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Der Israelit · 1932-01-28 · Heft 5 (28.1.1932) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 5 (28.1.1932)
Date
1932-01-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 5 Der Israelit 28. Januar 1932 Mit unnachahmlicher würdevoller Geste begrüßte der Herr die Frau des Hauses und dann uns, indem er sich verbeugend die Hand an Stirne und Brust legte. Wir nahmen Platz: es wurde Kaffee serviert, den der Gast ohne Milch und Zucker genoß. Er bot uns aus seiner goldenen feinziselierten Zigarettendose große Zigaretten, wie ich sie so wundervoll aromatisch noch nie geraucht. Der welterfahrene Legationsrat hatte im Voraus mit der Baronin den ganzen Ablauf des Nachmittags durchbesprochen und auch den alten treuen Heinrich unterwiesen. Jussuf erzählte von Reisen nach Smyrna, Persien, Indien, von den Herstellungsweisen edler Gewebe; dann klatschte er die Hände zusammen. Daraufhin trat der Mann ein, der vorher neben dem Kutscher gesessen hatte: stämmig untersetzt, in der Hautfarbe wie korinthische Bronze, Kopfhaar und Bart tiefschwarz, die Nägel an den gepflegten Händen leicht rötlich gefärbt; auch er trug Turban und Seidenrock. Er machte seine Verbeugungen, ging hinaus und erschien gleich wieder mit Heinrich: sie trugen einen Teppich, den sie jetzt entrollten. Dieser war ein Prachtstück von bedeutenden Ausmaßen, in herrlichen satten Farben mit ungemein zierlichen Arabesken. Wie mir die Gräfin zuflüsterte, hatten sie das Wunderwerk türkischer Frauenhände ausersehen als Geschenk eines Verbandes adeliger Damen für ihre Prinzefsin-Protektorin. Es gefiel und blieb im Verwahr der Baronin. Beim Abschied lud der Handelsherr den Legationsrat und mich für den kommenden Sonntag zu Tisch in sein Hotel, das rituell geführt ihm alle Bequemlichkeiten in der Fremde bot; wir würden — sagte er in 'seinem wienerisch akzentuierten Deutsch — zu guter Tafel eine anregende Gästerunde finden. So war es auch; neben einem Hamburger saß ein Holländer, an dessen Seite ein Frankfurter und bei dem ein Herr aus Triest, alle aus alten angesehensten jüdischen Familien mit einer Tradition gleich bestem adeligem Hause; es waren durchwegs Sephardim. Nach dem Mahle bei Kaffee und Tfchibuk in der reizvollen Stimmung abgedämpften Lichtes aromatischer Wachskerzen, während draußen die Dämmerung anbrach, erzählte der Gastgeber aus seinem Leben, von Tagen in Wien und Hamburg, von seinen Ahnen. Glücklich unter dem Schutze der Kalifen hatten deren älteste in der Familienchronik genannte zu Cordova gelebt, als Architekten, Mathematiker, Aerzte, Diplomaten, treue Mitarbeiter an der Gestaltung der arabischen Kultur in Spanien. Im fünfzehnten Jahrhundert traf sie das harte Schicksal der Landesverweisung. Heimatlos irrten sie über Meere und Länder. Ein Ahn fand nach langer Wanderung Boden ’4i Stambul. Seine Nachkommen gewannen im Handel mit Schmuckgegenständen und Teppichen ihren Erwerbszweig: sie erreichten Verbindungen mit Sephardim aus dem Balkan, in Oesterreich, Italien, Frankreich, Deutschland, Holland. Es war jüdischer Altadel, was wir durch die Erzählungen der Handelsherrn kennen lernten; das macht verstehen, warum der hochsinnige Legationsrat mit so großer Achtung dem Herrn begegnete. Seine Persönlichkeit wußte die des Sephardi wohl zu schätzen. Das Biedere und Reelle, die ganze Treue und Offenheit des Wesens des Jussuf ibn Ibrahim machten seine Person so lieb und eindrucksvoll zugleich, daß man in Jahrzehnten sie nicht vergessen kann; sie bleibt für dauernd eine freundliche Erinnerung. In den Zeiten, wo der Judenhaß wieder aufflammt, wie damals, als Jufsufs Ahnen vertrieben wurden, ist es gut, ein solches Bild herrorzuholen zur Erbauung aller, welche die Gerechtigkeit lieben und den Frieden wahrer Nächstenliebe. W. Ttakio nalsozialifkische Bibelexegese. Von Rabb. Dr. Rafael Breuer y^.