Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 9 (25.2.1932)
- Date
- 1932-02-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 9 Der Israelit 29. Februar 1932 undzwanzigjährige 1782 nach Frankfurt fommf, findet Cf den Anschluß an den Ureis von Rabbi 21 a - than 2l d l e r, und dessen reiche Bibliothek wird ihm zur vornehmsten Bildungsquelle. Aus diesem Wilieu, aus dieser urjüdischen Atmosphäre heraus beginnt er 1790 in (!) f f e n b a ch mit der Edition von grammatischen und exegetischen Werken von Eben Tsra. Sein Lebenstraum ist eine gereinigte, auf dem Loden der Wafsora und Tradition wissenschaftlich erfasste Chummischausgabe. Tr nennt sie min tms» unö sie soll die geläuterten Texte von Onkelos, Raschi, Kajcbbam, eigene Kommentare nach der Wessora und dergleichen mehr enthalten. Die Ausgabe bleibt leider Fragment und kommt nicht weiter als bis zu Genesis Rap. 45, Satz 17. von da ab konzentriert sich sein ganzes Sinnen uird Trachten, sein ganzes Geistesleben darauf, Wissen und Wahrheit — nicht das, was die Anderen sich als Wissen und Wahrheit erwählten, indem sie das den Geist der Zeiten nannten, was der Herren eigener Geist war, sondern das Wissen um die Thora, die Wahrheit über die Thora und das alte Schrifttum — in lichtem Drucke zu verbreiten. 1798 sieht er diesen seinen Lebenstraum erfüllt, denn er erhält vom Grafen von Solms die Lizenz, eilte D r u ck e r e i i n Rödelhei m zu eröffnen, was das bedeutet, ob man mit derSeele an eine Aufgabe herangeht oder diese nur als Geschäft ansieht, zeigt sein Verhältnis zu feinem ersten Teilhaber, Baruch L a f ch w i tz. Dieser beginnt die Arbeit in Rödelheim an der Seite Heidenheims, verschwindet aber von der Bildfläche, sobald das Geschäft eben kein Geschäft mehr ist. Wolf Heidenheim bleibt der Drucker und der Herausgeber von Rödelheim. Tr kann feine Seele nicht verleugnen, auch wenn die Geschäftsbücher nicht Schritt halten wollen mit dem tiefen verlangen in ihm. Der Beruf ist ihm Berufung. Und während jener so gut wie vergessen ist, bleibt Wolf Heidenheim in der jüdischen Geschichte der Mann, der uns beten lehrte. Wolf Heidenheim erhält sich immer noch das volle vertrauen der (Orthodoxie, auch nachdem er mit den deutschen Uebersetzungen der Gebete begonnen hatte, denn er ist klug genug,, die deutschen Ueberserzungen in hebräische n Lettern zu halten. Das hatten zwar die ersten Bibelübersetzer unter Wendelssohn auch getan. Dort aber konnte die hebräische Waske den Geist, aus denn heraus das Ganze geboren war, nicht verdecken. Für die Kenntnis der Bibel brauchte man damals den deutschen Dolmetsch nicht. Für die Erlernung der deutschen Spra ch e schien ihnen aber die heilige Thora als Wittel zu gut. Hier aber handelte es sich darum, die Wort- und Sinnrätse! der alten Pijutim der Gemeinde zu erschließen, und man nahm die Uebcrsetzung mit größter Dankbarkeit hin. Tin Novum war das Ganze: Deutsch in hebräischen Lettern, aber kein Iüdischdeutsch aus der Sprachwelt des „Zeno Urennoh", sondern ein schönes, reines Hochdeutsch. Seine Witarbeiter 'bei der Herausgabe des Wachsor mit deutscher Uebersetzung, Wolf Breitenbach und Bär Ving, gaben auch keinen Anlaß zu Bedenken. Die