Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 10 (3.3.1932)
- Date
- 1932-03-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 10 Der Israelit 3. März 1932 empört, so hat die Regierung einfach den Weg des geringsten Widerstandes beschriften, wenn sie in beiden Beziehungen den Synagogengemeinden ihre v o l l k o m m e n c Freiheit l ä ß t. Keinesfalls hat die jüdische Volkspartei das Recht, auf der einen Seite als Großsicgelbewahrer der Gemeinde-Autonomie aufzutreten und auf der anderen Seite die Vergewaltigung dieser Autonomie in der Frage des Ausländerwahlrechts von der Regierung stürmisch zu fordern! Das ist ein unerträglicher Widerspruch. Was die Austrittsfrage betrifft, so wäre die (Orthodoxie durchaus damit einverstanden, daß jemand; der aus einer Svnagogengemeinde austritt, gezwungen sein soll, den bisher bezahlten Beitrag entweder an eine andere von ihm auszuwählende preußische Svnagogengemeinde, oder an einen der beiden Landesverbände zu entrichten. Denn ein Austritt, der nicht aus religiösen Gründen erfolgt, sondern um Geld zu sparen, verdient keine gesetzliche Förderung. Aber wenn die Regierung sich demgegenüber darauf beruft, daß eine solche Bestimmung verfassungswidrig sei und dem Geiste des allgemeinen Kirchenaustrittsgesetzes nicht entspreche, so kann man zwar anderer Meinung sein — und wir sind es — es liegt aber kein Grund dafür vor, jetzt das Kind mit dem Lade auszuschütten und dem Landtag durch die künstliche Veranstaltung von Entrüstungsstürmen eine bequeme Ausrede zur Ablehnung des ganzen Gesetzes an die Hand zu geben. Die Behauptung Dr. Kollenschers, das neue Gesetz beseitige die Möglichkeit des Austritts „aus dein Judentum", wäre unverständlich, wenn sie nicht durch Veröffentlichungen des Herrn Dr. Ismar Freund in zwei jüdischen Blättern eine Erläuterung fände. Hierzu haben wir formell zu bemerken, daß Herr Dr. Ismar Freund nicht als Vertreter der liberalen Partei sprechen kann und zu seinen Ausführungen sicherlich vom Landesverband keine Vollmacht erhalten hat. Sachlich ist aber der Standpunkt, den Herr Dr. Ismar Freund einniinmt, u. (£. vollkommen unhaltbar. Aus dem Judentum als einer Religion kann man eben so wenig austreten, wie aus dem Christentum, dem Monotheismus oder dem Monismus. Das Kirchenaustrittsgesetz von 1875 ordnete den Austritt nicht aus dem Christentum, sondern aus den christlichen Kirchen und gerade die Tatsache, daß es eine jüdische Kirche in Preußen niemals gegeben hat, war der Hauptgrund, aus dem heraus Laster in seiner großen Landtagsrede im Jahre 1876 den Erlaß des preußischen Austrittsgesetzes vom 28. Juli 1876 als rechtliche Rotwendigkeit darstcllte. Wenn dennoch in dem § 9 dieses Gesetzes von einem Austritt aus der jüdischen Religionsgemeinschaft die Rede ist, so ist diese Religionsgemeinschaft eine rechtliche Fiktion. Die jüdische Religionsgemeinschaft in Preußen war als solche bis zum heutigen Tage niemals organisiert und es ist daher u. C. selbstverständlich, daß auch heute ein Austritt im rechtlichen Sinne nur aus der einzelnen Svnagogengcmeinde erfolgen kann. Der neue Entwurf handelt also durchaus logisch, wenn er lediglich denjenigen Paragraphen des Kirchenaustrittsgefetzes von 1920 als durch das neue Gesetz unberührt bezeichnet, der seinem ganzen Inhalte nach speziell auf jüdische Verhältnisse berechnet ist, nämlich den § 4. Wer sollte denn im übrigen auf die Idee kommen, das ganze Kirchenaustrittsgesetz sei durch ein Gesetz über die Svnagogengemeinöen außer Kraft gesetzt worden? Unwahr ist die Behauptung, daß der Entwurf eine „Atomisierung" der preußischen Indenheit in höherem Maße herbeiführc, als sie heute besteht. Diese Atomisierung ist die naturnotwendige Folge n i ch t der Gesetzgebung, sondern des religiösen Abfalls und der Zerklüftung der ehemals einheitlicher: jüdischen Gesinn u n g s g e m e i n s ch a f t in verschiedene, gegensätzlich einander gegenüberstehende W e l t a n s ch a u u n g s g r u p p e n. Mit gesetzlichen Zwangsmaßregeln kann ein so übermächtiges geschichtliches Geschehen, wie es die Zerschlagung dieser jüdischen Gesinnungsgemeinschaft