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Der Israelit · 1932-02-04 · Heft 6 (4.2.1932) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 6 (4.2.1932)
Date
1932-02-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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4. Februar 1932 Der Israelit Nr. 6 Seite 3 Simon Dubnow hat mit seiner „Geschichte des Chassidismus" dem Chassidismus und der jüdischen Geschichte, aber auch seinem eigenen wissenschaftlichen Renommee keinen guten Dienst geleistet — sie ist subjektive Geschichtsdichtung und -Deutung, aber keine Geschichte. —tz. (Schluß folgt.) Wochenrundschau. Oie Sendung der Gemeinde. Wo die Not am größten — ist die Organisation am nächsten. Würde die Hilfe der notleidenden deutschen Judenheit nach dem Maße der Organisationsgründungen, Beratungen, Vorschläge, Beschlüsse und „Maßnahmen" zufließen, die Not wäre längst nur noch ein Schauermärchen aus alten Zeiten. Eine neue Arbeitsgemeinschaft ist im Erstehen begriffen. „Die führenden jüdischen Organisationen in Deutschland sind geladen und vertreten ..." Zweck: Arbeitsbeschaffung, Berufsberatung, Kreditgewährung, Abwehr des Wirtschaftsboykotts und noch mehr der schönen Worte aus dem Vokabularium der jüdischen Not und Nothilfe. Einen hohen Protektor hat die neue Arbeitsgemeinschaft auch, es ist der P r e u - j ßische Landesverband. Initiatorin, Pro- * pagatorin und Sachwalterindes neuen Gebildes ist die Berliner Jüdische Gemeinde und seine Geburtsanzeige erfolgte durch Herrn Bruno Wo y d a am Donnerstag abend, den 28. Januar, in den Johann Georg-Festfälen zu Berlin, in einer Versammlung, die unter der Parole: „Die soziale Sendung der Gemeinde" stand. Er spricht über die Not der Zeit und warnt von übertriebenem Pessimismus. Es muß dem äußeren und i n n e r e n Menschen geholfen werden. Unddamit beginnt die neue Ausgabe der Gemeinde, die sich über den Kultus hinaus auf die soziale Tat erstreckt. Es folgen einige uns wohlbekannte Zahlen über das jüdische Berufsleben, die die eigene Note der jüdischen Not beweisen. Ein kurzer Abriß aus dem vorbildlichen Wohlfahrtswerk der Jüdischen Gemeinde, die bei allen radikalen Budgetkürzungen immer noch vier Millionen für soziale und Wohlfahrtsarbeit ausschüttet, verdient und erweckt Interesse. Ob aber eine Zentralisation aller jüdischen Wohlfahrts- und Fürsorgeinsiitute und im weiteren Sinne aller jüdischen Organisationen^ und bringt nicht den Haß und Zwist zum Schweigen? Aus dem Elend unserer Zeit heraus müßten doch wahrlich alle, die es angeht, den Ruf zur Einkehr und Selbstbesinnung vernehmen und beherzigen: inR nx Haben wir nicht alle einen Vater, hat uns nicht alle e i n G'tt geschaffen, warum sollen wir treulos fein einer gegen den andern? . . . Die Winterhilfe, die überall zu helfen und zu lindern sucht, bringt manchen Strahl der Lenzeshofsnung in die Hütten der besonders schwer Ringenden. Das ist der Sieg der Liebe, die G'ttes Alliebe im Herzen der Menschen entzündet. Die geistige Not, der seelische Schmerz, die aus der Befehdung ganzer Gemeinschaften hervorkeimen, drücken nicht weniger. Da müßten die Vorurteile schwinden, Rassendünkel und übertriebener Nationalis.mus abgebaut werden, damit nicht zur wirtschaftlichen Not noch jene geistige hinzukomme, die die Menschen zerklüftet und immer von neuem Scheidewände zwischen den Völkern aufrichtet und die Befriedung der Welt verhindert. Israel, das Volk des Optimismus, verzweifelt niemals und weiß — aus den Blättern feiner Geschichte und Vergangenheit kommt ihm diese Kunde — daß es den Sturm seiner gegenwärtigen Feinde überdauern wird. Die „hochgehaltenen Hände" Mosis unseres Allehrers bleiben uns das ewige Sinnbild der niiBR des unverrückbaren Glaubens und G'ttvertrauens. Wenn immer neu der Amalekgeist gegen unsere Gemeinschaft wütet, dann weisen uns diese „Mosishände" zur Höhe und mahnen uns wie zur Abwehr der feindlichen Anschläge so auch vollends zur Selbstläuterung und Veredlung. Mögen wir auch jetzt die Zeichen der Zeit verstehen, dann dürfen wir trotz Drang und Sturm auf den