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Der Israelit · 1932-02-25 · Heft 9 (25.2.1932) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 9 (25.2.1932)
Date
1932-02-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 9 Der Israelit 25. Februar 1932 „was fjcijlf gebildet?" ergänzt die Wulter. „Cr hat letzthin mit Fremdwörtern um sich geworfen, das; mir schwindelig vor den Augen wurde." „Hunderttausend £it," kann sich Chajim nicht fassen. „Ganze zehntausend Dollar, keine Uleinigkeit in dieser Zeit," ergänzt Leile. Als Leinesch, der Schadchen, aus dem Munde Finkelfteins die Sache mit dem großen Los hörte, legte er zwei Finger auf den Mund. Sollte heißen: „Mund halten, nichts ausplaudern! Cr selbst, Iolin, soll sein Glück noch nicht erfahren." „Was heißt, nicht erfahren?" fragte Chajim, „wird es ihm die 'Agentur nicht sagen?" „Cr hat sein Los nicht bei der Hauptagentur gekauft, es wird noch eine Zeitlang vergehen, bis sie den Gewinner ausfindig machen. Die Tabelle hat er gewiß nicht gelesen, er liest und schreibt Gedichte. Ich schätze, es vergehen vier bis sechs Wochen, bis er es erfährt. Diese Wochen müssen ausgenützt werden. In vier Wochen ist ec der Mann von Lisa und euer Schwiegersohn. Ihr könnt euch auf mich verlassen." „Wäre es vielleicht doch nicht besser, man sage es ihm," regle sich ein Gefühl von Ehrlichkeit bei Chajim. Da übergoß ihn Beile mit einer Flut von Belehrungen. Sie hatte die Sache besser verstanden, und Leinesch nahm keinen Anstand, ihnen ins Gesicht zu sagen, daß ein Iolin m i t hunderttausend Lit eine Lisa als Frau und Finkelstein als Schwiegereltern suchen würde, wie man den vorjährigen Schnee sucht . . . Alles andere klappte und ging wie am Schnürchen. Man konnte sich auf Beinefch verlassen. Am folgenden Tag war Iolin bei Finkelsteins zu Gast und alles war voller Lob und Bewunderung über seinen Anstand, über seine Bildung, wie fein er sprach und anständig er aß. Jedes Wort Gold wert. Und er las auch selbstverfaßte Gedichte vor und die Hauptsache: er wußte nichts, er ahnte nichts von seinem Glück. „Ein Mann wie Iolin, gut angezogen, wird aussehen wie ein Magnat, ein wahrer Monarch," stellte Beile fest. „Diese edlen Gesichtszüge," ergänzte die Tochter, „wie interessant und anregend er zu erzählen weiß." Und Lisa dachte an Klavier, Perscrtcppichc, Kleider, Hüte. Alle ibre Freundinnen werden platzen vor Ueid ... Die Anzüge und was sonst noch zu seiner Ausstattung gehörte, bekam Iolin rascher als er geträumt hatte. Chajim Finkelstein gab alles gerne her, und es waren keine vier Wochen verstrichen, als an einem Freitag Uachmittag auf dem Schulhofe eine Chuppe aufgestellt war. Man feierte, wie es sich für einen wohlhabenden Brautvater, eine moderne Braut und vor allein einen Bräutigam mit hunderttausend Lit geziemte. Uun war es Zeit, das Geheimnis zu lüften, Beile drängte, Lisa noch mehr. „Dicht so rasch und nicht so unvermittelt," mahnten die Männer. „Man kann bei einem plötzlichen Glücksfalle vor Schreck eine Lähmung oder einen Herzschlag bekommen." Veinesch wußte aus dem reichen Schatz seiner Erfahrungen viele solcher Fälle zu erzählen. „Wir machen es anders, riet er und er gab Chajim die nötigen Instruktionen: „Hast du mir nicht einmal von einem Los gesprochen," fing Chajim mit mühsam gespielter Gleichgültigkeit seine Rede an den Schwiegersohn an. „Richtig, ein Lotteriezettel," erinnerte sich Iolin. „Dummer 1925?" „Ich glaube, es stimmt, cs war die Jahreszahl." „Hast du das Los hier?" „Dein, daheim unter den Papieren. „So bringe es doch her ein Los ist ein wertvolles Dokument und gehört unter die Wertpapiere." „Ich glaube aber, die Ziehung ist schon vorbei, ich habe nichts gehört." Hier war Chajim