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Der Israelit · 1932-02-25 · Heft 9 (25.2.1932) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 9 (25.2.1932)
Date
1932-02-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 9 Der Israelit 25. Februar 1932 Die Soroca-Mcrde vor dem Englischen Unterhaus. London, 18. Febr. Colonel Josiah Wedgwood richtet in der Sitzung des Unterhauses am 17. Februar an den Minister des Aeußeren Sir John Simon die Frage, ob er irgendwelche Informationen über die Erschießung von Juden in S o r o c a an der rumänisch-russischen Grenze habe und ob er — da doch die Juden in Rumänien eine Minderheitenbevölkerung bilden, der gegenüber auch England eine Vertragsverpflichtung hat — Erkundigungen darüber einziehen werde, welche Schritte in dieser Angelegenheit unternommen wurden. Der Minister des Aeußeren Sir John Simon erwiderte: „Der britische Gesandte in Bukarest hat einen Bericht eingeschickt, demgemäß die Opfer des Zwischenfalls, von denen fünf der jüdischen Rasse angehören, an einem Abend des Januar 1932 den Dnjestr-Fluß in der Richtung nach sowjetrussischem Territorium überschreiten wollten, als sie von einer rumänischen Grenzwache zum Halten aufgefordert wurden. Als sie dieser Aufforderung nicht folgten, feuerte die Wache und tötete vier von ihnen sofort, während zwei an den Folgen der erlittenen Verletzungen später starben. In einem vom rumänischen Kriegsminister veröffentlichten Bericht wird mitgeteilt, daß alle Opfer Kommunisten waren, ferner wird darauf hingewiesen, daß, da die den Dnjestr-Fluß überschreitenden Kommunisten häufig bewaffnet sind, die Wachen strikte Order haben, sofort zu feuern, wenn der Aufforderung, stehen zu bleiben, nicht Folge geleistet wird. Dem Völkerbund ist keine Information über irgendeine Beschwerde hinsichtlich Verletzung des Minderheitenvertrages zugegangen.' die berichteten Tatsachen machen es nicht erforderlich, daß die englische Negierung eine Aktion ergreift. Wedgwood fragte, ob der englische Gesandte in Bukarest wirklich glaube, daß der ihm übergebene Bericht über die Ereignisse richtig sei. Sir John Simon erwiderte, er habe dem Hause den vom Gesandten eingegangenen Bericht übermittelt. Er sei nicht in der Lage, mehr zu berichten. Daß diese Darstellung in keinem Punkte den Tatsachen entspricht, ist unseren Lesern bekannt. Agudas Jisroel und ihre Gegner. ' L o n d o n, 12. Febr. Das alte deutsche Sprichwort „Viel Feind viel Ehr", kann sich die Agudas Jisroel in ihr Stammbuch schreiben. Die dieswöchentliche Nummer des „Jewifh Chronicle" bildet einen Beleg dafür. Sie bringt zunächst aus Polen einen Bericht über den angeblichen moralischen Niedergang der Warschauer Kehilla. Dieser moralische Niedergang besteht darin, daß nach den Beobachtungen des Warschauer Korrespondenten des Blattes seit der Uebernahme der Gemeindeführung durch die Agudas Jisroel keine Sitzung ohne Skandal vorübergeht! Zwar werden diese Skandale regelmäßig von den Z i o nt st e n hervorgerufen, die sich bekanntlich bis zu tätlichen Angriffen auf die Person des allverehrten Kehillapräsidenten verstiegen haben. Aber was tut das zur Sache? Wenn die Audas Jisroel nicht existierte und wenn die Orthodoxie nicht die Unverfrorenheit hätte, eine jüdische Gemeinde nach jüdischen Grundsätzen leiten zu wollen, so hätten die jüdischen Gemeindsvertreter auch keine Gelegenheit, mit Viergläsern und Stühlen zu hantieren — ergo ist die Agudas Jisroel allein daran schuld, daß sich die Warschauer Gemeinde im Niedergang befindet. Quod erat demonstrandum- Dreht man das Blatt um, so findet man auf der Rückseite einen Bericht über die Rede, die ein Mitglied