Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 9 (25.2.1932)
- Date
- 1932-02-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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BeS0"1 Der jsraelit Das große Los. Eine wahre Geschichte von 3. Alajofis. - Israel Majofis ist ein Humorist und Erzähler aus der Schalem Alechem'schen Schule. Er kennt und zeigt das jüdische Leben in Litauen, wie es lebt, lacht und leidet, und zeichnet sich von vielen anderen dadurch aus, daß in seiner Seele viel Liebe für das, was den Juden zum Juden macht und ihn sein schweres Los zu tragen erleichtert, wohnt. Dieser vielversprechende Dichter ist jung gestorben. Der Verlag Rüben Maß, Berlin setzt ihm ein Denkmal durch die Herausgabe seiner jiddischen Novellen in einem Buch von 262 Seiten (Berlin-Charlottenburg 4, Kantstr. 46, Druckerei Jüdische Stimme-Kowno). Die Novellen sind alle gleich gemütvoll und herzerfrischend mit ihrem köstlichen Humor. Wir geben mit Genehmigung des Verlages einige Kabinettstückchen in deutscher Uebersetzung hier wieder. .Bei der hier abgedruckten Er-zählung haben wir nur insofern eine Aenderung getroffen, als wir im Schlußkapitel die Pointe etwas wirksamer herausarbeiteten. Zunächst sei erlaubt, euch den Lehrer Zolin vorzustellen. Alter dreißig Jahre, lang und spindeldürr wie eine Telegraphenstange,, geht stets in gebückter Haltung, öen Kopf zur Erde geneigt, als suche er etwas und fährt dabei mit den langen Armen aus wie einer, der beim Ertrinken nach Halt sucht. Stark kurzsichtig ist er auch, mit wulstigen Lippen und einer Aase, die unter den langen die längste sein könnte, kurz gesprochen: Als man im Himmel Schönheit verteilte, war Zolin gerade anderswo ... Ist das so ein großes Manko? Ganz gewiß nicht. Steht doch geschrieben: „Trügerisch ist die Schönheit, doch . . ." Die Mädchen wissen nicht, was steht geschrieben, Und so ist Zolin bis heute unbeweibt geblieben. Zur Zeit beschäftigte aber Zolin eine wichtige Frage. Uervös lief er im kalten Zimmer auf und ab, wie von einem Dämon erbarmungslos von Gedanken verfolgt: Wo nimmt man nur fünfzig Lit her? So einen kritischen Winter batte Zolin noch nie gehabt. Wenn er noch wenigstens zwei Unterrichtsstunden gehabt hätte, um die Miete für das. Zimmer zu bezahlen. Die Wirtin inahnt, gibt keine Ruhe. Heute ist der letzte Termin, was ist da zu machen? Vielleicht doch wieder einmal versuchen, bei Thaj i m ' F i n k e l st e i n anzuklopfen? Tin guter bekannter, bat einmal dort im Hause Unterricht gegeben. Ts ist freilich eine 'schwache Aussicht. Ts wird wohl nicht gelingen, und in ihrer' ganzen Nacktheit und Grausamkeit bleibt die Frage: „Herr im Himmel, wo nimmt inan fünfzig Lit her?" Thajim Finkelstein, der ein gutgehendes Konfektionsgeschäft betreibt, ist von Uatur aus kein schlechter Klensch und wäre an sich für eine Gefälligkeit gerne zu haben, doch bat er eine Frau namens Beile, die das Regiment im Hause führt ünö der er kaum hereinzureden wagt. Sie ist die Seele des Geschäftes, hält sich genau so klug, wie sie den Mann für duiiiiii und unbeholfen hält, wenn sie hoch geht, entwickelt sie eine Beredsamkeit und eine Kenntnis, der Zoologie, die einem Berufsgelehrten Ehre machen würde. Sie wußte sogar Arten von Geschöpfen aufzuführen, die in der Gegend gar nicht vorhanden sind. Der kleine Thajim in seiner schwachen Güte wurde von diesem Heldenweib, bildlich gesprochen, ganz