Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 7 (11.2.1932)
- Date
- 1932-02-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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11. Februar 1932 Der Israelit Nr. 7 Seite 3 irar rn n-;eile es ht je fty tle fi. 0;t rr n u rt it rt. 3 k e t r t r Wochenrundschau. Eine Wiedergutmachung mit Hindernissen. Die Stimmen aus dem offiziellen Spanien für eine Rückkehr der Nachkommen der zu Ende des 15. Jahrhunderts ans dem Lande gewiesenen Inden, der Spaniolen im Orient, mehren sich und gewinnen immer mehr an Kraft. Von den vielen Aeußerungen und Interviews der letzten Tage hebt sich eine Aussprache ab, tnie Benjamin Minz als Vertreter des Warschauer „Jüdischen Togblattes" mit deni s p a n i f ch en M i n i st e r - präsidente n Fer n a n d o hatte. Der Chef des spanischen Kabinetts zeigte sich sehr gerührt von den Grüßen, die ihm der Korrespondent von den Millionen Juden Polens überbrachte. Er wiederholte seine Erklärung im Parlament, wonach die spanische Regierung bereit sei, denIu - den volle G e.n u g t u u n g für die S ch m a ch u n d d a s U n r e ch t von 1492 zu b i e t e n. Es geht um die Tilgung einer Schmach für Spanien. Ein Spezialgesetz zur Aufhebung des Edikts von 1492 sei nach jener offiziellen Erklärung im Parlament nicht mehr von nöten. Den Spaniolen aus Afrika würde die Einwanderung in Spanien und die Erwerbung des spanischen Bürgerrechtes möglich und leicht gemacht werden. Aber auch andere Juden würden bei ihrer Einreise in Spanien auf keinerlei Schwierigkeit stoßen. Freilich wäre mit Hinblick auf die Krise und Arbeitslosigkeit eine Massene i n w a n d e - r u n g weder im Interesse von Spanien noch indem der Juden. Industrielle und Kaufleute mit Initiative und Kapital wären aber dem Lande höchlichst willkommen. „Was werden Volk und Kirche dazu sagen?" Was das Volk betrifft, sagte der Ministerpräsident, so werde dieses mit den Juden gute Freundschaft halten. Die Juden werden sich in Spanien sicherer fühlen alsin Berlin, Frankfurt und vielleicht sogar in Pari s. Es wohnen übrigens bereits 600 Juden in M a - d r i d , mehrere Hundert in B a r z e l o n a und erfreuen sich vollkommener Gleichberechtigung. Wenn bie Alliance Israelite Universelle vor einer Einwanderung nach Spanien davon sprachen, und sogar wenn man ihnen nach ihrem Sprechen und Denken solchen Weltenschmerz nicht zugemutet, — dann erst recht und um so tiefer in den unbestechlichen, unbetrügbaren Tiefen der reinen Seele. Es beweist, daß im G'ttesgesetz und in Seelentiefen ungebrochen fortdauert die Alleinherrschaft G'ttes, des Schöpfers von Gesetz und Seele, — beweist, daß Gewissen unsterblich, daß G'tt gerecht ist. Und wenn auf der anderen Seite die Hühner G'ttes (und des Menschentums) durch Geburtenbeschränkung ihre eigene Uebermacht brechen, so sehen wir auch in diesem „Jrregehendessen der Heiden und ihrer Vernichtung": G'tt ist gerecht. Aber wir wollen nicht stolz werden. Berufenere Stimmen mögen erschallen, um unsere eigensten Sünden zu benennen, über deren gerechte Bestrafung wir zu zittern haben. Wir wollten mit Obigem nur die Grundlage alles wahren Sündenbewußtfeins prüfen, ob wir sie haben: den festen Glauben an G'ttes Gerechtigkeit. Wir wollen hoffen und streben, ihn auf solchem Wege zu erlangen, — gerade aus unserem und unserer Edelsten Unglück die Ueberzeugung zu schöpfen: „Siehe, ein Gerechter auf Erden wird heimgesucht, wie erst Frevler und Sünder!" *) Man vergesse doch nicht, daß diese Sünde in einem Zeitalter ihren'Anfang nahm, als man sogar die Familienstellung der Frau für einen unzivilisierten Naturalismus ansah: so zu ersehen aus Protesten damaliger Schriftsteller. