Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 6 (4.2.1932)
- Date
- 1932-02-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 6_'__D er Israelit 4. Februar 1932 Frankfurts größtes Spezialhaus bietet „Beste Qualität zu billigsten Preisen“. Uhren aller Art Gold . Silber Juwelen Bestecke Trauringe NurZeil 95u. Töngesg. 25-27 Kämpfen, aber auch arbeiten. Zeit ist's zu kämpfen. Die Angriffe auf die Thora seitens des „Liberalismus", der richtiger „Neologie" zu benennen ist, müssen mit Entschiedenheit abgewehrt werden. Aber auch uns triff: Schuld. Wir haben zu wenig getan und jetzt sind wir zu schwach geworden. Unser wichtigstes Anliegen, unser Ein und Alles ist der Schabbos. Es ist ganz gut, der jetzigen Generation von den früheren zu erzählen. Unsere ganze biblische Geschichtsschreibung ist eine Kritik der vergangenen Zeit. Das drückt ihr gerade den Stempel der Wahrhaftigkeit auf. Es war in den 90er Jahren. Der Verein der Schomre Schabbos wurde gegründet. Es sollte ein Kreditinstitut für stellenlose junge Leute ins Leben gerufen werden. Dazu war ein Kapital von RM. 60.000 n^wendig, eine Summe, die damals leicht von einzelnen sabbathaltenden Firmen hätte hingelegt werden können. Von einzelnen Personen wurden zur Zeit schon größere Summen als diese ohne Wimperzucken von einem Tage auf den anderen zur Verfügung gestellt. Aber das Kreditinstitut trat nicht ins Leben. Die Summe wurde nicht gezeichnet. Und wie ging es mit der Agudohbank? Als die Idee aufkam, sie zu gründen, — das war auf der letzten Kenessio in Wien — waren die Zeiten schon schlecht. Aber RM. 200.000 waren damals auch noch keine Utopie. Sie blieb ungeboren. Manchem jungen Mann brach die Konkurrenzklausel den Hals, die später vom .Staat als eine Bedingung, welche gegen die guten Sitten verstößt (!) auf dem Wege der Gesetzgebung abgeschafft wurde. Unter demselben Mangel an Verständnis für die Gegenwartsaufgaben hatte die Presse der deutschen Orthodoxie zu leiden. Man hat wohl immer den Mut gehabt, sie öffentlich zu verkleinern, aber nie die offene Hand, sie zu stärken. Auch das Werk, das Keren Hatauroh sich hellte zur Aufgabe macht, war zu einer Zeit, in der es aus wirtschaftlichen und politischen Gründen leichter und wirkungsvoller hätte ins Leben treten können, trotz wiederholter Aufrufe in einer Beilage dieser Zeitschrift zur Richtlinienzeit 1913 nicht realisiert worden. An all diesen Unterlass sungssünden leiden wir heute. Fette Zeiten fanden selten weitsichtige Geldgeber. Sie machen engherzig und kleinlich. Und magere Zeiten können das Versäumte nicht wieder gutmachen.. * Aber soweit es möglich ist, könnte man auch heute noch helfen. Zwei besondere Fälle von vielen liegen vor, die Abhilfe heischen. Ein schulentlassener Volksschüler sucht eine Stelle als Kochlehrling. Er will Schabbos hall ten, hat aber arme Eltern. Er findet keine Unterkunft in Restaurationen, die iwd geführt werden, und in denen er na» halten kann. Seine Verwandten zwingen ihn, eine Stelle anzunehinen, in einem Hause, das vollkommen unjüdisch geführt wird. Aehnlich ergeht es einem Jungen, der Bäcker werden will, den, wenn er überhaupt Antwort bekommt, Absagen erhall. An Herren und Damen, die durch ihre Geschäfts- und Vergnügungsreisen mit durchgehend geöffneten Hotels in Beziehung stehen, sei es im Inland, fei es im Ausland, sowie an Rabbiner und Lehrer, an deren Amtssitz Bäckereien, Konditoreien oder andere Handwerksbetriebe sich befinden, ergeht der dringende Aufruf, mitZuarbeilen 'dem ewigen Schabbos Träger für die Ewigkeit zu erhalten. Der heutigen Jugend soll gesagt sein, daß sie vererbte Engherzigkeit ablegen muß. Die vorige Generation krankte daran. Ausbibdungs- und Lehranstaltn wurden gezwungen, an die Pforten von Geldgebern zu pochen, die im Leben gegenteiligen Grundsätzen huldigten. Kein Wunder, daß