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Der Israelit · 1932-02-11 · Heft 7 (11.2.1932) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 7 (11.2.1932)
Date
1932-02-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 7 Der Israelit 11. Februar 1932 Schächtverbot verfassungswidrig. Berlin, 1. Febr. In Neubrandenburg wurde kürzlich ein von den Nationalsozialisten beantragtes Verbot des „tierquälerischen" Schächtens von den Stadtverordneten angenommen. Die Mehrheit der Stadtverordneten hatte nationalsozialistischer Darstellungsart Glauben geschenkt und, einseitig orientiert, dem Antrag die Zustimmung erteilt. Ein Vertreter der Reichszentrale für Schächtangelegenheiten hat inzwischen Gelegenheit genommen, auf die gutachtlichen Erklärungen europäischer Kapazitäten der Tier und Hirnphysiologie sowie der obersten Veterinärbehörde des Deutschen Reiches, der Veterinärabteilung des Reichsgesundheitsamtes, hinzuweisen, daß im Schächtakt keinerlei Tierquälerei erblickt werden kann, ja sogar der Schächtschnitt selbst betäubende Wirkung ausübt. Wie wir nunmehr von der Reichszentrale für Schächtangelegenheiten erfahren, hat die zuständige Regierung von Mecklenburg-Strelitz das Neubrandenburger Schächtverbot als unzulässig bezeichnet und in einem Ministerialerlaß erklärt, daß ein solches Artikel 135 der Reichsoerfassung widersprechen würde.. Eine neue Serie von Ariedhofsschändungen. Berlin, 1. Febr. In der letzten Zeit kamen in verschiedenen Teilen Deutschlands wiederum Schändungen jüdischer Friedhöfe vor. In R i b n i tz in Mecklenburg wurde der jüdische Friedhof verwüstet und beschmutzt. Ganze Reihen von Grabsteinen wurden mit Hakenkreuzen und Hetzsprüchen, wie „Juda verrecke", sowie den Zeichen der nationalsozialistischen S. A. beschmiert. Der Friedhof wurde außerdem in nicht wiederzugebender Weise besudelt. Als Täter wurden zwei Schüler der dortigen Realschule im Alter von 10 und 12 Jahren festgestellt; der eine von ihnen war durch seinen Bruder, der eingetragenes Mitglied der NSDAP, ist, verhetzt worden. Die beiden Jungen wurden bestraft. Der Direktor der Realschule hat ihnen in einer Versammlung der gesamten Klassen die Schändlichkeit ihres Tuns vorgehalten. Es ist ferner veranlaßt worden, daß die Täter oder ihre Angehörigen die Beschmutzungen entfernen. Eine weitere Friedhofsschändung wird aus Oberöwisheim bei Bruchsal gemeldet. Dort wurde der über 500 Jahre alte jüdische Friedhof verwüstet. Vier Grabsteine wurden umgeworsen, an einem wurde die Platte mit der Aufschrift zertrümmert, bei einem anderen die Aufschriftplatte herausgenommen und in Stücke zerschlagen. Die Täter konnten noch nicht ermittelt werden. lieber die Schändung des jüdischen Friedhofs in H i r s ch a i d - B u t t e n h e im in Oberfranken, wo 67 Grabsteine umgeworfen wurden, weiß die „C. V.-Zeitung" noch zu melden: Als Täter ist ein Kleinglltler aus dem benachbarten Ort Seigendorf ermittelt worden, der. zwar der NSDAP, als Mitglied nicht angehört, aber ihren Gedankengängen nahesteht. Die Tat hat bei der gesamten Bevölkerung der Umgegend lebhaften Abscheu hervorgerufen. Das erzbischöfliche Ordinariat in Bamberg hat in einem Schreiben an c,en Landesverband Bayern des Centralvereins, das zuständige Dekanat in Amlingstadt in einer Kundgebung sowie in einem Brief an die Israelitische Kultusgemeinde Buttenheim das Vorkommnis grundsätzlich vom Standpunkte der katholischen Ethik aus verurteilt. Antisemitischer Terror in der schlesischen Aerztekammer. Breslau, 5. Febr. Die „Breslauer Jüdische Zeitung" berichtet über eine Tagung der neugewählten Aerztekammer für die Provinz Schlesien, der Deutschnationale und Nationalsozialisten in erheblicher Zahl angehören. Von 12 Vorstandsmitgliedern, vier Ehrengerichtsmitgliedern, 25 Mitgliedern von acht verschiedenen Kommissionen und insgesamt 42 Stellvertretern wurde nicht ein einziger Sozialdemokrat und nicht ein einziger jüdischer Arzt gewählt, obwohl die jüdischen Aerzte etwa 35 Proz. der Gesamtärzteschaft ausmachen und 9 Proz. der Kammermitglieder Sozialdemokraten sind. Der in weitesten Kreisen Breslaus und Schlesiens geschätzte Sanitätsrat Dr. Werther, der als 