Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 9 (25.2.1932)
- Date
- 1932-02-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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25. Februar 1932 Der Israelit Nr. 9 Seite 11 Vermischtes. kihingen, 21. Febr. Am kommenden Freitag, den 26. Februar (19. Adar) ist die Jahrzeit für Distriktsrabbiner Immanuel A d l e r Kitzingen (mir p -fc« dhj») Es fei dieses, wie alljährlich, hier mitgeteilt, damit von Freunden und Schülern -nr» gelernt wird. fiulba, 16. Febr. Der von ben Rabbinern angesetzte Taanis hat hier und in der ganzen Gegend außerordentlich starke Beachtung gefunden. In fast allen Gemeinden war die Beteiligung sehr groß und es wurden nachmittags mnHv gesagt und i>m gelamt. Man hatte das Empfinden, daß weite Streife der gesetzestreuen Bevölkerung schon lange aus eine Veranstaltung warteten, die die Erkenntnis vertiefen sollte, daß die mannigfachen Verfolgungen und Zurücksetzungen, denen die Judenheit und ihre Lehre heute begegnen, letzten Endes auf die Vernachlässigung unserer heiligsten Pflichten und auf die Gleichgültigkeit der Massen bei der Wahrung von Tauroh und Mizwaus zurückzuführen seien. Diese Gedanken kamen in den offiziellen Ansprachen und der Unterhaltung der Einzelnen allenthalben zum Ausdruck. Lörrach \. B., 20. Febr. Im hiesigen Jüdischen Jugendbund hielt Herr Lotha Rothschild aus Bafel einen Vortrag über „Das jüdische Bildungsproblem der Gegenwart". In ca. einftündiger Rede gab der Referent in klaren Zügen ein Bild der geistigen Situation, wie sie bis Ende des Krieges in jüdischen Kreisen bestanden hatte, um darauf die Forderungen des großen Marburger Philosophen Hermann Cohen und seines Schülers Franz Rosenzweig nach einer allgemeinen Volksbildung zu entwickeln. Träger und Vermittler dieser Volksbildung sollte die zur Kulturgemeinde umgewandelte Kultusgemeinde fein. — Reicher Beifall belohnte den Redner für feine auf hohem geistigem Niveau stehenden Ausführungen. Emden, 22. Febr. Der Verein „ E s ch e s - ch a j i l " hielt am 3. Febraur ds. Js. unter Leitung des Herrn Landrabbiners Dr. Blum feine diesjährige Generalversammlung ab. Nach einer Ansprache des Herrn Versammlungsleiters, der ein Goethe'fches Gedicht zugrunde lag, erstattete die stellv. Vorsitzende Frau Julie de L e e u w , den Jahresbericht, in welchem sie in aller Kürze die vielseitige Tätigkeit des Vereins hervorhob und uefonders die Wirksamkeit der schon seit Jahren bestehenden Arbeitsgemeinschaft (Gemeindevorstand, Männerverein, Frauenverein, Esches-chajil) schilderte. — Durch diese Arbeitsgemeinschaft wurden die Bedürftigen unserer Gemeinde mit Kohlen und Kartoffeln versorgt. — Daran anschließend erfuhren die Vereinsmitglieder an Hand eines von Frau Grete van der.Walde verfaßten Berichtes Näheres über die „Pfundstelle", einer seit September geschaffenen Neueinrichtung des Vereins. Dank der rührigen Tätigkeit der Vorstandsdamen und der stets bereitwilligen. Unterstützung vieler Gemeindemitglieder und gebürtiger Emdener konnte „ der Verein sämtliche in Frage kommenden Familien so! Jerusalem, Bethel, Nazareth — der Geburtsort des Juausreichend mit Lebensmitteln versorgen, daß aus allen dentums und seiner Tochterreligionen (Islam und Hausern der Gemeinde die größte Not und Sorge ver-; Christentum) erstanden in ihrem Glanz und ihrer schickbannt wurden. — Nachdem von Frau Auguste Gossels falsreichen Vergangenheit vor dem geistigen Auge. Auferstatteten Kassenbericht wurde dem Vorstand Entlastung merksamkeit mußten insbesondere die heiß umstrittene erteilt. — Bei der nunmehr erfolgten Wahl wurde Frau Klagemauer und ein Rekonstruktionsversuch des alten Julie de Leeuw an Stelle der von hier verzogenen Frau Tempels erregen. Eine besondere Bilderserie gewährte Hauptlehrer Selig zur 1. Vorsitzenden gewählt, die tur- ' einen tiefen Einblick in die Sitten und Gebräuche des nusgemäß ausscheidenden Vorstandsmitglieder