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Der Israelit · 1932-01-28 · Heft 5 (28.1.1932) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 5 (28.1.1932)
Date
1932-01-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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28. Januar 1932 Der Israelit Nr. 5 Seite 3 Zahlen, die sprechen und mahnen. Die vor kurzem in Palästina durchgeführte Volkszählung hat in einem Jerusalemer Brief in unserer jüngsten Nummer ihre Besprechung gefunden. Was besagen diese Zahlen? Zunächst, daß sie nicht richtig angegeben sind. Der beste Kenner des heutigen Palästina und' seiner Bevölkerungsverhältnisse, Dr. Arthur Rupp'in, vermutet im „Haarez", daß die Gesamtziffer 175 006 für die jüdische Bevölkerung zu tief gegriffen sei, und zwar aus folgenden Gründen: 1. Viele ohne festen Wohnsitz herumwandernde orientalische Juden wurden von der Zählung gar nicht erfaßt; 2. eine Reihe von Leuten haben sich aus politischen Gründen aus der Zählung ausgeschlossen; 3. in der Rubrik „Andere" sind viele Juden enthalten, die sich aus irgend einem Grunde nicht als jüdisch eintrugen; 4. eine größere Zahl von Juden, besonders Studierende, befinden sich zur Zeit im Auslande. Immerhin kann man auch bei diesen ungefähren Resultaten einige interessante Beobachtungen über die Bevölkerungsentwicklung in Stadt und Land machen. T e l - A w i w , das Zentrum des neuen Stadtjischuw, zählt 45 607 Juden, d. s. 99 Proz. der Gesamtbevölkerung. Der Rest setzr sich, wie schon berichtet, aus Nichtjuden und R e - ligionslosen, die wohl auch Juden sind, zusammen. Jaffa, eine Stadt älteren Schlages, hat nur 7231 Juden, die nur 13,9 Proz. der Gesamtbevöl.kerung ausmachen. Vor zehn Jahren hatten beide Städte zusammen nur knapp 16 000 Juden. Auf dem Lande ist die Zunahme der jüdischen Bevölkerung vrhältnismäßig groß, ihre Zahl ist von 15 000 auf über 46 000 angestiegen. In den Städten ging die Zunahme nicht so rapid von statten. Immerhin ist die jüdische Ziffer in I e - r u s a l e m seit 1922 von 34 000 auf rund 52 000 Seelen angewachsen. Die Juden machen dort ungefähr 57 Proz.' der Bevölkerung aus. Schätzungsweise und gefühlsmäßig hatte man stets eine höhere jüdische Seelenzahl in Jerusalem angenommen und hat sich wohl dabei nicht geirrt. Denn gerade in Jerusalem ist die Zahl der orientalischen Juden und auch der Aschkenasim, die aus politischen oder anderen Gründen der Volkszählung aus dem Wege gegangen sind, sehr beträchtlich. In den kleineren Städten des ältesten Jischuw, wo sich die Dinge besser übersehen lassen, dürften die Zahlen stimmen. In Tiberias wohnen 5260 Juden, in Safed 2539, in Hebron so gut wie gar keine. In Tiberias beträgt der Zuwachs im letzten Jahrzehnt kaum tausend Seelen, sie machen immerhin noch 60 Proz. der Bevölkerung aus; in Safed hat die jüdische Bevölkerung in dieser Zeit sogar um einige Hundert abgenomnren. Safed war im 16. Jahrhundert das Zentrum des geistigen Lebens, das Herz und der Kopf Palästinas, Sitz von Rabbi Josef Karo und Rabbi Jizchok Luria, also Geburtsstütte des Schul cha n Aru ch und der neueren Lurianischen Kabbala, und beherbergte noch vor wenigen Jahrzehnten über 10 000 Juden. Die alte Judenstadt Hebron zählt