schon um einen Schritt weiter. „Also bringst es her, dann werden wir sehen." Dach einer Stunde feierlicher und freudiger Crwartung kam Iolin mit dem Los an. Chajim nahm den Zette! in die Hand, verglich die Dummer. Stimmt: 1925. Und um sich noch einmal zu überzeugen, verglich er mit der Tabelle. Aber o Schrecken. Cs war ein Los der Hamb u r g e r L o t t e r i e, nur die Dummer stimmte, nicht aber die Lotterie; denn gezogen wurde das Los Dr. 1925 in der Litauischen S t a a t s l o t t e r i c. Leile stieß einen Schrei aus, Lisa fiel in Ohnmacht. alle ihre Träume waren zu Cnde. Kein Klavier, keine Teppiche, keine kostbaren Pelze, und, was das schlimmste war, kein Deid der Freundinnen ... Wie die Sache weiter verlief, ist nicht von Interesse. War einnral die Chuppe gestellt gewesen und hatte der Rabbiner die Segenssprüche gesprochen, so blieben sich auch beisammen. Und wir hoffen, daß, auch ohne Klavier und Teppiche, Iolin und Lisa mit der Zeit einsahen, daß sic das große Los aneinander gewonnen hatten . . . Der Erlöser. Dem Hebräischen nacherzählt von . . . vor dreihundert Jahren lebten in Jerusalem, der heiligen Stadt, drei große Rabbanim, vollständig Gerechte ihres Zeitalters. Sie beschäftigten sich öffentlich und im Stillen mit Taurohlernen und waren auch in der Kabbalah gar wohl unterrichtet. Der eine hieß Rabbi Schalom Scharabi, der Dame des zweiten war Rabbi Chajim del - Rosa, und der des dritten Rabbi Josef David Asulai. Und diese drei Gelehrten überragten das ganze Volk Jerusalems. Und in jenen Tagen war kein Fürst und Herrscher in Jerusalem, und so tat ein jeder, was ihm gefiel. Da wurden die Söhne Ismaels kühn und bedrängten die Juden gar sehr, wiederholt überfielen sie sie und raubten und plünderten alles, was sie an jüdischem Gut erreichen konnten, und es war diese eine Zeit der Dot für die Söhne Jakobs wie nie zuvor. Da sahen die drei Rabbanim, daß die Bedrückung der Söhne Israels groß sei, und ihr Bedrängnis garschwer, und sie trauerten sehr in ihrem Herzen, häuften Gebet und Flehen vor G'tt, auf daß er den Ueberrest Israels aus der Hand seiner Bedränger errette, und sie nicht ganz der Vernichtung preisgebe. Und cs war, da die Tage des Unglücks für Jakob immer schlimmer wurden, daß die drei Rabbanim sicb in der Höhle Zidkijahus versammelten, um zu beraten, wie den Juden Erleichterungen und Befreiung aus der Hand der vielen Bedrücker werden könne. Sie suchten und fanden, daß Rioschiach, der wahre Erlöser, die Söhne Israels aus der Hand feiner Feinde retten müsse, und die Rabbanim gelobten in ihrem Herzen, mit ihrem starken Geiste Moschiach zu zwingen, und ihn mit Gewalt vor der Zeit herbeizurufen, komme was wolle, und die Rabbanim taten auch also: «ie verbargen sich von dieser Stunde in der Höhle Zidkijahus und beschäftigten sich Tag und Dach: mit Taurohlernen und Gebet. Sie ließen mit Fasttagen ihre Seelen darben, kleideten sich in Sack und Asche und entsagten allen Genüssen der Welt,^ und ihre Speise zu Cnde eines Fasttages bestand aus trockenem Brot und gedörrten Feigen. Und als Schnee in Jerusalem fiel, so verließen sie ihre Höhle, um sich im Schnee zu betten; im Wasser des Reifes wuschen sie ihren Körper des Tages, und im Wasser des Cises in der Dacht. In dieser Weise lebten sie lange. Dach Ablauf einer gewissen Zeit glaubten die drei Rabbinen, daß sie sich schon genügend.geheiligt und gereinigt hätten, sie verließen also die Höhle und erstiegen den Oelberg und ein jeder von ihnen setzte sich auf einen Grabstein des Berges, und sie beteten mit machtvoller Andacht zu G'tt, einen ganzen Tag und eine ganze Dacht. Und diese Dacht war gerade Trschohbeaw-Dacht. Und es war zu Cnde der zweiten Dachtwache, gerade ehe der Himmel