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Der Israelit · 1932-02-04 · Heft 6 (4.2.1932) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 6 (4.2.1932)
Date
1932-02-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 6 Der Israelit 4. Februar 1932 der Massenseele und das Verhungern der Einzelseele aus. Hier hat Dubnow den Schlüssel gefunden zur Entstehung und rapiden Ausbreitung des Chassidismus: Eine Reaktion auf die Kollektivierung der Seele. Wie das Christentum seinerzeit von den Essäern die offene Rebellion gegen das nationale Moment im jüdischen Glauben übernommen hatte! Damals machte man in der Gegenwehr die Thora zum Talmud, „zur Gesetzgebungskunst und Rechtsgelehrsamkeit." Der Chassidismus des 18. Jahrhunderts, eine Sekte, aber immerhin eineinnerjüdische Angelegenheit bleibend, sei die Betonung und die Stärkung der innerlichen, persönlichen Elemente des Glaubens, die von dessen äußerlichen gemeinschaftlichen Grundlagen völlig verdeckt worden waren. Er predigt: Die Thora im Herzen stehe über der Thora als Buch! Alle seine Legenden und Wundergeschichten wiesen nicht nach oben, sondern zögen im Gegenteil das Judentum aus 'der höheren Welt in die niedere, durch die Anpassung an die Begriffe und die Phantasie des Massenmenschen. Seien doch die Helden der chassidischen Mythologie nicht aus der Vorzeit, sondern aus der jüngsten Vergangenheit, ja auch aus der Gegenwart hergeholt. Daraus ergibt sich für Dubnow all das, was er in diesem 340 Seiten starken Buch über den Chassidismus und seinen Platz in der jüdischen Geschichte, seine mystischen Strömungen, seine Rabbis und ihre Lehren zu sagen hat, von selbst. Es lohnt sich um so weniger, darauf einzugehen, als die Darstellung in viele Einzelheiten zerfällt und das Gesamtbild dadurch eher zerreißt' als es in packender Einheitlichkeit zu bieten. Das rabbin'ifche Judentum opfere den Einzelnen dem nationalen Interesse, der Einzelne sei Material, habe sich ln den Bau einzufügen. Die Propheten predigten angeblich ein anderes Judentum, das Recht der sittlichen Persönlichkeit. Das Christentum auf seine Art auch. Der Psalmensänger singe aus der nach G'tt dürstenden Einzelseele heraus. Hiob klage und hadere mit dem Schicksal, das ihn,, den Einzelnen, wie unnützen Stein zu Boden werfe und zerschmettere, so er für den Bau des Ganzen entbehrlich erscheine. Lauter alte Mätzchen, für die man keine neuen Geschichtsbücher schreiben müßte! Schon der gute Paulus weiß bekanntlich nichts besseres zu tun, als Abraham gegen Moses in Kampfstellung zu bringen, den Glauben der Erzväter gegen die mosaische Gesetzes- und Opferlehre auszuspielen, als wären sie, Paulus und sein Meister, die legitimen Schiüsselbewahrer von Hebron und Moria! Seitdem hat dieses Spiel bei den Historikern der Aufklärungszeit, die der alten Reform Pate gestanden haben, bis zu den Philosophen und Ideologen des heutigen „liberalen Judentums" wohl manche Nuancen erhalten, aber im Grunde nicht aufgehört. Neu ist bei diesem nationalen Historiker und Ideologen dies liberalen Judentums, daß auch der Chassidismus so etwas sei wie eine Befreiung des in die Ketten der nationalen Gesamtheitsinteressen geschlagenen Einzelmenschen. Hie Gemeinschaft, dort Individualismus! Man arbeitet mit feststehenden Regeln, — aus der Denkart der jüngsten Tage, das Schlimmste, was ein Historiker tun kann — und das mathematische Exempel ist spielend gelöst. Das ist die Methode der ältesten historischen Schule, und mit dieser Methode ist in der Weltwie in der jüdischen Geschichte mehr gefälscht und« Unheil angerichtet worden, als die modernen Historiker mit ihrem Bestreben, Einzelnes aus dem Geiste des Ganzen zu begreifen und hinter dle tieferen Zusammenhänge der Geschichte zu schauen, wieder gutmachen können. Dubnow kommt aus Cheder, Jeschiwa und Schule der Haskala im Osten und kennt gewiß die talmudische Vorschrift N2DN NN p^na lav p P11N 1^08, wonach man mit Rücksicht auf ein Kind im Alter von eine m Tage, dessen Lebensfähigkeit noch nicht bewiesen ist, den Sabbat entweihen darf. Er kennt gewiß den Begriff mpsder bei Lebensgefahr für den Einzelnen Sabbat, Jom- Kippur und Speisegebote, also Bindungen der Gesamtheit, außer