Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 7 (11.2.1932)
- Date
- 1932-02-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Organ des Sundes grsetzestreuer jüdischer Kehrer Deulschlands. Berantwörtliche Schriftleitung: L. Kaufmann, Sprendlingen lKrets Offenbacd). Vom Musikunterricht in jüdischen Schulen. Von A. Kösterich in Frankfurt a. M. Die Zeit liegt noch nicht weit zurück, da der Singunterricht eine Aschenbrödelstellung unter den Unterrichtsfächern einnahm. Die Schule, die Elten: und demzufolge das Kind, standen dem Singunterricht meist mit einer unbegründeten Gleichgültigkeit gegenüber. Trotzdem die „Arbeitsschule" darin Wandel geschaffen hat — das Unterrichtsfach „Singen" mutzte dem Unterrichtsfach „Musil" Platz machen — gilt heute noch bei dem größten Teil der Eltern und Kinder dieses Fach — gelinde gesagt — als „nicht so wichtig." Gewiß, das eintönige Vor- und Nachstngen der früheren Unterrichtsmethode, konnte keine Freude zur Musik wecken. — der modern eingestellte Musiklehrer kann und wird mehr Interesse für den Singunterricht schaffen — aber ebenso gewiß steht fest, daß wir gerade in diesem Fache nie etwas Vollkommenes erreichen, wenn nicht das Haus, wenn nicht die meisten Eltern ihre Einstellung zum Musikunterricht grundsätzlich ändern. Wenn dem allgemeinen Singunterricht in jeder Schule wenig Interesse entgegengebracht wurde, dem Choralsingen, dem Singen von kirchlichen Liedern, wurde zumindest in rein konfessionellen Schulen eine höhere Aufmerksamkeit zuteil. Was aber wurde bis jetzt von unseren jüdischen Schulen für unsere „jüdische Musik" -— (Liturgie. das jüdische Volkslied; Geschichte der jüdischen Musik usw.) getan? Bis auf die jüngste Zeit gar nichts und jetzt wenig. Man hält große Reden: „Wie erwecken wir bei der Jugend Freude am Judentum?" — „Wie schaffen wir Interesse zur Teilnahme am G'ttesdienst des. bei der Jugend?" Man vergißt bei der Beantwortung dieser Fragen aber stets, daß wir auch eine jüdische Musik haben — eine alte und eine moderne — und daß Musik ein Faktor ist, der Freude schafft oder zumindest schaffen kann. Besuchen Sie einmal unsere jüdischen Feiern — sei es eine /Schulfeier, sei es ein „Sijum", eine Hochzeit oder was sonst. Echte deutsche Lieder hören Sie oft und in Zahl — echte jüdische Lieder kaum; am allerwenigsten vom Volk. Bei uns singt das Volk nicht. (Ich sage mit Absicht „bei uns", denn ich denke hier an den Ostjuden und vor allen an die „Chassidim". wo das „Volk" wohl singt.) Bei unseren Feiern singt der „Chasson" oder der „Chor", aber das Volk nicht. — Bei dieser Gelegenheit muß ich sagen, daß ich den Synagogenchor weder für einen Segen für unseren G'ttesdienst, noch für einen Segen für unsere jüdische Musik halte, eben weil dadurch das Volk nicht fingt. (Zu dieser Ansicht führen mich noch andere Gründe, die ich in diesem Nahmen nicht besprechen kann.) Wir müssen unserer jüdischen Musik mehr Interesse entgegenbringen — und das kann nur von der Pike auf, in der Schule, mit Unterstützung der Eltern und mit Unterstützung des jüdischen Hauses, geschehen. Seien Sie versichert: letzten Endes wird es unserem Judentum, zumindest unserem G'ttesdienst und unserem jüdischen Familienleben zugute kommen. Nörgler werden natürlich sofort einwenden: Wo wird : man in der Schule die Zeit hernehmen, will man nicht wertvolle, kostbare Zeit des Religionsunterrichtes opfern. In folgendem will ich versuchen, zu zeigen, wie man im Religionsunterricht, im Musikunterricht, ja sogar in den übrigen Schulfächern jüdische Musik singen und pflegen kann, ohne Zeit zu vergeuden. Diese Arbeit kann natürlichem diesem Rahmen nur ' Anregungen geben und keine Ausführlichkeit beanspruche^. Nach Zweckmätzigkeitsgründen eingekeilt, will ich dabei sukzessiv folgende Gebiete besprechen: 1. Häusliche Gesänge. 