Frau Grete j alten Palästina, in denen trotz aller Gemeinsamkeit eines van der Walde und Frau Betty Wolff wieder- und Drientalismus die früheren Gegensätze in Religion, Kulrzrau Grete Volk neugewählt. — Das sich anschließende § tur und Lebensweise unter den verschiedenen Bewohner- „gemütliche Beisammensein" wurde durch felbstverfaßte ' typen (Araber, Juden und Christen) sich widerspiegelten. Vorträge der Damen: Frau Auguste Gossels, Frau Becky Diese Gegensätze macherr auch die heutigen Kämpfe im Fromm und Frau Marianne N u ß b a u m verschönt, heiligen Lande erklärlich. Auffiel auch die Primitivität Mögees dem Verein „Esches-chajil" vergönnt fein, 'in der Lebensweise und in dem Berufsleben, besonders weiterhin in so vorbildlicher Weise zum Segen der Geauf dem Gebiete der Landwirtschaft. Der Vortragende, meinde wirken zu können! zder es verstand, seine Darbietungen mit seinen tiefgrün- Rkattersdurg, 14. Febr. Heute endlich konnte nach' digen jüdischen Kenntnissen zu durchwirken, fand zum sechswöchigen Wirren die am 27. Dezember v. Js. bereits! Schluß herzlichen Dank und Beifall, fällige Repräsentanten-Ergänzungswahl unter Leitung! Men. 14. Febr. Der Vorstand der Wiener Jsraelitides als Reglerungskommitzars bestellten Kommerzialrates . scheu Kulkusgemeinde trat in die Beratung der Budgetß Vgrößter Ordnung vonstatten gehen. Vorlage für das Jahr 1932 ein, nachdem früher ein zwei- Das Ergebnis der Wahl, welche mit dem Sieg der Ortho-!vwnatiges Provisorium beschlossen worden war. Das doxie endete, loste m allen Kreisen der Gemeinde, auch! Gesamtdefizit der letzten Jahre beträgt 303.090 Schillinge; außerhalb derselben, höchste Befriedigung und Freude aus. von Regierungsrot Dr. Oppenheim geleiteten Spar- Dleser Ausgang der Wahl ist nicht bloß vom lokalen Gekommission ist es gelungen, das für 1931 erwartete große stchtspunkte bedeutungsvoll, indem nunmehr jene die ver- Defizit auf ca. 71.000 Schillinge herabzudrücken. In dem antwortliche Leitung der Kultusgemeinde lGernehmen, von Direktor Oppenheim erstatteten Budget-Referat für deren Persönlichkeit schon an sich die vollste Gewahr für 1932 si„d im Hinblick auf die Krisenzeit Kürzungen vorem harmonisches Zusammenwirken mit unserem ver-'gesehen. Das Jahresbudget ist mit 2.300.000 Schillingeri dienstvollen Herrn Rabbiners'bietet, sondern auch vom ' präliminiert. Alle Subventionen der Gemeinde sollen um Standpunkte der Gesamtorthodoxie des Burgenlandes, 10 Proz. gekürzt werden. Die Beschlüsse über die Budgetwelche damit VVN den schädlichen Auswirkungen jener ct&[trictje wurden von den beiden großen Geinoindepar- Faktoren befreit werden die die beständigen Wirren durchUnion österreichischer Juden und Zionisten, einverdauerndes Schuren und Aufwiegeln zu dem Zwecke tunststündlich gefaßt, lich hervorgerufen haben, um unseren Herrn Oberrabbi- J ner Samuel Ehrenfeld, der gleichzeitig Präsident der Landeszentralkanzlei des Burgenlandes ist, in dieser seiner Tätigkeit Verlegenheiten zu bereiten. — Gewählt wurden die Herren: Bernhard Sprinzeles, David S 0 b e l m a n n, D. H. E l l n e r, S. W e i ß b e r g e r, Leo Scharren, Ludwig Klein, L. Sprinzeles, S. G 0 t t e s m a n n. Hainfiadt-Buchen, 15. Febr. Angenehme Abwechslung in das Gemeindeleben brachte ein L i ch t b i l d v ortrag, den Herr Religionslehrer Willi W e r t h e i m e r, Buchen, nacheinander in den Gemeinden H a r d h e i in , Buche n und H a i n st a d t über „Das biblische Palästina", mit der Zeit nach der Zerstörung des Tempels (70 n. Ehr.) als geschichtlichen Hintergrund, hielt. Ausgehend von der allgemein und namentlich jüdisch-kulturellen Bedeutung des heiligen Landes, führte der Vortragende durch eine Reihe prächtiger Aufnahmen in die landschaftliche Eigenart des alten Palästina mit seinen Strömen und Seen (Jordan, Liberias, rote Meer 3. B.), Bergen und Städten ein. Altehrwürdige Kulturstätten — wie Briefkasten. E. K, Berichte pflegen