Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 8 (18.2.1932)
- Date
- 1932-02-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450704-2450712--78567-2536264- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
18. Februar 1932 Der Israelit Nr. 8 Seite 5 Als d?e Kultusgememde Wien für ihre neumodischen Glieder bereits zwei prachtvolle Tempel, einen in der Inneren Stadt und einen in der Leopoldsstadt, mit großem Kostenaufwande, m i t Zuhilfenahme auch der S t e u e r g r o - f ch e n der Orthodoxen errichtete, die Orthodoxen hingegen gezwungen waren, in einer Menge kleiner Betstuben ihren G'ttesdienst zu verrichten, da faßten nun die Orthodoxen Wiens unter Leitung ihres bekannten Führers Ignaz Deutsch den Beschluß, eine große „Zentralsynagoge für die Altgläubigen" zu errichten. Sie wollten die Mittel der Kultusgemeinde, deren st e u e rza hl ende Glieder sie doch ebenfalls waren, gar nicht in Anspruch nehmen, sondern mit der Unterstützung der damaligen Staatsregierung, die wohl aus politischen Gründen den Orthodoxen wohlgeneigt war, diese große Zentralsynagoge teilweise aus dem ungarisch-israelitischen Fonds und teilweise aus Sammlungen im eigenen Kreise errichten. Die Kultusgemeinde aber, die doch nicht wünschen konnte, daß die vielen Hunderte ihrer orthodoxen Mitglieder dem reformierten G'ttesdienste im Stadttempel oder im Leopoldstädter Tempel beiwohnen und dortselbst Schmähungen und Beschimpfungen der Orthodoxie durch Jellinek mitanhören, und die doch n a ch R e cht u nd Billigkeit v e rp flichte t g e w e s e n w ä r e, für ihre nach Hunderten zählenden steuerzahlen d e n orthodoxer! Mitglieder ein würdiges G'tteshaus zu errichten und die Funktionäre dafür, ebenso wie diejenigen der beiden Tempel zu besolden, zu mindestens aber die Errichtung einer solchen zu fördern und unterstützen, also die Wiener Kultusgemeinde tat das gerade Gegenteil von all diesem. Sie wandte vielmehr all ihren riesigen Einfluß bei den Behörden und in der Gemeinde dazu aus, um dieses Vorhaben zu vereiteln, was ihr auch glücklich gelungen war. Jellinek aber fiel, vom Vorstande ersucht, die Aufgabe zu, im Jahre 1861 ein Memoire hiergegen für den Staatsminister Schmerling auszuarbeiten. Wie er auch wahrhaftige Brandreden gegen diese „beispiellose Vermessenheit" der Orthodoxie hielt, ebenfalls in einem würdigen G'tteshause, nicht aber in Dutzenden von kleineren und größeren Vetstuben, Minjanim, ihren G'ttesdienst zu verrichten. Die eine dieser Brandreden führt den charakteristischen Titel: „Soll m i t Z u st i m m u n g der Wiener Gemeinde dem ungeregelten G'ttesdienste in der Hauptstadt des R e i ch e s e i n e S t ä t t e e r b a u t w e r d e n?" (S. 88 u. 89.) Und doch hätte Jellinek nicht erst nach der Frankfurter Schützenstraße wallfahren müssen, sondern hätte sich in der großen Hauptsynagoge des nachbarlich gelegenen P r e ß b u r g überzeugen können, daß man bei strenger Handhabung einer gehörigen Synagogenordnuna den „ungeregelten", d. h. orthodoxen G'ttesdienst mit Anstand und Würde, ohne Lärm und Spektakel abhalten kann. Doch: Divide et impera! Mit einem Dutzend kleiner Betstuben wird man schneller fertig als mit einer großen „Zentralsynagoge für die Altgläubigen". Und auch später, im Jahre 1872, da zufolge der bereits früher erwähnten Reformbeschlüsse des Gemeindevorstandes die Orthodoxen unter Anführung des aus dem Beth Din der Gemeinde, eben infolge der erwähnten Beschlüsse ausgetretenen Rabbinatsafsessors Rabbi Salomon Spitzer V'2T, die gänzliche Lossagung von der Gemeinde forderten und in diesem Sinne Eingaben an das Ministerium richteten, verstand es der Gemeindepräses, Reichsratsabgeordneter Kuranda, vermöge seines Einflusses im Ministerium für Kultus und Unterricht allen von den Orthodoxen unternommenen Schritten mit Erfolg entgegenzutreten, so daß ihre Eingabe abschlägig beschieden wurde. (S. 129.) Und so haben die Orthodoxen Wiens bis zum heutigen Tage nur eine Art Schein a