Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 5 (28.1.1932)
- Date
- 1932-01-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Milem. nOT, ßr-5 Beilage JL/cI Jbl clclll 1932 ,\«R Das Schachspiel, die Weizenkörner und die Menschen. Von B. Larrick. (Einzig autorisierte Uebertragung von Dr. Bernhard Hirschberg-Schrader.) Es kam übers Meer aus einem fernen Lande ein Künstler nach Jerusalem. Er zeigte ein eigenartiges Brett mit vierundsechzig genau markierten Hellen und dunklen quadratischen Feldern und zweiunddreißig Figuren von verschiedener Gestalt. Die Figuren stellte er je acht in den ersten zwei sich gegenüberliegenden Reihen des Brettes auf. Er sagte, es fei ein Schachspiel von wunderbarer Art und lehrte es die Wißbegierigen. Bald saßen viele vor dem Schachbrett bei eifrigem Spiel. Sie verloren und gewannen abwechselnd. Aber niemand vermochte den fremden Künstler zu bezwingen. Die Kunde von dem Fremdling und dessen sonderbarem Spiel drang auch bis zum allweisen König Salomo. Er lud ihn zu sich in den Palast und ließ sich von ihm in der neuartigen Kunst unterrichten. Der König war vom Spiel begeistert und vergaß darüber zuweilen seine Staatsgeschäfte. In kurzer Zeit wurde der mächtige König Salomo ein großer Meister im Schachspiel. Niemand konnte sich mn rym vergleichen. Nur der Fremde übertraf ihn. Aber bald kam der Tag, an dem der König auch seinen Lehrer „matt setzte". Stolz auf seinen Sieg, forderte er ihn heraus, mit ihm sieben Partien nacheinander zu spielen. Sieger sollte werden, wer die meisten Partien gewonnen habe. „Verliere ich," sagte der König, „so erhältst du die Hälfte meines Reiches". „Ich begehre nicht dein halbes Reich, allweiser König, denn ich bin nicht zum Herrschen geboren. Aber wenn du verlierst, so lege auf das erste Feld des Schachbretts ein Weizen körn, auf das zweite zwei, auf das dritte vier, auf das vierte acht, auf das fünfte sechzehn und auf jedes der nächsten Felder immer wieder das Doppelte des vorigen, bis alle vierundsechgig Felder mit der entsprechenden Zahl von Körnern belegt sein werden." - König Salomos Antlitz, verfinsterte sich und er sprach zu dem Fremden: „Wenig verlangst du, mein Freund,. Es dürfte mir nicht, schwer fallen, meine Schuld zu tilgen, sollte das Glück auf deiner Seite fein. Aber es ist eines mächtigen Königs unwürdig, seinen Verlust mit Weizenkörnern zu bezahlen. Verlange, und ich gebe dir Rosse und Wagen, schwarzäugige Sklavinnen, Gold und echte Edelsteine, soviel meine Schatzkammer bergen." „Ich brauche keine echten Edelsteine, brauche keine schwarzäugigen Sklavinnen, keine Rosse und Wagen. Lege, wie ich sagte, die Weizenkörner auf die Felder des Schachbretts, wenn du verlierst." Der allweise König Salomo begann zu lachen. „Gut," sagte er, „dein Wunsch soll erfüllt werden. Nachher kannst du dir Vorwürfe machen, daß du einen so kleinen Einsatz verlangt hattest." Sie begannen zu spielen. Zwei Partien gewann der König, vier der Fremde und eine blieb unentschieden. Der mächtige König Salomo befahl, ein kleines Maß Weizenkörner zu bringen. Er legte auf das erste Feld ein Korn, auf das zweite zwei Körner, auf das dritte vier, auf das vierte acht, auf das fünfte sechzehn. Aber bald fehlte es auf den Feldern an Raum. Der König legte sodann die Körner in kleinen Haufen auf den Fußboden. Sie begannen die zweite Reihe zu belegen. Die Weizenkörner reichten nicht. König Salomo ließ noch zwei Maß Weizenkörner herbeiholen und legte sie auf einige der nächsten Felder. Und wieder war es zu wenig. Darauf