Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 6 (4.2.1932)
- Date
- 1932-02-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 6 Der Israelit 4. Februar 1932 Hebräische Telegramme in Palästina. Genf, 24. Jan. In letzterer Zeit kamen Unstimmigkeiten in Palästina dadurch vor, daß sich Telegraphenbeamte weigerten, Telegramme in hebräischer Schrift und Sprache anzunehmen. Die Mandatkommission des Völkerbundes, die angerufen wurde, die Sache vor den Völkerbundsrat zu bringen, teilt nun in ihrem Bericht mit, daß sie dieses Ansuchen ablehnen müsse, dagegen aber der Regierung in Palästina nahelege, alle technischen Schwierigkeiten, die bisher, wie angegeben, diesem Wunsche der Juden im Wege standen, zu beheben. Die Mandatskommission würde sich freuen, einen Bericht über die endgültige Lösung dieser Angelegenheit bald entgegen zu nehmen. Eine arabische Petition, die hebräische Sprache im Telegraphenverkehr zu verbieten, wurde a b g e l e h n t. Tf checho-Slowakei. Arnenbestatkung auch in Prag. Prag, 1. Febr. In einer Sitzung der Repräsentanz der Gemeinde wurde Beschluß über die Errichtung eines Urnenhains auf dem jüdischen Friedhof gefaßt. Nach langjährigen Verhandlungen zwischen der Jüdischen Gemeinde und der Chewra Kadischa ist nun ein Kompromiß zustande gekommen, demzufolge die letztere einen Teil ihres Friedhofsgrundes der erperen abtritt, die darauf auf ihre Kosten einen Urnenhain und eine eigene Zeremonienhalle errichten und die Urnenbeerdigungen in eigener Regie durchführen wird. Nach einer kurzen Debatte wurde der Vorschlag mit allen Stimmen gegen die der Orthodoxen und des Dr. Stern akzeptiert. Prof. Oskar Lieben gab vorher eine Erklärung ab, daß er sich ursrpünglich von seiner Fraktion (Jüdischnationalen) Freiheit bei der Abstimmung erbeten und ge gen den Vorschlag zu stimmen beabsichtigt habe. Nach den Ausführungen Dr. E. Sterns, der zum Proteste d^rfür, daß die jüdische Gemeinde überhaupt mit der Chewra Kadischa verhandle, gegen den Vorschlag stimme, habe er keine Veranlassung mehr, seine ursprüngliche Absicht aufrecht zu erhalten. Polen. Die Wirtschaftsnot in Lodz. Lodz, 31. Jan. Die Lage ist hier katastrophal und spitzt sich mit jedem Tage mehr zu. Lodz, das reiche stolze Lodz mit seinen Fabriken, seinen Jndustriemagnaten und gutgestellten Arbeitermassen, ist heute ein Zentrum des Elends und des Hungers. Die Betriebe stehen still und die Arbeitslosigkeit nimmt den Massen das Brot und demoralisiert auch die Jugend. Zur Steuerung der Not hat die Gemeindeverwaltung eine große Konferenz aller Vorsteher der wirtschaftlichen und philantropischen Institutionen einberufen. Der Präses, Herr Münzberg, schildert in seiner Eröffnungsrede die verzweifelte Lage und schlägt einen Steuerzuschlag von 10 Proz. vor, die ermöglichen würde, eine Summe von 60 000 Zloty der geplanten Hilfsaktion zuzuführen. Andere Deputierte sprechen sich gegen eine Steuererhöhung in dieser schweren Zeit aus und plädieren für eine private Sammlung. Präses Liebermann warnt von einer Reduzierung und moralischen Deklassierung der Hilfsbedürftigen. Die Unterstützung muß in altjüdischer Weise ros yna vor sich gehen. Es wird darauf ein Organisationskomitee gegründet, das die Vorschläge zu prüfen und Beschlüsse zu fassen hat. Veranrwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuilletor S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate 1. V.: S. Schach nowttz, ebenda. - pt die pädagogische Beilage: Lehrer L Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Osfenbach). — Verlag des Israelit und Hermon <8. m. b. H., Frankfurt a. M. — DruS