darstellt, nicht aus der Welt geschafft werden. Solche Zwangsmaßnahmen kann nur der fordern und befürworten, dem die religiöse Wahrheit ein wesenloses Anhängsel stammestümlicher oder nationaler Kultur ist. Auf der anderen Seite ist zu befürchten, daß bei einem Scheitern des Gesetzes, wie es von volksparteilicber Seite anscheinend betrieben wird, vor allen Dingen einmal die bisherigen staatlichen Zuschüsse für die Rabbinerbeseldungen und den Religionsunterricht aufhören werden, denn der preußische Finanzminister wird sich diese gute Gelegenheit zur Herbeiführung von Ersparnissen im Budget gewiß nicht nehmen lassen. Auch kann nur auf dem Wege der endlichen Annahme des Gesetzes die dringend notwendige öffentlich-rechtliche Anerkennung der beideir Landesverbände herbeigeführt werden. Cs bleibt den jüdischen Gemeinden alsdann immer noch unbenommen, eine „jüdische Religionsgesellschaft" oder (nach dem Vorbilde der 7 evangelischen Landeskirchen) mehrere autonom zu bilden. Wir glauben jedenfalls aussprechcn zu müssen, daß die ungeheure Mehrheit der preußischen Iudcnheit, also sowohl die Liberalen als die (Orthodoxen, die Annahme des Gesetzes im Landtag unter Herbeiführung einiger wesentlicher Verbesserungen, die erreichbar sind, dringend wünschen und daß die Jüdische Volkspartei mit ihren entgegengesetzten Bestrebungen in keiner Weise den Willen der preußischen Juden heit zum Ausdruck bringt. lvochenrundschcru. Ein neuer Indenfiaat? Klan verfolgt mit lebhaftem Interesse die Entwicklung der Dinge in B i r o Bidfchan, wo mehrere 'Tausend Juden mit Hilfe des Komzet und unterstützt von der Sowjetregierung, den Ansatz zu einer jüdischen landwirtschaftlichen Großsiedlung bilden. Michael k a l i n i n , der Präsident der Sowjetunion, will aber mehr als das, er will eine Art I u - d e n st aat in Liro Bidfchan gründen mit allen Kriterien eines innerhalb der Sowjetunion' fein autonomes Eigenleben führenden Staates. Einem Vertreter der I. T. 21. gegenüber äußerte sich kalinin darüber folgendermaßen: Laut Beschluß des Zentralcxekutivkomitees soll sich in Liro Bidfchan die Gründung einer jüdischen Republik spätestens Ende 1955 vollziehen. Richr ausgeschlossen ist es, daß die Gründung noch vor diesem Endtermin geschieht. Cs ist nicht notwendig, damit zu warten, bis die Juden in diesem Territorium die Mehrheit der Bevölkerung bilden. Die Krim z. B. ist eine tartarische Republk, obwohl die Tartaren dort nur 22 proz. der Gesamtbevölkerung ausmachen, warum sollen nicht Russen, Ukrainer und andere Rationalitäten ebensogut in einer jüdischen Republik leben, wie Juden in der Ukraine, in Weißrußland und in anderen nichtjüöischen Republiken leben. Werden 10 000 bis 15 000 Juden in Liro Bidfchan konzentriert sein, dann wird die Vorbedingung der Proklarnierung von Biro Bidfchan als jüdischer Republik gegeben sein. Die Gründung einer jüdischen Republik in Biro Bidfchan wird nicht allein für die 50 000 oder i 00 000 Juden, die sich in den nächsten Jahren dort anstedeln werden, sondern auch für die etwa drei Millionen in der Sowjetunion und, in einem gewissen Maße, auch für die Juden in anderen Ländern von großer nationalpolitischer Bedeutung sein. Rach einer Pause von vielen Hunderten Jahren werden die Juden wiederum ein Staatsvolk werden. Sie werden ihre Vertreter im Zentralexekutiv-Komitee und in anderen hohen Regierungsorganen haben. Bis jetzt figurieren die Juden in den Regierungsämtern nicht als Vertreter der jüdischen, sondern der allgemeinen Bevölkerung. Haben die Juden eine nationale Republik, so werden die Vertreter dieser Republik — auch wenn der eine oder der andere derselben nicht Jude sein Der halbe Schekel. Bon Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. 0'i>pV,1 bv 1182 1N82 ..Am ersten Adar ergeht der Aufruf zur Schekelspende". Das war die Norm im alten Israel, und in ihrem Geiste lasen wir beim Nahen des Monats, der uns Hoffnung und Freude bringen soll, den Abschnitt vom halben Schekel. An die Verlesung dieses Abschnittes knüpfen unsere Lehrer die Bürgschaft für die Erhaltung und die sich immer von neuern vollziehende Erhebung und Weihe unseres Volkes. .'