manchmal dann der Mantel nach dem Wind gehängt wurde. Engherzigkeit ist vielfach ererbter Fehler, der sich durch Generationen fortwälzt. Mit ihm zu kämpfen ist schwer, da dazu der Blick geweitet werden muß. Aber, wie wir es in heutiger Zeit erleben, liegt zwischen Erkenntnis und tatsächlicher Umstellung noch eine weite Kluft. Der Wille muß sie überbrücken. Das wußten unsere Weisen auch. Darum lehrten sie uns beten: „Führe uns zurück, damit wir zurückkehren können." Möge der Allgütige dieses Gebet erhören, wenn wir uns innig mit dieser Bitten an-Ihn wenden. Dann wird dem rückkehrenden Israel Heilung aus all seinen Röten werden. W. Ein halbes Jahrhundert Zwangs- Herrschast einer „einheitlichen" Großgemeinde. Von Oberrabbiner pH. Fischer in Sarospatak. Zur 60. Iahreswiederkehr der staatlichen Anerkennung der autonomen orthodoxen Landesorganisakion in Ungarn. Die vorliegende Neuerscheinung^ ist ein hochinteressantes, lesenswertes Buch. Indem es nämlich „zugleich ein Beitrag zur Geschichte der I sra e l i t isehe tt. K ul tusgemeinde Wien in der zweiten Hälfte des n e u n z e h n te n I a h r Hunde r t s " sein will, erhält es größte Bedeutung für r e l i g i o n s p o l i tische Fragen und Probleme, Streitigkeiten und Kämpfe der jüngsten Vergangenheit und der —. Gegenwart! . , Heute, da wir hierinUn g a r n und den Nachfolgestaaten bereits auf eine f e ch zigjäh - r i g e staatliche Anerkennung einer besonderen orthodoxen und neologen Organisation zurückblicken können, und manche orthodoxe Zirkel sich schon derartig unter sicherem Schutzdache geborgen fühlen, daß sie es für gar nicht bedenklich halten, ein bißchen an der bisherigen strengen Grenzsperre lockern zu wollen, — und hingegen wiederum in D e u t s ch l a n d die rabbinischen Führer der sogenannten Gemeindeorthodoxie sich veranlaßt sehen, gemeinsam mit den Führern der sogenannten Trennungsorthodoxie gegen die maßlosen Uebergriffe neolog-liberaler Geistlichen auch auf.eherechtlichem Gebiete.anzukämpfen, kann es nicht schaden, so. manche in diesem Buche enthaltene Tatsachen als Kronzeugen für das Pro und Kontra, in r e.I i g i an s p o l k t i f che n Tagesfragen aufzurufen, Zu diesem Zwecke müssen wir vor allem den religiösen Eharakter Jellineks, sowohl in. seiner privaten Beziehung, wie infeinem öffentlichen Wirken, festzustellen uns bestreben. Man kann uns keiner Pietätlosigkeit welcher Art immer bei diesem Vorgehen zeihen, werden wir doch bloß die e i g e n e n W o r t e des Verfassers anführen, der doch gewiß zu den aufrichtigsten Verehrern Jellineks zählt. Also vor allem über. deh -religiäsen Charakter seines Privatlebens. Das M i n i m u m , das man nach jahrtausendelanger Tradition von der religiösen Lebensführung nicht'etwa eines jüdischen Rabbiners oder Kanzelredners, sondern eines jeden Juden, der noch einigermaßen Anspruch darauf erhebt, im Kreise jüdisch-religiös Gesinnter als halbwegs religiös zu gelten, ist doch wohl, daß der Betreffende wenigstens dem Scheine nach bestrebt ist, nach außen hin keinen Anstoß zu erregen und einen jüdisch-rituellen i) Dr. Adolf Jellinek. Sein Leben und Schaffen. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte der Israelitischen Kultusgemeinde Wien in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. Wien 1931. Jos. Schlesinger Verlag XIV n. 232 S. Haushalt zu führen. Wie verhielt es sich aber diesbezüglich mit dem'Helden unseres Buches? " Run, S. 58 lesen wir: „Die, wie' aus dieser Schilderung, hervprgeht, nicht besonders scharfe Beachtung, ritueller. Pprfchr.iften. im Haushalte seitens der Hausfrau vermochte die ^Stellung ihres Mannes (Jellineks) in "Leipzig nicht im geringsten zu beeinträchtigen, sollte aber späterhin in Wien das Verhalten der konservativ - angehauchten^ Parteien zu Jellinek nicht günstig beeinflussen." Dann lesen