Ziffer der jüdischen Sterbefälle in dieser Zeit war 6643. Der natürliche Zuwachs der jüdischen Bevölkerung Polens in dem erwähnten Vierteljahr betrug 9381. Wochenkalender. tom 5. — 12. März 1932 om 27. Adar bis 4. Weadar-8892 ’nv» ip D’Vp» 'B i-vp'1 crnoQ vin.n pa-na Samstag 5 27 ny Mauled: Montag nach- Sonntag 6 YTK 28 1» mittag 2 Uhr 98'/,. Min. Montag i 7 29 19 naa nv> Dienstag 8 30 ns snn ws’n n nv Mittwoch 9 "I7N1 1 oy enh vnbi '3 ov Donnerstag 10 2 D Freitag 11 3 HB Samstag 12 4 a D npoan ’iipQ Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das ffeutllrlon v. Ech achnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. V.: S. Schach« nowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Hermon G. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck: Hermon-Druckerei» Frankfurt a. M.