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Der Israelit · 1932-02-11 · Heft 7 (11.2.1932) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 7 (11.2.1932)
Date
1932-02-11
Page
– (sequence 14)
Language
German
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oeite 14 Nr. 7 Der 3 9 r a e l i 1 11. ffebruav 1932 seine Schritte heimwärts, da kam ihm jene andere in den Sinn, und ein Ekel schüttelte ihn. Sie sitzt nun gewiß daheim mit triumphierender Miene, das Papier in der Hand haltend, das sie zur Frau Professorin macht; und sie wird sich ihm um d-en Hals werfen und ihm zu seinem Erfolge gratulieren . . . Ein Schauer überlies ihn. Er erinnerte sich jenes verhängnisvollen Abends, als sie die Forderung des Präsidenten und feine eigene Antwort erfuhr. Sie tobte wie besessen und nannte ihn einen Feigling, eine Memme, ein altes Weib. „Warum nicht nachgeben? Warum nicht einen alten Fetzen in die Rumpelkammer werfen, um ein menschenwürdiges Dasein führen zu können? Soll man etwa im Alter betteln gehen,, wegen ein paar lächerlicher Schrullen? Was Ehre, was Pflicht! Schöne Ehre das, ewiger Privatdozent zu bleiben, während alle Welt Professor und G'tt weiß was geworden ist!" So rannte und zerrte sie alles, was ihm teuer war, in den Staub. Er hatte keinen Augenblick mehr Ruhe vor ihr. Bald folterte sie ihn mit ihrer eisigen Kälte und ihren abweisenden Blicken, bald wieder bestürmte sie ihn mit heißen Bitten, gebrauchte die süßesten Kosenamen und erstickte jedes Aufraffen seiner Energie in einem Schwall von Zärtlichkeit, die ihn verauschte und gefangen nahm. Wie ein Besessener trabte er hinaus, immer weiter hinaus! Aber das einmal aufgeregte Gedächtnis wollte sich nicht sobald beruhigen und rief ihm noch eine Menge von quälenden Erinnerungen aus jener schrecklichen Zeit vor die Seele. Da stand er eines Tages vor dem Geistlichen, ohne recht zu wissen, wie er dahin gekommen war. Und dann folgten Tage taumeliger Hast und maßloser Aufregung, aus denen nur das Gefühl tiefer Erschöpfung und Mattigkeit in seiner Erinnerung zurückblieb. Er hatte keinen deutlichen Begriff von dem, was um ihn her vorging. Die Vorstellungen glitten ineinander über, verschwamme» und bildeten gleichsam ein einziges wüstes Meer, auf dem er wie ein Schiff umhertrieb, welches Mast und Segel und Steuer verloren. Jetzt kam das Erwachen, und er fühlte einen klaffenden Bruch, einen tiefen Spott, der durch feine Seele ging. Weit hinter ihm, wie von einem dichten Nebel umhüllt, lag feine Vergangenheit ausgebreitet, rein, klar, ohne Makel; kein Fleck, kein Stäubchen war darauf; er empfand etwas wie tiefes Heimweh danach, aber ein eiserner Riegel hatte sich davor geschoben. Er mußte nun weiter, unaufhaltsam weiter, ohne Lust, ohne Liebe, ohne Kraft, denn jene innere Spannkraft, die er immer von neuem in sich emporschnellen fühlte, war gebrochen, der Frieden seiner Seele zerstört für immerdar . . . Wie sollte er das Leben fortsetzen, die zerstobenen, auseinandergefallenen Kräfte wieder in einen Brennpunkt vereinen? Wird nicht stets die Vergangenheit wie das Gespenst eines gemordeten Freundes hinter ihm auftauchen, über die Schultern hinweg ihm in die Feder blicken, wenn er feine Gedanken niederschreibt, zu seiner Seite stehen, wenn er lehrend vor seine Schüler hintritt, und mahnend und klagendihm zuflüstern: „Erkennst du mich nicht?" Ein sonderbares Gefühl, gemischt von Grauen, Scham, Zorn und Verzweiflung, schnürte ihm die Kehle zusammen und raubte ihm die Besinnung. Er wußte nicht mehr, wo er sich befand. Plötzlich drang ein leises Plätschern an sein Ohr; es kam von dem Flusse her, der