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Der Israelit · 1932-02-11 · Heft 7 (11.2.1932) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 7 (11.2.1932)
Date
1932-02-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seit« 2 Nr. 7 Der Israelit 11. Februar 1932 ). ungewollt, für die individuelle Assimilation der Reformschule geworden ist. Typisch für den jüdischen Historiker ist seine Auffassung von der Prophetie. An diesem Schibolet scheiden sich die Geister nach rechts und links. In der Auffassung von der Sendung, dem Wesen und der Lehre des Propheten liegt die Wurzel für die GesamtauffassunF jüdischen Geschichislebens. Kasteln weiß viel Schönes über die Prophetie und ihre Träger zu sagen. „Prophetie ist Ahnung, Erkenntnis und Schau dessen, was der Mensch an sittlicher Verpflichtung gegenüber dieser und jener Welt, gegen G'tt und Kreatur in seinem irdischen Dasein leben und verwirklichen soll." Doch was ist Prophetie, wer ist ein Prophet? Rach der Definition des Verfassers müßte Prophetie zu jeder Zeit und in j ed e m Volke möglich fein. Denn „Propheten sind Menschen aus einer Umwelt, die in viel näheren nackteren Beziehungen zur Natur -kn ihrem sinnlichen und übersinnlichen Gehalt stehen. Hellsichtige, Ahnungsfähige, -die die Empfängniskraft haben, das mystische Erlebnis über sich zufammenfchlagen zu lassen und aus der religiösen Erschütterung Kunde und Zeugnis abzule!gen."Die jüdische Prophetie ist an kein Amt gebunden, woraus Kastein folgert, daß sie unbedingt in einer G e - g e n s ä tz l i ch k e i t zum P r i e st e r t u m stehen müsse. Kaste in scheint uns in dieser Hinsicht sehr stark von A ch a d H a a m und dessen Essay d-rni jm beeinflußt zu sein, wie er auch in manch anderer Hinsicht Anklänge an jenen Philosophen des jüdischen Nationalismus verrät. Wir wissen nicht, aus welch tiefer Quelle vor Ächad Ha am Kaftein dieses Wissen um die Rivalität zwischen Propheten und Priester schöpft. Gewiß, der Priester verrichtet heiligen Dienst innerhalb der ihm von Gesetz, Vorschrift und heiligen Mauern gezogenen Grenzen. Der Prophet hält seine Reden im Tempel Hof, zum Fenster und zur Mauer hinaus, seiner Rede Strom ergießt sich weit über Altar, Kult und Ritual hinaus zum Volk, zu den Völkern. Verneint er darum Ritual- und Zeremonialgefetz? Jesajas wettert nicht gegen das Opfer, aber gegen diejenigen, die mit „blutigen Händen" und unreinen Herzens sich an den Altar heranwagen. Der gleiche Jesajas verschmäht und verspottet in dem von den christlichen und jüdisch-liberalen „Anbetern der Propheten gegen Gesetz und Opfer" so gern angeführten Kapitel 58 das Fasten mit dem Magen und Beten mit den Lippen, das Kasteien des Leibes, das nicht zugleich alle Pforten des Herzens dem Armen, Nackten und Darbenden aufreißt. (Das Ritual hat dieses Kapitel zur I o m k i p p u r p r e d i g t des Propheten erhoben). Man übersieht aber — oder unterschlägt — den Schlußsatz dieser Predigt: ’Bnp ei1: i'xvn rvwy *pS:n 2’2»n rum, die Mahnung, den Sabbat zu ehren, nicht allein dttrch Arbeitsenthaltung, sondern durch Ausschaltung jeden werktäglichen Denkens, *pYT mmra *m mn T'isn xiLvv- Tritt nicht I i r m e j a h u (Kap. 17), dieser Künder des Universalismus in der G'tL'esidee, als Anwalt auf den Sabbat, bis zum Verbote des L a st t r a g e n s? Schuld und Schicksal des Volkes, schwerste und härtestes, in der Verbannung wird von I e ch e s k e l, dem Propheten der großen Visionen (Kap. 4) an der Tatsache demonstriert, daß es unter den Völkern „unreines Brot" genießt undmit unrituellen Speisen nspiöi n'm seine Seele verunreinigt. Gegensatz zwischen Priester und Prophete? Wie oft nennt Jirmejahu trau ]ro in einem Atem und in einem Satze, im guten wie im bösen Sinne?! Male acht, der letzte Prophet, rühmt dem Priester nach (Kap. 2) nnvr nax min 1'7122»2 xxai xV nVisn m'22 „Die Lehre der Wahrheit strömt aus seinem Munde, kein Unrecht kommt über seine Lippen". „Eine aus den geistigen Tiefen begründete Spannung mußte zwischen Propheten und Priestern herrschen und Erstere machten den Letzteren das R e ch t d e r Unterweisungd e s V o l k e s st r e i t i g ", so verfügt Kastein (Seite 75). Genau das Gegenteil schreibt M a - l e a ch i, der es doch am Ende besser wissen