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das fkeutllelok S. Sch achnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. B.: S. Schach' nowitz. ebenda. — Für die pädasogische Beilage: Lehrer L Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlas des Israelit und Hermon G. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck tzermon-Druckerei» Frankfurt a. SR. warne, so stimme das ganz mit den politischen Machenschaften Frankreichs gegen Spanien überein. Gegen die Kirche fühle sich die Regierung stark genug. Soweit der Bericht Benjamin Minz's. Der ehrliche Wille des Ministerpräsidenten in Ehren! Klar ist, daß sich mit «den Toren Spaniens kein Weg auch nur zur leilweifen Lösung des Judenproblems öffnet, so lange vor Masseneinwanderung so dringend gewarnt werden muh. Aber noch etwas anderes stört die Freude an diesen ehrlichen Sympathiekundgebungen. Erst dieser Tage hat die spanische Regierung wieder ein A u s w e i s u n g s e d i k t erlassen, das dem Ausweisungsakt von 1492 aufs Haar gleicht, nur mit dem wesentlichen Unterschied, daß diesesmal Objekt des Verhängnisses nicht Juden find, sondern die Nachkommen und Erben jener Inquisitoren, die damals die Juden aus dem Lande trieben und für den Rest Scheiterhaufen anzündeten. „Sie verlassen alle das Land. Ihr Vermögen wird von der Regierung eingezogen. Als Privatleute ohne Hervorkehrung ihres religiösen Charakters können Einzelne im Lande bleiben." Dieser Ausweisungsbefehl gegen die Jesuiten könnte jenem gegen die Juden wörtlich abgeschrieben sein. Sollen und dürfen wir das als ausgleichende historische Gerechtigkeit quittieren? Sinn der Geschichte mag schon in dieser merkwürdigen Wandlung liegen. Aber „ausgleichende Gerechtigkeit?" Man kann kein Unrecht mit einem anderen Unrecht wettmachen in der Geschichte so wenig wie im Einzelleben. Und dann, wer dürfte heute die Söhne die Schuld der Väter büßen lassen? Wir wollen nicht erst auf die positiven Ideengehalte und die Verdienste der katholischen Kirche und ihrer Exponenten im Jesuitenorden auf dem Gebiete der Kultur, Kunst und Wohlfahrt Hinweisen. Der Jesuitenorden hat nicht um Haaresbreite weniger Existenzberechtigung wie jedes andere historisch gewordene religiöse und kulturelle Gebilde in einem auf Rechtsgleichheit gegründeten modernen Staatswesen, und seine gewaltsame Unterdrückung ist vom sittlichen Standpunkte.genau so zu verurteilen wie die russische Gewaltpolitik gegen die Kirchen und Religionen. Ist es nicht etwas bedenklich für unsere spaniolischen Brüder, die die Erinnerung an Austreibung und Scheiterhaufen im Blute tragen, in die alte Heimat zurückzukehren, so lange noch brennende Klöster und Kirchen an Scheiterhaufen erinnern und Austreibung wie Unterdrückung religiöser Ueberzeugung aus dem Wörterbuche des Rechtslebens noch nicht endgültig gestrichen sind? Wir zweifeln nicht, daß Spanien auch diese schwere Ueberg'angszeit überwindet und aus den harten Kümpfen zweier Welten als Republik wahrer Freiheit hervorgeht. Dann, aber nur dann, könnte unter Spaniens warmer Sonne auch feinen einst vertriebenen jüdischen Söhnen Heil und Heimat werden. Wahlen in Jerusalem. In der vorigen Woche haben in Jerusalem die Wahlen zu dem sogenannten Waad Hair li'jehude Jeruscholajim, also zur offiziellen jüdischen Gemeinde, stattgefunden. Von 14 000 Stimmberechtigten waren, wie gemeldet wird, 5736, also nicht mehr als 40 Proz., an der Wahlurne erschienen. Von den 31 Sitzen, die zu vergeben waren, fielen auf die Arbeiterpartei 11, auf die Toschaw-Partei (Bürgerliche) 8, den Mrsrachi 4, die Jemeniten 3, die allgemeinen Zionisten 2, den Verband orientalischer Gemeinden (Sfardim) 2 Sitze und auf die Partei der Frauenemanzipation 1 Sitz. Das Wahlergebnis zeigt, von allgemeinen Gesichtspunkten aus betrachtet, mancherlei Bemerkenswertes. Vor allem fällt die geringe Wahlbeteiligung auf, wenn man in Betracht zieht, daß die Presse im modernen Palästina eine gewaltige Rolle spielt und das Interesse