der zionistischen Exekutive,' Dr. Brodetzky, über lausende P a l ä st i n a - P r o b l e m e in London gehalten hat. Herr Dr. Brodetzky ist wütend darüber, daß Lord Paßfield in einer seiner Kundgebungen zwischen den „religiösen Juden alten Schlages und den jungen modernen Juden" unterschied und noch wütender, daß Agudas Jisroel damals im Laufe ihrer Korrespondenzen mit dem Colonial Office, in denen sie gegen das Paßfield-Memorandum in den schärfsten Ausdrücken p r o t e st i e r t e, Paßsield immerhin für die klare Erkenntnis von dem Werte wahrer religiöser Gesinnung dankte, die aus seinen Worten sprach. Den Begrüßungsbrief, dendieAgudo- Leitung an die moslemische Konferenz richtete und den sogar die zionistische Presse Jerusalems als einen weisen im jüdischen Gesamtinteresse liegenden Schritt begrüßte, wagt Herr Dr. Brodetzky als „infame Verräterei" zu kennzeichnen. Dieses Schimpfwort entehrt nur denjenigen, der es gesprochen. Habeat sibi! Zu dem plan einer arabisch-jüdischen Round Table- . Konferenz. I e r u s a l e m, 18. Febr. Die arabische Exekutive in Palästina trat am 17. Februar zu einer Tagung zusammen. Die in London veröffentlichten Dokumente über angebliche Versuche des Ex-Khediven von Aegypten Abbas Hilmi Pascha, eine arabisch-jüdische Round Table-Konserenz zustande zu bringen, bilden Gegenstand der Beratungen. Die arabische Exekutive bereitet eine Erklärung vor des Inhalts, daß sie keinerlei Kenntnis von derartigen Vorschlägen habe. Der Leiter der palästinensischen Jewifh Agency-Exekutive, Dr. Chaim Arlosoroff, erklärte Vertretern der Presse gegenüber, feines Wissens haben weder die britische Regierung noch die Regierung Palästinas irgendwelche Kenntnis von Vorschlägen betreffend eine arabisch-jüdische Round Table-Konferenz. Personalien. Rabbiner Dr. Isaak Anna 60 Iahre all. Mannheim, 20. Febr. Herr Rabbiner Dr. Unna überschreitet in diesen Tagen die Schwelle seines 6. Jahrzehntes. Wir brauchen nur das Milieu zu schildern, dem er entstammt, um sein Wesen und Wirken zu verstehen. Hat ja auch schon altjüdische Weisheit erkannt, daß bei aller moralischer Freiheit des Individuums und der unendlichen Möglichkeit seiner Entwicklung, es doch ein gewisses Etwas geben müsse, das Form und Phase der Entwicklung in diesem oder jenem Sinn beeinflußt. Das natürlichste Erbgut, das „Jichus", die „edle Abstammung" nennt es der Talmud. Dieses Erbe ist Dr. Unna zugesallen. Er ist der Enkel des Rabbiners S. B. Bamberger, des „Würzburger Raws eines Mannes von einer sprichwörtlich gewordenen menschlichen und bürgerlichen Rechtlichkeit und Redlichkeit, wie von überragender anerkannter Thoragelehrsamkeit. Auch die.Eltern von Dr. Unna in Würzburg waren, menschlich und jüdisch gesehen, außergewöhnlichen Schlages. Sein Vater, Prediger und Religionslehrer, war ein Mann, in dem Wissen und Glauben, Thorakenntnis und profanes Wissen sich in harmonischer Einheit fanden,' seine Mutter, jenes Prototyp der gemütstiefen, jüdischen Frau, von der es heißt, daß sie in den Geist des Judentums eingedrungen fei wie kaum eine zweite, die nicht nur bewandert in den heiligen Prophetenbüchern, der auch Mischnah und Talmud nicht fremd geblieben war. Dies also die Atmosphäre, die die Jugend Dr. Unna's umgab. Nachdem er sich eine mehr als durchschnittlich wissenschaftliche Bildung angeeignet, und mit einem schon damals überragenden Masse talmudischen Wissens ausgerüstet hatte, nahm er einen Ruf an die Religionsschule in Frankfurt a. M. an, wo er auch unter Dr. H o - r o w i tz als Rabbinatsvertreter fungiette. Im Jahre 1897 sehen wir ihn als Rabbiner der Claus in Mannheim. Nun beginnt der eigentliche Weg in