neben ihm seine breiten, ruhigen Fluten dahinrollte. Langsam stieg er die Brücke hinan, die sich in mächtigen Bogen von einem Ufer zum anderen wölbte. Dann lehnte er sich an das Geländer und starrte in die unter-- gehende Sonne. (Schluß folgt.) Der Würzburger Faskenhirkenbrief für die jüdischen Zehn Gebote. Don A Mannheimer in Dettelbach. Bekanntlich rütteln und rasseln seit Jahrzehnten die Antisemiten an den Ketten, mit denen das Christentum unlösbar an das Judentum gebunden ist. Die stärkste Mauer, die ihnen dabei im Wege steht, ist unser Dekalog. Die blödesten und hämischsten „Kommentare" widmeten sieden verhaßten jüdischen Zehn-Geboten. Am liebsten möchten sie dieselben gänzlich aus dem Katechismus und christlichen Religionsunterrichte verbannen. Da dies jedoch nicht gut möglich ist, beschränken sie sich auf ihre dummdreistesten Verunglimpfungen. Es ist auch bekannt, daß sie Schulbehörden dahin beeinflußt haben, dafür zu sorgen, daß im Katechismus-Unterrichte dem Dekalog nicht allzuviel Raum gewidmet werde gegenüber dem neueil Testamente. Wiederholt haben christlichgläubige Kreise das gefährliche Treiben richtig eingeschätzt und ihr ernstes Veto dagegen eingelegt. In besonders erfreulicher Art tut dies der Würzburger Bischof Dr. Matthias Ehrenfried in seinem soeben erschienenen Fastenhirtenbrief. Dort heißt es u. a.: „Den Höhepunkt unserer sittlichen Rot sehe ich darin, daß man sogar grundsätzlich gegen das Zehngebotegesetz aus Sinai anstürmt. Die einen halten diese Gebote für veraltet: andere sagen, sie seien alttestamentlich und nur für die Juden bestimmt. Sie entsprächen nicht mehr der Eigenart und Bildungshöhe unserer Rasse. Es ist leicht einzusehen, daß diese sittlichen Verirrungen zu einem Neuheidentum führen. Alles verklärend offenbart sich unser Heiland als Nothelfer durch sein unablässiges grundsätzliches Eintreten für das Zehngebotegesetz. Wohl wurde dieses Gesetz zunächst dem auserwählten Volke auf dem Berge Sinai gegeben. Aber es war von einer Einzelbestimmung des Sabbats abgesehen, ein allgemein gültiges Gesetz . . Soweit der Bischof. Natürlich setzt er sich durch diesen Passus in seinem Fastenhirtenbrief bei den Nationalsozialisten arg in die Nesseln. Vielleicht aber spinnt er den aufgegriffenen Gedanken konsequent weiter und zeigt der Welt das unsagbar Rohe, Kulturwidrige, Unchristliche und Schandvolle, das in dem Kampfrufe „Deutschland erwache, Juda verrecke" liegt. Es ist Deutschlands Schmach, daß dieses Wort bereits sozusagen „salonfähig" geworden und offen in akademischen Hörsälen erklingt. Und gerade diese Rufer nennen sich stets christlich deutsche Männer und Vertreter der deutschen Rasse. Ihnen kann das Lesen des obigen Fastenhirtenbriefes nur dringend empfohlen werden. ANNONCEN-BÜRO JULIUS SCHMIDT FRANKFURT A. M. JETZT OSTENDSTR. 83 Die reine Freude. Ein Kind freut sich mit dem Geschenk des Augenblicks. Ein Stückchen buntes Papier oder an der Wand spielende Sonnenstrahlen genügen, damit es in Jubel ausbreche und sich wunschlos befriedigt fühle. Man sagt, auch Völker in ihrer Jugendzeit können sich natürlich naiv freuen, denn ihr Denken ist noch einfach, einschichtig, ohne Reflexionen. Doch Nachdenklichkeit belaste die Seele aller Völker und lasse keine Freude restlos genießen. Derartige allgemeine Behauptungen stimmen nur bedingt. Ueberall gibt es Menschen, die die Freude mit offenen Armen empfangen und sie sich weder durch das Gestern noch durch das Morgen trüben lassen ... Das klingt bisher nach einer wissenschaftlichen Abhandlung. Da aber ein Feuilleton über eine Simchath- Thora-Feier gebracht werden soll, seien die