erdrückt. Uun sitzt der Lehrer Zolin bei Thajim Finkelstein und vertraut sich ihm ganz an. Seine Uhr hat er verkauft, seinen Sonrnrermantel ins Pfandhaus getragen. Seine letzte Hoffnung stützt sich auf ihn, auf Thajim, und bekäme er von ihm die fünfzig Lit nicht, so wüßte er keinen Ausweg aus der Kot. Thajim ist eigentlich gerührt und möchte helfen, da fällt ihm die tapfere Beile ein und er stammelt: „Gerade kein Geld in der Kasse. Schlechte Zeiten. Man verdient so gut wie nichts, kein Kunde zu sehen." „Ich werde ganz gewiß bald wieder ein paar Stunden bekommen," macht Zolin noch einen versuch. „Ich werde dann sofort das Geld zurückzahlen." „was nützt das alles, wenn nichts da ist?" „Wißt ihr was?", hat Zolin einen Einfall, indem er seine zerrissene Brieftasche herausholt. „Da habe ich ein Lotterielos. Zch habe es, wie noch bessere Zeiten waren, für fünfzig Lit gekauft. Wollt ihr nur das Los abkaufen?" Thajim steht sich den Zettel genau an. „Kummer 1925," liest er laut. „Seht ihr," ruft Zolin hoffnungsvoll, „Kummer 1925, eine gute Zahl, sehr leicht zu merken. Ts ist die Jahreszahl." „Za richtig, eine gute Kummer, aber, aber, was soll ich mit dem Los"? stammelt Thajim, in Gedanken an seine tapfere Thrhälfle. . Verzweifelt geht Jdlin in sein kleines Zimmer zurück, schleicht sich ins Haus, daß die seiner lauernde Wirtin ihn nicht gewahr wird. von Lisa, dem Töchterchen der Finkelsteins, will ich nicht viel erzählen, um nicht in den versuch der üblen Kachrede zu kommen. Zst auch nicht sehr interessant. Den ganzen lieben Tag steht sie entweder vor dem Spiegel oder manikürt die Kägel, oder denk darüber nach, wie und mit wem sie heute Abend ins Kino gehen soll. Deir Wert eines jungen klannes schätzt sie nach der (Dualität der Schokolade und des Parfüms, die er ihr schenkt, ein. Aus diesen Gründen ist es klar, daß der Lehrer Zoliir in ihren Augen überhaupt nicht als Mensch gilt. „Da geht der lange Lolatsch mit den durchgestoßenen Aermeln," pflegte sie zu sagen. „Kicht sehen kann ich ihn." . Kennt ihr Kebb Be ine sch? Kicht? Tin Zeichen, daß ihr keine heiratsfähige Zugend im Hanse habt. Kebb Beinesch trägt in seiner Busentasche ein Verzeichnis aller Jünglinge und Jungfrauen, aller Witwen und geschiedenen Frauen der Stadt. Alles, was lebt und atmet und heiratsfähig ist, befindet sich in seinem Kotizbüchlcin. Darum haben alle Väter und Mütter vor ihm einen besonderen Respekt. Wenn er in ein Haus kommt, bekommt er Tee init Gebäck aufgewartet. Klan schmeichelt ihm und heuchelt ihm stets Liebe und Freundschaft, obwohl er selbst die Gewohnheit hat, jedem die bitterste Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Kun sitzt Rebb Beinesch bei Thajim Finkelstein und wirft, zum Schreckcit der sparsamen Beile, ganze vier Stücke Zucker in den Tee hinein, und indem er bedächtig mischt, redet er auf öen Hausherrn ein: „Zch rede von wegen eurer Lisa, rede ich. Sie kann singen und tanzen, aber das ist doch nicht die Hauptsache." „Was ist die Hauptsache?" fragt Thajim, obwohl er ganz gut weiß, wo Rebb Beinesch hinaus will. „Hauptsache ist, ein Mädchen muß heiraten. Kun eure Lisa ganz gewiß. Die Schlauschim bald zu Tnde . . .