Gelehrten, die sich auch ohne Uebersetzung durch die alten Poesien durchsanden, batten ihre helle Freude am hebräischen K o nr m e n t a r mit seinen vielen Hinweisen auf die Duellen der Pijutanspielungen in Bibel, Talmud und Widrasch. Wan freute sich mit der Uebersicht über die paitanim und ihre Werke, die später zur Grundlage neuer Forschungen wurde. Wan fand seine Abhandlung über Rabbi Cleasar Hakalir, mit der er (Einleitung zu n"«n iim»> Hakalir aus der Galerie der Tan n a i m, in die ihn ältere Forscher pietätvoll hoben, unerbittlich und einmal für allemal wies, gar nicht ketzerisch, denn seine Beweisführung — wenn auch nicht abgeschlossen — war im negativen Sinne schlagend. Tr wies als erster auf eine Art „Geburtsurkunde" unter den Gedichtsakten Kalirs hin, nämlich auf jene Stelie in rrnnp zum 9. Aw, in der er von „über 5 0 0 fahren seit Zcrstö r n n g des Tempels" spricht. So muß denn der produktivste Svnagogendichter, den Raschi und Tossafistcn als ersten zitieren, kurz vor diesen gelebt haben. Diese kleine „Tntthronung" war mehr denn wettgcmacht durch die mutige und liebevolle Art, wie Heidenheim diesen beliebtesten aller paitanim und seine Tigenart in Sprache und Versbau gegen die schweren Angriffe Eben Csras in dessen Kommentar zu Koheleth verteidigt (siehe Heiöenheim zu r< orV qoi» ’sV» niroiN und juriu? «JOI»;n»V>K p»x). versöhnend wirkte der bescheidene Ton, der Trnst der Forschung, die tiefe Ehrfurcht, mit der er überall in seinem Kommentar Aeußerungen von Rabbi pinchas Hurwitz, Erklärungen von Rabbi Wosche Tuwje u. a. ansührt. Go entstanden n e u n B ä n d e Heidenheim-Wachsor, die schon zu Lebzeiten des Herausgebers fünf Auslagen erlebten. Wer heute noch eine solche von Hcidenheim selbst geleitete Wachsor- Ausgabe Hnn») ergattern kann, hat Gewinn in sein Haus gebracht. (Schluß folgt.) Moderne Entwicklungen in den osteuropäischen Zeschiwoth. Der jüdische Historiker Dr. Ware W i s ch n i tz e >:, Generalsekretär des Hilfsvereins der deutschen Juden, der vor einiger Zeit im Zusammenhang mit der vom Hilfsverein verwalteten Hinterlassenschaft Prof. Hafskines zugunsten der Ieschiwoth eine Rundreise durch die Stätten jüdischer Gelehrsamkeit in (Osteuropa gemacht hat, hielt an: Wontag, den 15. Februar, im Rahmen der 2Nontagsvorlesungen der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums einen Vortrag mit dem Thema „Woderne Entwicklungen in den osteuropäischen Ieschiwoth", der das gesamte Interesse der aus Dozenten und Studierenden der Hochschule sich zusammensetzenden Hörerschaft gefunden hat. Dr. Wischnitzer führte ungefähr aus: Wan ist geneigt, in den Ieschiwoth eine in sich geschlossene isolierte Welt zu erblicken, die sich jeder Berührung mit der-Außenwelt'verschließt. - Solchen 'Auffassungen gegenüber konnte ich auf meinen Reisen — ich habe mehr als 00 Ieschiwoth ausgesucht — feststellen, daß sich im Leben der Ieschiwoth interessante Entwicklungen vollziehen, deren Auswirkungen heute noch nicht abzusehen sind. Die Ieschiwah reagiert auf das moderne Leben und seine Anregungen und setzt sich mit den Problemen der Gegenwart, die an sie in der einen oder der anderen Weise herantreten, auseinander. In p o n j e w i e s ch , Litauen, herrscht frisches Leben. An der Spitze der Ieschiwah, die über 200 junge Leute beherbergt, steht Rabbiner Kahanemann, der hochherzige Spender für sein Werk zu gewinnen wußte. Die Studierenden, die'Bachurim, unterscheiden sich in ihrem äußerlichen Habitus, in Kleidung und Auftreten, nicht von Hörern weltlicher Hochschulen. 