2. Synagogale Gesänge. 3. Chor- und Sologesänge für Festlichkeiten und drgl. 4. „Neginaus" und „Lai'nmotive". 5. Das „moderne" jüdische Lied und Volkslied. 6. Musikgeschichte. Zu häuslichen Gesängen zähle ich etwa: /irv»r /*r»s tiy» aa^s? «^-nnn mnm-Gesänge usw. Davon . kann ich natürlich nur eines herausgreifen und besprechen: — rni'vi Um ja keine besondere Zeit dafür zu verwenden, kann man das in den untersten! Schuljahren dem hebräischen Leseunterricht eingliedern. Gelesen muß ja doch werden. Ziel ist: Geläufiges und sinn,- gemäßes Lesen. Ich halte das nicht für vergeudete Zeit, wenn der Stoff dabei einmal: r-iwm heißt. Wenn die Kinder etwa: nr or> gut lesen können, kann man einmal die meist verbreitete Melodie davon singen lassen. Ein Kind wird von zu Hause eine andere Melodie kennen — oder man übt mit den Kindern eine neue Melodie. Zumindest trägt das zur Belebung, des an und für sich trockenen Leseunterrichts bei; die Kinder singen zu Hause mit und beleben nicht nur das ".iii'M-Singen" durch neue Melodien, sondern regen auch Familien, die vieleicht aus „Unmusikalität" der Eltern oder aus sonstigen Gründen nie rwaf singen, an, dem Kjnde zu singen, an, dem Kinde zu liebe, wohl zu singen. Grund genug, nach meiner Meinung, diese Zeit nicht als eine! vergeudete anzusehen. In den oberen Klassen fordert der allgemeine Musikunterricht u. a.: Absingen leichter Melodien, Niederschreiben vorgesungener Melodien, Selbstsinden von Melodien usw. Kann der jüdische Singlehrer da nicht auch einmal zu einer ri-rat eine Melodie finden lassen, oder eine bekannte Melodie als Notendiktat niederschreiben lassen? Zu 2.: Synagogale Gesänge: Im selben Rahmen und bei anderen Gelegenheiten kann der Lehrer (es mutz durchaus nicht der Singlehrer sein) synagogale Gesänge behandeln. Dabei gibt vor allem das Uebersetzeu der rb'sn unendliche Anregung und unbegrenzten Stofs. Ganz abgesehen von Melodien, die dabei gelernt oder repetiert werden, werden „Minhogim" von selbst durch die Kinder bei dieser Gelegenheit erfragt und besprochen, (örtliche, deutsche, polnische und sephardische „Minhogim") es werden in diesem Zusammenhang geschichtliche Entwicklungen der Gebete, ihre Melodien und ihre örtlichen Abweichungen berührt werden. Der Unterricht wird dadurch und gerade damit eine starky Belebung erfahren, die Kinder werden dem G'ttesdienst mit größerem Jntetesse folgen, weil sie ja Melodien hören, die sie in der Schule gelernt haben, weil sie Gebete und „Minhogim" interessieren, über die sie eingehend gesprochen und vielleicht diskutiert haben. Ja, manche Melodien werden zum gefühlsmäßigen Verstehen einzelner Gebete beitragen und der Schüler wird durch die enge Verquickung der Melodie mit dein Text, die ihm durch den Unterricht erst verständlich und bewußt wurde, zu weit höherer Andacht anregt. (Beispiele hiefür zu nennen ist deshalb nicht leicht möglich, weil die Melodien zu sehr zwischen einem Ort und dem anderen, ja oft zwischen einer Synagoge und der anderen, abweichen.) Zu 3.: Was ich unter jüdischen Festlichkeiten verstehe, habe ich anfangs bereits erwähnt. Dazu rechne ich z. B. auch eine Feier eeiner jüdischen Schule. An den meisten jüdischen Schulen kann man da: „Die Himmel rühmen..." Holder Frieden..." oder dergl. hören, aber ja keinen hebräischen Chor. Ich will nicht damit sagen, daß ich nicht einen schön gesungenen deutschen Chor liebe, oder daß ich deutsche Chöre aus unseren Feiern verbannen möchte. Es gibt aber.auch wunderschöne synagogale Chorgesänge, die in der Melodie- und Stimmführung n. m. A. nicht in den ernsten Rahmen des G'ttesdienstes, aber sehr wohl für eine jüdische Feier passen. In der Synagoge hört man sie oft, auf Feiern vermißt man sie. Es gibt heute aber auch gute jüdische Chöre mit