Reflexionen der Einleitung hier im Beginn der Einleitung abgebrochen ... Es war am letzten Simchath-Thora in Tel-Awiw, der neujüdischen Stadt, in der es aber auch noch altjüdische Menschen gibt. In 65 Synagogen wurde mit der Thora und um die Thora herum getanzt. Man soll jedoch nur auf einer Hochzeit tanzen, und so blieb ich in meiner Schul'. Meine Schul' ist eine Handwerkerschul', darum muß man Sommer und Winter des Morgens schon um fünf Uhr sich zum Minjan einfinden. Es gehen natürlich auch etliche andere Leute als Handwerker hin . . . Ein aufmerksamer Beobachter erblickt im Kreise dieser einfachen Leute mancherlei Bedeutsames. Vor allen Dingen haben sie eine solche Freude an ihrer Schul', daß sie, die meist in materieller Enge leben, ständig Opfer für sie bringen. Cs kann ihnen niemand Verpflichtungen auferlegen: was sie geben, ist vollständig freiwillig, — es ist eben dennoch so viel, daß sie neben den laufenden Ausgaben die Schul' von Jahr zu Jahr verschönern, Ihr letzter neuer Schmuck ist ein großer Bücherschrank mit Inhalt: Siddurim, Tenachs, Mischnajoth. Aber ein Schaß fehlte. Also trieb man das Geld auf und kaufte ein Schaß.- Der Einzug einer solchen Kostbarkeit muß aber gefeiert werden. Schnell war ein Tisch gedeckt, und „Leckech" und „Branntwein" boten sich den Gästen dar. Drei Gläser standen freilich nur etlichen Dutzend Gästen bereit, doch diese Menschen sind noch nicht von der Aengstlichkeit der Hygiene infiziert . . . Simchath-Thora, welche fteudige Erregung der ganzen Khillah bis hinab zu den dreijährigen und zweijährigen Kleinen! Die Gesellschaft der Kleinen beherrscht die Synagoge, denn bei den hiesigen Eltern ist das-Zweikinder-System noch unbekannt. Ich habe mein Lebtag noch nicht so viele Kinderwagen und in diesen so viele Zwillinge gesehen wie hier in Tel-Awiw. Einer meiner. Bekannten wurden in vier Jahren mit fünf Kindern ge- ' segnet. Ich erinnere mich noch an die ethische Anschauungsweise in meinem sozial vorbildlichen Frankfurt, die Kindersegen bei Armen als ein Verbrechen und bei gering Begüterten als einen Leichtsinn ansah. Es waren dies Führer in der jüdischen Gesellschaft mit großem Bankguthaben und kleiner Kinderzahl, die so dachten. Doch wir sind in der Schul', — und da soll man von dem sprechen, was dort vorgeht. Das übliche Abendgebet wurde trotz seiner Jomtow-Melodien — Jomtow-Einschaltungen (Piutim) gibt es in Erez-Jsrael nicht — schneller als sonst gesagt. Die Kinder mit ihren flatternden Fähnchen und ihren noch nicht an Disziplin gewöhnten Zungen, Händen und Füßen trieben zur Hauptaktion des Abends vorwärts. Dann begann „Atta Horeita" in der Weise, daß allmählich alle anwesenden Männer mit Namen aufgerufen wurden, um einen Vers vor dem Vorbeterpult zu rezitieren. Der Text wurde so oft als nötig wiederholt. Die Thorarollen wurden ausgehoben und die „Hakafoth" begannen. Nach jeder Umkreisung wurde um die Thora getanzt und ein Gesang — z. B. Wetaher Libeinu — angestimmt. Auch hier dauerte es lange, bis sämtliche anwesenden Männer in Aktion getreten waren. Der gleiche Vorgang wiederholte sich am anderen Morgen, nur, daß dann noch in einem Nachbarhause die Thoravorlesung stattfand, da sie sonst gar zu lange gedauert hätte. Durste doch niemand vergessen werden! Ueberdies die vielen Mischaberachs! Abends und morgens hatten die Veranstaltungen gewissermaßen einen offiziellen Charakter getragen. Das bedeutete immerhin manche Einengung. Aber man möchte die Thora auch mit Musik und Wein feiern, mit Musik, die das Frohsein der Sinne beflügelt, mit Wein, der das Herz erfreut. Auch engen die Bänke und Pulte die Frohheit der