Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 9 (25.2.1932)
- Date
- 1932-02-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2450704-2450713--78581-2536279- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 Nr. 9 Der Israelit 25. Februar 1932 Seipel stellt mit einer merkwürdigen Seelenruhe fest, daß „die Deutschen das Hauptgewicht auf die Abstammung im Gegensatz zur Religion legen." Wenn eine derartige Deklaration von Ludendorff oder einer anderen führenden Persönlichkeit des neu-deutschen Heidentums abgegeben wird, so braucht man sich darüber nicht zu wundern. Sie aus dem Wunde eines Mannes wie Dr. Seipel zu vernehmen, kann nur Kopfschütteln erwecken. Illati hat als Ausweg für die endlosen Verwicklungen, die sich aus dem neuen Gesetz, wenn es angenommen werden sollte, ergeben werden, neben den geschiedenen Studentennationen noch eine Rubrik für mpT 18L?' ö. h. für alle die geschaffen, die anderweitig nicht unterzubringen sind, also eine Heimat für solche Studenten, die von keiner der Rationen a u f g e n o m m cn werde n. In diesem Sanunelbecken heimatloser akademischer Jugend sollen sich nun wohl die getauften Juden auch mit denjenigen jüdischen Studenten deutsch-liberaler Gesinnung zusaimnenfindcn, die sich n u n e i n ni a l n a t i o n a l n i ch t a l s I u d e n , sondern a l s D e u t s ch e betrachten. Wir müssen gestehen, daß auch diese Konsequenz des Gesetzes, so wenig wir uns besonderer Svmpathien mit den halb oder dreivierte! vom jüdischen Stamme losgelösten jüdisch-liberalen Kreisen bewußt sind, uns geradezu ungeheuerlich erscheint. Wie kann man Menschen, die nun einmal in der zweiten oder dritten Generation restlos mit der deutschen Kultur verwachsen sind, die keine andere Sprache kennen als die deutsche und deren ganzes Seelenleben im Deutfchtuin wurzelt, die Türe vor der Rase zuschlag e n u n d s i e l e d i g l i ch u m der Ä b st a in - m u n g willen zu akademischen B ü r - g e r n zweites! Ranges degradieren? Interessant wäre uns auch die Beantwortung der Doktor-Frage, was nun eigentlich profelyten tun sollen, die vom Christentum zum Judentum übergetreten sind. Solche ptx •’-n gelten nach j ü d i s ch e r Dogma t i k als absolut ebenbürtige nationale Inden. Darf die jüdische Studentennation sie aufnehmen, oder wird Herr Dr. Seipel diese Deutschen jüdischer Konfession als waschechte Arier ungeachtet des Wechsels ihrer religiösen Ueberzcugung für die deutsche Studentennation reklamieren? wir hoffen noch immer, daß das aus Unaufrichtigkeit und Rassenhaß geborene Gesetzesprojekt an dem gesunden Sinn der Mehrheit des österreichischen Rationalrates und an dem Schamgefühl vor dem europäischen und amerikanischen Auslande scheitern wird, und daß der Welt damit das beschämende Schauspiel Hunderter von rechtswegen heimatloser und unterkunftssuchender, verbitterter und verfolgter akademischer Bürger erspart bleiben wird. wochenrundschau. Wo sind die Geistigen? wo der Ungeist herrscht, ist kein Platz für die Geistigen. wir erleben das leider im heutigen Deutschland nur zu deutlich. Um so erfreulicher, wenn einmal ein Führer im Geiste das wort ergreift, und wäre es nur, um zu zeigen, daß noch nicht alle Musen schweigen, alle Lichter erloschen sind im Lande, wo eine skrupellose Hitlerei sogar dem greisen Reichspräsidenten, diesem Symbol der Einheit mitten in der Völker und Parteien Haß und Hader, die Krone vom Kopfe zu reißen suchen. Heinrich M a n n meldet sich in der Berliner- Wochen schrift „Das Tagebuch" zu wort. Tr erinnert daran, daß die antisemitischen Bewegungen bisher mit einer seltenen Gleichförmigkeit erfolglos verlaufen oder ungewollte Erfolge gebracht haben. Die Judenverfolgungen im zaristischen Rußland haben viele Juden in die Arme der Revolution getrieben. Die D r e v f u ß a f f ä r e machte in Frankr e i ch dem Antisemitismus ein Ende. Der Wiener Anlifemitismus konnte nicht verhindern, daß dort dauernd die Sozialdemokraten regieren. Deutschland batte Perioden von Stöcker und Ahlwardt, die zeigten, wohin es führt, wenn man sich an unfruchtbare Aufgaben verschwendet. Das Rafsengetuc sei ebenso unsinnig wie verlogen. Cs