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Der Israelit · 1932-02-11 · Heft 7 (11.2.1932) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 7 (11.2.1932)
Date
1932-02-11
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
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nr.7 Schuld und Sühue. Von Binjamin Segel f. A. (Fortsetzung.) Das also war es! So war er ein anderer geworden. Ein Abgrund gähnte zwischen ihm und seiner Vergangenheit. Noch war keine Stunde verstrichen, und doch schien es ihm, als läge eine Ewigkeit dazwischen. Die letzten beiden Wochen hatte er in unaufhörlicher, fieberhafter Aufregung durchlebt. Er kam aus dem Taumel gar nicht heraus. Von allen Seiten stürmte es auf ihn ein. Die besten Freunde, alle, mit denen ihn langjähriges, vereintes Leben und Schaffen verband, ja, die eigene Frau — alle hatten sich verschworen, seinen Widerstand zu brechen. Und es gab ein unaufhörliches Flüstern und Raunen, damit die alte, blinde Mutter in ihrem Lehnstuhl' an der Ecke ja nichts gewahr werde. Stück für Stück fühlte er seine Kräfte dahinschwinden unter dem allseitigen Drängen, bis seine Spannkraft gebrochen war und er alles mit sich geschehen ließ. Und nun war alles vorüber, und ihn überkam die Empfindung, als hätte sich jählings hinter ihm ein Tor geschlossen oder ein unübersteigbares Gebirge aufgetürmt. Zuweilen erfaßte ihn eine Art Schwindel, wie einen, der plötzlich von einer Höhe herabstürzt und unwiderstehlich niedergerissen wird, unrettbar, von einer unsichtbaren Macht. Es gab keine Rückkehr. Ein heißer Schmerz wogte in ihm auf und überflutete wie eine Welle sein Herz, stieg ihm sengend zu Kopfe und ergoß sich dann in glühender Röte über sein Antlitz. Die Sohlen brannten unter seinen Füßen, und er fühlte wieder seine Brust wie mit eisernen Klammern gepreßt. Jetzt peinigte ihn die tiefe Stille, in der er das Hämmern feines Herzens und seiner Schläfen vernahm. Lärm, Getöse, das Getümmel des Lebens, das war es, wonach er in diesem Augenblick heftiges Verlangen trug. Er begann im Gehen mit schweren Schritten den Boden zu stampfen, sein Brust rang nach Atem, und die Hände streckten sich ins Leere, gleichsam nach einer Stütze suchend. Aber lautlos still blieb alles ringsum, nur im Westen verglühte die Sonne in einem Feuermeer, und vom Himmel herab senkten sich dunkle Schatten auf die Erde. Die Natur schien einguschlummern, zu versinken, und er blieb allein zurück mit seiner Pein. Wie von Furien gehetzt, bog er in einen Seitenweg und stürmte querfeldein. An einer Quelle hockte er nieder, schöpfte seine Hand voll Wassers und benetzte Stirn und Schläfen. Das kühlende Naß tat ihm wohl, und ein schwerer Seufzer hob seine Brust. Dann richtete er sich mühsam auf. Etwas wie Besänftigung überkam ihn. Er hob den Kopf und blickte sich um. Die Abendschatten waren über die ganze Erde gelagert. Im Westen, abseits von der untergehenden Sonne, Zeigte sich eine emporziehende Wolke, deren oberer Saum wie flüssiges Gold erglänzte: im Innern war sie violett, mit einem düsteren Schimmer umwoben und schien ein Ungewitter zu verkünden. Die Wolke stieg zusehends höher, und bald umlagerte sie dräuend den ganzen südlichen Horizont. Pechschwarze Finsternis ging von ihr aus und kämpfe mit dem Rest des Sonnenglanzes, der langsam, wie zögernd, zurückwich. Es war schwül, ein drückender Hauch ging durch die Luft. Die Blätter im Gebüsch, die Grashalme am Wiesenrand bückten sich wie unter einer schweren Last. Des Wanderers Atem stockte. Die gepreßte Stimmung in der Natur teilte sich auch ihm mit, und er fühlte von neuem jene heiße Welle in seinem Herzen aussteigen und sein Gehirn belasten. Er bemühte sich, die chaotischen Gedanken