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Der Israelit · 1932-01-28 · Heft 5 (28.1.1932) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 5 (28.1.1932)
Date
1932-01-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 5 Der Israelit 28. Januar 1932 Nähmaschinen Bequeme Zahlungsweise PUFF Martin Decker Gr. Friedbergerstr. 18/20 barung herrührt. Wir haben jedenfalls den Mut, dem Verfasser und der von ihm vertretenen Generation zuzurufen: Ihr seid vielleicht nicht entgöttert, vielleicht noch lange nicht genug entgöttert, gottlos aber seid Ihr doch. Das nackte, lediglich diesseitig eingestellte Heidentum zeigt sich ja deutlich in der Stellung zur Ethik. Jede Begründung, vor allem jede überirdische, jede, die ihre Wurzel in einem über dem Menschen stehenden Wertsystem hat, wird abgelehnt. Wir tun, sagt Matzke, mit völlig unheroischer Selbstverständlichkeit das Gute und Rechte? Aber was ist, fragen wir dagegen, das Gute und Rechte? Das, was jeder dafür hält! Rur ist es — der alte Irrtum des Sokrates — gar nicht so selbstverständlich, das Gute zu tun, auch wenn man es kennt. Das Moralische versteht sich niemals von selbst, es ist stets das Allerschwerste. Denn die menschliche Natur hat sickpauch heute noch nicht geändert, dem Jezer Hattauw steht vom Mutterleibe an immer noch der Jezer Hora, stehen Sinnlichkeit, Leidenschaft und Begierde gegenüber; sie sind eine Tatsache, mit der wir rechnen müssen, mit der wir gar nicht ernsthaft genug rechnen können. Man macht das Schlechte wirklich nicht dadurch gut, daß man es für erlaubt, für moralisch indifferent erklärt. Jeder Mensch muß kämpfen, dauernd, mit sich selbst, mit seinem leiblichen, sinnlichen Wesen, um in sich seinem geistigen, gütlichen Teil Raum zu schaffen. Jeder von uns wird immer wieder vor den sm aiv nsnn fy geführt, wie unsere ersten Eltern, um sich dort zu entscheiden, für seine Vernunft oder für G'ttes Gebot, und immer wieder tritt in stets wechselnder Form die Sünde an den Menschen heran, um ihn zu versuchen und zu erproben, oft genug auch sogar im Gewände des Guten und Rechten. Wer sagt uns, was gut und böse ist? Ganz gewiß nicht die Vernunft, die auch hier allerhöchstens eine Laterne und keine Sonne ist, und ganz gewiß verfängt nicht die Berufung auf die innere Stimme im Menschen in einer Zeit, die auch das sittliche Bewußtsein relativiert hat. „Erlaubt ist, was sich ziemt!" Ja, was ziemt sich denn? Wie leicht schlägt dieses Goethewort in das andere um: „Erlaubt ist, was gefällt." Nein, sagen wir es ganz ruhig und offen: es ist eine durchaus heidnische und diessetiige Haltung, durchaus primitiv, ein Merkmal von dem Heranrücken des Amerikanismus, der ebenfalls durchaus primitiv ist. Das bereits angeführte Verspiel von der sogenannten Kameradschaftsehe - zeigt es, diese „bewußte Freiheit in geschlechtlichen Dingen," wie sie in Matzkes Buch gefordert wird. Uns ist das nichts Neues, uns ist es ein Rückfall in primitive Anschauungen und Lebensgewohnheiten, min pa viip gegen die unsere Thora von Anfang an gekämpft hat. Wir wissen nicht, wohin diese Entwicklung führen wird — daß sie gesund, rein, gut und heilsam ist, müssen wir bestreiten. Doppelt notwendig sind unserer Zeit die Vorschriften des altjüdischen msrjiS' mit denen der Traktat Kidduschin schließt, die derbe, harte, reine, kalte Luft jüdischer Zucht und- Sitte; ist auch Alles in diesem Traktat so nüchtern und juristisch, so schwebt doch über jeder Zeile der Begriff der Keduschoh, wie schon der Name sagt. Kodausch ist aber ein Wort, das allemal über diese Welt weit hinausweist, ein Begriff, der in G'tt seinen Ursprung hat, dem Ursprung aller Dinge, und der selbst Emp ist. Diese Dinge gehen weit, weit über uns selbst und unsere Lebenszeit hinaus, vielleicht in die Ewigkeit hinein, die Verantwortung dafür beginnt