Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 7 (11.2.1932)
- Date
- 1932-02-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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11. Februar 1932 Frankfurt a. M., den 4. Adar 5692 Ein Ceniralor gan für das orthodoxe Jumtm Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Juli W29: Deukj^land 1.80 Mark monaUiq; Austuno: Vierretjabrpreise (entsprechend dem deutschen Inlanv-prers zurifli tz Kosten de; Strrtsband-Bersandes) Deutsch-Öäerretch: Schilling 6.—; Amerika 1 Dollar; ffitidiauö 1 sh.; ab 1 Juli Frankreich 25 Fr.; Belgien ab 1.7. 27. Belga5. Holland 3fl; Italien ab 1. l. 33.13 Lire; In,o» slavien 65 Din.; Litauen 7.50 Lit.; Rumänien ab 1. 7. 37. 150 Lei; Polen 1 deutsche Gold, mark zum Tageskurs oder 7 Zloty; Schweiz 5 Fr; Tfchecho-Slowaket 25 Kronen; Ungar» Pengo 5 ab 1. Juli 1927; Dänemark 8.50 Krön.; Norwegen 3.50 Krön.; Schweden 3.50 Krön. Einzelnummer vierzig Goldvfennige. Der I-raelic ecich;i"t leorn Donnerslag. Injerare öl) Goldpr. tür die flebengkspaltene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Famtltenanzcigcn nur aO Pf. Die 75 nm breite Retlamezeile: letzte Tertsette 3.— Mk., vorletzte Textfeste 350 Mk.; Ehiffregebühr in Hohe eines dono. Fernbrrefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufenden Inseratauftragen tarifm. Preiserhöhung jedert. Vorbehalt. Inferatenannahme durch den Verlag des Israelit G. m. b. Q , Frankfurt a. ’iR , Rechneigrabenfiratze 7, Tel. Hansa 21084 sow. durch sämtl. Annoncen-Exp'd. d. In- und Auslands. Alleinige Inieratenann. für Frankf. Gef häitsanz : Ink. T chmidl. O tr «d trahs 81 T >. 15888. Pchtzvoischr. ohne Verbindlich!. Zahlungen direkt an den Verlag auf Po, ischeckko.no Fcsnksurt i lltllu» Jlc. 195)4, — A rge oe.n an: P,-t,p »ckalsr eüren Rr./Oiio.— ti > t j icta j:« i 6 r ino 1 Nr 1^4jl. — P > ti checkko >to Warschau Nr. 190757. — Postscheckamt Zürich Nr. Vlll73öl. — 'Pottsch.ckamt Amflerdam Nr 31889 — Postscheckamt Prag Nr. 79.060 — Rumänische Kreditbank Bukarest und ihre sämtl. Filialen Der Gerichtsstand für alle aus Aboinem nts oder aus Iisrraten stch ergebenden Zahlunqsveroflichtungen ist Frankfurt a. M. 'Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit“ für den Monat März Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon erhalten, Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg. Verlag des Israelit G.m.b.H., Frankfurt a.M. Jüdische Geschichtsschreibung. II. Josef kastein. Mit ganz anderen Augen als Dubnow sieht Josef Kastein den Chassidismus.*) Kastein ist ein neuer Typ, für manche sogar ein neuer Stern auf dem Gebiet der Geschichtss ch r e i b u n g; nicht Geschichts f o r s ch u n g , denn Kasteins Kraft liegt weniger in der Wegweisung und Sinngebung als mehr in der Konzeption und Formulierung, im Mosaik, zu dem sich hier Einzelerscheinungen der Geschichte fügen und finden. Er trägt nicht so schwer am Ballast der Aufklärungs¬ und Haskalahtraditionen, wie sie einem Graetz und einem Dubnow im Lichte standen. Er ist aber im Ganzen auch frei von den romantischen Verzückungen und der schäumenden Ekstase eines Martin Bub er, der das chassidische Blut in seinen Adern spürt und den chassidischen Dybuk trotz jüdischen Andersseins nicht los wird. Kastein sucht mit der Seele eines Ringenden und findet mancherlei, wenn er auch wiederum an manchen vollen Kammern jüdischen Geisteslebens achtlos vorübergeht. Den Chassidismus erkennt er mit geübtem Blick sofort als eine Bewegung, die n u r Inder Wirkung, nicht aber im Sinn und in der ursprünglichen Intention eine Opposition; *) Eine Geschichte der Juden. Bon Joses Kastein. Ernst Rowohlt-Verlag, Berlin W 52., 633 Seiten. gegen den Rabbinismus darstellt. „Es handelt sich um eine neue Variante des ewig akuten Gegensatzes zwischen Herz und Gehirn." Bescht ist nicht der Begründer eines geistigen oder theofophischen Systems, überhaupt nicht Systematiker einer Idee, sondern Vekennereiner alten religiösen Wahrheit in der schlichtesten und zugleich tiefsten Konzeption des Menschlichen. Wohl begreift der Begründer. des Chassidismus alles Religiöse weit jenseits des Rituals und des Gesetzes, aber er verachtet die Gesetze nicht. ' Nur bedeuten sie für ihn nicht Gläubigkeit. Nichtiger müßte Kastein sagen: nicht G l ä u b ig k e i t a n sich. Und auch diese Erkenntnis ist nicht erst aus dem Boden des Chassidismus gewachsen, denn ’^a.