festzuhalten und zu ordnen, aber sie flatterten auseinander, wie eine aufgescheuchte Vogelschar. Plötzlich warf er sich zu Boden, riß seine Kleider auf, drückte die entblößte Brust gegen das kühle Gras und grub sich mit den Fingern krampfhaft in das weiche Erdreich . Ein konvulsivisches Zucken ging durch seinen ganzen Körper. Er stöhnte auf; ein inneres Schluchzen wie das Röcheln eines zu Tode Gewürgten. Dann kamen die Tränen und flössen reichlich und lindernd aus feinen Augen . . . Er wurde ruhiger, legte sich auf den Rücken und begann in den Himmel zu starren, wo die Wolken sich dicht und dichter zusammenballten. Ein Augenblick aus dem vergangenen Leben tauchte in seiner Erinnerung auf. Es war lange, sehr lange her. Damals lag er auch so gegen Abend, vielleitch an derselben Stelle, den Blick nach oben gerichtet. Tags darauf sollte er zum ersten Male das Katheder besteigen. Nach langem, hartem Kampfe war es ihm gelungen, den so viele Jahre verkannten, fast vergessenen Nationaldichter aufs Schild zu heben und ihm gebührenden Ruhm zu erzwingen. Wie hoch schlug ihm das Herz, da er vor die Jugend.hintreten sollte als Interpret des großen Mannes, um ihr die vaterländischen Geisteshelden in einem neuen Lichte zu zeigen. Das war ein Erfolg, der die langjährige, aufreibende Arbeit reichlich lohnte.! Glückliche Jahre folgten, Jahre gesegneter, fruchtbarer Tätigkeit, in denen er wissenschaftlichen j Forschungen neue Pfade wies, die Literaturkenntnis mehrte und reiche Schätze zutage förderte. Er lebte zurückgezogen, wunschlos, einzig der Wissenschaft und der Liebe zu seiner Mutter. Bedürfnislos wie er war, genügte ihm der spärliche Ertrag seiner Bücher vollkommen. Kein Mißton trübte sein stilles Glück. Die Tage und die Jahre flössen dahin, äußerlich eintönig, aber innerlich abwechslungsreich. Bis er etwas unsanft aufgerüttelt wurde. Er hatte soeben ein neues Werk veröffentlicht, das großes Aufsehen erregte. Namentlich von einem der Kritiker wurde er rückhaltlos mit Lob überschüttet. „Aber" — so schloß der gelehrte Professor seine Rezension — „wie schade, daß unsere eigenen Forscher es einem Juden überlassen, die wichtigsten Momente unserer Geistesgeschichte zu behandeln." Zum ersten Mal drang das Wort „Jude" wie schriller Mißton zu seinen Ohren. Jude also? Jude? Daran hatte er gar nicht gedacht. Seine Erziehung seit dem Knabenalter, sein ganzer Bildungsgang hatten ihn immer mehr von den Glaubensgenossen entfernt, mit denen er wenig verkehrte, Weniges gemeinsam hatte, ja, deren Sprache er nicht recht verstand. Aber jenes Wort feines Kritikers rief eine Menge von Jugenderinnerungen in ihm wach. Er sah sich wieder im „Cheder", wo ihm das hebräische Alphabet eingebläut wurde, hörte sich im G'tteshause mit anderen Kindern nach jedem Gebete mit lauter Stimme „Amen" rufen und sah sich die kleinen Hände ausstrecken, um die Thorarolle zu berühren und die Fingerspitzen zu küssen. Alle diese Bilder aus vergangenen Tagen zogen an seiner Seele vorüber, und erfüllten ihn mit einem wonnigen Wehegefühl, das uns jedesmal beschleicht, wenn wir der unwiderbringlichen Kinderjahre gedenken. Er schämte sich, so ganz seinem Stamme entfremdet zu sein, begann, seinen Glaubensgenossen sich zu nähern und die Fäden wieder anzuknüpfen, die ihn mit denselben verbanden. Er las die ihm zugänglichen Werke über die Geschichte des Judetnums, und als seine Mutter erblindete, begann er von neuem die krausen hebräischen Lettern zu lernen, um ihr in seinen Mußestunden aus frommen Büchern vorlesen zu können. Von da ab wurde ihm das Judentum teuer, er liebte es, ohne es zu kennen, wie einen Schatz, der uns von den Vätern überkommen ist und den wir nicht zu öffnen wagen, um seinen