viel früher,, als man zugeben möchte, und sie sind keineswegs eine Sache, die nur jeden allein angingen, und die er nur mit sich selbst abzumachen hätte, sondern sie gehen uns alle an'und jeder hat sie mit G'tt abzumachen. Hier, wo es um G'tt geht, an der Wahrheit von der Offenbarung, scheiden sich die Geister, scheidet sich das Judentum von allem Heidentum. inx xbx nbis/n px „Es gibt nur e in e Welt! Was ich nicht kenne, nicht fühle, wonach ich kein Verlangen habe^ das laste ich auf sich beruhen, das gibts für mich nicht" — so tönts aus allen diesen Ausführungen wieder — und da wird es gut sein, diese Jugend wieder daran zu erinnern, daß G'tt nicht nur der Fernste, sondern daß Er uns auch der Allernächste ist — wenn Du Ihn suchst *?aai -pa1? ^aa> Und wir sind doch Sein Volk Jisroel, von dem die anderen Völker noch sprechen werden: crnVx iV nwx ’u ’ap '^x uxap Van inVx 'na ichrr „Und wo ist ein großes Volk, dem G'tt so nahe, wie G'tt, unser G'tt, so oft wir Ihn rufen; und wo ist ein großes Volk, das so gerechte Satzungen und Rechte hätte, wie diese ganze Tauroh, die ich heute Euch vorlege." Bleiben wir darum getrost auch dieser neuen Haltung gegenüber die Alten — auf die Gefahr hin, daß wir die Menschen von gestern und vorgestern sind. Hat diese Jugend kein Verlangen nach G'tt — nun, nach dieser kommt eine andere — Matzke ist einsichtsvoll genug, um zu wissen, daß auch seine Generation und ihre geistige Form nicht für die Ewigkeit ist — eine andere, in der wieder ein Hunger geht über -die Erde, kein Hunger nach Brot und kein Durst nach Wassers sondern ein Hunger, zu hören das Wort G'ttes. Sorgen wir dafür, daß die Jugend, die dann sein wird, nicht von Meer zu Meer zu wanken braucht, um das Wort G'ttes zu suchen und nicht zu finden — sorgen wir dafür, daß sie es bei uns findet und sprechen kann: „Wir wollen mit Euch gehen, denn G'tt ist mit Euch." Sorgen wir in der Agudas Jisroel dafür, daß unsere Jugend an uns jeden Rückhalt findet, um der Verlockung zu entgehen, die in der geschilderten geistigen Haltung liegt: ‘jmin nsn 'nb py- Ich bin am Ende. Habe ich nichts Wesentliches und Maßgebliches gesagt: nun wohl, so sei es denmainiLi. DaaE? vni.i' dann mag es genügen, begonnen und die Aussprache eröffnet zu haben. Habe ich aber etwas von Belang gesagt: nun denn, dann war ich es nicht, dann waren es Worte des lebendigen G'ttes, die ich hier zu verkünden die Ehre und die Freude hatte, die Worte der Tauroh dessen, der da ist wxa» nvrnn xiip' der da ruft die Geschlechter und Generationen von Anfang an. Auch dieses Geschlecht hat Er berufen, nach diesem kommt ein anderes mit anderen Gedanken, anderer Haltung und Prägung. Wir haben, wie ich gezeigt zu haben glaube, keinerlei Anlaß, die Haltung dieser Jugend zu fürchten, und viel weniger noch, ihr zuzujubeln; aber wir haben allen Anlaß, uns in der Agudas Jisroel Zusammenzufinden, um in gegenseitiger Hilfe, Anlehnung und Förderung die FragenU n serer Zeit im Sinne unserer Tauroh . zu beantworten. Einst, in alten Zeiten, wenn im enparr rpa eine nana gesprochen wurde, dann lautete, uranfänglich die Formel dafür: 'X"W'p^x',1 ,ir\x'p-Q obiyn jo* Als aber die Minim kamen" und sagten: inx x^x D^nyn px da führte man ein, zu sprechen: oViyn iy r^iyn p „von Ewigkeit bis zu Ewigkeit". Damit halten w i r es: "iS? D^iyn p 'xnEr p^x;n pp. Notwendigkeiten! Ein Aufruf an die orthodoxe Iudenheit. Von S. G. In den beiden Jahren 1929 und 1930 wurden in Berlin 1906 jüdische und 1516 jüdischchristliche Ehen geschlossen. Das heißt also, daß jedezweite von Juden geschlossene Ehe eine Mischehe war. 1931 dürfte das Fazit nicht günstiger gewesen sein. Um noch ein zweites Beispiel, das gleichfalls den rapid fortschreitenden Assimilierungsprozeß der Juden Mittel-Europas grell beleuchtet, anzuühren, seien einige Zahlen aus