sich spalten wollte, da riefen die Rabb.inen die Damen aller Heiligen und Reinen, die sie bis jetzt nicht über ihre sündigen Lippen gewagt hatten. Und ihre Erregung war grenzenlos — noch einen Augenblick und sie hätten Rloschiach besiegt. Im Himmel aber rechnete inan ihr Unterfangen als Sünde an und eine g'ttliche Stimme ertönte vom Himmel und verkündete: „Ihr Heiligen und Reinen! Unterlasset sofort euer Crlösungswerk, damit nicht wieder der g'ttliche Zorn entbrenne, damit nicht die Crde in ihren Grundfesten wanke, und die Welt in Oede und Dichts zurücksinke, dafür, daß ihr wider g'ttliches Geheiß es unternommen habt, die Erlösung gewaltsam herbeizuführen. Dur eine Sühne gibt es für euch, daß einer von euch noch in dieser Dacht Jerusalem verlasse, um nie wieder dorthin zurückzukommcn, denn wenn ihr zu dritt beisammen seid, würde es euch doch noch gelingen, die Ankunft Wöschbachs zu erzwingen." Und die g'ttliche Stimme verstummte plötzlich, wie sie gekommen war. Da erzitterten die drei Rabbinen in großem Erschrecken, denn sie erkannten, daß sie beinahe Schlechtes anstatt des ersehnten Guten heraufbeschworen hatten, und voll Furcht fielen sie auf ihr Angesicht. Nachdem sie sich erhoben hatten, schrieb ein jeder von ihnen seinen Damen auf ein pergamentenes Täfelchen, steckten sie in Urnen, um zu losen, und zwar sollte derjenige von ihnen, dessen Name zuerst gezogen werde, Jerusalem im gleichen Augenblick verlassen. Und das Los fiel auf Rabbi Josef David Asulai. Der Rabbi nahm den Richterspruch entgegen, trennre sich von seinen Genossen und verließ noch in derselben Dacht Jerusalem. Und bis auf den heutigen Tag hat man feinen Aufenthaltsort nicht erfahren. Und die beiden zurückbleibenden Rabbanim, Rabbi Schalom Scharabi und Rabbi Chajim del - Rosa kehrten nach Hause zurück und drängten nicht mehr auf das Kommen des Dlofchiach. Und es war eines Nachts, da ging Rabbi Schalom Scharabi zu der Kothel Hamaarawi, um dort die Witternachtsgebete zu sprechen, wie dies Dacht für Dacht seine Gewohnheit war, da begegnete ihm ein Ismaelite auf dem Wege, der hieb seinen Kopf ab und warf ihn in das Tal Ben-Hinnom. Dach einigen Tagen erkrankte Rabbi Chajim del-Rosa an einer schweren Krankheit und starb. vor seinem Tode befahl er seinen Schülern: „Wenn ich sterben werde, so legt mich nicht zu meinen Vätern und begrabt mich nicht an ihrer Begräbnisstätte, sondern schleift meinen Körper durch die Straßen Jerusalems bis nach dem Tale Josaphat und dort werft meinen Leichnam in eine Grube, und keiner sott meinen Tod beweinen." Seine Schüler aber weigerten sich, ihm dies zu versprechen, vielmehr erwiesen sie ihm nach seinein Tode große Chren und trugen seine Bahre auf ihrer Schulter zum Oelberg. Auf dem Wege überfielen sie Beduinen der in der Nähe gelegenen Dörfer und forderten Geld von ihnen. Da erschraken die Schüler sehr vor ihnen. Sie ließen die Bahre aus der Hand fallen «und flohen, um ihr Leben zu retten. Die Beduinen erfaßten den Körper Rabbi Chajim del-Rosa, schleiften ihn auf den Abhang des Oelberges, bis sein Kopf an einem Grabstein zerschellte, und dann warfen sie seinen Körper ins Grab. In diesem Augenblick verkündete eine g'ttliche Stimme: „Heil dir Rabbi Chajim del-Rosa, denn deine Sünde ist von dir gewichen, und dein Frevel ist gesühnt!" Zigarren Wolf ZeÜ Tel. Hansa 27930 Wochenkalender. vom 27. Febr. bis 5. März 1932 vom 20. - 27. Adar 5692! r lflV cp Febr Samstag 27 20 no n"isa tnis KS7n ’a Sonntag 28 21 vo Montag ■ 1 29 T7K 22 V Dienstag 1 1 23 «r Mittwoch 3 2 24 ay Donnerstag 3 25 ar Freitag 4 26 o'bpv 'ö imp'i Samstag \ 5 27 ny cnnn pa*n» . Mauled: Montag nachmittag 2 Uhr 38’/.o Min.

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