nicht honoriert zu werden. S. ch. in ZS., Die Nummern des Jahrganges von 1931 können alle vernichtet werden- I. ch. in K., Sie gehen von einer irrigen Voraussetzung aus. Weder in Berlin (Adaß Jisroel), noch in Hamburg (Synagogenverband) finden Trauungen in der Synagoge statt. Familiennachrichken. Geburten: Eine Tochter David Weinstock und Frau Jlonka, geb. Hirschthal, Frankfurt a. M., Sandweg 6, 18- Februar, prmn rm »r\ Barmizwoh: Herbert, Sohn des Herrn Eduard Schloß, Hamburg 13, Iohnsallee 60, 5 März, i-vp'i nav, Synagoge Bornplatz. Judenmission, Psychoanalyse und „Jüdische Rundschau". Man erinnert sich, welchen Sturm der Entrüstung es in zionistischen Kreisen hervorrief, als man gewissen Leuten, die im Zionismus Unterschlupf gefunden hatten, Beziehungen zur Juöenmission nachsagte. Nun lese man in der „Jüdischen Rundschau" vom 2. Februar 1932 (Nr. 9) eine Buchbesprechung unter dem Titel „Vom Christentum zum Zionismus". Es ist die Glorifizierung eines Dr. Friedrich Korner, der in einem Buche den Weg zeigen will „vom Christentum zum jüdischen Volk". Es wird dieser „Vekenntnisschrift" tiefe innere Anteilnahme versichert. Der Autor sei ein Jude, der, von der Gestalt des Stifters der christlichen Religion überwältigt, zum Christentum übergetreten ist, von da aber den Weg zurück zum Judentum fand, sobald er zur Einsicht gelangte, daß das Judentum keine Religion, sondern eine Volksgemeinschaft sei, aus der man nicht austreten könne. Diese Begeisterung des Dr. Korner ruft höchste Begeisterung beim Artikelschreiber der I. R. hervor. So seht doch einmal den Zionismus an! Die Religion hat den Ringenden aus dem Judentum herausgeführt, der Zionismus hat ihn wieder ins Judentum hineingeführt... Wir haben uns auf Anregung eines Freundes unseres Blattes die Mühe genommen, das besprochene Buch uns anzufehen. Dieser famose Herr Korner, der im Judentum, als wäre es ein Bienenhaus, so ein- und ausgeht, schreibt (Vorwort, Seite 7): „Solange nicht die Form gefunden ist, wonach Juden zum Christentum treten können, ohne gleichzeitig weltliche Vorteile einzustreichen, also beispielsweise durch kirchengesetzliche Einfühimng der ehrwürdigen Bezeichnung „Judenchristen", wird den wenigsten ganz rein gesinnten jüdischen Täuflingen das feierliche Erlebnis ihres Schrittes vergiftet und die Judentaufe selbst in allen Fällen zu einem sittlich recht zweifelhaften Beginnen." In diesem und in ähnlichem Sinne und Tone wird im Buche weiter Judenmission getrieben, wie sie die „Jüdische Rundschau" ganz gewiß nicht empfehlen dürste, wenn die Verantwortlichen im Zionismus etwas eingehender ihr offizielles Organ lesen würden. Es kommt noch schöner. Es werden in der gleichen Nummer anschließend zwei Autoren rühmend hervorgehoben (es lohnt nicht, sie noch einmal bei Namen zu nennen), die herausgefunden Haben, daß unsere Tefill i n nur psychoanalytisch zu erklären seien. Der eine dieser Weisen sieht in den Gebetriemen einen „Rest des Felles des toten Tieres, in das man sich in prähistorischer Zeit beim Gebet einhüllte." Nach dem zweiten Autor seien die Tefillin ganz konkrete erotische Symbole." „Wenn der Leser," so schließt der Artikel in der I. R., „sich dagegen sträubt, dieses Ergebnis so einfach hinzunehmen, so mag der Psychoanalytiker auch dafür eine Erklärung bereit haben." Man sieht, die Psychoanalyse weiß alles zu erklären, aber, daß das offizielle Organ einer jüdischen Weltorganisation, die Anspruch macht, jüdisch zu sein und ernst genommen zu werden, einen solchen blühenden Unsinn (es handelt sich um Machwerke, die schon vor Jahren als solche erkannt und abgetan wurden) schon Monate vor Purim verbreiten, aus Eigenem erweitern und seinen Lesern auftischen darf, dafür wird auch der Psychoanalytiker keine Erklärung bereit haben . . . In der verlassenen Gemeinde. Von Jakob Ledermann. Die ehedem kleine Gemeinde der ehemaligen Provinz Posen ist heute fast aller Juden bar. Acht Seelen zählt