«iw bv fiip min naa n»aV mpn xb iarr G'tt sprach zu Moses: Wodurch wird Israel an Kraft und Weihe gewinnen'? rwv oa? Durch die Lehren und Wahrheiten, die der „halbe Schekel" versinnbildlicht. Es ist also etwas Großes um die Verlesung dieses Schekel-Kapitels. Wir sollen ja nicht nur die einzelnen Sätze vernehmen, wir sollen sie auch durchdenken und den köstlichen Gehalt ihrer Lehren uns zueigen machen, daß sie befruchtend wirken auf die Gestaltung unseres Daseins. Da ist nun die Forderung: ma a'ipy anpn bp'oz bpvn rvona D’ipsn bv iawn io iw' m /•xb nan/i bpvrx norm bporx Das sollen sie geben — jeder der zu den Gezählten hin- Lbergeht — einen halben Schekel nach dem Schekel des Heiligtums, zwanzig Gera der L-chekel, einen halben Schekel als Hebe für den Herrn. Nur zahlend mit unserer Liebe, leistend, opfernd von dem, was wir besitzen an Kraft und Fähigkeit, an Zeit und Mitteln zählen wir, gewinnen wir Wert und Geltung, haben wir ein Recht, uns zu fühlen als Glieder in der Kette der Gemusterten des Herrn. Das Leben, das wir zu Lehen tragen aus der Hand G'ttes, sollen wir vor allem als eine Summe von Aufgaben und Pflichten auffassen. So werden wir nicht entmutigt, wenn nicht alle Blütenträume sich verwirklichen, und wir gewinnen immer neuen Antrieb zur Bewährung. Das ist ivw iss' „das Lösegeld der Seele", das wir auf die Wage des Heiligtums legen, wenn wir zum Preise G'ttes Dienst an der Gesamtheit leisten, wo und wie immer wir es vermögen. Wir fühlen uns als Beauftragte unseres Schöpfers, als Arbeiter in seinem Weinberge, wenn wir nach Maßgabe unserer Kraft mit den uns verliehenen Mitteln Segen schaffen und Heilssaaten ausstreuen. ' Keines Kraft will unser Judentum missen, nns v-v '8iv'.Ein jeder hat seinen Wert,und er kommt zu voller Würdigung und Bedeutung, so er seinen vollen halben Schekel bringt. Alle sind zur Schekelspende verpflichtet. Niemand darf sich ihr entziehen, und keiner ist von ihr ausgeschlossen. Der halbe Schekel verkörpert die Lehre von der Gleichheit aller, die zum Dienste im Heiligen berufen sind. Von dem Ertrage der Schekelspende wurden die Opfer besorgt, die täglich auf dem Zionaltare dargebracht wurden. Ein jeder in Israel hatte das erhebende mannigfache Gefühl, daß auch sein Teil im Opfer gen Himmel emporlodert. Wie muß dieser Gedanke zur befreienden Tat uns spornen, daß wir nirgends Zurückbleiben, wo wir zum Segen des Ganzen leisten können. Niemand wähne sich zu gering und zu winzig seine Leistung. Vor G'tt entscheidet vollends die Gesinnung, der Wille, die Begeisterung, und nicht das Mehr oder Weniger der Leistung. Schließlich kann auch niemals der einzelne etwas Ganzes vollbringen. Es ist darum auch der halbe Schekel die Versinnbildlichung der Zusammengehörigkeit. Die Arbeit des einen heischt die Mitwirkung des anderen, damit aus zwei halben Schekeln ein ganzer, eine volle Leistung werde. Wie von der ersten Schekelspende nach einem sinnigen Worte der Alten die „Säulen", auf denen das Heiligtum ruhte, und die „Haken", die die einzelnen Teile zu einem Ganzen vereinigte, hergestellt wurden, so kann vollends das Heiligtum nur durch die tätige Mitwirkung der Gesamcheit erhalten werden. Besonders unsere Zeit mit all' chren Nöten und Sorgen zeigt es klar, wie der einzelne mit all' seiner Kraft doch nur Unzulängliches leistet und erst vieler Mittel aufgeboten werden müssen, um etwas Ganzes zu erwirken. Der v'i-pV joe7 bereitet als erster in der Reihe der vier großen Sabbate uns auf das Nahen des Beffachfestes vor und weckt in uns Frühlingshoffen. Mit den Lehren des „halben Schekels" lenkt er unsere Gedanken von der düsteren Gegenwart in eine freudenvolle lichtumstrahlte Zukunft, in der die Menschen und Völker nicht mehr gegen einander streiten, sondern im heiligen Wetteifer der Menschenliebe, in Harmonie und Eintracht am G'ttesheiligtum auf Erden bauen. In diesem Gedanken mögen wir uns über die Sorgen und Nöte des Tages erheben und uns zu jener Stimmung durchringen, in die uns der Erlösungsmonat hinoinversetzt, damit von uns allen gelte: •nnaan paia ns uajpa „Wenn der Monat Adar beginnt, so wächst die Freude."