'Außer einheimischen waren Hörer aus Ungarn, der Schweiz, Polen, Amerika und anderen Ländern anzutreffen. Gvmnasialbildung, auch Hochschulbildung, ist nichts Seltenes unter den Hörern. Keine Spur votl Einseitigkeit und Weltfremdheit war zu .bemerken. Ich lernte vielseitig interessierte junge Wenschen kennen. „Was wir wollen," — so formulierte mir in Telschi einer zweiten litauischen Ieschiwah, ein junger Amerikaner seine Absicht -— „ist: das Judentum einmal erleben, cs in seiner ungebrochenen Ganzheit erfassen". Die Ieschiwah in Telschi hat eine ganz eigene Physiognomie. Sie ist eine Schöpfung Elieser Gordons, eines der hervorragenden Jünger des Rabbi Israel Salanter, dessen Lehre in den großen Ieschiwoth fortlebt. Telschi ist die klassische Stätte der pflege der Wethodik in Talmud-Unterricht und in Wussar (Sittenlchre). Telschi führt, wie fast alle osteuropäischen Ieschiwoth, einen schweren Kampf um seine Existenz. Aber tnan kümmert sich auch um eine Wasserleitung, um Internate, um eine Wensa für die 500 Studenten usw. Äehnliche Verhältnisse herrschen in Slobodka-Kowno, der berühmten Wutter-Anstalt, aus der Telschi, ponjewiesch, Lomscha, Uowogruöok und andere Ieschiwoth hervorgcgangen sind. Das heutige Polen weist nicht weniger als 190 Ieschiwoth auf, es herrscht der Txp der Ieschiwoth Ketanoth, einer Unterstufe der Ieschiwoth, vor, die für die höheren Ieschiwoth vorbereitet. Uns interessiert heute die höhere Ieschiwah. In den östlichen Bezirken des heutigen Polen, in den Wojwodschaften Wilna, Bialystok, Uowogruöok, polesje und Wolhvnien haben sich die Ieschiwoth zu einem verband (waad Ha-Ieschiwoth) mit der Zentrale in Wilna zusammengeschlossen. 21ächst den litauischen Ieschiwoth sind öle im Wilnäer verband vereinigten Anstalten die wichtigste Stätte des Talmudstudiums in (Osteuropa. Die einst berühmte Ieschiwah in w o l oschin ist zurückgegangen, dagegen hat die. Ieschiwa in IN i t einen großen Aufschwung genommen:, und ist heute die größte ihrer Art in (Osteuropa (400 Schüler). .Das Lehrhaus ist von.Wiesen.und Gärten umgeben, die inneren Einrichtungen fortgeschritten (Wasserleitung). Aber die Bachurim leiden Rot. Es ist kein Geld mehr da für das trockene Brot. . Die Ieschiwah Ez-Ehajim in Klezk ist das Asyl für Lehrer und Schüler russischer. Ieschiwoth, die vor bolschewistischer Verfolgung über die Grenze nach Polen geflüchtet sind. Der Rosch-Ieschiwah, Rabbi Aron Kotier, genießt in der rabbinischen Welt hohe Autorität. Ehajim Oser Grodzienski nennt ihn den Akiba Cger unserer Zeit. Die Ieschiwah (Ohel Thora in B a r a n o w i c e befindet sich in einem großen massiven Bau, ebenso die Ieschiwah des Ehofez Chajim in R a ö i n , die sogar eine elektrische Lichtanlage hat. Der 94jährige Ehofez Ehajim gab seiner Freude über die Haffkine-Stiftung Ausdruck. Die Rabiner Studenten haben eine Darlehenskasse. Es herrsch: unter ihnen gute Kameradschaft und ein ausgeprägter Gemeinschaftssinn. 