an öffentlichen Angelegenheiten von äußerster Intensität ist. * Eine Wah lbe tei ligungszi ffer von 40 Proz. ' zeigt also, daß hier doch bewußte Unzufriedenheit mit den Tendenzen, die -in der Kneses Israel und ihrer Jerusalemer Abteilung herrschen, vorliegt, eine Resignation vor allem der orthodoxen, nicht ausgetretenen Kreise, die sich außerstande fühlen, irgend welchen bestimmenden geistigen Einfluß gegenüber dem Uebergewicht der radikalen Arbeiterpartei und der religiös-liberalen bürgerlichen Kreise auszuüben. Die Toschaw-Partei, die neben den Arbeitern das maßgebende Stimmgewicht ausübt, hat gerade in der letzten Zeit durch das Verlangen der Errichtung einer g e sondert e n j ü d i s ch e n S t a d t v e r w a l t u n g v o n Jerusalem von sich reden gemacht, ein Verlangen, das nicht nur, wie man lange zu glauben geneigt war, durch die Unzufriedenheit mit den antijüdischen Tendenzen der arabischen Magistratsmehrheit zusammenhängt, sondern das in hohem Maße von kulturkämpferischen, antireligiösen Motiven bestimmt wird. Man hofft, wie ein Vertreter der Toschaw-Partei es jüngst öffentlich angedeutet hat, auf dem Wege über eine jüdische Stadtverwaltung den letzten Rest des Einflusses der Orthodoxie zu vernichten, indem man die Talmud Thora-Schulen, Me Chadorim, die orthodox geführten Wohlfahrtsinstitutionen in die Hand bekommt und solange reglementiert, bis man ihnen den letzten Funken jüdisch-religiösen Geistes ausgetrieben hat. Das ist also der Geist, der im Waad Hair und in der Kneses Israel herrscht. Diesem Geiste gegenüber sind die 4 Mtsrachisten, auch wenn es ihnen um einen ernstlichen Kamps für ihre religiösen Ideale zu tun wäre, auch wenn sie sich mit den 3 Jemeniten und den 2 Sfardim zusammenschließen. vollkommen ohne Bedeutung. Auch hier zeigt sich wieder einmal, daß es kein unberechtigter Pessimismus war, wenn die Jerusalemer Orthodoxie nur durch völlige Selbständigkeit der Organisation ihre Eigenart zu bewahren für möglich hält. Aber auch ein wirklicher Friede und die Möglichkeit eines politischen Z u s a m m e n- Wirkens n a ch a u ß e n kann tatsächlich nur durch völlig getrennte Organisationen erreicht werden, denn bei der dem Europäer kaum verständlichen Leidenschaftlichkeit des antireligiösen- Radikalismus, der in den Kreisen der Arbeiterschaft herrscht und der sich bis weit hinein in die Reihen auch der bürgerlichen „Freidenker" erstreckt, würde eine Zufammenfchweihung der Vertreter der gegensätzlichen Weltanschauungen in einer einheitlichen Organisation nur von der kürzesten Dauer sein und mit unbedingter Sicherheit zur Sprengung unnatürlicher organisatorischer Fesseln führen müssen. Unter diesen Umständen sollten doch die maßvoller denkenden Führer der Kneses Israel und des Waad Hair sich der berechtigten Forderung der orthodoxen Gemeinden nach paritätischer öffentlich - re ch tlicher A n e r - kenn u n g nicht mehr länger widersetzen. Dem Frieden und der Wohlfahrt des Landes würden sie dadurch einen dauernden Dienst leisten und auch den auf Befriedung gerichteten Wünschen der Regierung damit entgegenkommen. Aicht der Mörder ist schuld,' sondern. . . „Es ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären." Der Dichter ahnte nicht, daß er damit ein Schicksalswort der jüdischen Geschichte prägte. Jede Hetze, jeder Pogrom, jedes Attentat auf jüdisches Recht, jüdisches Leben und Eigentum erzeugt neue Hetze, neue Pogromluft. Man hat es in Rußland feit den achtziger Jahren, man hat es in der Ukraine, man hat es in Palästina erlebt. Man erlebt es heute auch in Deutschland, wo beispielsweise der Kurfürst e n d a m m p r o z e ß den „Stürmer" und den „Völkischen Beobachter" in geistige Nahrung setzt. (Helldorf und die anderen Haupträdelsführer sind inzwischen f r e ige s p r o ch e n worden.) Man erlebt es am krassesten in R u m ä -