Pti>rmr\rtzc$'ryirtc>rt‘i. TtrfmTfurt n NN. Sprechsaal. Wer soll und kann in Palästina einwandern? Gestatten Sie mir zu dem Artikel des Herrn Lewinski aus Tel-Awiw zu bemerken: Ich will gern annehmen, daß, wie Herr L. schreibt, für einzelne junge Männer und besonders junge Mädchen heute in nicht ungünstige Aussichten für Existenzmöglichkeiten bestehen. Um aber etwaigen Enttäuschungen vorzubeugen, hätte darauf aufmerksam gemacht werden müssen, daß diese Aussichten z. Zt. nur für eine beschränkte Anzahl bestehen. Wenn z. B. im Laufe des Jahres 10 bis 20 Einwanderer der verschiedenen Kategorien kämen, so hätten sie hoffentlich Aussichten auf Existenz. Würden es aber hundert sein, so wäre doch sehr zu fürchten, daß der größte Teil von ihnen stellenlos bliebe. Ich möchte deshalb anregen, daß in Tel-Awiw, vielleicht durch Herrn L., eine Auskunftsstelle eingerichtet wird, an die sich die jungen Menschen, die nach einwandern wollen, wenden. Diese Stelle könnte sich einerseits im Lande nach Erwerbsmöglichkeiten für die verschiedenen Kategorien informieren und andererseits Einwanderungslustige darauf aufmerksam machen, wenn gerade für ihre Kategorie die Bewerber zu zahlreich sind. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Moses Auerbach. Personalien. Berlin, 4. Febr. Der bekannte ehemalige Führer der Gemeinde-Konservativen Deutschlands, Herr Moritz A. L o e b , begeht am nächsten Dienstag in der Stille seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar stammt aus Frankfurt, wo er in der Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft seine jüdische und allgemeine Bildung emkfing, die er nach dem Eintritt in das Geschäftslehen unablässig zu vertiefen bemüht war. Den Institutionen der Israelitischen Religionsgesellschaft wandte er, trotzdem er auch der neutralen Gemeinde angehörte, bis zu seiner im Jahre 1911 erfolgten Uebersiedlung nach Berlin ein starkes, tätiges Interesse zu. Der „Israelit" insbesondere ist Moritz A. Loeb für eine in der selbstlosesten Weise betätigte führende administrative Mitarbeit in den Jahren des Uebergangs der Geschäftsleitung von Mainz nach Frankfurt zu dauerndem Danke verpflichtet. Auch mancher wertvolle Beitrag redaktioneller Art ist in jenen Jahren aus seiner Feder im „Israelit" erschienen. Sozialpolitisch lebhaft interessiert, war er die treibende Kraft bei der Gründung der Schorn re Schabbos Stellenvermittlungsvereine, der Versicherungskasse gegen Stellenlosigkeit und des Verbandes der Sabbatfreunde. Die energische Wirksamkeit, die der Jubilar während seiner 20jährigen Arbeit innerhalb der Berliner jüdischen Gemeinde für die Interessen des konservativen Judentums im Rahmen der Gesamtgemeinden und -Verbände entfaltete und die ihm zuletzt zu dem Gedanken der Grün-' düng der Achduth-Organisation führte, ist in Aller Er-' innerung. Wir wünschen dem in jugendlicher Schaffenskraft stehenden Siebzigjährigen einen frohen, gesegneten Lebensabend. -S7"»y Köln, 29. Jan. Der „Zentraloerband der Angestellten" in Berlin hat dem 73jährigen Herrn Juda Ho l - st e i n, der sich wegen seines Thorawissens und seiner Frömmigkeit in den Kreisen der hiesigen Orthodoxie des höchsten Ansehens erfreut, im Hinblick auf seine hervorragenden Verdienste um den Ausbau und die Entwicklung der sozialdemokratischen Angestelltengewerkschaft seine Verbandsnadel mit der Jubelzahl 25 gewidmet. In der begleitenden Ehrenurkunde wird Holstein als eifrigster Vorkämpfer der Angestellten-Sache gefeiert, der zu einer Zeit, als noch ein hohes Maß von Opferfreudigkeit und Bekennermut dazu gehörte, das Odium dieses Kampfes auf sich zu nehmen, in der vordersten Reihe sich betätigte. Diese verdiente Anerkennung hat dem betagten Manne besondere Genugtuung bereitet. Kassel. 