befahl er die Sternzähler zu sich und sprach: „Ihr großen Meister, berechnet genau, wieviel Körner ich auf die Felder des Schachbretts des fremden Künstlers legen muß, damit ich ihm meine Schuld bezahlen kann." Die Sternzähler entfernten sich. Sie rechneten einen Tag und einen zweiten; am dritten Tage traten sie vor den König mit dem Ergebnis der Berechnung. Auch der Fremde war zugegen. „Allweiser König," verneigtensich die Männer, „es ist fraglich, ob du jemals imstande sein wirst, dem Fremden deine Schuld zu bezahlen. Befiehl eine Kornkammer zu bauen von drei Kilometer Länge, zwei Kilometer Breite und ein Kilometer Höhe, laß darin ein Jahr lang, ein zweites und noch mehrere Jahre die ganze Ernte aus deinem Königreich unterzubringen, und wenn die Kornkammer bis unter das Dach angefüllt sein wird, gib sie dem Fremden. Erst dann wirst du deine Schuld getilgt haben." Run wandte sich König Salomo an den Fremden: „Du hast gehört, Fremdling, was die Sternzähler sagten. Sprich,. kanntest du die Höhe des Einsatzes,^ zu dem du mich für meinen Verlust verpflichtet hattest?" „Ich wußte, allmächtiger König, daß keine Schätze der Welt ausreichen für den Ankauf von Weizenkörnern, mit denen man die sämtlichen Felder des Schachbretts in der von mir verlangten Weise belegen wollte." „Weshalb hast du mich irregeführt? Warum ließest du einen Einsatz zu, der die Grenze meiner Leistungsfähigkeit übersteigt und mich zum Wortbruch verurteilt?" „Zürne mir nicht, großer König, daß du dein Wort brachst, welches du mir in völliger Unkenntnis der Dinge gegeben hattest," erwiderte der Fremde. „Nicht um der Körner willen spielte ich mit dir. Ich hatte einzig und allein im Sinn, deinen erhabenen Geist durch eine neue Erkenntnis zu bereichern. Aber nicht nur an der gewaltigen Zahl der Körner wird deine Weisheit erleuchtet werden, sondern hauptsächlich am Menschengeschlecht, an allen Völkern, die deine Untertanen sind, und auch an denen, über welche du nicht gebietest." „Wunderliche Worte sprichst du, Fremdling. Wie sollte dein Schachbrett meinen Geist erleuchten? Erkläre mir den Sinn deiner Rede, und wenn deine Zunge unsinniges Zeug schwatzt, so büßest du deine Frechheit mit dem Kopfe." „Ich bin bereit, großer König, dir den Sinn meiner Worte zu erklären." Der Fremde legte das Schachbrett auf den Tisch vor den König. Er nahm einen Haufen Weizenkörner und sprach: „Das Korn auf diesem ersten Felde bist du, allweiser König. Auf das zweite Feld lege ich zwei Körner. Das find dein Vater und deine Mutter, die dich zur Welt brachten. Auf das dritte Feld lege ich vier Körner. Das sind deine Großväter und Großmütter. Die acht Körner auf dem vierten Felde find deine Urgroßväter und Urgroßmütter, die deinen Großeltern das Leben gaben. Die sechzehn Körner auf dem fünften Felde sind die sechzehn Vorfahren, die deine Urgroßväter und Urgroßmütter das Licht der Welt erblicken ließen." „Halt ein," rief der König. „Du hast meinen Geist mit einer großen Erkenntnis erleuchtet: Es gibt keinen Menschen auf der Welt, der nicht denselben Ursprung hätte, den auch ich habe." „So ist ed," sagte der Fremde. „Und wer dem anderen das Leben raubt, raubt es seinem Bruder. Wer dem anderen etwas gibt, gibt es seinem Bruder, — und wer dem anderen etwas nimmt, nimmt es seinem Bruder." „So ist es," bestätigte der Fremde. „Das ist aber noch nicht alles. Wir hatten unsere Wanderung in die Vergangenheit vom ersten Felde des Schachbretts begonnen und wir sahen, daß es keine Menschen gibt, die nicht Brüder waren. Nun