die breitete jüdische Oeffentlichkeit, auf bessern ersten Grenzstein das Hiobsche Wort stand „zum Mühsal ist der Mensch geboren"; zu dem der Midrasch erklärend beifügt „zur Mühsal im Dienste der Lehre", ein Weg des Mühfals und des — Erfolges. Von seiner Gemeinde und der jüdischen Welt als iwbv i-iiro-n erkannt und anerkannt, will Dr. Unna kein Stubengelehrter fein. Sein Ziel ist yisW. Seelengut für das Judentum der Thora werben und erwerben. Schon gleich nach seinem Amtsantritt gründet er die „Vortrags¬ und Diskussionsabende". Um zu verstehen, daß dies wirklich eine Tat für das wissenschaftliche Leben Mannheims bedeutete, muß man wissen, daß die Vorttäge der jüdischen Literaturveroine, wie sie damals in Deutschland Mode waren, auch in Mannheim so ziemlich die einzigen geistigen jüdischen Aeußerungen waren. Bei aller Anerkennung des Wertes dieser Veranstaltung, waren sie doch der Hauptsache nach mehr auf das passive Empfangen als das aktive Mitarbeiten eingestellt. Durch die von Dr. Unna geschaffenen Diskussionsabende erhielt die geistige Physignomie Mannheims lebensvollere Züge. In freier Diskussion über alle jüdischen Fragen, zu der sich Menschen verschiedenster Schichten und Färbungen zusammenfanden, wurde der unendlich große Komplex der Probleme durchgesprochen, die irgendwie mit Juden und Judentum zusammenhingen. So wurden die Abende für ihre Teilnehmer zum Erlebnis, das die Seelen auflockerte und von der Erkenntnis der Ideen zur Praxis ihrer Ausführung leitete. Die Jüdische Frauenvereinigung , und die Jüdische Kinderstube, der Nähzirkel und andere Organisationen sind aus diesem Kreise hervorgegangen. Dies schuf Dr. Unna ohne nennenswerte finanzielle oder ideelle Förderung. Aber auch Tatsachen, einer anderen Seite seiner Tätigkeit im Dienst der Allgemeinheit angehörend, seien hier der Vergessenheit enttissen. Da das Judentum sich nicht nur in religiöser, ethischer und sozialer Richtung erschöpft, sondern noch als zweite Komponente das praktische Leben umfaßt, war es mit. eine Lebensaufgabe von Dr. Unna, die Neubelebung der rituellen Institutionen zu bewirken. Er organisierte u. a. auch die Möglichkeit ritueller Fleischbeschaffung und setzte sich nicht zuletzt für eine gemeinderechtlich würdige, soziale Stellung der Ritualbeamten ein. Alles, ohne verwaltungsmäßige Unterstützung, jeden Schritt vorwärts mühsam erkämpfend, er hatte ja keine Rabbinatsbefugnisse. Erst 1920 ward ihm durch seine Berufung zum Gemein d e r a b b t n e r ein größerer Kreis offiziellen Wirkens gegeben. In diese Zeit fällt auch der durch ihn veranlaßte Ausbau der ihm unterstehenden Clausschule zur R e l i g i o n s s ch u l e größeren Stiles, und die Berufung von Robb. Dr. Lauer als Schuldirektor. Es ist begreiflich, daß die Tätigkeit eines Mannes wie Hernn Dr. Unna vor den Toren Mannheims nicht Halt gemacht hat. Als geistiges Mitglied der Synode (seit 1921) und Konferenzrabbiner (seit 1924) hat sein großes Thorawissen dem Badener Lande schon manchen Dienst erwiesen, und, was die von ihm aufs Neue gegründeten und geleiteten Fortbildungskurse für jüdische Lehrer für den jüdisch-geistigen Aufbau über Baden hinaus bedeuten, wissen die Teilnehmer dieser Kurse selbst zu beurteilen. Aber weiter noch greift die Wirksamkeit des Unermüdlichen. Die gesetzestreue Rabbinervereinigung Deutschlands wählte ihn zu ihrem Vorsitzenden. Seine Anerkennung in der jüdischen Welt überhaupt als Jude und Mensch ist in mannigfacher ehrenvoller Berufung ausgesprochen. In der Agudas Jisroel ringt er ehrlich und energisch für seine Prinzipien, insbesondere für Milderung der die Wählbarkeit in die Agudainstanzen bestimmenden