utonom i e im Schatten der Kultusgemeinde. . Die Krone aber setzte sich die selbstherrliche Autokratie des Wiener Gemeindevorstand auf, als sie im Jahre 1890 es wagte, mit grenzenloser Rücksichtslosigkeit gegen die Gefühle der orthoj doxen steuerzahlenden Glieder der Gemeinde, dein j als „Prediger und Religionslehrer" angeftellten Dr. Jellinek, der nie und nimmer irgend eine Hatharoh, also ein Rabbinerdiplom, erhalten hat, aus eigener Machtvollkommenheit, neben Dr. Güdemann, der wenigstens vom Breslauer Rabbinerseminar eine Hatharoh besaß, den Titel! eines „Oberrabbiners" der Wiener Kultusgemeinde zu erteilen. Wäre es nicht so grenzenlos , traurig, daß ein aus lauter Gesetzesübertretern und in jüdisch religiösen Dingen Unkundigen bestehender Vorstand sich die Fähigkeiten zueignete, einem Manne, der bekanntermaßen keinen koscheren Haushalt und von keinem Rabbiner oder Talmudgelehrten je eine Hatharoh erhalten hatte, den Titel eines „Rabbi", geschweige denn eines „Oberrabbiners" zu erteilen, so wäre es einfach zum Lachen! Nein! Da hatte schon der also Geehrte mehr Schicklichkeitsgefühl als seine Verehrer. Er blieb beim Titel Prediger, ohne je von dem ihm „zukommenden" Titel eines Oberrabbiners Gebrauch zu machen. (S. 178 u. 179.) Orthodoxe Kreise aber, die hüben und drüben mehr oder minder mit dem messianistischen Gedanken einer „Vereinheitlichung" von divergierenden Richtungen oder deren einzelnen Institutionen zu liebäugeln geneigt wären, mögen auch aus unseren Ausführungen wahrnehmen, wessen man sich seitens des Vorstandes einer „einheitlichen" Kultusgemeinde zu versehen hat, so nicht das Damoklesschwert eines „Austrittsgefetzes " wie in Deutschland, oder noch besser: das zweier getrennter Organisationen wie in Ungarn, über demselben schwebt! . . . Horrespoitäenzen * Nachrichten. Deutsches Reich. Die Adar-Aktwn der P. Z. der Agudas Iisroel. Frankfurt a. M., 15. Febr. Die P. Z. darf mit Recht hoffen, daß durch die vorbereitete Gesellschaftsreise nach Palästina die A d a r s a m m e l a k t i o n für das orthodoxe S ch u l w e r k in Palästina neuen Antrieb erhält. Kommt die Gesellschaft in die Lage, als ms» einen größeren Betrag für den heiligen Zweck in v/s mitznbringen und im Namen der Spender zu übergeben, so hätten diese wie die ganze Gola teil an der bedeutsamen Aktion. Es liegt tiefer Sinn darin, wenn auch das Kind in der Diaspora dem Kinde in i-rrns' ps hilft. Um die Sammeltätigkeit der Kinder anzuregen, hat die P. Z. ein Spiel „Die Reise nach Palästina" erworben, das jedem Kinde als Prämie überwiesen wird, das mindestens Mt. 10.— für das Schulwerk der Agudas Jisroel in Palästina sammelt. (Postscheckkonto 53 900 Frankfurt-M.) Anmeldungen für das Lommerfemefter der Jeschiwa. Frankfurt a. M., 15. Febr. Bon dem Kuratorium der Thora-Lehranstalt Jeschiwa in Frankfurt a. M. wird uns geschrieben: Wiewohl das Wintersemester erst Ende März schließt und das Sommersemester am 2. Mai beginnt, haben die Anmeldungen für das kommende Sommersester bereits begonnen. Es sei nachdrücklich darauf hingewiesen, daß die Anmeldungen mit möglichster Beschleunigung stattfinden müssen. Je erfreulicher sich der Zustrom zur Jeschiwah gestaltet, desto wichtiger ist es im Interesse der Aufnahmesuchenden, ihre Anmeldungen zu fänden von Herrn Rabbiner Dr. I. Breuer, Rückertstraße 50, zeitig vorzunehmen. Die Jeschiwa kann leider gegenwärtig nur in gebotenen Grenzen für die wirtschaftlichen Bedürfnisse ihrer Hörer aufkommen, muß daher rechtzeitig einen Ueberblick über die an sie gestellten Forderungen gewinnen, ist aber bei rechtzeitiger Anmeldung in der Lage, durch Rat und Tat Mittel und Wege zu finden, die den Hörern ihren Aufenthalt in wirtschaftlicher Hinsicht erleichtern. Bon der allgemeinen wirtschaftlichen Rot ist die Jeschiwa leider auch schwer betroffen. Wohl hat das Bewußtsein, daß die Frankfurter Jeschiwa als ragende Thorastätte Mitteleuropas von weitesten Kreisen opferfreudige Förderung verdient, an