1. Febr. Herr Ludwig Ho r w i tz, gleich bekannt und beliebt in den Kreisen der Lehrer und Kantoren, wie in denen der Geschichtsforscher, geschätzt und geehrt von einem dankbaren Schüler- und großen Bekanntenkreise, begeht am 8. Februar seinen 70. Geburtstag. Wer den stets lächelnden, frohgemuten, jederzeit für Humor empfänglichen Greis in seinem unermüdlichen Streben und geistigen Arbeiten sieht und spricht, glaubt es kaum, daß H. schon die 70 auf dem Buckel hat. Doch die Tatsache besteht. Horwitz ist 1862 in Westpreußen geboren. Fast die Hälfte der 70, über 34 Jahre, verlebte er bis jetzt in Kassel, 27 Jahre als Lehrer und Kantor; seit etwa 7 Jahren ist er im Ruhestand. Es erübrigt sich, an dieser Stelle über H.'s Lehrgeschick, über sein Können auf dem Gebiet des Kantorats zu berichten. Das ist anläßlich seiner Pensionierung geschehen. Mit dem Abschluß der Beamtentätigkeit setzte sich H. aber nicht zur Ruhe. Da beginnt erst so recht seine Lieblingsbeschäftigung, das Erforschen der Geschichte der Juden. Horwitz's Lieblingsplätzchen ist in der Landesbibliothek, da ist er täglicher Gast. Nicht minder geehrt und geachtet ist er in den Archiven der Landesbibliotheken. Er soll die Akten jüdischen Inhalts besser kennen als die Bibliothekare. Nimmt es da Wunder, daß er Meister der Geschichte seines jeweiligen Wirkungskreises geworden ist, daß er den Stammbaum fast jedes hessischen Juden im Kopfe hat? H. ist in allen Kreisen, zu denen er Fühlung hat, beliebt und geehrt. Sein schlagfertiges Wort, seine liebenswerte Art, sein zuvorkommendes, stets hilfsbereites Wesen sind wesentliche Charakterzüge unseres Jubilars. Besonders herzlich und aufmerksam ist er gegen Kranke, Trauernde und sonst Bedrückte. Seine Friedensliebe, fein Streben, Gegensätze durch ein „Horwitz'- sches Wörtchen" zu überbrücken, sind bekannt. Er will den Frieden als Schüler Aarons. Möge ihn ’"n seiner Familie und seinem großen Freundeskreise körperlich und geistig gesund und lebensfroh erhalten. n:t? nxa is- Sprendlingen (Krs. Offenbach), 29. Jan. Am Sabbat jo 's verstarb nach längerem Leiden Frl. Karoline G o l ds ch m i ü t. Einer alteingesessenen Familie in Sprendlingen entstammend, in der der Geist jüdischer Liebe, Treue und Frömmigkeit heimisch war, pflegte sie diesen Geist und die Traditionen ihrer Väter ihr Lebenlang. Schlichte, tiefe Religiosität beseelte sie und für die Armen hatte sie stets eine offene Hand. Die Familie hatte an ihr Halt und Stütze. Wie hoch sie geschätzt bei Juden und Nichtjuden war, zeigte die große Beteiligung an ihrer Bestattung, zu der die Freunde und Verehrer auch aus allen umliegenden Ortn herbeigeeilt waren. Auf dem Friedhofe schilderte Herr Rabbiner Dr. M e r z b a ch, Darmstadt, mit beredten Worten das fromme, g'ttgefällige Leben der Heimgegangenen. Man wird ihr in weitem Kreise ein ehrendes Andenken bewahren. Vermischtes. Nürnberg, 2. Febr. Am Sonntag, den' 23. Schewat, fand in unserer Synagoge ein isvn auf den Heimgegangenen Rabbiner Dr. Raphael Breuer t7"T statt. Herr Rabb. Dr. Klein zeichnete den großen Verlust, den mit den Familien die gesamte Orthodoxie erlitten hat, -schilderte die besonderen Beziehungen des Verewigten mit Nürnberg und rühmte feine Eigenschaft der persönlichen Versöhnungsfähigkeit. Begnadet mit wunderbarer Beredsamkeit und gewaltiger Kraft der schriftlichen Darstellung, war er ein Vorkämpfer der Orthodoxie in Deutschland. Er fühlte sich als Sachwalter des großen Erbes seiner Ahnen, Rabb. Hirsch und Rabb. Breuer