sie, drei Männer, fünf Frauen. Diese kleine Gemeinde zeigte am Sukkaus-Fest ein solch gespenstisch-phantastisches Gesicht und war am Simchas tauroh-Feft erfüllt von einer solch rührenden und doch armseligen Freude, daß man davon erzählen muß. Im Juni war die Mutter gestorben. Tod und Beerdigung in einer derart von Juden verlassenen Stadt legen den Angehörigen komplizierte Aufgaben vor. Rabbiner und Kantor mußten aus Breslau herbeigeholt werden, die Ehewra kadischa aus der Stadt Posen. Die Mutter war zugleich Mutter der Gemeinde. Der Versuch, den vereinsamten Vater während der hohen Feiertage zu einem Besuch seiner in Deutschland lebenden Kinder zu veranlassen, scheiterte. Er wollte „seine Gemeinde" in dieser Zeit nicht allein lassen. Vater muß die Gemeinde führen, um ihr das Gemeindeeigentum, in der Hoffnung auf eine dereinst größere Gemeinschaft, zu erhalten. Er betet am Sabbat wie an den Feiertagen vor, und der Bürgermeister wendet sich an ihn mit allem Guten, allem Bösen, das der Tag mit sich bringt. Zum Maskir, zur Seelengedächtnisfeier war der große Tempel „erfüllt" von allen Mitgliedern der Gemeinde. Es wurde nach altem Brauch gefeiert. Die Thorarollen erhielten weiße Mäntelchen, die Altardecke wurde gegen eine weiße gewechselt und das alte zum großen Teil handgeschriebene Maskirbuch hervorgeholt. Der alte Vater singt das „el mole rachamim", und der Ton seines Gebetes hallt in dem großen, leeren Raum. Und nun ertönen Namen, Namen van Menschen, die schon längst in der Erde ruhen, deren Grab sich zumeist auf dem alten, sauber gehaltenen Friedhof findet. Seltsam — als die Namen dieser Menschen, aus dem Dunkel austauchen, scheint sich der große leere Tempel zu beleben. Die Gestalten springen an ihre früheren Betplätze. Sie finden sich dort wieder, wo wir sie als Kind allsabbatlich haben beten sehen, die Neumanns, die Machols, die Sandbergers. Der alte, gebeugte Mann dort in der Bank vor mir schenkte mir einst Naschwerk, der andere dort war der frömmste in der Gemeinde, jener Junge dort mit dem eingefallenen Gesicht war ein Schulkamerad und starb mit fünfzehn Jahren. Und nun schlägt die Stimme des Vaters in leises Weinen um, er singt das „El mole rachamim" für unsere Mutter. Tief erschüttert sagen wir Kaddisch. Am Simchas tauroh-Abend will man die Freude, die einst in anderen Zeiten die ansehnliche Gemeinde hell erfüllte, wieder aufleben lassen. Alle Lampen und Lichter brennen im leeren Tempel. Wieder sind alle Mitglieder der Gemeinde da, — sogar zwei Kinder. Düten mit Naschwerk werden uns zugesteckt, die wir für die Kinder ausfchütten sollen. Früher war doch der Abend ein großes Fest für alle; Scherze waren erlaubt, und die Kinder sammelten Süßigkeiten, die von den Frauen auf der Empore verstreut wurden. Heute im verlassenen Tempel freuen sich nur die Kinder, die Freude der Alten ist umschattet von wehmütiger Rückerinnerung. Die Männer tragen die Thorarollen, während der Vater, wankend vorausschreitend, die alte heitere Melodie singt. Mgn verstreut die Süßigkeiten und die Kinder, verhalten lachend, balgen sich darum. Sie ahnen noch nichts von der Tragik, die ihre schwarzen Schwingen über dieses Freudenfest ausbreitet. Jüdische Menschen, auf verlorenem Posten, wie schwer habt ihrs doch! Euer Schmerz ist donnelt groß, Eure Freude — Wehmut, Euer Leben — ein hoffnungsloser Kampf. Aber eins strahlt in Euch, — die heilige Flamme der Liebe zu Eurem Judentum und der unbeugsame Solz, für den angestammten Glauben zu leben, und in seinem Sinne zu sterben. Merkwürdig . . . während der Gendarm der kleinen Stadt Eure stille Andacht bewacht, schlingt sich ein Band zu Euren fernen Brüdern in der großen Stadt, die beim Tempelgang von kulturlosen Buben niedergeschlagen werden, und Ihr wißt, daß das große, tragische Geschick Euch mit Euren Brüdern in der ganzen Welt unzerreißbar verbindet. Im einsamen Tempel brennt die ewige Lampe . . . Wie lange noch? . . .