2. Vorsitzender in Aussicht genommen worden war, wurde aus dem Vorstand hinausgewählt und selbst in dem Ausschuß für das ärztliche Versorgungswesen, das er selbst gegründet und ausgebaut hat, wurde er durch einen jüngeren Nationalsozialisten ersetzt. Er legte sofort seine Kammermitgliedschaft nieder und verließ den Saal. In das Ehrengericht wurden nur Reaktionäre und Nationalsozialisten gewählt. Dies bedeutet für jüdische Aerzte eine große Gefahr. Die sozialdemokratische Fraktion hat erklärt, daß sie das Ehrengericht nicht anerkennt. Steuerliches aus der Breslauer Gemeinde. Breslau, 5. Febr. Die Einführung eines Zuschlages zur R e i ch s v e r - mögenssteuer neben den üblichen Zuschlägen zur Reichseinkommensteuer ist nunmehr für das zweite Halbjahr des Steuerjahres 1931/32 erfolgt. Es handelt sich dabei gemäß den Vorschriften des Kirchensteuergesetzes natürlich immer nur darum, daß eine der beiden Steuergattungen, also jeweils die höhere, herangezogen wird. In der Debatte wurden von verschiedenen Gemeindevertretern darauf hingewiesen, daß es ein Gebot der Gerechtigkeit sei, die Reichsvermögenssteuer auch für die Kultusgemeinden heranzuziehen, nachdem gerade unter den heutigen Verhältnissen eine relativ große Zahl von Zensiten auf Grund von Verlustbilanzen vollkommen, einkommensteuerfrei blieben werden, während ihnen auf Grund eines größeren Vermögens trotzdem eine durchaus behagliche Lebensführung möglich ist. Es wäre unerträglich und würde allem Gerechtigkeitsgefühl widersprechen, daß diese vermögenden Kreise von jeglichem Beitrag zu den Gemeindelasten freiblieben, während beispielsweise vermögenslose Angestellte oder kleinere Geschäftsleute, die von der Hand in den Mund leben, ihren vollen Anteil an den Lasten der Gesamtheit tragen müssen. Sehr zu begrüßen ist das Entgegenkommen der Breslauer Finanzämter, denen dabei natürlich eine gewisse Mehrarbeit namentlich dadurch erwächst, daß bei den offenen Handelsgesellschaften die Konfession der einzelnen Teilhaber ermittelt und ihr Einzelanteil an dem Vermögen der Handelsgesellschaft zum Zwecke der kirchlichen Vermögensbesteuerung eigens festgestellt werden muß. Es ist kaum zu bezweifeln, daß nunmehr, nachdem Breslau den Anfang gemacht, auch andere jüdische Gemeinden auf diesem Wege des gerechteren Ausbaus ihres Stsuerwefens folgen werden. Die Vorlage des Vorstandes wurde von der Gemeindevertretung einstimmig angenommen. Holland. Die Sabbatbewegung in Holland. Amsterdam, 8. Febr. Die Exekutive der Organisation Schomre Schabbos hat auf Ersuchen der Berliner Exekutive des Weltverbandes für Sabbatschutz ein umfangreiches Memorandum über die Regelung der Sonntagsruhe und die Erfüllung anderer Postulate des orthodoxen Judentums durch die holländische Gesetzgebung abgefaßt; dieses Memorandum soll edn Regierungen der osteuropäischen Länder als Beispiel für ähnliche Regelungen in diesen Ländern überreicht werden. Der Amsterdamer getaufte Jude L. Fles, der sich eifrig für die Kalenderreform mit Blankotag einsetzt, reichte beim Arbeitsminister Klage gegen den Präsidenten der Aschkenasischen Gemeinde in Amsterdam, A. Asscher, ein. In der Klage wir dausgeführt, daß Asscher sein Amt als Mitglied der Amsterdamer Handelskammer mißbraucht habe, um als Vertreter dieser Kammer beim Nationalen Studien-Komitee betr. die Kalenderreform den Bericht dieses Komitees in einem die Reform ablehnenden Sinne zu beeinflussen. Herr Asscher erklärte gegenüber dem JTA-Vertreter, er habe im Nationalen Studien-Komitee auch die aschkenasisch-jüdische Gemeinde vertreten. Im übrigen lehne er es ab, dem Renegaten Fles zu antworten. (ITA.) England. Der Plan einer arabisch-jüdischen round.kable- Konferenz. London, 7. Febr. Im Zusammenhang mit der vom Zentralkomitee der Union der Zionisten-Revisionisten veröffentlichten Erklärung über das Bestehen eines Dokuments, welches Vorschläge zur' Einberufung einer arabisch-jüdischen Round Table- Konferenz enthalten soll, ermächtigt die Exekutive der Jewish Agency die ITA., mitzuteilen, daß die Exekutive von diesen Gerüchten weiß und im Besitze aller diesbezüglichen Berichte ist, jedoch im Hinblick auf die Quelle, aus der sie