Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 8 (18.2.1932)
- Date
- 1932-02-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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18. Februar 1932 Der Israelit Nr. 8 Seite 3 Wochenrundschau. Einheiksunb Vielhettsgemeinde. Daß unter der Marke „ Einhsitsgeme inde" die midevstreb enden Interessen der einzelnen, durch Steuerbuch unter e i n e m Dach zusammengehaltenen Gruppen naturgemäß stark aufeinander prallen müssen, so daß die Fiktion der Einheit immer van neuem bedroht ist, ° wird durch eine sogenannte Welt a n s ch a u u n g s - d e bat t le in der Berliner Repräsentanz wieder einmal der Welt demonstriert. Wieder einmal stoßen sich hart im Berliner Verwaltungsraum die Dinge. „Die Reaktion auf die Kareski-Aera, wie sie zu erwarten war, nachdem sich die Liberalen wieder auf den Sattel in der Verwaltung gehoben haben/," würde der Außenstehende klug sagen. Aber es geht doch um etwas Tieferes. Vorgeschichte und Tatbestand: Bei der Wegräumungsarbeit, die die Liberalen nach Antreten des Kareski-Erbes vorzunehmen hatten, fiel auch ein B a g a t e l l p o st e n von R M. 200 0.— als Subvention für den zionistischen „Hechaluz". Darob groß Geschrei im Lager der „I ü d i s ch e n V o l k s p a r i e i". Ihre Redner erster Garnitur wurden in der Repräsentantensitzung vom 11. Februar vorgeschickt. Die Liberalen standen n'icht zurück und parierten die Angriffe mit neuen kräftigen Hieben. Die Weltanschauungsdebatte ist da! ... Für uns, die stillen Zuschauer, ergab sich aber dabei die geradezu groteske Erscheinung, daß beide Parteien sich nmvn ma-ipi klammerten, hinter der Festung der Religion Deckung suchten und mit Termini in der Redeschlacht um sich warfen, die aus der Literatur der feit vielen Jahrzehnten um ihre Selbständigkeit und Unabhängigkeit kämpfenden Orthodoxie entliehen fein könnten. Wenn wir an dieser Stelle zu diesem uns direkt wenig angehenden Streit Stellung nehmen, so nicht allein deshalb, um zu zeigen, wie der vielgepriesene Einheitsbau an allen Ecken bröckelt, ja sogar in seinen Grundfesten wackelt, sondern auch schon im Interesse der klaren Grenzscheidung, die uns durch das Hinüberschießen beider feindlichen Parteien aus unser ureigenes (leider noch ureigenes) Gebiet gefährdet erscheint. Das jüdisch-liberale Mitglied, das den „Hechaluz" aus dem Gemeindeetat wies, begründete im Namen all seiner Gesinnungsgenossen sein Edikt etwa wie folgt: Er lehne die jüdisch-nationale Idee aufs schärfste ab, weil sie im Wide rs pru ch zu seiner r el i gi ö f e n Auffas - s u n g st e h t, und ihre Unterstützung sei für ihn eine ebenso schwere Sünde w i e der Genuß verbotener Speisen f ü r d e n Orthodox e n. Die Austritt s g e - me i n d e d e r A d a s I i s r o e l st e h e i h n e n näher als die zionistische n Einrich - t u n g e n. Hier hakte der Wortführer der Volkspartei, Dr. Klee, ein. Diese Liebeserklärung an die Austrittsorthodoxie auf Kosten der Zionisten gefährde den Bestand der Gemeinde. Das bedeute ein Spiel mit dem Feuer, und würde Tausenden, die heute aus Verärgerung gegen die Gemeinde mit dem Austrittsgedanken' spielen, willkommener Fingerzeig sein. Mit der Feststellung, die Ausgetretenen gehörten eher zur Gemeinde als die nationalen Mitglieder, legeman die A x t a n d i e Wurzelder Einheitsgemeinde. Iifchuw E r e z I i s r o e l i st keine politische, s o n d e r n e t n e d u r cha u s r e I i g i ö j e A n g e l e g e n h e i t. Man könne nicht Religion aus religiösen Gründen ablehnen. Der Vorsitzende der liberalen Fraktion, Dr. Kurt Fleischer, verteidigte sich, seine Gesinnungsgenossen und die Maßnahme gegen ben „Hechaluz" mit dem schweren Geschütz, das ganz gewiß nicht aus dem Arsenal des liberalen Judentums stammt: I n w e l t a n s ch a u l i ch e n Ding e n g i b t e s feine tomprom i s s e. — „Was Sie national nennen, ist uns relig iös, Israel Goi Echad," gab Wolfsberg mit einem Volltreffer zurück. Bruno Woyda, der nicht soviel von Religion hören und sprechen mag, nennt den „Hechaluz" zwar nicht religiös, aber n at i o n a l - kulturell. „Wir liberalen Juden gehören aber zur nationalen Kultur des deutschen Volkes." Im Ganzen haben sich zwei Geschosse von diesem Schachtfelde auf unser Gebiet verirrt, die neutralisiert werden müssen, wenn sie kein Unheil anrichten sollen: „Jischuw Erez Jisrael ist keine politische, sondern eine d u r ch a u s religiöse Angelegenheit!" sagte Dr. Klee. Wie oft haben wir seit Jahr und Tag dieses Wort unter dem Hohngelächter der Zionisten aller Schattierungen ausgesprochen! Schreiber dieses erinnert sich, vor Jahren einmal in Leipzig mit solcher Aeußerung, — die buchstäblich mit der von Dr. Klee übereinstimmt — ein solches Wutgeheul bis auf die Bänke, die die Misrachi-Jugend einnahm, ausgelöst zu haben, daß die Versammlung für eine Weile unterbrochen werden mußte. Wir nehmen heute Dr. Klee, der es gewiß sehr ehrlich meint, beim Wart, fragen ihn nur, ob das, was im Berliner Repräsentantenhaus gilt, nicht auch auf dem Sk o pus, nicht auch im Gymnasium vom Geiste .Mossensohns und Klausners, nicht auch auf dem Sportu n d S p i e l p l a tz zu Jerusalem, im Stadion von T e l - A w i w seine Gültigkeit haben muß?- Die Kolonisation Palästinas, der wirtschaftliche und erst recht der g e i ft i Q e Aufbau, ist keine nationale, sondern eine durchaus religiöse Angelegenheit, eines der Gebote der Thora. Oskar W o l f s b e r g schleudert den Ruf, den wir an seine Freunde auf seiner linken Seite seit Jahr und Tag richten, jetzt seinen liberalen Gegnern in der Berliner Repräsentanz zu: „Was Ihr national nennt, ist uns religiös." Ist das bessere Einsicht? Dann bitte, meine Herren! . . . Und auf der anderen Seite: Der Führer der Liberalen proklamiert: „In weitaus ch a u - l i ch e n Dingen gibt es keine K o m - p r omiffe! " Den Satz könnte er ineinem der alten Jeschurun-Hefte oder in den „Gesammelten Schriften" von S a m s o n Raphael Hirsch, vielleicht auch in einem späteren Leitartikel des „Israelit" gelesen haben. Dann müßte aber konsequenterweise das ganze Kompromihsystem des liberalen Judentums, der neutralen Gemeinde ausgefchaltet werden, i': h. das ganze liberale, alias Reformjudentum, dem die Kompromißtaktik Weg und Ziel, Körper und Seele ist, glatt aufgelöst werde n. Dr. Klee meint, die Anbiederung der Liberalen an die Austrittsorthodoxie lege die Axt an die Wurzel der E i n h e i t s gern e i n d e. Mit Verlaub, Herr Dr. Klee! D i e Einhe i.t s g e m e i n d e hat überhaupt keine Wu r z e l, an die eine Axt angelegt werden könnte. Sie hat nur eine leuchtende Fassade, die heute mehr denn je abbröckelt und immer mehr an Farbe verliert, sie hat ein Dach, das über den Köpfen der unter ihm versammelten seelisch so verschieden gearteten Menschengruppen zusammenzubrechen droht. Ein Bagatellposten von Mk. 2000.— im Vielmillionenetat der Berliner Gemeinde genügte, um den Koloß auf tönernen Füßen in feiner ganzen Hinfälligkeit zu zeigen. wakkabinsche Olympiaden. Heftig wird seit Monaten die Trommel gerührt für die Makkabiade n i n Tel - A m i w. Ein Weltsportfest, zu dem sich jüdische Sportler und Turner aus allen Ländern nach Tel-Awiw bereits in Bewegung gefetzt haben oder sich dieser Tage setzen werden. Gesellschaftsjüdische Menschen auf den Plan zu stellen, welche mit profanen Kenntnissen ebenso ausgerüstet wie mit religiösen, in Beruf und Leben zu Erfolg schritten. Das war der Israelitischen Religionsgesellschaft im Rahmen ihrer Arbeit an der Jugend eine Hauptaufgabe, und der Meister fand die Getreuen, die ihn unterstützten: wenn auch Schwierigkeiten vieler Art, nicht zum wenigstens alte Ghettoideen, sich entgegenstellten, Hirsch überwand sie durch sein versöhnliches und dabei zielbewußt festes Auftreten. Wie immer, wenn wir zwei zusammen lernten, hat- 'ten wir uns ganz in die Sache vertieft. Da kam die Aufwärterin und meldete einen Besuch: Herrn Esra Rosenberg aus Galizien. Ich stand auf, mich zu verabschieoen, aber Judäus, wollte davon nichts wissen: „Sie müssen auch aus diesen Kreisen Jüdischkeit sehen." Nun lernte ich da allerdings eine Persönlichkeit kennen, die es wert ist, gerade in unseren Tagen wieder ans