V'r, trat für px rn ay min im besten Sinne ein, und für Selbständigkeit der Gesetzestreuen. Nicht nur in großen Fragen, auch in solchen, die die Welt leicht nimmt, trat seine tiefe Ehrfurcht vor craan mm hervor, wovon der Redner Beispiele gab. Noch in frischer Erinnerung ist sein Mitkämpfen in der -v'nv-Frage, sein opservolles Auftreten gegen das Frauenwahlrecht. Nicht feine große Begabung, sondern seine Persönlichkeit machte ihn zum mm im jüdischen Kampfe. Der Hesped wurde umrahmt von dem von Herrn Lehrer K a tz in inniger Weise vorgetragenen ■v'ax* Die Woche. Elternversammlung in der Israelitischen Volksschule, Frankfurt a. M. Der Elternbeirat der Israelitischen Volksschule zu Frankfurt a. M. hatte durch seinen Vorsitzenden, Herrn Dr. med .Arnold Merzbach, zu einem Elternabend in die Turnhalle der Volksschule eingeladen. Die Eltern waren der Einladung gerne gefolgt, denn fast reichte der Raum nicht, die Menge zu fassen. Herr Dr. M e r z b a ch begrüßte die Versammlung und wies darauf hin, daß das Jahr 1932 für die Schule von besonderer Bedeutung sei, weil sie ihr 50jähriges Jubiläum feiern könne. An die Bedeutung des Jobeljahres anknüpfend, sprach er den Wunsch aus, daß wir nicht einer Zeit des Weiterbelastetseins entgegengehen möchten, sondern einer Zeit des Weiterwirkens. Für uns ergebe sich aus dem rechten Sinn des Wortes die Verpflichtung, der Jugend in den nächsten 50 Jahren die Rechte zu geben, auf die sie in einer neuen Zeit und unter anderen Konstellationen Anspruch hat. Redner weist dann auf die große Leistung hin, die Herr Rektor Stern während seiner Amtszeit vollbracht hat. Er hat die Schule in schwersten Zeiten geführt und vermocht, sie ihrem eigensten Sinne gemäß zu erhalten. Er hat es verstanden, sie zu stärken und auszubauen, so daß sie den schwierigsten Aufgaben der vergangenen Jahre gerecht werden konnte, und das Verdienst seines organisatorischen Talentes, seiner Tatkraft und Aktivität ist es, unsere Schule als Gemeinschaft erhalten zu haben. Der Elternbeirat dankte Herrn Stern, indem er ihm zum Abschied von der Schule als Symbol seiner Tätigkeit ein Buch überreichte, in dem das Wesen der Pflanze geschildert wird. Denn vom Biologischen her sind auch wir Menschen in die Gesamtheit alles Lebendigen einbezogen, und die Liebe zu allem Lebenden ist es, welche dem Erzieher das Recht zu seiner Arbeit gibt, weil nur eine solche Persönlichkeit, die aus dem Vollen heraus das Leben sieht, ihm sein Recht zuteil werden läßt. Im Anschluß an diese Abschiedsworte begrüßte der Redner den neuen Leiter der Schule, Herrn Karl O ch s e n m a n n, in warmen Worten, wünschte ihm ein erfolgreiches Wirken, und bat ihn, sein Programm zu entwickeln. Herr Ochsenmann dankte und bezeichnete es als ein ermutigende Gefühl, das Bewußtsein zu haben, daß die Lehrerschaft der Schule im Elternhaus einen guten Resonanzboden hat. Es sei nicht gleichgültig, welche Einstellung die Eltern der Schule gegenüber haben. In einer Zeit, in der alles vom fiskalischen Gesichtspunkt aus beurteilt wird, ist es schwierig, die Schule durch alle Fährnisse hindurch zu bringen und es ist nicht möglich, ein Programm zu entwickeln. Es sei dafür zu sorgen, „daß die Stimmen in den Schulen und in den Lehrhäusern nicht verstummen, damit erhalten werde, was allein uns in dieser schweren Zeit schützen kann, die jüdische Schule." Dann sprach Herr Siegfried K ö st e r i ch über „Den modernen Musikunterricht in der Volksschule". Er erwähnte die geringe Wertschätzung, gerade dieses Unterrichtsfaches, bei dem man nicht wie etwa beim Rechnen oder Lesen eine Lebensnotwendigkeit erblicke. Der Un-