Glieder ein. Also nimmt man noch den Abend nach Simchath- Thora zu Simchath-Thora hinzu, stellt Bänke und Pulte die Wände entlang und holt eine Musikkapelle herbei. Sind's auch nur ein Geiger, ein Trompeter und ein Pauker, — so ist's doch Musik. Wieder finden sich als Zuschauer die Kinder bis zum kleinsten Hosenmatz und die Frauen bis zur ältesten Großmutter ein. Wieder werden die Männer bis zum jüngsten Barmizwoh zu „Atta Horeita" und zu den „Hakafoth" aufgerufen. Doch jetzt beschwingt die Musik den Rhythmus und gibt die Weite des Raumes Ausdehnung. Nachher aber werden Wein und Kuchen in Fülle ausgetragen, — und alles war bei Musik und Gesang in einer Hochstimmung der Freude, als ob nie die Sorge des grauen Alltags folgen werde. Hier war die Mizwah „Ihr sollt euch freuen an euren Festen" erfüllt worden. Diese Freude aber ist die reine Freude. S. G. (Der Krieg in China und die Juden.) Unter der Beschießung der Stadt Shanghai durch die Japaner, die zahlreiche Opfer unter der chinesischen Bevölkerung der Stadt gefordert hat, hat die jüdische Bevölkerung bisher n i ch t zu leiden gehabt.. Jüdische Tote gab es bisher nicht, auch haben Juden keinen Vermögensschaden erlitten. Zahlreiche jüdische Einwohner von Shanghai sind in das Freiwillig enkorps zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Stadt eingetreten. In Shanghai existiert eine zahlreiche jüdische Bevölkerung, die sich aus verschiedenen Gruppen, den indischen Juden, den sogenannten Bagdad-Juden, den aus England und den westeuropäischen Ländern und den aus Rußland eingewanderten Juden zusammensetzt. Wie aus Anlaß der Bedrohung Shanghais i. I. 1927 wurde auch jetzt eine britische Militärmacht in Shanghai zum Schutze von Leben und Eigentum englischer Untertanen eingesetzt. Als Generalmajor Sir John Duncan, der Befehlshaber der englischen Verteidigungstruppe i. I. 1927, im Januar 1928 nach London zurückgekehrt war, sandte er an die in Shanghai erscheinende jüdische Zeitung „Israels Messenger" eine Botschaft, in der er der jüdischen Gemeinde in Shanghai den Dank dafür ausspricht, daß sie ihn in der Aufrechterhaltung der Ordnung so wesentlich unterstützt hat, und ihr die besten Wünsche für die Zukunft zum Ausdruck bringt. Auch Chardin, das gegenwärtig im Mittelpunkt chinesisch-japanischer Kämpfe steht, besitzt eine große jüdische Gemeinde. Ueber die jüdischen Siedlungen in China in der neuesten Zeit ist mitzuteilen: Um die Mitte des 19. Jahrhunderts bildete sich eine jüdische Niederlassung in Shanghai. Es waren zuerst Juden aus Indien, später kamen auch europäische Juden dorthin. An der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts setzten sich Juden in Charbin, in der Mandschurei, fest. Nach dem Weltkriege wurde Charbin, wo zahlreiche Juden aus Rußland und Sibirien Zuflucht fanden, zum größten jüdischen Zentrum in China. Von dort aus verbreiteten sie sich auch nach anderen Städten der Mandschurei, und zwar nach Chailar, Tsitsikar, Mukden und D a i reu (russ. Dalni, nördlich von Port Arthur), ferner nach Tientsin, Han - kou. Eine kleine Gemeinde besteht auch in Hong-Kong. Die jüdische Bevölkerung in Shanghai nahm ebenfalls im 20. Jahrhundert an Zahl zu. Im Jahre 1921 wurde die gesamte jüdische Bevölkerung in China (außer den alteingesessenen in Kai-fung-fu) auf 12.000 Personen geschätzt. Nach privaten Schätzungen betrug die Zahl der Juden in der Provinz Mandschurei i. I. 19.29 etwa 16.000, wovon ca. 13.000 auf Charbin entfielen. Die in der nördlichen Mandschurei lebenden Juden sind größtenteils russische Staatsangehörige. (ITA.).

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