nahenden Lenz hoffen wir in der Natur draußen so auch im Geschehen und Erleben der Menschen und Völker . . . > in Deutschland unter dem Protektorat Äer Verjlmer jüdischen Großgemeinde alles Heil und die Erlösung aus der mit schwärzesten Farben und dennoch nicht übertrieben gezeichneten Krisis bringen wird, konnte Herr Woyda, der es gewiß sehr gut meint und dem ein Herz für die Not seiner Brüder auch kein politischer und religiöser Gegner absprechen wird, leider nicht überzeugend beweisen. Die soziale Sendung der Gemeinde! Daß die jüdische Gemeinde neben einer religiösen eine soziale Sendung hat, ist gewiß keine Entdeckung des liberalen Judentums. Maimonides und Schulchan Aruch, und vor ihnen der Talmud auf Grund des schriftlichen Wortes, stellen die sozialen und philantropischen Einrichtungen der Gemeinde (inan und npis naip) in die Reihe der wichtigsten Kültuseiiirlchtungen. Daß sich mit den sozialen Aufgaben der Gemeinde ihre Sendung nicht erschöpft, wird man sich auch in diesen Tagen der Not vor Augen halten müssen. Wichtig ist aber zu wissen, daß religiöse und soziale Aufgaben der Gemeinde keine zwei von einander getrennten Aufgabenkomplexe bilden, sondern eng miteinander verbunden sind. Und darum müssen alle Wohlfahrtseinrichtungen so sein, daß auch die Religiösesten der Religiösen ohne Gewissensbedenken davon Gebrauch machen können. Es müssen Berufsberatung und Stellenvermittlung mit Berücksichtigung des Sabbat und der Sabbathaltenden, Heime, Spitäler und Notküchen mit Höchstmaß an Kaschruth, Jugendfürsorge mit religiöser Erziehung verlangt werden, j All dieses um so mehr in dem Augenblick, da die Berliner Jüdische Gemeinde die Sendung in sich fühlt, in all diesen Anliegen für Leib und Seele die Organisation der Organisationen zu sein. Ein Weg der Hilfe für die Inden in Polen. Die in Polen bestehende Gesellschaft jüdischer Landwirte „Ikor-ganon" (Bauer-Gärtner), an dessen Spitze Fachmänner, unter ihnen der agudistische Senator Mendelssohn stehen, hat den Plan einer jüdischen Landans r e d l u n g i n Polen in großem M a ß - st a b e ausgearbeitet, der auf folgendes hinausgeht: In Polen gibt es zahlreiche Mische Gutsbesitzer mit einem Gesamtbesitz von 600,000 Morgen Land die infolge der schlechten landwirtschaftlichen Konjunktur schwer um ihre Existenz ringen müssen. Sie wären bereit, gegen geringe Entschädigung ihren Boden zur Parzellierung und Verteilung an kleine jüdische Landwirte abzugeben, die — weil bei ihnen intensive Bearbeitung Kleines Feuilleton. Jüdische Berufsberatung. Im Rahmen der Schriften der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden ist als Nr. 6 zum Preise von Mk. 1.25 eine außerordentlich ansprechende und gründliche Darstellung der jüdischen Berufsberatung, ihrer Grundlagen und ihrer Praxis, aus der Feder der Berliner jüdischen Berufsberaterin, Lucie Zobel, erschienen, die von allen an der Stellenvermittlung und an der Betreuung der jüdischen Jugend überhaupt interessierten Kreisen gründlich gelesen werden sollte. Man merkt an jeder Zeile der Schrift, daß sie aus einer vielseitigen Praxis hervorgewachsen ist und daß die Verfasserin auch die Fähigkeit besitzt, die in dieser Praxis gewonnenen Erfahrungen systematisch zu gestalten und in größere Zusammenhänge hineinzustellen. Von unserem Standpunkte aus berührt es wehmütig, daß wir ein besonderes Handbuch dieser Art für die Berufsberatung der gesetzestreuen, religiös gesinnten Kreise vorerst nicht besitzen, denn aus der Darstellung der Verfasserin geht, weil sie den vorhandenen Schwierigkeiten nicht ausweicht, sondern ihnen ins Gesicht blickt, mit voller Deutlichkeit hervor, wie notwendig eine gesonderte Berufsberatung für diese Kreise auf Grund eines ganz unter dem Gesichtspunkte der Sabbattreue gesichteten berufskundlichen Materials ist. Darin soll beileibe kein Vorwurf liegen gegen die Tätigkeit der meisten jüdischen Berufsberatungsstellen, die sich gewiß alle redlich bemühen, auch den Wünschen der sabbattreuen Kreise, soweit es eben möglich ist, gerecht zu werden, und es muß und wird von