stammen, keinen Grund sieht, ihnen srgend eine Bedeutung beizumessen. polen. Oberrabbiner Lewin hak das Wort! ... Warschau,?. Febr. Bei der Budgetdebatte im Plenum des polnischen Sejm zeigte sich eine Spaltung innerhalb der jüdischen Parteien in ihrer Stellung zur Regierung. Der Jüdische Parlamentsklub ließ durch Dr. Thom erklären, daß er sich der Abstimmung über das Budget enthalten wird. Dagegen erklärte der Präsident des Jüdischen Nationalrates, I. Grünbaum, daß er sowohl wie Dr. Rosenblatt gegen das Budget stimmen werden. Oberrabbiner Lewin hielt eine längere Rede, in der er alle Forderungen der Juden eindeutig formulierte und auch Anklage erhob, im übrigen aber" für die A g u d a s I i s r o e l erklärte, für das Budget stimmen zu wollen. Aus der Rede des Abgeordneten Rabbi Lewin fei folgendes entnommen: Es ist schon zur Tradition geworden, daß jedes Jahr" bei Eröffnung der Budgetdebatte die jüdischen Deputierten von dieser hohen Tribüne aus die Not der drei Millionen Seelen zählenden jüdischen Bevölkerung hinausschreien, aber obwohl diese Klage infolge der öfteren Wiederholung schon monoton geworden ist, werden wir" nicht aufhören, von dieser Tribüne aus unsere gerechten Forderungen zu vertreten. Die Stimme der Gerechtigkeit: darf niemals verstummen. Die jüdische Kaufmannschaft befindet sich am Rande des Abgrundes. Einerseits sorgt die Regierung nicht für die notwendigen Kredite, andererseits belastet sie den Handelsstand durch unerträgliche' Steuern. Ich fordere im Namen der Kaufmannschaft die Annullierung der rückständigen Steuern, die sowieso nicht werden eingebracht werden können. Mit der Einführung immer neuer Monopole müsse endlich Schluß gemacht werden. Das jüdische Handwerkertum ist am Zusammenbrechen und muß gestützt werden. Er schildert dann den Charakter der jüdischen Arbeiterpartei „ P o a l e E m u n e i I i s r o e l " die einerr Teil der Weltorganisation Agudas Jisroel darstellt und bei ihrer strengen religiösen Einstellung mil der Forderung der sozialen Gesetzgebung, wie sie die mosaische Lehre vorschreibt, hervortritt. Er wendet sich auch scharf gegen das Zwangsfonntagsru.hegesetz. Rabbi Lewin verlas die Resolution der polnischen Rabbinerkonferenz, in der die Abschaffung dev Zwangssonntagsruhe gefordert wird. Und beklagte es, daß die Regierung nur 200.000 Zloty für jüdische Zwecke in das Budget einstellen lieh. Der Redner erklärte, daß die gesamte jüdische Dreimillionenbevölkerung sich loyal mit dem polnischen Staate verbunden fühlt und vom Aufblühen der Republik ihr eigenes Wohl erwartet. Ich erkenne, sagte er, die würdige und energische Haltung der Regierung an, die durchgegriffen hat, als die jüdische Jugend in den Hochschulen von ihren Gegnern am Leben bedroht wurde, und hoffe, daß die Regierung endlich an die Verwirklichung der vollen bürgerlichen Gleichberechtigung schreiten und auch den materiellen und kulturellen Fortschritt unter den Juden fördern wird. In dieser Hoffnung werden ich und meine Freunde für das Budget stimmen. Italien. Das neue jüdische Gemeindegeseh und die Orthodoxie. Fiume, 8. Febr. Die straffe Zentralisierung des jüdischen Gemeindewesens, die das neue italienische Gemeindegesetz kennzeichnet, ist in der römischen Korrespondenz, die Ende Dezember an dieser Stelle erschien, bereits hervorgehoben worden. Schwierigkeiten können aus dieser zentralistischen Tendenz des Gesetzes naturgemäß in den altitalienischen Provinzen, wo es orthodoxe Gruppen nicht gibtkaum erwachsen. Anders ist es in den ehemals zu Ungarn gehörigen Gebietsteilen. So hat die hiesige Orthodoxie, die aus 40 bis 50 Familien besteht, das Inkrafttreten des Gesetzes mit Bedauern gesehen und es machen sich starke oppositionelle Strömungen geltend. Trotzdem ist auf einen Ausgleich zu hoffen, da der von der Regierung ernannte Generalkommissar, Dr. Ravenna, der selbst streng Schabbos hält und warmes Vertändnis für die Interessen der Orthodoxie besitzt, den orthodoxen Gruppen wohl eine vollständige innere Autonomie zu gestehen wird. Auf Grund dieses Ausgleicheswerden die orthodoxen Gruppen in allen religiösen An-

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