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Der Israelit · 1932-02-04 · Heft 6 (4.2.1932) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 6 (4.2.1932)
Date
1932-02-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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4. Februar 1932 Frankfurt a. 50!,, den 27. ©$ebat 5692 VR9L|| Ein Centratorgan fDr das orthodoxe Judentum I A VjgmgmBBB Max 5RpnHlnhpf nnn OAfim/mn Itt OTTnJni ll 1 m Begründet von Dr. Lehmann ln Mainz. Abonnement abIuli. 1829: Deutschland ILO.Mark monatlich'; Ausland: Vkerteltahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Öfterreich: Schilling 8.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1 Juli Frankreich W Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga 5. Holland 3 fl.; Italien ab 1.1.38.18 Lire; Jugo» - - — - ~ -- - u 7 f-- ~ - - — - slavten 55 Din.; üitauen 7.50 Sit,; Rumänien ab 160 Lei; Polen 4 deutsche Gold- , mark zum Tageskurs oder 7 Zloty; Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowakei 35 Kronen; Ungarn! Pengo 6 ab 1. Juli 1837; Dänemark 3.50 Krön.; Norwegen 3.50 Krön.; Schweden 3.50 Krön Einzelnummer vierzig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 50 Goldpf. für die flebengesp alten« Nonpareille-Zeile. 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Filialen Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder aus Inseraten stch ergebenden Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M. Jüdische Geschichtsschreibung. r Der Chassidismus und seine Historiker. Der Chassidismus ist in den letzten Jahren isohr in Mode gekommen. Wer nicht vom Chassidismus kommt, findet eine Menge Literatur, die ihn über Wesen und Werden der Bewegung belehrt.. Rationalisten u nd Romantiker haben über den Chassidismus geschrieben, erstere prüfend, setzier.end und — ablehnend, letztere beglückt und entzückt, die verklärten Augen an den Urquell gebannt, aus dem die Bewegung die Kraft bezogen hat, in traumhafter Sicherheit durch eine lange Leidensgeschichte zu gehen, ohne bösen Träumen zu versallen. I o st und G r ä tz aus der einen, H o r o - d etzki und Martin B u b e r auf der anderen Seite können als die Pole beider Methoden für die geschichtliche Wertung des Chassidismus gelten. Für die Graetz-Schule ist alles, das von der geraden Straße des Wahrnehmbaren abschweifi, eitel Schwindel, Wahn und Volksbetörung- Rabbi Israel Friedmann, der Begründer des neuen Chassidismus, ist für G r ätz-nur eine gemäßigte und gereinigte Auflage deri früheren Pfeudomessiaffe, wie er für die Kabbala älterer Schattierung Worte hat, die man auch zum Zwecke der Abwehr nicht gern in den Mund nimmt. Cr urteilt über den S o h a r , als wäre er höchstes Tribunal der Geschichte, nimmt im Alto n a e r Kampf scharf Partei für Emden und gegen -Eibenschütz, einzig und allein darum, weil es gegen Ka m e o t h•, kleine Dokumente der Kabbala, geht. Er ist für den „jungen Gelehrten" in Wilna (Wilnaer Gaon) nur deswegen eingenommen, weil er den Chassidismus bekämpft. Wer sich fein Wissen über Dinge der Kabbala und Chassidismus bei Grützen holt — und wie viele haben es in den vielen Jahrzehnten getan! —, der glaubt, es mit einer Partei der religiösen Verwilderung zu tun zu haben, bei der sich länger auf- .zuhalten, gar nicht verlohnt. Martin Buber, der Romantiker und Lobredmer des Chassidismus, bedeutet für diesen vielleicht noch die größere Gefahr. Er löst den Chassidismus in Sagen und Legenden auf und , läßt nicht ahnen, daß der Chassidismus,.Hunderttausende umfassend, e i n e W elt von hi st arischen Bindungen und gesetzlichen Verbindlichkeiten bedeutet, die, in praktischer Hinsicht, von der Welt der gesetzestreuen. Chafsidimgegner (Misnagdim) keine Grenzpfähle trennen. Wenn der Chassid in seinem Stübel die Wundergeschichten seines Rebben in seiner urwüchsigen, übertriebenen Art erzählt, so tut er es zwischen dem Min ch o - und M aa r i wgebet, oder in Sabbats Scheidestunde, bevor die drei Sterne am Himmel ihn aus der Zauberwelt wieder in die Arbeit und Sorge der grauen Woche rufen. Er erzählt sie primitiv, aber in heiligen Schauern, die ihn zur Treue gegen den Führer und zum Festhalten an den von ihm erhaltenen religiösen Lehren verpflichten. Der Rabbi ist Vorbild eines sittlich vollendeten, frommen, von. d-en