*) was soll ich euch lange Gespräche machen? Zch habe für euch einen jungen Mann, ein Kleinod, sage ich." „Zum Beispiel?" „Erstens ist er ein großer Kenner der hebräischen Sprache und bewandert itit T'nach, von Russisch und Litauisch gar nicht zu sprechen, aber sogar Deutsch,, deutsches Deutsch liest er, wie ein Deutscher, ist vertraut mit Heine und Goethe und der ganzen Gesellschaft, als gehörte er zu ihnen." *) Anspielung auf ihr Alter, das bald die Dreißig erreichte. „So sagt schon endlich, wen ihr meint." „Wen ich meine? Weir anders als den Lehrer Zolin?" „Wie? wundert sich Thajim. „Was soll das Wie? Cure Lisa, nehmt nicht für ungut, gehört gerade nicht zu meiner besten Ware. Was ein reicher junger Mann ist, sucht heute ganz etwas anderes, und weiter müßt ihr wissen, daß von drei jungen Leuteir zwei Zionisten sind und diese wollen Mädchen mit Kenntnissen der hebräischen Sprache. Bald dreißig auch ..." „Woher? Keine Spur, kaum vierundzwanzig," handelt Thajim. „Einigen wir uns auf achtundzwanzig," gibt Beinesch nach. „Aber," stammelt Thajim, „er ist doch so furchtbar kurzsichtig und weiß nicht, wie inan einen Groschen verdient." „Kurzsichtig?" kommt schon Rebb Beinesch in Ekstase. „Auch mir ein Fehler; er ist doch kein Sterngucker, und was das verdienen betrifft, Dummheit! Zhr werdet ihm zehn, zwölf, fünfzehntausend Lit Mitgift geben mid ein bißchen ins Geschäft einführen. Cr wird schon Kaufmann werden. Kurz gesagt, ihr habt nicht zu spekulieren. Daß eure Tochter ausgerechnet vom Prinz von Wales oder vom persischen Schah geholt wird, dürft ihr nicht hoffen, und wenn ihr nicht folget, was euch Beinesch sagt, bleibt sie bei euch sitzen bis zu bundertundzwanzig Zähren. Keberlegt es euch noch einmal, und gehabt euch wohl." 'Als Thajim den Vorschlag des Schadchens an sein Weib weitergab, entlud'sich ein furchtbares Gewitter über sein armes Haupt. „Zolin, der Schlemihl, ein Kichts ist er, und ihin will inan unser Kind geben?" Cs folgte, wie immer, eine ganze Serie der lieblichsten Kosenamen. 'Als Lisa ins Zimmer kam und hörte, wovoii die Rede war, brach sie in ein schallendes Lachen aus. „Auch mir ein Bräutigam. Zch hätte den Beinesch alle Treppen hinuntergeworfen. Zolin, so ein Kichtstuer, und halb blind ist er auch noch, knd dann die Käse — die Käse. ..." „Mit der käse wäre das Unglück nicht halb so groß," wirft Beile schon etwas beruhigt ein. „Schlimm aber ist es, daß er keinen Groschen in der Tasche hat und nicht weiß, wie man einen solchen verdient." „Das sagte ich doch eben auch," rechtfertigt sich Thajim, aber . . ." „Was für Aber," flötet Lisa. „Zch sage nein, nein, nein! . . ." Kach einiger Zeit kommt Thajim wie vom Dämon gejagt, ins Haus gestürzt. Tr hält eine Tabelle in der Hand. „Was sagt ihr nur dazu? Cr hat doch das große Los gewonnen. Hunderttausend Lit." „Wer, was, wo?" schreit Beile. „Zolin, unser Freund Zolin, das große Los gewonnen, hier die Tabelle." „Woher weißt du das?" ' „Tr bat mir doch seinen Lotteriezettel gezeigt. Die Kummer ist mit dem ersten Gewinn herausgekommen". „Wie kannst du so sicher die Kummer wissen?" „Zch habe nur die Kummer genau gemerkt, die gleiche, wie die Zahreszahl, 1926." „Kann das wirklich wahr sein?" zweifelt Beile. „Ganz bestimmt, klar wie der Tag. Cs ist feine Kummer," besteht Thajim, die Augen auf die Tabelle gerichtet, „was sagt ihr nun dazu? So ein Schlemihl und hat Glück." „Tr ist gar kein Schlemihl," meint Beile. „Zch finde, daß er ein sehr kluger, netter Klensch ist und überhaupt liebe ich ihn von jeher, wegen seines edlen Charakters nämlich." „Ich finde, er ist sehr gebildet," bestätigt auf einmal Lisa.