nach der letzten Zerstörung im August 1926 gar nicht mit. Ob die Zahlen mehr oder weniger stimmen (sie sind gewiß alle nach unten frisiert), eines tun sie dar: wir haben unsere Pflicht gegen den alten Jischuw nicht ganz erfüllt. Die Zerstörung Hebrons war eine Katastrophe, die wir unmittelbar weder verursacht noch verschuldet haben, aber aus dem Unglück ist in der Diaspora nicht das genügende Maß von Liebe für den Wiederaufbau erwachsen. In Jerusalem, Tiberias und Safed hungern Jeschiwajünger, vegetieren altbewährte Thora- und Wohlfahrtsinstitutionen, harren tausend Kinder der jüdischen Schulen, die wir ihnen eröffnen sollen. Auch in Hebron beginnt der Wiederaufbau im Geistigen, mit der Errichtung einer Schule unter Patronat der A gu das I i s r o e l. Die Zahlen der neuesten Volkszählung sind ein Memento: Rettet und erhalt e t d e n a l t e n I i s chu w! Die Tauroh und die neue Sachlichkeit. Von Landrabbiner Dr. de Haas in Oldenburg. (Schluß.) Es ist eine rein diesseitige Haltung. Hören wir Matzke selbst (S. 118): Wie stehen wir denn zu der großen Frage nach und um G'tt? Bejahen wir sie? Verneinen wir sie? Keines von beiden. Jene Frage liegt außer der Reichweite unseres Erlebens, und sie beruyrt uns im Grunde nicht. Ja, ich glaube sogar: wir verstehen diese Frage nicht mehr. Sie hat ihren Sinn für uns verloren. Wer heute ernsthaft am Streit um G'tt und Gütliches teilnimmt, steht uns fern. Wir selber tun es nie. Darum gehören wir weder zu den Frommen noch zu den „G'ttesleugnern" und „Freidenkern" von gestern; ja, zu diesen am allerwenigsten, die die banalsten sind. Man wird erschrecken über die Aussage, wir verstünden den Begriff „G'tt" nicht mehr. Aber man wird es nicht ändern. Uns deshalb zu bedauern, ist kein Anlaß da. Uns ruht alles so sehr in sich selbst, sind alle Dinge so nah und fremd zugleich, so beglückend fremd und ohne Sprache, und wir selber gehen zwischen ihnen hindurch, tätig oder schauend. Unsere Augen wenden sich allen SCHLESiCKY-_ \ ' V ' KAISERSTRASSE 27 ft V Seiten zu und allen Dingen; unsere Herzen sind voll Glück oder voll Betrübnis — aber wir sind immer allein. Wir stehen in keines gütigen Vaters Hand, sondern auf nüchterner Erde. Wir sind niemandem untertan und verpflichtet als uns selbst und den Gesetzen, die wir in uns fühlen, unbegründet, unbegreiflich. Wohl hören wir Viele um uns von G'tt reden, ihn anbeten oder leugnen. Doch das geschieht in einer freinden Sprache, die wir zwar hören, deren letzter Sinn aber unzugänglich bleibt. Wir glauben an keinen G'tt, nicht deshalb, weil wir schlechthin an nichts glaubten — wir glauben an vieles sonst. Auch nicht deshalb, weil uns die Wissenschaft vom Gegenteil überzeugt hätte. Wir glauben deshalb nicht an ihn, weil uns nichts dazu treibt, weil unser Dasein nicht von ihm redet. Das will nicht heißen, daß wir zu sehr im Glück sind. Auch wo uns Not und Elend, Schmerz und Tod anfallen, ändern sie nichts. .Wir haben G'tt und den Glauben an ihn im wahren Sinn des Wortes — verloren." Um -nicht einseitig zu sein, sei hier auf das, was Matzke im Folgenden (S. 123/4) den Freidenkern ins Stammbuch schreibt, wenigstens hingewicsen. Der ganze Abschnitt schließt: „Man nenne uns nicht arm, iveil