gehört schon ein großes Maß von Verblendung dazu, den modernen Kapitalismus nicht auf die. Maschine, sondern auf die Juden zurückzuführen, als hätten diese die Institution der Großstadt geschaffen, die Ausbeutung der Arbeitskraft, die Verelendung der Massen verschuldet, den Sozialismus w i e den Kapitalismus erfunden, vor allem aber die böse, böse, Vernunft, auch „jüdischer Intellekt" genannt. Man ahnt gar nicht, wieviel Ehre inan den Juden erweist mit all diesen Rnterstellungen. Der Antisemitismus übersieht dabei, daß in unsere»! Industrieland die Macht der I n d u st r i e weit über der der Banken steht und daß in der Industrie kein einziger Jude eine Rolle spielt. Diese liegt in der Hand einer exklusiven, nichtjüdischen Wirtschaftsgruppe, die stark zum Nationalismus neigt. Der Menschentyp der Großstadt ist überall ungefähr der gleiche, in Paris wie in Berlin. Aber in Paris würde niemand behaupten, die geistge Luft sei jüdisch. Die Antisemiten gebrauchen viel die Worte „Ahnung", „Gefühl", „das Unbewußte" und nennen den Intellekt infam und jüdisch. Damit verwerfen sie die entscheidende Eroberung, die uns zum Menschen macht. „Jüdischer Intellekt", das Wort ist nichr als ein Angriff auf eine Schicht, es ist Verleumdung unseres Menschlichsten. Man will sich der menschlichen Verantwortung entheben, daruni beschimpft man den Intellekt — und zerstört damit das sittliche Empfinden. Hierin sieht Heinrich Mann die Wurzel der trüben Erscheinungen unserer Zeit. Man kann nicht gegen die Vernunft sein, ohne gewalttätig zu handeln. Die Antisemiten wären verantwortlich für alle sittlichen Unmöglichkeiten, die auf die Entrechtung der Juden folgen müßten. Beklagenswerter als die Juden wären die Deutschen, die als einziges Volk des westlichen Europa im Antisemitismus noch immer einen Weg zum Heile sehen. Das ungefähr der Tenor des 2lrtikels von Heinrich Mann, dem Präsidenten der d e u t s ch e n Dichterakademie. Man könnte sich von dieser Mahnung etwas versprechen, wüßte man nicht, daß die Stinnne der Dichter und Denker im heutigen Deutschland leider kein sonderlich lautes Echo findet. 2luch die Stinnne der Kirche gilt nicht viel in einer Zeit, in der das alte Emblem der Liebe für viele einen Haken hat. Nichtsdestoweniger sei hier registriert, was ein hervorragender Kirchenfürft, k a rö i n a l F a u l h a b e r in München, in feinem soeben erschienenen Buche „Rufende Stimmen in der Gegenwart" von den aus dem völkischen Katechismus als „jüdisch" verwiesenen Zehn Geboten schreibt: „An den Zehn Geboten schult sich das christliche Gewissen . . . Nicht neue Gebote brauchen wir, sondern neue Gewissenhaftigkeit für die alten Gebote" (S. 50). „Die Zehn Gebote G'ttes sind die Grundschule für jede sittliche geordnete Lebensführung" {0. 57). „Unsere Aufgabe ist es, die Zehn Gebote G'ttes nach der Zählung und dem Wortlaut des Katechismus immer wieder zu überdenken, und zwar als Sitten spiegel des völkischen Gemeinschaftslebens und als Heilquelle der staatlichen Wohlfahrt" (S. 119). Der Kirchenfürst gibt eine eingehende Erläuterung jedes einzelnen der Zehn Gebote und gelangt zu dem Ergebnis: „Die höchsten wertgüter des Gemeinschaftslebens stehen und fallen mit den Zehn Geboten" (S. '26). „Das Zehngebot wurde erstmals einem einzelnen Volke verkündigt . . . Heute ist es ein Gesetzbuch der guten Sitte für alle Zeiten und Zonen . . . 2lls der Herr unter Blitz und Donner das Zehngebot am Berge Sinai gab, hielt er die. höchsten Seelenwerte für die Einzelmenschen in seiner Hand." (S. 129). Es ist beinahe deprimierend, daß man all das heute erst aussprechen muß, und noch dazu — um von vielen nicht verstanden zu werden. Der Höhepunkt im Leben Moses. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Mit seiner ganzen Kraft und vollen Persönlichkeit hat sich Moses für die Erhaltung Israels als Volk G'ttes nach dessen schwerer Verfehlung eingesetzt. Er hat da eine Selbstverleugnung bekundet, die ihn würdig machte, einer neuen Offenbarung des Herrn teilhaftig zu werden und damit Israel für alle Zeiten den Schlüssel zur Pforte des g'ttlichen Erbarmens zu reichen. Mofes ringt nach Erkenntnis. Er möchte eindringen in das Geheimnis des Waltens der Vorsehung G'ttes. Darum betet er mit voller Innigkeit: K2»8 1»»^ •pIKT -p"H DK 83 '357171 l’l’Sn "[H »7182» 83 D8 7171J71 •mn '13N Iw '2 71811 1'3'52 m „Nun — habe ich denn Gunst in deinen Augen gefunden, so gib mir denn zu erkennen deinen Weg, so daß ich dich erkenne, damit ich eine Gunst in deinen Augen finde: sieh, dein Volk ja ist dieser Stamm." Um des Volkes willen erfleht der Lehrer und Führer die ersehnte G'ttes- Jsrael soll nicht zweifeln und nicht mehr in Irrtum und Abfall versinken, wie eben erst, wenn seine Gedanken und Berechnungen sich als irrig erweisen. Es erfleht darum rwn für das Volk, dem er den Stein zum Straucheln aus dem Pfade räumen möchte, die Schau der Wahrheit, — die Erkenntnis der Wege des Herrn, der Einheit in der Mannigfaltigkeit der Schickungen, wie sie das Leben mit sich bringt. Niemals mehr ist geneigt der Mensch, irre zu werden am Glauben, zu zweifeln, ob wohl waltet eine Vorsehung auch in den irdischen Erlebnissen, wenn etwa mit Macht sich die Erkenntnis aufdrängt: ,li> 21V1 5v1 V'l sni p’72 v' 71» ->33» daß der Gerechte häufig ein Spielball des Unglücks ist und der Frevler des Erdenglückes teilhaftig wird. Die Lösung dieses schweren Lebensrätsels mochte er kennen lernen. Darum genügt ihm noch nicht die Zusicherung, die ihm wird: -st mnin 12!" »33- „Mein Angesicht selbst wird vorangehen, auf daß ich dir Ruhe sichere." Er will Klarheit, und von neuem steigt die Bitte aus der Tiefe seines Herzens empor: 1122 r,8 83 »38in. „O gib mir deine Herrlichkeit zu schauen!" Die Erfüllung dieser Bitte bringt ihm nun die Zusage des Herrn: „ . . . -q'33b '7 3152 '7181,21 q'33 i-5 '21v i-2 1'2p8 '38 „Ich will vorüberfllhren all meine Güte an deinem Angesicht, werde G' t t mit Namen vor dir verkünden, daß ich begnadige, wen ich begnadige, daß ich Erbarmen gewähre, wessen ich mich erbarme." Mehr noch als Mose zu erbftten wagte, verheißt ihm der Herr. Nicht nur in Gedanken erfassen und begreifen, schauen, erleben soll er sie — die Güte G'ttes — als die Harmonie aller Harmonien. Immer ist es Güte des Allgütigen, ob er gewährt oder versagt, ob das Licht waltet oder die Nacht gebietet. Immer ist es der juni mm bp der barmherzige gnädige G'tt, der regiert und durch seine Schickungen seinen Heilsplan auf Erden zur Erfüllung und Reife bringt. Allerdings hat Moses auch vernehmen müssen: ,'ni »7871 '381' 8i> '2 »33 718 7118ll- ^2171 Rb „Du kannst mein Angesicht nicht schauen, denn nicht schaut mich der Mensch und lebt." Das wird einem jeden versagt bleiben: G'tt ins Antlitz zu schauen. Es erfordert mehr Vertrauen und Zuversicht, daß man an G'tt glaubt und unentwegt auf seine Liebe hofft, wo wir Ihn selbst nicht zu schauen vermögen — und Ihn nur aus seinem Walten im Leben des einzelnen wie der Gesamtheit uns erschließen können. Moses erlebte es zu seiner Beseligung und zum Segen und Heile aller Geschlechter: ,'7 '7 81p'1 1»3S bv '7 11251 „G'tt zog an seinem Angesicht vorüber und verkündete: Der alleine, alleine G'tt voll Erbarmens und Gnade, langmütig, reich an Huld und Treue, wahrend Huld ns Tausendste, tragend Fehl, Frevel und Versündung, straffrei aber befreit er nicht, bedenkend Fehl von Vätern an Kudern und Kindeskindern, am dritten und vierten Glied." Das ist die wundersame Offenbarung des Höchsten, die Enthüllung seines Wesens und Klarlegung seines Waltens, die Moses erlebte und an Israel weiter trug. „Zn jener Stunde," so sagen es unsere Alten, „ist ein Bund geschlossen worden für die Ewigkeit der Zeiten. Das Bekenntnis, die Verkündigung der 13 Eigenschaften G'ttes verfehlen ihre Wirkung nie." Dieser Ruf, der sich immer wieder losringt aus den Tiefen unserer Seele, bringt uns unserm himmlischen Vater nahe und erschließt uns seine Gnade. Glauben wir an die nie versagende und nimmer versiegende Liebe G'ttes, dann haben wir den Balsam für alle Wunden unserer Seele und den Hoffnungsanker für alle Nöte des Daseins. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenback»). — Verlag des Israelit nnd Herrnon G. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck: Hermon-Druckerei, Frankfurt a. M.