Boden gewonnen; soll aber die Jeschiwa durch die Ungunst der Zeiten nicht gezwungen sein, ihren organisatorischen Aufbau einzuschrünkeu, soll sie den an sie gestellten wirtschaftlichen Anforderungen, wenn auch im bescheidenen Umgänge aachzutommen in der Lage sein, dann muß sie ans die verständnisvolle Mitarbeit aller rechnen, denen die Pflege und Verbreitung unserer Thora und die Ertüchtigung unserer Jugend für ihren Lebensberuf ain Herzen liegt. Aussprache über die Reformgemeinde. Berlin, 15. Febr. An einen Antrag Walther Michaelis und Bruno Woydas in der Nepräfentantenversammlung, die für G'ttesdienste bestiinmten Räume in den Anstalten der Gemeinde für g'ttesdienstliche Veranstaltungen der verschiedenen religiösen Richtungen im Judentum zur Verfügung zu stellen, knüpfte sich eine sehr lebhafte Debatte über Traditionaiismus und Reformismns. Dr. Siegfried Moses (Volksp.) teilt im Namen des Ausschusses mit, daß die Konservativen Bedenken gegen die Abhaltung von G'ttesdiensten der Reformgemeinde in Gemeindeanstalten wie z. V. Altersheimen geäußert haben, und daß der Antrag von der Kommission eine Ablehnung erfuhr. Amtsgerichtsrat Michaelis (lib.) versteht nicht, warum nicht alle religiösen Richtungen Berücksichtigung finden sollen. Wir Anhänger der Reforin, sagte er, wollen keine geduldeten Schutzjuden sein. Dr. Sachs (lib.) gibt einen Umriß des Liberalismus, versucht, die Bedenken der Konservativen zu widerlegen unb' erklärt, die Reformgemeinde sei ein wichtiger Vorposten zur Erhaltung des Judentums. Er meist darauf hin, daß schon das alexandrinische Judentum die Landessprache bei.den Gebeten bevorzugt hat. — Bruno Woyda gibt eine Darlegung der Gründungsgeschichte der Reformgemeinde, deren Lehrer und Träger die Meinung aller jener, die glaubten, man könne die Schwelle zur "europäischen Kultur erst nach dem Austritt aus dem Judentum betreten, gründlich widerlegt haben. (Ob wohl das Verweilen im leeren Raum zwischen Judentum und Christentum erfreulicher anmutet! Red.). Man müsse Ehrfurcht haben vor den Gründern der Gemeinde, vor Menschen wie Holdheim, Stern, Aron Bernstein, die den Gedanken der Freiheit und der Toleranz in das jüdische religiöse Leben getragen haben. Den Standpunkt des Traditionalismus vertraten Ministerialrat Goslar und Dr. Oscar W o l f s b e r g. Richtig ist, daß das alexandrinische Judentum weitestgehend die Landessprache berücksichtigt hat. Das heutige Judentum beruht aber geistig-kulturell nicht auf dem alexandrinischen, das abgestorben ist, sondern auf dem rabbinisch-talmudischen Judenttun Palästinas und Babyloniens. Dieses aber ist in der hebräischen Gebetssprache verwurzelt. Die hebräischen Gebete stellen in ihrem Zusammenhang von persönlicher Fürbitte und Aufgehen in der Gemeinschaft die höchste Sttife in der Gebetskultur dar. Die Landessprache ist zwar zu beriicksichtgen und nach dem Talmud ist das Gebet in ihr gleich dem in der klassischen Sinaisprache zu werten, aber nur gleichsam als Vorstufe für die, die noch nicht genug hebräsch können, niemals aber als Endziel oder Selbstzweck.""Die Juden sind nun einmal ein „motorisches" und kein „seirforjsches" Volk. So hat ein so abgeklärter Dichterphilosoph wie Richard Dehmel den Kol Nidre- G'ttesdienst in der Wilnaer'Großen Synagoge als das. tiefstgreifende Erlebnis seines Lebens" bezeichnet, trotz oder gerade wegen der ekstatischen Bewegtheit des Betens und der Beter. Auch der deutsch-gesetzestreue G'ttesdienst wird allmählich die Kennzeichen der 80er und 90er Jahre, die er damals gewiß mit guten Gründen angenommen hat, zugunsten einer weitgehenden Aerinnerlichung wieder abstreifen. Wesentlich ist aber nicht einmal die Form der Liturgie, sondern der G'ttesdienst am Schabbat als Grundlage und Stern jüdisch-liturgischen Lebens. Gerade aus diesem Gesichtspunkte und weniger wegen der Form der Andacht müsse ein Versuch, dem Kult der Reformgemeinde Eingang in Gemeindeanstalten zu verschaffen, zurückgewiesen werden.