einer sabbattreuen Berufsberatungsstelle auch selbstverständlich stetig Fühlung gehalten werin Frage kommt und sie meist auch Selbstverbraucher sind — weit eher Aussicht haben, sich in der Landwirtschaft einen Unterhalt zu schaffen. Da jede Landwirtefamilie 20 Morgen Land benötigen würde, könnte man auf den 600.000 Morgen jüdischen Bodens (polnischen Boden für jüdische Landansiedlung kann man unmöglich beschaffen) rund 30.000 jüdische Familien mit insgesarnt 200.000 Seelen auf dem Lande ansiedeln. Jeder Lalldwirt soll auf 15 Morgen Getreide uild Gemüse bauen und 5 Morgen für den großen gemeinschaftlichen Weideplatz der Kolonie abgeben. Die Kosten für -die Ansiedlung' einer Familie wären: 5000 Zloty für die 20 Morgen Land, 2000 Zloty für den Aufbau eines Drei- Räume-Hauses, 1000 Zloty für Stall- und Scheunen-Bau. 450 Zloty für die Anschaffung von drei Kühen, 1000 Zloty für Geräte und Beisteuer für die großen Maschinen der Kolonie, 250 Zloty für 2 Pferde, 1500 Zloty für ein Jahr Unterhalt bis zur ersten Ernte, 500 Zloty für unvorhergesehene Ausgaben — insgesamt also 11.700 Zloty. Ein zweiter Plan der Ansiedlung von Kleingärtnern auf je 4 Morgen Land steht Ausgaben von nur 7700 Zloty pro Familie vor. Der Finanzierungsplan ist folgender: In Polen leben rund drei Millionen Juden. Wenn jeder Jude 20 Groschen im Monat leistet (die jüdischen Gemeindeverwaltungen hätten die Aufgabe, d'ie Gemeindemitglieder in dieser Höhe zu besteuern), so macht dies jährlich 600.000 Zloty aus. Dieser Betrag würde zur Amortisierung der zur Verwirklichung des Kolonisationsplans notwendigen Summe ausreichen. Die amerikanischen Juden würden dem Plan ihre materielle Unterstützung nicht versagen. Die Siedlungszentrale wird 'den Bodenrmü. die Parzellierung, die Vorbereitung des Bodens und den Häuserbau durchführen, die Siedlungswilligen instruieren und dem Siedler eine fertige Wirtschaft übergeben. Die Rückzahlung der vorgesehenen Summen durch den Landwnr soll erst 5 Jahre nach seiner Ansiedlung erfolgen. Die jüdischen Kolonisten würden Produktionsgenoss>nschäften bilden, um ihre Produkte besser auswerten zu können. Die Zelt ist günstig, da Boden, Vieh und sogar landwirtschaftliche Maschinen jetzt sehr billig zu haben sind. Die Regierung steht dem Plane durchaus wohlwollend gegenüber. Zur Popularisierung des Planes werden demnächst in Warschau und in anderen Städten Polens größere Versammlungen abgehalten werden. Man sollte diesem Plan auch in anderen Ländern, vorab in Deutschland, wo jetzt die jüdische Klein- und Randsiedlung auf der Tagesordnung steht, einiges Interesse zuwenden. den mit diesen allgemeinen jüdischen Beratungsstellen, weil es ja in vielen Fällen möglich ist, gesetzestreue junge Leute auch in Geschäften, die am Sabbat geöffnet sind, jüdischen und nichtjüdischen, unterzubringen. Aber nichtsdestoweniger müßte eben bei der einzig dastehenden Gelegenheit, mit den Jugendlichen in innere Fühlung zu gelangen und ihnen bei der schwerwiegendsten Schicksalsfrage ihres Lebens beratend zur Seite zu stehen, nach der positiven Seite das religiöse Moment eine so große Rolle spielen, wie es eben nur von religiöser Seite, aus der Tiefe der eigenen Anschauung heraus, geltend gemacht werden kann. Bei solchen Gelegenheiten spürt man das Unglück der Minoritätsstellung, in welche das orthodoxe Judentum im Westen hineingedrängt ist. Im Osten, in den jüdischen Massensiedlungen, aber ist man offenbar noch nicht reif für die Durchführung dieser sozialpolitischen Ideen. Ob es nicht möglich wäre, daß die jetzt unter orthodoxer Führung stehende jüdische Gemeinde in Warschau die Einrichtung einer gut arbeitenden Berufsberatungsstelle jus Auge faßte?_ Wochenkalender tarn 8. — 13. Febr. 1882 I vom 29. Schebat bis 6. Adar 6682 ’BV eft »1N.1 P212B D’t?S»B . D’nos Mauled: Sonntag früh Samstag 6 V2» 29 TB 1 Uhr 64'/18 Min. Sonntag 7 30 NB »IN »R11 'R Bl' Montag Febr 8 ■vm 1 VB »in VR11 'a bt Dienstag 9 2 1 Mittwoch 10 3 Kl Donnerstag 11 4 22 Freitag 12 5 22 Samstag 13] 6 11 nniin

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