kleinen und großen religiösen Geboten des Tages geregelten Lebenswandels. In der Schule von Buber und Horodetzki erzählt man die Wundergeschichten nicht „im Dämmer zwischen den zwei Gebeten", auch nicht als Begleitmusik bei Sabbats Abschi'edsmahl. Ein Epos der jüdischen Romantik, der jüdischen Mystik nur, das zu nichts, rein gar nichts verpflichtet. Es ist billiger, Vaterlandslieder zu singen, als die leeren Staatssäckel mit Steuergeldern zu füllen und Opfer zu bringen-. . . Der Chassidismus, da wo er feine Q u e l l e h a t, ist keine Buber-Rornantik, keine Dybuk-Mystik, kein Perez-Feuilleton, er ist l e b e n d i g e s I u d e n t u m , das zur Tat und Handlung drängt, er bedarf der Romantik, ja auch der Ekstase zur Anfachung des inneren heiligen Feuers. An diesem über werden warm gehalten: das Gebet, das Thoralernen, die Freude an der Mizwoy, die Tat der Bruderliebe. Es scheint uns dies auch der historische Grundrrrtum beider Interpreten des Chassidismus, daß sie die Kabbala, die den Ch. als Partei und Bewegung geistig nährt, eine M-ystik, die jüdisch e M y st i k des M t ttelalters nennen, womit sie die Kabbala in ihrem innersten Kern verkennen. Mystik erhebt sich, gleich einem Freiballon, in die Höhe, verliert sich in Wolkenbänken, ohne Verbindung mit der Welt der realen Dinge, und muß sich notwendig jenseits von G'tt, Geist und Glaube verlieren, Wahn und Volksbetörung bilden ihre Spuren. Kabbala ist, was schon der Name besagt, eine Welt von Gebundenheiten und Gegebenheiten. Ihr Grund- und Quellenbuch, der Sohar, ordnet sich nach den lausenden Thoraabschnitten. Damit ist alles gesagt. So hoch und so kühn auch der Gedankenftug wäre, und reichte er bis an die höchsten Sphären g'ttlicher Weisheit und Wahrheit, die Erklärung muk zu dem Boden zurückkehren, von! dem sie ansaegangen ist, zum Satz der schriftlichen Lehre. Und wie die Kabbala selbst, so ihre Lehrer und großen Künder. Waren sie groß genug in der Demut der Gebundenheit und geistigen Entsagung, durften sie sich in die Welt der Gehein: nisse hineinwagen, Lehre und Gesetz sicheren ihnen die Orientierung. Ein Sabbatt-i Zwi mußte scheitern. Ein Rabbi Jizchak fiurit:, ein aa! Schein Tow und viele andere vor und nach ihnen durften mit Rabbi Akiba es wagen, >1^2 einzutreten und sie kamen eben — weil sie eintraten — 'lVws wieder heraus. Die divergierende Haltung der beiden, von Grätz und Buber geführten Schulen zu Chassidismus und Kabbala ist daher letzten Endes eine Frage ihrer verschiedentlichen E i n st e l l u n g zu M y st i k und M y st i z i s m u s. Ueber den Kernpunkt, der Kabbala von der Mystik scheidet, sehen beide gleich hinweg. Und das sollte uns genügen, beiden Methoden mit höchstem Mißtrauen zu begegnen. Zwischen die beiden Pole tritt nun ein dritter Historiker des Chassidismus, der bekannte Simon D u b n 0 w , der uns die Freude an einigen guten Geschichtsbüchern aus späteren Epochen, besonders aus der Zeit der jüdischen Tragödie in Rußland, durch ein bibelkritisches Geschichtsbuch über die Uranfänge unserer Geschichte gründlich verdorben hat. Bei der Wertung dieses neuen Buches*) wollen wir über kleine ärgererregende Aeußerlichkeiten (ist es beispielsweise nötig, daß ein jüdischer Historiker den G'ttesnamen dauernd und konsequent in der Weise ausschreibt, wie sie uns verboten ist?) zunächst hinwegsehen. Tief zu bedauern ist es aber, wenn die Welt — das Buch ist für die große Welt bestimmt —, aus dem Munde des jüdischen Historikers zu hören bekommt, daß „das Volk J.'s in der ältesten Epoche, von einem Zaun der Priesterlehre umgeben, die sich im Gegensatz zu der Lehre der Propheten, der Religion der Sittlichkeit, als eine Religion des Ritus entfaltete und das Volk von den anderen absonderte." Das biblische Judentum kenne das Prinzip der individuellen Vorsehung nicht. Die Seele des Einzelnen spiele gar keine Rolle, habe nicht auf Unsterblichkeit zu rechnen, unsterblich sei nur die Nation, die sich in der Verkettung der Generationen kraft des Gesetzes ewig erhalten kann. Die Psalmen und auch Hiob lehnten sich gegen dieses Prinzip *) Geschichte des Chassidismus von Simon. , Dubnow in zwei Bänden. Aus. dem Hebräischen überi setzt von Dr. A. Steinberg, 340 Seiten. Indischer Verlag Berlin.

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