21ächst dem Ehofez Ehajim erfreut sich großen Ansehens in der Ieschiwah-Welt Rabb. Dow Ber Leibowitz, Rektor der Ieschiwah Bet Izchak in Kamenez. Die Hörer stehen in seinem Bann. Die Ieschiwah ist verschuldet, die Verpflegung der Zöglinge ist karg. Der Gesundheitszustand der Ieschiwah- Iugend ist kritisch. Hier muß am schnellsten und nachhaltigsten geholfen werden. 2lls ich mit dem Vorsitzenden des Ieschiwah-Verbandes in Wilna, Rabbi Ehajim (Oser Grodzienski, über die Schaffung einer Ferienkolonie sprach, fand ich seinerseits freudige Zustimmung. Die Studenten sollten seiner Weinung nach während des Ferienaufenthalts mit Gartenarbeiten beschäftigt werden. — Eine Gruppe für sich bilden die Rowogrudoker Ieschiwoth, etwa 30 an der Zahl, auch Beth Ioseph-Ieschiwoth genannt, bei denen die Sittenlehre (Limuö Hamussar) eine besondere Rolle spielt. Lehrer und Schüler waren vor den bolschewistischen Verfolgungen geflüchtet. Die Lage dieser Ieschiwoth ist fürchterlich, es wird buchstäblich gehungert. vielleicht wäre hier Zusammenlegung zu empfehlen. Ein hoffnungsvolles Bild bietet Lublin, die Stätte der vor zwei Jahren cröffneten „Ieschiwat Ehachme Lublin". Der große Hörsaal geht durch mehrere Stockwerke. Das Wonumentalgebäuöe der Ieschiwah'besitzt alle modernen Einrichtungen, ist mit Wasserleitung und elektrischem Licht versehen, die Verpflegung ist gut. Die Lubliner Talmud-Hochschule ist ein Ieschiwah-Tvp für sich. Unter der Jugend bestehen Reigungen zum Chassidismus. Warschau ist für die Ieschiwoth ein ungeeigneter Boden. Die allgemeine Atmosphäre ist ihnen ungünstig. Die politischen Gegensätze innerhalb der großstädtischen jüdischen Waffen sind scharf zugespitzt, die Ieschiwah-Iugend wird in den Kampf hineingezerrt. Dr. Wischnitzer berichtete dann über seinen Bc-i such in den Ieschiwoth in H u sz t (Tschechoslowakei),: wo die Schüler ihren Unterhalt selbst bestreiten können, und in Warmaros Sziget (Rumänien), wo der Leiter Rabbiner Salman Leib Groß vor vier Jahren der Ieschiwah eine Weberei-Lehrwerkstätte angliederte. Groß gehört zu den sozial denkenden Führern des orthodoxen Judentums, wie cs deren mehrere in Rumänien und Ungarn gibt, die . der wirtschaftlichen Rot der Jugend cntgegensteuern, weil sic in der Perelendung eine sittliche Gefahr, eine Bedrohung der religiösen Lebensauffassung sehen. 2lndere versuche manueller Beschäftigung fand Dr. Wischnüzer in dem ebenfalls rumänischen Oderwischo vor. Die dort von Oberrabbiner Wendel Hager geleitete Ieschiwah Beth Israel zählt 300 Schüler, von denen. 52 sich bei jüdischen Weistern als Uhrmacher, Schneider, Schuhmacher, Tapezierer, Drucker, Tischler, Klempner, Zimmermaler, Buchbinder usw. ausbilden lassen. Ein Internat mit 70 Letten besteht. Cs wird erwartet, daß nach Einführung eines regelrechten Schul- und Fachunterrichts das Institut (Oeffentlichkeitsrecht erhalten und vom Staate subventioniert werden wird. Auch im stebenbürgischen Iclod wird der Ieschiwahunterricht durch Kurse in manuellen Fertigkeiten ergänzt. Oberrabbiner Braun ist ein Vorkämpfer auf