wir G'tt und die Religion nicht besitzen. Für uns ist das kein Mangel, da uns die Möglichkeit fehlt, jene Güter zu erleben. Sie fehlen uns nicht — und was einem nicht fehlt, inacht ihn nicht arm. Wir haben keinen G'tt, aber wir sind weder gottlos noch entgöttert." Was bedeutet das alles im Grunde? Es bedeutet: diese Generation, die hier ihre geistige Haltung schildert, ist zwar von den unmittelbar voraufgegangenen ganz wesentlich verschieden, aber sie ist doch zugleich in jeder Hinsicht ihr Erbe und Abkömmling, steht ganz auf ihren Schultern. Jenen Geschlechtern war der Mensch und seine Vernunft das Maß aller Dinge gewesen. Was vor seinem Denken nicht bestand, das galt nicht, das gab es nicht, das war falsch. Alles ausnahlnslos, auch Religion, Glaube, Sittlichkeit Sitte und Recht war dem menschlichen Urteil unterworfen und galt nur solange und insoweit, als man es für richtig hielt. Heute braucht man keinen G'tt und keine Religion, weil man sie nicht i n s i ch findet, weil man sie nicht nötig hat oder nicht nötig zu haben glaubt. Hier wäre zunächst einmal die wichtige Frage wenigstens anzudeuten, ob zu allerletzt das, was man Religion nennt, überhaupt ursprünglich dem Inneren des Menschen entstammt, ob es nicht vielmehr, welche Entwicklung es auch bei den verschiedenen Menschen und Völkern genommen, welche Entartung es auch erfahren hat, zuletzt aus Offeninteressiert hört er darum Urteile über seine Arbeit auch von solchen an, die sie gar nicht zu würdigen verstehen. Selbst zu ihren offensichtlichen Jrrtümern wird er schweigen. Auf der letzten Seite seiner Konkordanz entschuldigt er sich, es würden gewiß einige Ungenauigkeiten in ihr zu finden sein. Diese Worte hält er für nötig, während die bedeutendsten Gelehrten der Konkordanz uneingeschränkte Bewunderung zollen. Als Kossowski im Arbeitsbataillon zu Beer-Schewa nahe der Wüste unter brennender Sonne Steine aufklauben und in einem Handwägelchen zur Chaussee bringen mußte, blieb sein Denken bei der Konkordanz. In der arbeitsfreien Zeit notierte er dann Pesukim und Zitate auf Zettelchen und sandte diese durch die Militärpost.an Rabbiner Jonathan Benjamin Horowicz in Jerusalem. Dieser aber hütete das Material wie einen kostbaren Schatz. Horowicz konnte der Pein des für körperliche Anstrengungen Untauglichen nicht zuschauen, und er sann auf seine Rettung. Nachdem sich die Möglichkeit zeigte, ihn vom Militärdienst loszukaufen, wandte sich Horowicz an die Redaktion des „Israelit" in Frankfurt a. M. zwecks Aufbringung der nötigen tausend Francs. Eine Persönlichkeit gab sogleich die Summe.^ Die Liebe zur Thora hat Kossowski alle Schwierigkeiten von Zeit und Raum bezwingen lassen. Helfend zur Seite stand ihm aber auch hierbei Horowicz. Cr veranlaßte die Deutsch-Holländische Palästinaverwaltung in Amsterdam zur Zahlung eines kleinen monatlichen Zuschusses und nach Beendigung der Konkordanz zur Einrichtung einer kleinen Druckerei, in der nun Kossowski selber als Setzer und Korrektor seines Werkes arbeitete. Zur Verbreitung der Konkordanz bildete sich unter dem Vorsitz von Sir Herbert Samuel ein besonderes Komitee. Simon - Ernst. mus. G'tt hat seinen Menschheit und Welten erlösenden Plan nicht aufgegeben. Er hat