Paragraphen, aber sein Kampf bleibt vornehm, sachlich und — innerhalb der Organisation. Bei aller dieser Tätigkeit im weitesten Rahmen, findet er aber immer noch Zeit neben seiner ausgedehnten literarischen Tätigkeit, die eine eigene Würdigung verdienen würde, am religiös-geistigen Bau unserer Gemeinde weiter zu schaffen. Die verschiedenen talmudischen Kurse, die er hier leitet, die „Vortragsabende" der Claus, die auf einen größeren Kreis zugeschnitten sind, bilden mit einen Teil dieser Seite seiner öffentlichen Wirksamkeit. Ich sage äff entl che Wirksamkeit. Was aber Herr Dr. Unna daheim in stiller Stube für das Judentum — das gesamte Judentum — leistet und geleistet, entzieht sich dem Blick derer, die nur ein Auge haben für Taten, die im grellen Lichte der Oeffentlichkeit geschehen. Wer etwas gehört hat von den Jnttiguen, mit denen Haß und Vorurteil das Judentum bedrohen — wir denken an die Schächtfrage — wer von den ^furchtbaren Gefahren nur etwas erahnt, die von scheinwissenschaftlich antisemitscher Seite nicht nur an den Talmud, sondern an das gesamte Judentum heranschleichen, ich denke an den Nürnberger Prozeß und den Sachverständigen Bischofs, der möge wissen, daß nur das stetige, tiefe Eindringen in Talmud und Thora uns noch retten kann, eben diesen Talmud, den viele unserer Feinde besser kennen als manche von uns. die sich berufene Vertreter unserer Sache nennen. Dieses Studium der Thora und des Talmud allein bedeutet schon das Lebenswerk eines Menschen, weli es die Lebensmöglichkeit unseres Volkes bedeuten kann Die gesamte gesetzestreue Judenheit hegt den heißen Wunsch, daß uns die Arbeitskraft dieses begnadeten Menschen noch Jahrzehnte ungeschmälert erhalten bleibt.! njc? v'ivVi nrr» -Dipan um Sn mmn HMi> Waisenhausdirektor Rabb. Dr. Hermann Deutsch Fürth i. 8., 25. Febr. Ganz unerwartet und plötzlich ist wiederum ein Mann von uns gegangen, von den bei uns so hochgeschätzten, aber leider sehr selten gewordenen, ungarischen Thoragrößen. Dort in Ungarn in Frauenkirchen, am 27. Okober 1856 geboren, wuchs Rabbi Schimon Zwi Deutsch heran. Seine talmudische Ausbildung Zerfuhr er auf ungarischen Jeschiwaus. Zu Füßen des Sohnes des Ksaw Sauser sitzend, lernte er mit großem Eifer zuletzt auf der Preßburger Jeschiwo und brachte es, mit außergewöhnlichen Geistesgaben ausgestattet, bald dazu, einer der hervorragendsten Talmidim seines großen Meisters zu werden. So lernte er bis zu seinem 22. Lebensjahre. In den Jahren 1878 bis 1880 bekleidete er Hauslehrerstellen in Rawicz und danach bei der bekannten Famile Markus Lehmann in Mainz. Seine Universitätsstudien führten rhn nach Heidelberg, Berlin und Gießen, wo -er 1885 über das Thema „Die Sprüche Solomons nach der Aufastung in Bibel und Midrasch" promovierte. Im gleichen Jahve noch nahm er eine Religionslehrerstelle an der Horowitz'schen Religionsschule in Frankfurt an. 1887 wurde er als Leiter der Israelitischen Präparandenschule in Burgpreppach und gleichzeitig zur Bekleidung des dortigen Distriktsrabbinats berufen. Nach 8jähriger sehr erfolgreicher Tätigkeit im Interesse dieser viel segenoerbreitenden Anstalt wurde er endlich 1895 von der Verwaltung der Israelitischen Waisenanstalt in Fürth zum Direktor der Anstalt, als Nachfolger des kurz vorher verstorbenen unvergeßlichen Rabb. Dr. Jonas Königshöfer gewählt.' Hier entfaltete sich nun erst richtig die Große dieses Mannes. Fand er ja eine Kehillo vor, die des religiösen Führers entbehrte, welche Mangel hatte, an talmudischen Größen. Was lag da näher, als den durch feine Gelehrsamkeit und pädagogisches Geschick bald bekannt ge-

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