muß: Iwprn rvnm nyi nasr jnD '7122» '2 „Denn die Lippen des Priesters hüten das Wissen, man suche die Lehre aus seinem Munde, er ist ein Bote des Herrn Zebaoth." Bessere Quellenstudien hätten Kastein davor geschützt, die Aufgabe des Propheten in der „ U e b e r w i n d u n g d e s R i t u s d u r ch d i e Idee" zu sehen. Es verrät auch wenig Quellenkenntnis, wenn K. den Propheten attestiert, daß sie „die ursprünglich ländlichen Feiertage zu religiös-nationalen Gedenktagen machten, den Sabbat zu einem Feiertag der Seele inmitten des Gleichmaßes der Arbeit." Steht denn eigentlich das mit dem Schlußfanal '?'22»n 0V2i 2»dpi 7122» in den Büchern der Propheten oder im ersten Kapitel des ersten Thorabuches? Macht das rv2i-2»2i'i den Sabbat nicht schon am Ende der Schöpfungstage zu e inein Feiertag derSeeleinmittendesGleichmaßes d e r Arbeit?! Was die politische Schau der Propheten betrifft, so hätten sie diese nicht immer mit Erfolg betätigt. Nicht alles, was sie geweisfagt haben, sei in Erfüllung gegangen (Seite 77). Es wird Herrn Kastein interessieren, daß hervorragenden Geistern der jüdischen Lehre, bie zwar keine zusammenhängende Geschichte schrieben, aber durch Versenkung in den Geist des Judentums und seines Schrifttums mehr und tiefer gesehen haben als alle Historiker der Welt, (alle lheoretische Wissenschaft über die Geheimnisse des Meeres können die Schau des Tauchers nicht ersetzen, der aus dem Meeresgründe die Dinge mit e i g e n e n A u g e n sieht) auch schon auffällt> daß (abgesehen von Jona, bei dem das N i ch te i n t r e f f e n Ziel der Sendung ist) nicht alle Weissagungen der Propheten wörtlich eintreffen. Aber sie wissen eine ganz überraschende Erklärung dafür: Die Propheten haben Unheil geweissagt — damit das Unheil nicht e i n t r i f f t. Denn wozu wären die väterlichen Mahnungen, wenn nicht, um das Unheil noch in zwölfter Stunde zu verhüten? Wie Josef beim Berichten der Träume^ sagt ein Midrafchwort, so haben alle Propheten ihre Mahnreden mit dem Worte ij?»2> eingeleitet: „Höret und folget, seid auf der Hut! . . ." Man pflegte keinen erst zu warnen, wollte man ihn ernstlich ins Unglück stürzen. Wo die Weissagung n i ch t eintraf, war der letzte und eigentliche Zweck der Prophetie erreicht. Das ist, meine Herren Historiker, mehr als eine homiletische Deutung bloß. Sie besagt auf alle Fälle für.das Wesen der jüdischen Prophetie mehr als alle schönen Aufsätze in den Büchern der jüdischen Geschichte und jüdischen Dichtung. Wir haben nicht ohne Absicht aus der bunten Vielfalt in diesem weiten Reiche jüdischen Geschichtslebens die zwei Bezirke „Prophetie" und „Chassidismus" herausgegriffen, und nicht allein deshalb, weil, wie es D.ubnow und andere haben wollen, sich über bie Jahrtausende geheime Fäden von der ersteren zum letzteren spinnen. Die beiden Kapitel zeugen für — oder wider — das Ganze. Kaftein versteigt sich nicht, wie Dubnow, zu d«er Behauptung, daß der Chassidismus, und dieser allein, über Talmud und Rabbi,nismus hinweg das Erbe der Prophetenangetreten hätte. Er wird auch dem Chassidismus in einem höheren Maße gerecht, als die Historiker aus der rationalistischen und romantischen Schule. Allein, es liegt schon in der ganzen Methode Kasteins, daß überall da, wo es sich um abstrakte Dinge ohne abgeschlossene Akten in d>er Geschichte handelt, Inspiration, Fabulierungslust und, sagen wir, auch Intuition eine weit größere Rolle spielen als eigentliches Quellenwissen. (Ein weiterer Artikel folgt.) -tz. Gott ist gerecht. Von B. C. „'viehe, ein Gerechter wird auf Erden heimgesucht, wie erst ein Frevler und Sünder! (Prov. 11, 31". Es ist nicht populär, von G'ttes Gerechtigkeit zu sprechen. Man hofft lieber auf G'ttes Gnade. Man hat zu wenig Beweise dafür, daß es dem Guten wohl, dem Bojen übel ergeht. Selbst wenn die harte Zeit eines Gesetzverächters Stolz gebrochen, weisen wir es weit von uns, G'ttes Gerechtigkeit walten zu sehen und geben dem blinden Götzen Schuld, den man „allgemeine Lage" nennt. Ja, selbst solche fehlen nicht, die gerade dann von gerecht verdientem Geschick sprechen, wenn ein Boll- Jdealist des unbedingten G'ttesgehorfams den Untergang erleidet, well er fein Glück nicht mit Zugeständnissen an die gewissenlose Menge