vom Anfang her die Gesetze des Himmels und der Erde so gestaltet, daß Sein heiliger Bund, die Verwirklichung der heiligen Ideale der Thora, auf Umwegen zwar, aber doch zur vollendeten Tat in der Menschheit Mitte reifen wird. Kleines Feuilleton. Rabbi EhajimZehoschua Lossowski. Würdigung anläßlich des Erscheinens seiner Mischnah- Lonkordanz. Durch die schmalen, winkligen Gäßchen der Jerusalemer Altstadt geht ein alter Mann im Typ jener Thoragelehrten, die ihren Körper mit einer Hand voll Johannisbrot sättigen, deren Geist aber in aller Stille — ohne, daß sie ein Wort darüber verlieren — Welten aufbaut. Hier, wo jeder Stein vieltausendjährige Geschichte erzählt, ist er geboren. Hier hat er sich sein Heim errichtet. Vor dem rauschenden Leben draußen drückt er sich scheu. Denn, um die Fäden seiner Gedanken zu spinnen, braucht er Ruhe, ein Jnsichversenken, ein Vergessen der Außenwelt. Die Arbeit, die er, ein Einzelner, seit Jahrzehnten vollbringt, ist überhaupt nicht abzuschätzen. Aus den zerstreuten Steinen der vom Talmud überschatteten Mischnah hat er einen gewaltigen Vau errichtet, der zweifellos ein wichtiger Faktor für die hebräische Sprache und Literatur sein wird. Mit übermenschlichen Kräften hat er ausgeführt, wozu sein Wille ihn trieb. Es war die Arbeit für ein ganzes Kollegium von Gelehrten. Doch er hat auf keine Helfer gewartet, er hat allein begonnen und allein geendigt. I Der Weltkrieg kam mit Hunger, Krankheiten, Militärdienst als seinen Trabanten. Auch den schwächlichen Gelehrten entreißen die Türken seinen ärmlichen vier Wänden und seiner Familie. Er wird als Chaussee-Arbeiter nach Beer-Schewa geschickt. Doch mit seiner Ausdauer und seinem starken Willen beugt er sich nicht dem qualvollen Tag. Stein wird auf Stein weiter zum Bau der Mischnah-Konkordanz gefügt. Heute weiß die Gelehrtenwelt, daß diese Konkordanz allen an sie zu stellenden Anforderungen entspricht. Jedes Wort, jeder Ausdruck der Mischnah hat seinen Ort, seine Erklärung, seine Beispiele erhalten. Nun will er in gleicher Weise Tosefta, Sifre und Sifra bearbeiten, noch ein mühevoller und weiter Weg. Ein scharfes, kantiges Gesicht, auf dem Ruhe und Gelassenheit liegt, fragende Augen, den großen Kopf auf breiten Schultern, die Hände voll Bewegung, — so stellt Rabbi Chajim. Jehoschua Kossowski sich vor. Er ist ein Meister in musterhafter Ordnung. Wie bewundernswert ist diese Eigenschaft in der Dürftigkeit des armen Mannes! Doch der ganz seiner Aufgabe Hingegebene läßt sich von der Sorge nicht bezwingen. Er weiß, daß eine Konkordanz ohne peinliche Ordnung nicht zu schaffen ist. Ein naiver Optimismus beschwingt seine Seele. Seine Arbeit aber empfindet er als heilig, wie die Heiligkeit seines Tempels. Eine vorzeitige Epoche hält sein ganzes inneres Leben umfangen. Wird er angesprochen, dann zeigt sein Gesicht einen abwesenden Ausdruck, und er antwortet zerstreut. Niemals aber wird er von dem Werte seiner Arbeit sprechen. Er ist ein Zaddik im wahrsten Sinne des Wortes, doch ein Zaddik in der früheren Jerusalemer Weise: bedürfnislos, arm, weltfremd und überaus bescheiden. Stets I fürchtet er, den anderen beleidigen zu können. Ruhig und

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