wir'S. 194 und 195: „Was Jellineks religiöse Einstellung betrifft; so darf sie als fast indifferent bezeichnet werden. In einer Zeitepoche, die von Religiosität, sowohl christlicher als auch jüdischer Art, wohlauf durchtränkt war, stand er nicht selten den Eiferern von rechts und links gleichgültig gegenüber. Vermöge seiner Entwickelung und Anschauung war er freisinnig, begrüßte aber vorurteilslos jede auch von orthodoxer Seite ausgehende Aktion usw. Für sich selbst allerdings duldete er keinen Zwang und verstand es, jeden Versuch, ihn in dieser Hinsicht zu beeinflussen, in witziger Weise abzulehnen.h In der Rote hierzu wird auch ein ziemlich derbes Witzwort berichtet, womit I. jemanden abgefertigt haben soll, der ihm Vorwürfe darüber machte, daß er im Sommer in Baden bei Wien in einem nichtjüdischen Kaffeehause frühstückte. S. 213 und 214 enthält die briefliche Mitteilung von lSchülrat Dr. 'Heinrich Pollak: >,Beim Beten stand oder saß er (I.) immer mit stummen Lippen, d. h. er hat nie mitgebetet und sogar bei der Keduscha lehnte er sich über die Brüstung der Loge und schaute in die Gemeinde, ohne sich mit dem Gesichte der Bundeslade zuzuwenden." — „Jellineks Frau, das war bekannt, führte keine rituelle Küche; auf dem Lande, so erzählte mir eine verläßliche Person, hat sie kein koscheres. Fleisch genommen-." Was nun den religiösen Charakter der amtlichen Wirksamkeit Jellineks betrifft, so entnehmen wir dem Buche folgendes. S. 81 wird berichtet,, daß I. im Jahre 1858 eine Erklärung abgegeben hat, daß man im neuen Leopoldstädler Tempel zu Wien die Orgel ausstellen soll, doch wurde hiervon infolge des Einspruches von Mannheimer und Dr. L. A. Frankel abgesehen. Hingegen fanden die Beschwerden, die der gesetzestreue Rabbiner der Gemeinde, der als hervorragende tall m irdische Autorität gefeierte R. Lasar Horowitz,. der Verfasser des “itjtVx t> ms?, beim Vorstand gegen die amtliche Tätigkeit Jellineks erhoben, daß er gewisse religiöse Formen, so die Verwendung der Ketuba beim Vollziehen von Trauungen selbstherrlich außer acht lasse, keine Berücksichtigung, (S. 83 u. 84). Der i. I. 186A vom Wiener Staatsanwalte gegen den Schriftteller L. Kompert wegen Schmähung der orthodox-jüdischen Lehre von einem persönlichen Messias und wegen Religionsstörung durch Beeidigung'd eh christlichen, nämentlich katholischen Kirche angestrengte Prozeß, /.wobei Ppediger Mannheimer'°'ünd'Rabbiner Horowitz als. Experten geladen waren, veranlaßte 121 orthodoxe und konservative Rabbiner, gegen die Verleugnung des „persönlichen Messias" zu protestieren.") Jellinek aber ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen., um in sieben Predigten diese um die Gefährdung dieses wichtigen Glaubensgrundsatzes besorgten Rabbiner auf das maßloseste anzugreifen. (S. 103 u. f.) S. 121 wird uns berichtet, daß Jellinek sich bei Trauungen über die biblischen Chalizohvorschriften hinweggesetzt und bei der Aufnahme von Proselytinnen vom Gebrauch des Tauchbades abgesehen, und solche (also religionsgesetzlich: R i ch t j ü d i n n e n) dann auch -') Sperrdruck von uns.; r) Weber diesen Prozeß und die damit zusammenhängenden Fragen ist noch heute lesenswert die treffliche Schrift von Rabbiner S. Kühne: „Offen und ehrlich!" (1864). — Auch S. R. Hirsck schrieb einen markigen Artikel im Jeschurun X, S. 177 u. f. gegen RabbinerL. Horovitz, den man wohl aus Rücksicht auf letzteren, der ein großer Thoragelehrter war. und offenkundig oma aa-iwa-i sich in eine zweideutige Stellung brachte, in die Ges. Schriften nicht ausgenommen hat. Daß Rabb. L. Horovitz in dieser Angelegenheit vzirra aüssagte, geht mir auch aus einem Antwortschreiben des Rabb. S. Kühne hervor,- welches ich von demselben einige Jahre vor dessen Tod erhielt. Doch untersagte mir derselbe die Veröffentlichung seiner betr. Angaben. lefzfdi