erkaufen wollte! Nicht nur Bolksgerede ist so, sondern der Inhalt der Tagespresse und der Tagesliteratur besagt das Gleiche. Nicht das Moralische mehr versteht sich von selbst, sondern das Gegenteil davon. Die Grundstimmung ist: Einen Gnadenschuß dem dahingehenden, gebundenen, alles Heil dem aufblühenden bindungslosen Geschlecht. Welch einem Geschlecht? (Prov. 30, 11—14.) „Ein Geschlecht, das seinen Vater verflucht und seine Mutter nicht segnet, — Geschlecht, rein in seinen Augen, von seinem Kote nicht gewaschen, — Geschlecht, wie hoch seine Augen, seine Wimpern wie überhoben! — Geschlecht, Schwerter seine Zähne, Dolche seine Kiefer, — Arme aus dem Lande zu fressen, Dürftige aus der Menschheit." G'tt als väterlicher Gesetzgeber und die Weisheit seiner Weisen als mütterliche Hüterin des Gesetzesvolkes hörten selten ein segnendes Wort aus dem Munde des Geschlechts, — das in unseren Tagen zu Ende geht. Eine „Reinheit, der alles rein ist," hatte sich des Geschlechtes bemächtigt, — das in unseren Tagen zu Ende geht. Von seinem Kote aber war es nicht gewaschen. Um die Jahrhundertwende noch verschmähte man es aus falscher Scham, die ermittelten Tatbestände der Nervenheilkunde richtig anzuwenden, wenn sie heikle Zusammenhänge aus dem Dunkel der Ünbewußtheit heroorzuziehen erheischten. Man verunglimpfte aus gleichem Grunde die Thoragesetzgebung der ehelichen Heiligung und ließ es aus gleichem Grunde geschehen, daß Gasse und Gosse die Aufklärung über den heiligen Lebensquell übernahmen. Da standen die „Englein am Vettlein" und zauberten dem Kinde eine Welt vor, die es mit Notwendigkeit später durchschauen und verachten und der es Recht und Redlichkeit, Menschenliebe und Opfermut nachwerfen mußte. Denn hoch blickten seine Augen zu den „Errungenschaften" des Jahrhunderts auf, schauten seine Wimpern von der Technik auf das unzivilisierte Etwas herab, das man Seele und Redlichkeit, G'tt und Gewissen nennt; im Orkus des Hohns verhallten Liebe und Rücksicht, G'tt und Mitmenschentum. Im Nebel des Krämergeistes verloschen Sinnbild und Merkzeichen, versanken Festtag und Hausweihe. Gemeinsinn wurde Vaterlandsliebe, und Vaterlandssinn Kriegsfurie, Schwerter ihre Zähne, Dolche ihre Kiefer. Von der Humanität ging es über die Nationalität zur Bestialität. Und die Armen und Elenden aller Länder erhielten das neue Recht, — aus der Menschheit zu verschwinden. Das ist das Geschlecht, das in unseren Tagen sein gerechtes Ende findet. Seine Scheinheiligkeit und sein Krämersinn, sein Wettrüsten und seine Antisozialität hält uns noch im Banne. Aber wer nicht mit Weltblindheit geschlagen ist, merkt das Schwinden dieses Bannes. Vielleicht öffnen sich die Schwertzähne noch einmal zum Raub, die Dolchkiefer noch einmal zum Biß. In den Völkern lebt unschweigbar der Schrei nach dem Recht, in der Welt unstillbar der Ruf nach Frieden und Ordnung, in den Menschen untäuschbar das Wissen um gesundes Leben und Denken. Noch nie war der Sturz eines Zeitalters so gerecht als der, den wir bevorstehen sehen. G'tt ist gerecht. „Allein seines Segens Mittler sind selber segenswerte Menschen; seiner Strafe Henker sind selber Boten der Gewalt, Brecher des Rechtes, Hühner ihrer Erzeuger, rein und selbstgewiß vor sich selber, stolz auf ihre Erfolge, Schwerter ihre Zähne, Dolche ihre Kiefer . . Auch uns zu prüfen und zu läutern hat er sie geschickt. Auch wenn wir Buße tun, sichtet der böse Verderber nicht, wenn ihm einmal Gewalt gegeben. Hat er nicht auch Krankheit und Sorgenherzbrechen zu Bundesgenossen? Gerade jüdische Führer, die mit Not und Sorge das Geschick des Judentums unserer Tage verfolgen, gerade sie sind heute nicht ausgerüstet mit den Kräften, ungebrochen diese Zeit zu überstehen. Der frühe Tod der Erlesenen ist keine Einzelerscheinung mehr, wenn man die letzten Jahrzehnte überblickt. Das Armwerden der Gesetzestreuesten ist Massenerscheinung, ihr Ausscheiden aus wirtschaftlichen Führerstellungen Selbstverständlichkeit geworden. Beweist das etwas über G'ttes Gerechtigkeit? Nein, es beweist nur, daß diese Menschen den unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Thorarecht und heuttger Gesittung empfunden haben! Und wenn sie nicht

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