laß uns, erhabener König, in die künftigen Jahrhunderte wandern. Ich lege wieder ein Korn auf das erste Feld. Das bist du. Zwei Körner auf dem zweiten Felde find deine Kinder. Auf das dritte Feld lege ich vier Körner. Das sind die Kinder deiner Kinder. Das vierte Feld bekommt acht Körner. Das achte — hundertachtundzwanzig. Das einundzwanzigste Feld —eine Million achtundvierzigtausend fünfhundertsechsundsiebzig Körner." Wieder unterbrach der König den Fremoen. „Ich sehe, ich sehe, sechzehn Millionen siebenhundert sieben und siebzig tausend zweihundertsechzehn Nachkommen ergibt das erste Feld der vierten Reihe des Schachbretts. Und es dürfte auf der ganzen Erdkugel kein Raum mehr sein für die Menschenzahl, die sich nach deiner Berechnung auf dem letzten Felde Herausstellen würde." „So ist es," erhabener König. Begreifst du die tiefere Bedeutung meiner Zahlen?" „Ich begreife sie: Wer dem anderen etwas zufügt, Gutes oder Böses, tut es den Nachkommen seiner Vorfahren." „So ist es." Und der allweise König Salomo sprang auf von seinem Ruhebett und begann gedankenvoll das Gemach zu durchschreiten. Dann blieb er vor dem Fremden stehen und sagte: „Du hast mit Hilfe deines Schachbretts meinen armseligen Verstand erhellt. Du hast mir gezeigt, daß alle Menschen Brüder sind und eine Einheit bilden. Es gibt keine böse Tat, begangen am Einzelnen, die nicht gleichzeitig an der ganzen Menschheit verübt worden wäre, wie es keine edle Handlung gibt, und sei sie noch so unbedeutend, die nicht allen Menschen zugute käme." „So ist es, allmächtiger König." „Und nun, Fremdling, sag mir, welche Belohnung du dir wünschest für einen so unermeßlichen Dienst?" Der Fremde erwiderte: „Es gibt für mich keine größere Belohnung als die Erleuchtung deines erhabenen Geistes,-und eine kleinere begehre ich nicht. Und wenn du in Zukunft deine Handlungen in Einklang bringst mit der neu empfangenen Erkenntnis, so sei die Stunde gesegnet, in der ich dich sah, und gesegnet seien die Wege, die mich in dein Land führten." Der allweise König. Salomo kniete vor dem Fremden nieder und verneigte sich bis zur Erde. Zusiuf ibn Ibrahim.') „Herr Doktor! Lassen Sie sich für heute Nachmittag dienstfrei geben und kommen Sie gegen vier Uhr zu uns!" lautete der Anruf der Baronin B. Gerne sagte ich zu. Im Hinausfahren auf der Tram dachte ich nach, was wohl geplant fei; die Baronin war mit großem Interesse in unserer Volksbildungsarbeit tätig und warb in ihren Kreisen eifrig für die Unterstützung unserer Sache. Heute hatte ich das Empfangszimmer kaum betreten, da kam sie mit Gräfin T. und ihrem Vetter, dem ehemaligen Legatkonsrat, herein: „Das ist schön von Ihnen, daß Sie sich einfinden; wir haben nämlich für Sie eine große und, wie ich hoffe, freudige Ueberraschung; um vier Uhr kommt ein Handelsherr aus Konstantinopel. Vielleicht können Sie mit ihm über Orientalia reden, das ist ja ein Lieblingsgebiet von Ihnen." „Der Herr ist Spaniole," fügte der Legationsrat hinzu. Tatsächlich Punkt vier Uhr rollte ein Zweispänner an; ihm entstieg der Handelsherr. Er trug einen Turban von weißer Seide mit kostbarer Agraffe, einen weit über die Kniee hinabreichenden seidenen Rock, pelzverbrämt, an die Tracht der Meistersinger des Mittelalters erinnernd, blaue seidene Pluderhose an den Knöcheln gebunden, opankenähnliche Schuhe aus rötlichem Weichleder; vom rechten Zeigefinger blitzte ein Brillant an einem breiten Goldreif altarabischer Arbeit. *) Der Aufsatz stammt aus der Feder eines nichtjüdischen Arztes und Schriftstellers.