• nro ^a nV’sn maizn ist eine talmudische Lehre und nicht eine chassidische Offenbarung aus den podolischen Wäldern. „G'tt ist überall, und wer will, kann ihm überall begegnen, in jedem Ding, in jedem Wort." Horodetzki machte aus einem ähnlichen Ausspruch des Rabbi Na chm an von Brazl a w beinahe ein Bekenntnis dieses tiefsten Denkers des Chassidismus zum Spinozism u s. Von solchen Geschmacklosigkeiten hält sich der feingeistige Kastein fern. Aber dieses „G'tt überall" zu einer spezifischen Doktrin des Chassidismus machen, hieße das alte Tillim zu einem Chassidimbuch und König David zu einem Chassidimrabbi stempeln, sintemalen ja von ihm das Lied Tina n naa n Sip stammt. Man übersieht bei all diesen beliebten Parallelen doch eine Kleinigkeit: Bei dem Philosophen gegen das Judentum in Amsterdam ist „G'tt überall" so viel wie „G'tt nirgends". In der j ü - dis chen Philosophie und Dichtung ist der G'tt des Kosmos, der Geschichte und der Dinge auch der G'tt des Menschen, der oVisr jvtk zugleich mi ’Vp tnm* Ein „G'tt in der Welt, G'tt in der Wüste, G'tt in der Kraft und G'tt in der Schönheit", der zugleich den Sinai erbeben ließ; mit anderen Worten, ein Pantheismus plus min D^iyn zusätzlich iv^a nmwn und wvns nmwn Ist u User G'tt, ist kein Monopol des Chassidismus ist schlechthin jüdischer Glaube, j ü d'i s ch e Welt- und L e b e n s a n s ch a u - u n g. Vielleicht will aber auch Kastein nur sagen, daß in der 'chassidischen Nuance diese — für alle' jüdischen Zeiten und Menschen gültige — Auffassung etwas stärker betont wird. Ein Zuend edenken der Kastein'schen Gedanken müßte vielleicht zu dem Resultate führen: der Chassidismus seit dem 18. Jahrhundert sucht aus dieser G'tteserkenntnis (G'tt im Großen, G'tt im Kleinen) zu der Tat, zum inbrünstigen Gebet, zur lebendigen Handlung, in der die G'ttesfreude widerstrahlt, zu gelangen. Der Rabbinismus sagt vielleicht nach alter Weise: „Zu Anfang war die Tat" und sucht umgekehrt durch das wanne Gebet, die fromme Handlung, das Erfassen und freudige Neben des Gesetzes jene lichte G'ttesnähe zu erreichen, von der der Chassidismus schon zur Tat kommt. Die Begegnung beider Observanzen auf einer Mittellinie ist auf diese Weise unumgänglich. Kastein kennt das Zusammentreffen und weiß all die Punkte, die die beiden Richtungen im Innersten verbinden und in kleinen Aeußerlichkeiten trennen, historisch zu beleuchten. Darum berührt uns alles, was er über den Chassidismus sagt, wenn auch nicht in allen Teilen einwandfrei und überzeugend, durchaus sympathisch. Einige schwachen Töne aus der verklungenen rationalistischen und abklingenden romantischen Schule schwingen mit, aber sie verhallen in du Symphonie des Ganzen. Wenn Kastein beispielsweise bei Hervorkehrung der chassidischen Heiligung d e § g e l e b t e n A l l t a g s „ganz im Sinne der Propheten" hinzufügt, so sieht man den Schatten Graetzens heranhuschen. An Buber lehnt er sich hie und da bewußt an, so besonders wenn er von den „Funken" spricht, die die „Gefäße" zerbrechen. Man nimmt aber diese kleinen Rückständigkeiten im großen goldenen Rahmen einer originellen und packenden Darstellung ohne Groll hin. - Die Charakterisierung des Chassidismus ist in ein Kapitel hineingebaut, das „die Flucht in den Osten", „Messianismus", „Herz und Gehirn" behandelt. Und dieser Komplex ist auch nur ein Teil, der fünfte, eines Werkes, das in sechs Abteilungen eine Gesch'chte der Juden von der „Entstehung der Theokratie" bis zum „Antisemitismus" und zur „Zentralisation" unserer Zeit bietet. Das Buch in seinen Einzelheiten werten, hieße ein Buch über das Buch schreiben. Es genügt vielleicht, einiges über den Geist des Tanzen zu sagen. Das Werk ist, kurz gesagt, aus Liebe geboren, wahr und treffend, wo es sich mit der Renaissance des jüdischen Geistes im vorigen Jahrhundert auseinandersetzt, weniger zielsicher im Suchen nach neuem,, ih h. letztem Sinne der jüdischen Geschichte, da deren e r sie r Sinn zuweilen übersehen wird. Kastein ist mit einer Sinngebung auf dem besten Wege, die historisch-wissenschaftliche Fundierung der nationalen Assimilation zu werden, wie es seinerzeit Graetz, gewollt oder