*) In Nr. 53 des „Stürmer" erschien ein Artikel, der sich mit einer hiesigen Metzgerei beschäftigt. In einer . Besprechung mit der’ hiesigen Schlachthofverwaltung habe ich mich davon überzeugt, daß die Behauptung des „Stürmer", in der genannten Metzgerei fei das gesamte Metzgereigeschirr aus Mangel an Sauberkeit beschlagnahmt worden, keineswegs den Tatsachen entspricht, vielmehr eine unerhörte Aufbauschung des Sachverhaltes darstellt. Zu den bibelexegetischen Ausführungen jenes Artikels gestatte ich mir, folgendes zu bemerken: Die Speisegesetze des Alten Testaments der Bibel verbieten zum Genuß das Fleisch von Tieren, die, wie die Ausdrücke des hebräischen Textes lauten, entweder „Tome" oder „Neweloh" oder „Trefoh" sind. Die üblichen deutschen Uebersetzungen dieser drei Begriffe erschöpfen sie in keiner Weise. „Tome" ist ein Tier, dessen Fleisch unter keinen Umständen zum Genuß erlaubt ist, mag das Tier durch welche Schlachtmethode immer getötet worden fein, z. B. das Schwein. Hier ist die Uebersetzung „unrein" noch einigermaßen entsprechend. „Neweloh" ist ein Tier, das nicht rituell geschlachtet wurde, z. B. durch Kopfschlag, Bolzenschuß oder durch ein Schächtmesser, das nicht vollkommen frei von Scharten war und dergl.mehr. Die Uebersetzung „Aas" ist irreführend. Selbstredend ist auch ein „Aas" als „Neweloh" *) Dieser Artikel aus der Feder Rabb. Dr. Rafael Breuers ist als Antwort auf eine Anpöbelung des „Stürmer" in der „Aschaffenburger Zeitung" vom 5. Januar, also wenige Tage vor dem Ableben des Autors, erschienen. zu betrachten, da es ja nicht rituell geschlachtet wurde, aber nicht jede „Neweloh" ist ein „Aas". „Trefoh" ist ein Tier, das mit einer organischen Verletzung behaftet ist, die es zum Genuß rituell untauglich macht. Das Alte Testament enthält noch andere Speiseverbote, die aber nicht nur das Essen, sondern auch jede andere Nutznießung verbieten. So ist z. B. am Passahfeste alles „Gesäuerte" (Brot, Bier usw.) nicht nur zum Genuß, sondern auch zu jeder Nutznießung verboten. Im Gegensatz zu diesen Speisegesetzen betont die Bibel, daß „Trefoh" und „Neweloh" nur zum Essen verboten ist, nicht aber zu jeder anderen Nutznießung, es darf vielmehr an jeden Nichtjuden verkauft oder verschenkt werden. Was jedvu, der „Stürmer" unter „Aas" versteht, ekelerregendes, gesundheitsschädliches Fleisch, darf selbstredend weder an Juden, noch an Nichtjuden abgegeben werden. Denn ein tglmudischer Grundsatz lautet: „Was der Gesundheit schädlich ist, muß noch sorgfältiger abgelehnt werden, als das bloß rituell Verbotene." Wenn es im II. Buch Moses, Kap. 22 Vers 30 heißt: Daß Fleisch, das „Trefoh" ist, „dem Hunde hingeworfen werden soll," so ist es eine glatte Fälschung, was der „Stürmer" aus der Erklärung des Bibelkommentators Raschi zu diesem Verse zitiert. Raschi konstatiert vielmehr ausdrücklich — und ich bitte jeden des Hebräischen Kundigen, die betreffende Stelle im Urtext nachzulesen — das gerade Gegenteil: „Unter dem „Hunde" ist nicht, wie der „Stürmer" es hinstellt, der Nichtjude zu verstehen, sondern das Tier, zu dessen Fütterung „Trefoh" verwendet werden darf, und wenn die Bibel aus allen Tieren gerade den Hund herausgreift, so soll das nach den Ausführungen des genannten Kommentators eine besondere Auszeichnung für die treue Gesinnung bedeuten, die unter allen Tieren gerade der Hund dem Menschen entgegenbringt. ANNONCEN-BÜRO JULIUS SCHMIDT FRANKFURTA. M. JETZT OSTENDSTR.83 Wenn das alte Testament dem Juden erlaubt, „Tre- "vh" und „Neweloh" dem Nichtjuden abzugeben, so