Budapest gegeben. Dort wird heute fast ein Drittel der Eheschließungen unter den Juhen nür standesamtlich vorgenommen, und an einem Zehntel der Knaben wird nicht mehr die Milah vollzogen. Im vergangenen Jahre traten in Budapest nicht weniger als -392 Personen aus dem Judentum aus. Es sind schon einige Jahrzehnte her, daß Dr. Felix Teilhaber sein Buch „Der Untergang der deutschen Juden" erscheinen ließ. Doch sein Ruf war ein Ruf in die Wüste, seine Warnung verhallte ungehört. So sehen die Resultate jener Oberflächlichkeiten und Halbheiten aus, die unter der Flagge eines „liberalen" Judentums segeln und sich einreden, mit ungläubigem Kritizismus in der Theorie und mit Niederreißen in der Praxis die indifferent gewordenen Masten beim Judentum zu halten. Ist aber mit dieser Konstatierung die Sache für uns orthodoxe Juden erledigt? Keineswegs. Tiefster Schmerz muß uns vielmehr erfüllen, denn manchmal noch die Väter, häufig die Großväter, stets aber die Urgroßväter dieser Massen haben wie wir G'tt und Seiner Thora gedient. Aber dieser Zusammenbruch legt auch große aktive Pflichten auf die Schultern der Orthodoxie, da ganz Israel für einander die Verantwortung trägt. Die Orthodoxie muß sich fragen, wieso es dazu kommen konnte, daß Hunderttausende das Erbe ihrer Väter Preisgaben. Die Antwort liegt nicht weit. Die Sonntagsruhe ließ die jüdischen Massen dem Schabbos, dem Heimatsboden des praktischen Judentums, untreu werden, nachdem vorher schon christliche Schule, Presse und Literatur die Kraft der jüdischen Seele' geschwächt hatten. Die Emanzipation erwies sich als ein Danaergeschenk, wenn auch niemand aus der Orthodoxie diese Forderung für die menschliche Würde missen möchte. Die Orthodoxie hat seit Rabbiner Samson Raphael Hirsch erkannt, was für die Zukunft die jüdische Schule bedeutet, und sie hat mit großen Geldopfern ihre Kraft darauf konzentriert, eigene Schulen zu erhalten. Doch Lehrplan und Unterrichtsbücher unterstehen der Staatsbehörde. Es muß das Pensum der gleichartigen christlichen Schule erfüllt werden, und deren Lehrbücher sind auch die Lehrbücher der jüdischen Schule. Das bedeutet eine große Hemmung, die die Ursache ist, daß ein Teil der Jugend dieser Schulen nicht beim orthodoxen Judentum geblieben ist. Wohl haben evangelische und katholische Schulen verschiedenartige Lesebücher. Bei der geringen Zahl jüdischer Schulen ließe sich aber eine solche Rücksichtsnahme schon aus materiellen -Gründen schwerlich' erstreben.Es hängt daher der Unterricht ganz von der Person des Lehrers ab. Er muß ein begeisterter, treuer Thorajude sein und jüdisches Wissen besitzen. Deshalb ist die Lehrerausbildung eine ungemein wichtige Frage, der die Orthodoxie dauernd ihre Aufmerksamkeit zuwenden muß. In unserer heutigen schweren Zeit erheben sich aber zwei neue Forderungen, die so bedeutsam sind, daß aus ihnen eine große Rettung entstehen kann. Jede orthodoxe Gemeinde muß das I a h r v o r und d a s I a h r nach der Schulze i t ausschließlich für das Judentum verlangen! Das Jahr vor der Schulzeit soll in einem täglich zwei- oder dreistündigen Unterricht Hebräisch als Schrift und Sprache zum Unterrichtsgegenstand haben. Auf diese Weise wird das Judentum in der Seele des Kindes das Primäre, die Thora geht dein Derech-Erez voraus. Des weiteren läßt sich auf solchem Unterbau in den jüdischen Fächern das doppelte Pensum während der Schulzeit erreichen, und das Interesse des Kindes erlahmt nicht mehr durch den Kampf mit dem Verständnis der Sprache und durch zu langsames Vorwärtsschreiten. Der Beendigung der offiziellen Schulzeit schließt sich ein einjähriger Besuch der Jeschiwah an. Was heute bereits eine Minorität der Orthodoxie tut — und das bedeutet die Krönung der Lebensarbeit Rabbiner Dr. Salomon

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