Inhalt zu sehen. Wie er so dalag. kamen ihm alle diese Erinnerungen und trugen ihn in jene Zeiten zurück, da er noch ein ganzer Mensch war voll ungebrochener Kraft, einig mit sich selbst, seiner Ziele und Wege bewußt. Da kam die Liebe und packte ihn mit elementarer Gewalt. Ein ungekannter Sturm wühlte sein Inneres auf, und die Ruhe war dahin. Die lange zurückgehaltene Stimme des Herzens erwachte und forderte laut und ungestüm ihre Rechte. Endlich führte er die heiß Umworbene als Gattin heim, und seine Freude kannte keine Grenzen. Aber das Glück war von kurzer Dauer. Das sanftblickende Mädchen entpuppte sich als herrschsüchtiges, ehrgeiziges Weib, in dessen Händen der Mann ein Werkzeug zur Verwirklichung ihrer hochfliegenden Pläne sein sollte. Noch blieb ihm seine Wissenschaft als letzte Zufluchtsstätte, wo er Balsam für seine Wunden fand, aber sein Weib verfolgte ihn bis in diesen letzten Schlupfwinkel. Hatte sie darum einen Gelehrten geheiratet? Sollte sie ewig als die Gattin eines honorarlosen Privatdozenten ein kümmerliches Dasein führen, während andere sich in rauschende Seide kleideten, keine Premiere verfehlten? Nein! Frau Professorin mußte sie werden — koste es was es wolle. Und sie bot alle ihre Schlauheit auf, um, wie sie sich ausdrückte, ihren Mann emporzubringen: sie hatte ein ganzes Arsenal von Ränken zur Verfügung, mit welchen sie den schüchternen, unerfahrenen Forscher verstrickte, so daß er bald keinen Ausweg sah. Er mußte mit dem tiefsten Widerwillen im Herzen bei einflußreichen Persönlichkeiten antichambrieren und sich dazu erniedrigen, seine Verdienste ins Feld zu führen. Sie vergiftete feine Lebensruhe mit ihrem Neid und wußte ihn stets von neuem anzustacheln, indem sie ihm das Gespenst der Armut an die Wand malte. Aber alle Bemühungen waren vergebens. Seine Kollegen rückten vor, erklommen die höchsten Stufen akademischer Würden, nur er allein blieb unten stehen als „ewiger Privatdozent". Er litt unsäglich in der Hölle, die ihm die Frau zuhause bereitete; sie vergällte ihm das Dasein mit tausend kleinen Nadelstichen, gegen welche der Mann wehrlos ist. Bald begann sie den Wert seiner Lebensarbeit in Zweifel zu ziehen, und ihr ewiges Naserümpfen über seine Lehrtätigkeit machte ihn schier selber wankend. Immer wieder begann er seine Anstrengungen, um stets einen neuen Mißerfolg einzuheimsen. Endlich gingen ihm die Augen auf, daß sein Bekenntnis das einzige Hindernis bildete. Um den Preis eines Religionswechsels wolle man ihm gerne alle Tore öffnen. „Sie begreifen, werter Herr Kollege . . . Bei den heutigen Strömungen . . . hm. . . Katheder für Nationalliteratur . . . unmöglich . . . das wäre ja unerhört . . so was . . hm . . kann nichts helfen . . ." sagte ihm einmal der ewig liebenswürd'ge Präsident der Akademie, zugleich allgewaltiger Lenker des Unterrichtswesens. „Wenn Sie indessen . . . hm . . . wollten ... so hm . . . verstehen Sie ..." — schloß er, ohne seinen Besucher anzusehen. „Niemals!",'gab dieser zur Antwort und nahm den Hut. — „Üeberlegen Sie sich die Sache, werter Herr Kollege!" rief jener nach, „wir sprechen noch davon!" Er lief wie wahnsinnig nach Hause und schloß sich in sein Zimmer ein. Bei der Erinnerung an diesen Vorfall svrang er ietzt jäh vom Boden auf, wie von einer Natter gestochen. Ein Augenblick des Vergeffens überkam ihn, und er wollte nach Hause eilen, zu den Füßen der Mutter niederknieen und den Kopf in ihren Schoß betten. Das tat so wohl, wenn sie mit ihrer Blindenhand ihm über Gesicht und Stirn fuhr,.alle Sorge und Qual war weggewischt, wie ein Hauch. Jetzt zog es ihn zu ihr, und das Herz schmolz in seiner Brust. Schon lenkte er

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