allgemeinem Text. (Ich nenne hier z. B. die Chorsammlung von Jdelsohn) Für Kinder gibt es zudem sehr schöne jüdische Liedersämmlüngen, zwar nicht für > Chor, aber auch dazu läßt sich leicht eine zweite Stimme setzten — insofern sie einstimmig nicht besser klingen. Zu 5.: } Ich nenne da z. B. das heb/. Liederbuch nimn» von a'22'p Diese ■ Lieder haben sich in den letzten Jahren an modern geleiteten Schulen vielfach durchgesetzt. Zumindest kann ich von unserer Schule behaupten, daß diese Lieder sehr gepflegt werden. Das oben erwähnte Liederbuch erfreut durch frische . Texte und lebendige Stimmführung. Vom. Kindergarten p angefangen, bis zu den obersten Klassen der Schulen, bringt dieses Liederbuch Lieder für alle Jahreszeiten, insbesondere für alle Ereignisse des jüdischen Kalenderjahres. Die Kinder singen die Lieder, die ich in jeder Hinsicht für äußerst wertvoll halte, mit Begeisterung. Diese Lieder erwecken durch ihre lebendigen und frischen Melodien Freude zur Musik, sie erweitern den hebräischen Vokabelschatz, verliefen und vervollkommen die Sprachfertigkeit und lassen innerhalb des Musikunterrichts alle Hebungen rhythmischer, melodischer und dynamischer Art, wie jedes andere Lied zu. Ich bin überzeugt, daß jeder Lehrer, der diese Lieder einmal singen ließ, Freude für diese Lieder bei seinen Schülern weckt. Zu 4.: . Für den Unterricht vorteilhaft halte ich auch das Erlernen der „Neginoth" der „Sidroh", der „Haftarah und der „Megiloth". Wir erstreben heute in der Schule, im Gegensatz zur früheren schematischen Uebersetzungsmethvde, das Lesen und Verstehen des Das Kind soll soweit gefördert werden, einen Vers des mit Verständnis zu lesen. Ohne Zweifel würde die Kenntnis der „Neginüth" dabei stark unterstützt, sowohl im Zusammenlesen und Absetzen der inhaltlich zusammengehörenden Worte, als auch zur richtigen Betonung des einzelnen Wortes. Wie oft läßt sich unter Berücksichtigung der „Neginoth" eine Stelle in der „Thora" verstehen. Und glauben Sie nicht, daß ein Kind dem „Lainen" in der Synagoge mit größerem Interesse folgt, wenn es die „Neginoth" kennt? Die Zeit, die zum Erlernen der „Neginoth" verwandt wird, dürfte'nicht so groß sein, als daß sie nicht durch die Vorteile, die dabei herauskommen, gerechtfertigt würde. Zu 6.: Was man an jüdischer Musikgeschichte (innerhalb des Musikunterrichtes oder Geschichtsunterrichtes) in oberen Klassen treiben kann, läßt sich hier nur in einzelnen Themen angeben. Ich denke da etwa an: „Wo finden sich in der Thora Stellen Anfänge von Musik und Musikinstrumenten?" — „Die Musikinstrumente die ~|"3i—» kennt." — „Tempelmusik" — „Synagogale Musik des Mittelalters" — „Die Piutim und ihre Melodien" usw. Zum Schlüsse will ich betonen, daß das von mir Geforderte in seiner Ausführlichkeit sich nur an rein jüdischen Schulen durchführen läßt, (ob Volksschule oder höhere Schule spielt dabei keine Rolle) Aber auch die Neligionsschule der Städte und selbst der Dörfer können d'as eine oder andere davon verwerten. Mein Vorwurf, daß wir unserer „jüdischen Musik" zu wenig Beachtung schenken, trifft alle Schulgatlungen — trifft aber auch das Elternhaus. Ich wollte mit meinen Ausführungen das Augenmerk der Schule und Eltern etwas mehr auf das Gebiet lenken, das bis jetzt ziemliich vernachlässigt wurde. Daß meine Forderungen eine, wenn auch noch so geringe Berechtigung haben, hoffe ich nachgewiesen zu haben. Mehr wollte ich nicht. In welche Schule schicken wir unser Kind? Die hartnäckigste Krankheit ist die eingebildete, denn die Gesundheit wird niemals anerkannt. Wo die Lösung verdunkelt scheint, leuchtet das heute so gern gesehene Problem hervor. In der letzten Nummer der Pädagogischen Beilage behandelte Kollege V. Großmann in Köln das Thema „zur Frage der Umschulungsberatung". Diese Ausführung