hat das ausschließlich darin seinen Grund, daß im Sinne des alten Testaments wohl der Jude, nicht aber der Nichtjude zur Beobachtung der Speisegesetze verpflichtet ist. Wenn der „Stürmer" aus dieser Erlaubnis der Bibel Haß des Juden gegen den Nichtjuden herausliest, so ist das nicht nur eine Verleumdung der jüdischen „Rasse", sondern auch eine Verunglimpfung des alten Testaments, das uns Juden die Pflicht der Nächstenliebe gegenüber jedem Menchen ohne Unterschied der Konfession zur heiligsten Pflicht macht. Von einem Rechte oder gar einer Pflicht der „Besudelung" von Fleisch, das an Nichtjuden abgegeben wird, ist in den Quellenschriften der jüdischen Religion auch nicht die Spur eines Anhaltspunktes zu finden. Wenn es wirklich vorgekommen fein sollte — was ich nicht nachprüfen kann —, daß jüdische Metzger wegen Fleisch-„Veudelung" gerichtlich bestraft worden sind, dann haben diese Metzger diese Strafe auch im Sinne der jüdischen Religion durchaus verdient, denn unsaubere Geschäftsgebarung ist nicht nur ein Verstoß gegen das Staatsgesetz, 'andern auch gegen den Geist der jüdischen Sittenlehre. Gegenüber der nationalsozialistischen Vibelexegese des „Stürmer" sei zum Schluß noch bemerkt, daß eine Verunglimpfung des alten Testaments zum Zwecke der Aufhetzung der Konfessionen gegeneinander, weder den nationalen, noch den sozialen Interessen unseres gemeinamen deutschen Vaterlandes entspricht. Mische Bevölkerungsbilanz. Die „Bayerische Israelitische Gemeindezeitung" besaßt sich in ihrer Nr. 2, in der Fragen des Aufbaus der jüdischen Bevölkerung in einer Reihe grundlegender Original-Aufsätze behandelt werden, mit der jüdischen Vevölkerungsbilanz in Deutschland. Die biologische Entwicklung der jüdischen Bevölkerungsteile in Mittel- und Westeuropa, schreibt Dr. Ph. Schwartz im Leitaufsatz, wird seit langem durch niedrige Geburten- und Sterbeziffern gekennzeichnet. Innerhalb Deutschlands sind feit etwa 20 Jahren Sterbeüberschüsse bei den Juden nachweisbar. Sie haben im Laufe der Zeit immer mehr an Umfang gewonnen und namentlich in den letzten Jahren ein großes Ausmaß erreicht. So standen 1930 in Bayern 749 jüdischen Gestorbenen nur 381 von jüdischen Müttern, darunter 357 in rein jüdischen Ehen, Lebendgeborene gegenüber: ähnlich liegen die Verhältnisse in Preußen, wo man 1929 6235 Gestorbene, 3737 Lebendgeborene, davon 3283 in rein jüdischen Ehen, und in Hamburg, wo man 1929 294 Gestorbene, 240 Lebendgeborene, davon 205 in rein jüdischen' Ehen, gezählt hat. Demgegenüber will es wenig besagen, daß in Sachsen noch ein kleiner Geburtenüberschuß ermittelt wurde: 275 Gestorbene, 300, davon 278 in rein jüdischen Ehen, Geborene (die Totgeborenen eingerechnet). Es treffen also 1929 auf 100 Gestorbene folgende Ziffern Lebendgeborener: in Preußen 59,9 (in rein jüdischen Ehen 52,7); Bayern 50,9 (46,7); Sachsen 109,1 (101,1); Hamburg 81,6 (69,7). Die gleichen Tendenzen machen sich auch schon im Osten geltend. In Budapest wurden 1929 3120 jüdische Gestorbene ermittelt gegenüber nur 1884, darunter 1706 in rein jüdischen Ehen, Lebendgeborenen also auf 100 Gestorbene 60,4 bezw. 54,7 Lebendgeborene. Sogar für ganz Ungarn ergab sich 1929 ein, wenn auch vorerst geringer, Sterbefallüberschuh: 6519 Gestorbene, 5730 von jüdischen Müttern Lebendgeborene. Andererseits zeigt sich die jüdische Regenerationskraft noch in beachtlicher Höhe in Bulgarien (1926) 496 Gestorbene, 1059 von jüdischen Müttern Lebendgeborene, in Riga (1928) 437 Gestorbene, 707 Lebendgeborene, vor allem aber im neubesiedelten Stammlande Palästina (1928), wo 1830 Sterbefällen 5308 Lebendgeborene gegenüberstanden. In Palästina treffen also auf 100 jüdische Sterbefälle 290.0 Lebendgeburten, während