Licht gestellt zu werden. Der Herr war Großhändler aus den galizischen Karpathen. Seine gewandten Umgangsformen machten ihn sogleich sympathisch. Bürgerlich vornehm wirkte seine äußere Erscheinung. Er trug Gehrock und schwärzen Halbzilinder. Das frische Gesicht umrahmte ein rotblonder, wohl gepflegter Bart. Kluge Augen leuchteten uns entgegen. Nach der Bar Mizwa war er mehrere Jahre auf einer ungarischen Jeschiwa gewesen; dann trat er in seines Vaters Geschäft, das er vom Baumfällen bis zur doppelten Buchführung durchmachte. Jetzt hatte er mit zwei Brüdern in der Heimat eine Firma, welche für Bergwerke in Mähren Grubenholz und für die österreichische Ostbahn Schwellen lieferte. Solide Ware, sauber kalkulierte Preise, ebenso saubere Geschäftssitten erhielten die Geschäftsverbindung seit Jahrzehnten trotz mancher politischer Gegenströmungen. In Talmud, Schulchan Aruch, wie im neueren Schrifttum belesen, verband Herr Rosenberg echte Religiosität mit weltkl.ugem praktischem Sinn für die Lebensnotwendigkeiten seiner Zeit und Heimat. Ein Kreis Gleichgesinnter scharte sich um ihn. Seit geraumen Jahren hatten sie die Mängel im religiösen Leben ihrer Landsleute erschaut: die häufige Verflachung zur Bevorzugung äußerer Formen auf Kosten des wahren innerlichen Mittuns, Schwärmereien einer falschen Mystik, Versagen des Religiösen, wo es Ernst galt, Jude zu sein. Es kamen aus Rußland herüber die Lehren des Nihilismus, die gegen die Tyrannen polterten; zwar wußten die Leute mit den Phrasen nichts anzufangen, weil sie Tyrannen nie gesehen, aber Unzufriedenheit und Haß wühlten sich in die Herzen. Eine andere Gefahr erwuchs daraus, daß junge Juden, die nach Budapest und Wien gegangen waren, dort ihr Judentum wegwarfen, wenn sie kauin einige Monate die Großstadtluft geatmet. Hatte nicht Rabbi Löb Lösers gelegentlich in Wien am Sabbatnachmittag solche Landsleute gesehen mit der Zigarette im Mund bei Karten und Würfeln aus der Kaffeehausveranda? Und wie manches Mädchen ging dem Judentum verloren in der Mischehe mit einem feschen Husarenkorporal oder goldverschnürten herrschaftlichen Förster! Deo Herren bangte um die eigenen Kinder, sie sannen an manchen langen Winterabenden auf Abhilfe- Nun gab es sich, daß Herr Rosenberg auf längere Frist von Hause abkommen konnte. Er fuhr nach Frankfurt und sah sich das Schulwerk der Israelitischen Neligionsgesellschaft genau an. Er fuhr nach Köln und studierte die Einrichtungen für die jüdische Jugend. Jetzt hielt er noch Aussprache mit Dr. Ehrentreu und Dr. Ehrmann. Ueber Preßburg nahm er den Heimweg. Judäus verband tröstliche Worte mit den praktischen Winken des Erfahrenen: „Jüdische Erziehung nach den Satzungen der Thora, gründliche profane Ausbildung, weife Pflege des Körpers und Geistes, lebenskluge Eingliederung von Spiel und Sport, Einführung der Jugend in die Schätze des Wissens der Völker, Erfassen der jüdischen Kulturgüter auf allen Gebieten seit den Tagen der Weisen durch fleißiges Lernen in Talmud und Kommentaren: auf solche Art werden Sie auch bei Ihnen zu Hause die l e b e n s b e - ständige jüdische Kultur schaffen, welche Ihre Jugend dem Judentum erhält" war das Abschiedswort, das Judäus an den Besuch richtete, „Der Ewige lasse Ihre Wege von Erfolg sein!" Es kam der Krieg und tobte durch die Länder. In seinem Gefolge zerbrachen alte Staaten, bildeten sich neue. Galizien wurde zu Polen gegeben. Das jüdische Wesen dort lebt weiter in Pflanzgärten der Thora. Da entstand die Veth Jakob-Bewegung für die jüdischen Mädchen; es entstanden Heime' des Lernens für die männliche Jugend: Israel gei st, wie in all den Jahrhunderten der jüdischen Geschichte von den äußeren Wechselgängen des Lebens nicht zermürbt, sondern im Gegenteil neu erstarkend, Schrittmacher zukünftiger besserer Tage._I. Weigl. Wochenkalender vom 20. — 27. Febr. 1932 > om 13. Adar bis 20. Adar 5692 — D’nDD Samstag 20 13 HO v‘ nixn Sonntag 21 14 20 jvp D’IlB Montag Fedr 22 TTK 15 10 pp o’iia pw Dienstag 23 16 10 Mittwoch 24 17 no Donnerstag 25 18 10 Freitag 26 19 70 »"ki »"iss mijrn Samstag 27 20 no »"103 V'113 KWn '3