Kraft setzt für den Einzelnen. Er ist vielleicht auch schon auf die talmudische Sentenz gestoßen: xVa B^ny □’p 1^x2 ‘rxiizra rmx „Wer eine Seele in Israel am Leben erhält, hat damit eine ganze Welt erhalten." Er dürfte am Ende auch die wundervolle Agadastelle im Talmud Traktat „Sabbat" noch in Erinnerung haben, die uns eine Antwort Rabbi Tanchums auf eine Anfrage, ob man ein Licht am Freitag abend, das dem Kranken lästig ist, auslöschen darf, aufbewahrt. Weit ausholend schildert- Rabbi Tanchum den Tod von König David, der am Sabbat eintritt. Es war ein heißer Sommertag, und dennoch durfte man den Toten nicht abheben; für die Tiere, die hungerten, durfte man aber Futter zurechtschneiden. Der König war tot, was aber lebte, hatte Anrecht auf Leben, nicht allein der Mensch, auch die hilflose Kreatur. Und auf den zur Frage stehenden Gegenstand zurückkommend, lehrt R. Tanchum: „Des Menschen Seele ist G'tteslicht, das andere Licht aber von Menschen angezündet, man verlösche daher das Menschenlicht, um das G'tteslicht zu erhalten! .. ." Stände diese Geschichte nicht im Talmud, sondern in den irpwya mso über Baal Schern und den Maggid- — Buber hätte sie in schönster Prosa der Welt erzählt und Dubnow hätte sie als Hauptbelege für den „Individualismus des Chassidismus" in Beschlag genommen. Nun aber steht sie im Talmud, in diesem „Buche der nationalen Gesetzeslehren", das das Lebem und das Recht des Einzelnen beschneide, die Einzelseele verhungern lasse ... Und die Thora selbst in ihren Gesetzesteilen, die immer und immer wieder vom Bruder spricht!, ber nicht verkommen, nicht degradiert und deklassiert werden darf, sondern auch in seiner Armut an des Bruders Seite bleiben muß, mi *prrK' sie kennt den Einzelnen nicht? Es mußte ein paar tausend Jahre später der Chassidismus kommen, um, ein neuer Sinai, die Offenbarung des Persönlichkeitsrechtes zu bringen? - Würde man in der Geschichte eine Teilung nach Schema und Schablone, wie im Kramladen ngch Fach und Aushängemarke, überhaupt für zulässig halten, w!ir wären in der Lage, genau das Gegenteil nachzuweisen. Im Chassidismus kristallisiert sich alles Leben um e ine n Mittel¬ und Brennpunkt, um den Rebben, der den ganzen Kreis zu einer Einheit schmiedet, zu einem seelischen Kollektiv. In der Schule des M u s s a r , der die Seele des antichassidischen Litauen ist, weint und lechzt und jauchzt die E i nz e l s e e l e , sucht und findet ihren eigenen Weg. Einen zentralen Punkt gibt es nicht. Der Muffarlehrer ist nur Wegweiser mit der Laterne, aber nicht die Sonne, die den Einzelnen in ihren Strahlenkranz bannt. Und selbst dieser muß bei der beratenden Arbeit individuell vorgehen, dem Ringenden seinen eigenen Weg ziehen. „So wie jeder Kranke seine eigene Krankheit hat und seiner eigenen Medizin bedarf, so braucht auch jede leidende Seele ihr eigenle Aufrichtung, ihr eigenes Arzneimittel!" Dieser Ausspruch Rabbi Israel S a la n t e r s ist heute noch für alle Muffarschulen geradezu Axion. Also könnte man mit noch mehr Recht den „individualistischen Mussar" gegen den „generalisierenden und kollektivierenden Chassidismus" ausspielen. Natürlich ist auch diese gegenteilige Systematisierung falsch. . In die Grundmauern des Judentums, tief unter der Oberfläche, von der sich jene Schattierungen wie Misnagdismus und Chassidismus abheben, ist die Urkunde versenkt, auf der, für beide und alle Nuancen im Th or Ju d e ntum bindend, geschrieben steht, daß der Mensch als pp B^ny für sich, und zugleich als Baustein für rrs zu werten ist, als Baustein für die Welt, die zur Weiterentwicklung geschaffen ist. Bemerkungen zu rrn D’raw und Mnkerende. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Ein jedes Schaltjahr bringt uns um die Mitte des Winters acht besondere Fasttage. In acht aufeinanderfolgenden Wochen, an deren Sabbaten die Abschnitte von r-ri»r bis msn zur Vorlesung kommen — das mnemotechnische Zeichen hierfür n~n D’aait? wird aus der Zusammenfassung der ersten Buchstaben dieser rrmo gewonnen -- wird der Donnerstag durch Bitt- und Bußgebete unter Fasten begangen. Mannigfache Gründe werden für diese synagogale Einrichtung angegeben. Restlos bringen sie die Antwort aus die Frage nach dem Warum nicht. Mag sein, daß der Winter eine größere Gefahrenquelle für Gesundheit und Leben namentlich der Jugend in sich birgt. Das ist aber nicht allein auf das Schaltjahr beschränkt, dessen Winterszezit — astronomisch betrachtet — durchaus nicht länger llt als die der anderen Jahre. Warum haben wir diese Tage nicht in jedem Winter? Vielleicht können wir in folgender Erwägung eine Antwort auf unsere Frage finden. Das Schaltjahr erinnert uns besonders eindringlich an glücklichere Zeiten unserer geschichtlichen Vergangenheit, in denen erst auf Grund eingehender Beratungen seitens der hervorragendsten Mitglieder des Synhedriums durch dieses die Einschiebung des Schaltmonats angeordnet wurde. Unser jüdisches Selbstbewußtsein wird bei dieser Erinnerung in uns geweckt, und tiefer Schmerz erfüllt unsere Seele, daß unser Vrlk durch seine Schuld sein Land und seine Selbständigkeit verloren und seinen Glanz und seine Herrlichkeit hat schwinden sehen. Wir fügen an jedem Neumondstag des Schaltwinters unserem Gebete um materiellen und geistigen Segen die Bitte svs maah hinzu, um „Sühne für den Abfall". Die Opferstätte fehlt uns, das wird uns besonders klar und deutlich, wenn wir ein Schaltjahr haben. .'ia'v-w ej'-ib na^y „laßt uns mit unseren Lippen Stiere ersetzen." Wir können nicht mehr opfern. Das Gebet ist uns geblieben. Wir flehen G'ttes Gnade an, und wir fasten, um zur Selbstläuterung fnrtzuschreiten und die Erlösung herbeizuführen, daß wieder von Zion ausgehe die Entscheidung in allen religiösen Angelegenheiten und die Festlegung unseres Kalenders und der Feste. Also nicht nur die Sorge um Leben und Gesundheit unserer Kleinen läßt uns beten und fasten, — es ist das Weh des Golus auch, das unfern Blick zu den Höhen lenkt. Unter diesem Gesichtspunkte gewinnen die n~n traaii? noch einen tieferen Sinn, ihre echt jüdische Note, wir sind und bleiben das Volk, dem es gekündet ist: DiKTi 'tv* bs rri> „Nicht vom Brote allein lebt der Mensch, sondern von allem, was seinem Mund entfährt lebt der Mensch . ." * * So ist unser Judentum. Wir stehen mitten im Winter, in der Zeit, wo es um uns stürmt und wettert, wo Baum und Strauch nicht uns die Kraft ahnen lassen, die in ihren Wurzeln verborgen ist. Und doch feiern wir in Uebereinstimmung mit dem Geist unserer Lehre ^m 16. Schroat das „Neujahr der Bäume", und unsere j Gedanken eilen voraus in die Zeit des Keimens und i Sprosiens, des Blühens und Reifens. Gewiß, es ist das : heilige Land, das da im Mittelpunkte unserer Gedanken!und Wünsche und Hoffnungen steht. Daß wir aber alle, deren bei weitem überwiegender Teil fern von dem sonnigen Himmel des gelobten Landes lebt, diesen Tag, den „Chamischoh oßor", mit besonderer Freude begehen, das zeugt von der unendlichen Kraft unseres Glaubens, der lebenbejahend und hoffnungweckend unter uns wirkt und uns alle Zeit widerstandsfähig macht, daß wir trotz aller Nöte und Drangsale aufrecht bleiben und nimmer verzweifeln. «2-7 Ts W73« awn Du führst den Menschen bis zur Zerknirschung trn ’aa law ivrmi und Du sprichst: Kehret um, ihr Menschenkinder — so sprcheen wir im „Gebete Mosis" immer wieder. Und wir gewinnen dabei Kraft und Mut, aus dem Jammer und Kummer, der uns niederzuringen droht, uns zu erheben, je tiefer wir gesunken scheinen, desto mehr, indem wir uns dem himmlischen Vater verbunden fühlen, dessen ewig wachsames Auge liebevoll auf uns herniederblickt. Wir glauben, wir vertrauen. Darum hoffen wir mitten im Winter auf den Frühling. Das hat sich an uns zum Heil und Segen bewährt. Wir blieben so das Volk der Hoffnung, das nicht in Resignation und Verzweiflung versinkt, sondern immer wieder mit aller Innigkeit seiner Zuversicht spricht: v'st »27 Er kommt doch der Erlöser für Zion." Nach Erlösung, nach Befreiung von Druck und Not ruft jetzt die ganze Welt. Das Gespenst der Sorge schleicht finster und niederbeugend allenthalben umher. Müßte da nicht das gemeinsame Leid alle Menschen und Völker zu einer Schicksalsgemeinschaft aneinanderketten? Warum hallt nicht die Stimme der Vernunft, die sich oft genug in unfern Tagen vernehmen läßt, allenthalben in aller Herzen wider

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