sich diese Quote für die Gesamtbeoölkerung des Landes — infolge erhöhter Sterblichkeit bei den nichtjüdischen Volksteilen — nur auf 185,9 beziffert. Im ganzen kann aber wohl auch für das „Welt-Judentum" eine Unterbilanz, ein ständiges Uebergewicht der Sterbefälle über die Geburten angenommen werden. Dazu kommt, daß auch die Konversionsbewegung fortgesetzt am Bestände der jüdischen Glaubensgemeinschaft zehrt. Soweit die einschlägigen Nachweise der deutschen evangelischen Kirchenstatistik erkennen lassen, schließt der konfessionelle Austausch zwischen den Evangelischen und Juden regelmäßig zu Ungunsten der Juden ab, wenn sich auch die Frequenz der Uebertritte zur evangelischen Kirche im Lause der letzten Jahrzehnte vermindert hat. In den Jahren 1900 bis 1909 traten im Durchschnitt 482 Juden zur evangelischen Kirche und 60 Evangelische zum Judentum über; in den Jahren 1910 bis 1919 waren die betreffenden Ziffern 417 und 69; in den Jahren 1920 bis 1929 276 und 20. In den beiden letzten Jahren der Periode 1920 bis 1929 stellten sich die jüdischen Uebertritte nur noch auf 166 und 172, die evangelischen Uebertritte auf 45 und 36. In einer Schlußbetrachtung über die moralisch-religiöse Seite und die biologisch-sozialwissenschaftliche Neubewertung des Geburtenrückgangs wird auf die neuere Theorie einer höheren Bevölkerungsqualität infolge des Geburtenrückgangs hingewiesen und, ohne daß eine Schlußfolgerung aus dieser optimistischen Theorie für die jüdische Bevölkerungsentwicklung angesichts der unaufhaltsamen Tatsachen gezogen wird, festgestellt, daß kein Anlaß zur Erhitzung und Aufregung über die Zerrüttung und Verwahrlosung der Welt und über den „Untergang der Juden" besteht. (Damit werden die höchst beunruhigenden Tatsachen nicht aus der Welt geschafft. Red.). (Die letzten Geheimnisse des Wilnaer Gaon.) Im Warschauer „Jüdischen Togblatt" lesen wir: Zu der Rabbiner-Konferenz in Warschau erschien ein Wilnaer Jude namens Rabbi Pinchos den Mosche Sa r k i n. Er gibt an, einen Brief des Wilnaer Gaon gefunden zu haben, den der Gaon unmittelbar vor seinem Tode mit eigener Hand geschrieben hat und der geheimnisvolle Angaben über Moschiach und Erlösung enthält. Der Inhalt dieses Briefes dürfe nur in Erez Jisroel bekanntgegeben werden. Da aber Rabbi Sarkin keine Reifemittel hat, so ist er im Aufträge des Gaon Rabbi Chajim Ofer Grodzenski nach Polen gekommen ,um Geld für die Reise nach Palästina zu sammeln. Rabbi Sarkin besitzt außerdem noch Empfehlungen von angesehenen Rabbinen und Chassidimrebbes, ebenso von der Aguda-Zentrale in Polen. Das Geld für diesen Zweck schicke man auf die Adresse von Rabbiner Grodzenski, Wilna, Sawalne 17. (Christliche Araber sollen an der klagemauer weinen.) Nakhla Kattan, einer der Führer der christlichen Araber in Palästina, veröffentlicht einen Protest gegen die Regierungsverordnung bezüglich der Wahl des Patriarchen,in welchem es u. a. heißt: Die arabische christlichorthodoxe Gemeinde sollte bei dem Mufti die Erlaubnis einholen, an der Klagemauer zu weinen und um die Wiedergabe des Patriarchen-Thrones an die palästinensischen Araber zu bitten. Geht an jedem Sonntag zur Klagemauer, heißt es in dem Protestaufruf, kleidet euch in einen Sack, schüttet Asche auf euer Haupt, boykottiert den griechischen Patriarchen und fordert einen arabischen Patriarchen! •m Wochenkalender. om 30. Jan- bis 6. Febr. 1932 I com 22. — 29. Schebat 6692 ’ai’ «p D’HDB lim Samstag Jan. 30 22 n Sonntag 31 23 KM Montag 1 B3B? 24 3» Dienstag Febr 2 25 an Mittwoch 3 26 na Donnerstag 4 27 na ■jüp *ns3 oi’ Freitag 5 28 in vnnn i’anaa o’oawa Mauled: Sonntag früh Samstag b 29| in 1 Uhr 64'/,8 Min.

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