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Der Israelit · 1932-01-28 · Heft 5 (28.1.1932) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 5 (28.1.1932)
Date
1932-01-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 5 Der Israelit 28. Januar 1932 In akademischen Berufen sind die Aussichten sehr verschieden. Während z. V. für stellungssuchende Chemiker fast keine Aussichten bestehen, finden Ingenieure, wenn sie erst im Lande sind, nach kurzer Zeit Arbeit. Für M e - d i z i n e r und Rechtsanwälte bestehen noch einige Aussichten: insbesondere deutsche A e rz te genießen ein sehr großes Vertrauen. Deutsche I u r i st e n gibt es nur einige wenige im Land, die sich aber guter Praxis erfreuen. Im übrigen werden hier an die Juristen (genannt p *|ns?) nicht dieselben Anforderungen gestellt, wie an einer deutschen Universität. Deutsche Junglehrer wären dringend erforderlich, jedoch fehlen die Mittel zur Anstellung. An weiblichen Berufen werden hier verlangt: Röntgen-Assistentinnen, Krankenschwestern, Säuglingsschwestern, Kinderpflegerinnen usw. Ueberhaupt ist jedes Mädchen, das irgend einen Beruf erlernt hat — gleich welchen — leicht unterzubringen. Oftmals finden diese bereits auf dem Ueberfahrtsschiff ein Engagement bei Mitreisenden Palästinensern. Auch ungelernte junge Mädchen können, wenn sie jede Arbeit ergreifen wollen, Beschäftigung finden. Schneiderinnen und Putzmacherinnen können sich leicht eine Existenz aufbauen. Run noch ein Schlußwort an alle diejenigen, die wirtschaftlich unabhängig sind. Ich meine insbesondere die Rentner, Pensionäre und sonstige, die von Zinsen leben. Es gibt immerhin noch, nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern eine ganze Menge Menschen, die sich in dieser glücklichen wirtschaftlichen Lage befinden. Diesen Glücklichen möchte ich zurufen: Ist es nicht besser, daß Ihr Eure Pensionen, Zinsen usw. in ^rr-nv px verzehrt als in Ländern, wo man nicht einmal den Gräbern die Ruhe gönnt? Wie herrlich könntet Ihr auf dem Hadar- Hacarmel, wo noch Platz für Tausende vorhanden, Euer Leben in Schönheit und Pracht genießen! Es gibt wohl kaum auf der Welt ein schöneres Stückchen Erde als den Hadar-Hacarmel. Auch ist der Lebensunterhalt billiger als z. B. in Deutschland. Wie schön könnten diese Auilm nicht nur die Mizwa des sw» sondern auch die des pxn pn erfüllen? Durch eine größere Einwanderung würden neue Häuser, neue Straßen nötig werden, neues Kapital würde ins Land fließen und man könnte neue junge Kräfte ins Land bringen. Möge diese Anregung, die vielen alten Leuten einen Lebensabend bringen kann, wie er schöner gar nicht zu denken ist, nicht nur eine Anregung bleiben. Mögen ihr bald Taten folgen. -N2ivi ms ^sxV px *?x is1? Wochenrundschau. Quäker. In Berlin gehen wieder schlimme Dinge vor. Roch ist der Helldorfprozeß, diese endlose Kette gerichtlich zu fassender Roheitsakte und Hahausbrüche, nicht zu Ende, und neue blutige Ausschreitungen an der Universität zeigen, daß man nicht gewillt sei, die Vorgänge am Kurfürstendamm in Geschichts- und Gerichtsakten erstarren zu lassen. Bei den Universitätskrawallen der letzten Tage sind die N a t i o n a l s o z i a l i st e n führend. Die jüdischen K. C.-Studenten, die sonst nicht gerade unsere vollste Sympathie genießen, sind die Angegriffenen, die Opfer, die Juden schlechthin, auf die loszuschlagen, ein Postulat des Parteikodex ist. Daß die jüdischen Studenten, sofern sie nicht auf Bahren weggetragen werden mußten, sich zur Wehr setzten, ist selbstverständlich. „Und wenn gute Reden sie begleiten, dann fließt die Arbeit munter fort." Also singt man dabei das schöne Lied: „Wenns Judenblut vom Messer spritzt . . Die Polizei wird unter Berufung auf die Autonomie die Exterritorialität der Universität nicht hereingelassen. Die Sache endet, wie üblich, damit, daß die Universität für einige Tage geschlossen wird. Man erinnert sich wehmutsvoll, in alten Chro-' niken gelesen zu haben, daß Studenten in Europa auf Barrikaden für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gekämpft Haben. Heute nehmen die jungen Herren die Freiheit nur für sich in Anspruch, um, ungestört von der Polizei, mit dem Knotenstock die Gleichheit und die Brüderlichkeit niederzuknüppeln. „Wenn Judenblut usw." Es gibt eine hübsche Ueberlieferung, die sowohl im Midrasch wie in alten Quellen der Weltliteratur verschiedentlich zum Ausdruck kommt: Wenn die Welt so tief gesunken ist, daß alle Musen schweigen, alle Lichter verlöschen und alle guten Geister erstarren, bilden sich immer noch kleine Zellen mitten in der Flut, in denen die heimlosen guten Geister Schutz und Obdach finden und wie in einer Arche Noahs sich zu dem Ararat einer neuen Welt hinüberretten. Wenn wir heute nach einer solchen Arche, nach einem Asyl für die aus der Politik und den Stätten der Wissenschaft verbannten guten Engel des Rechtes, der Liebe und der Menschlichkeit Ausschau halten, so fällt unser Auge auf die internationale „Gesellschaft der Freunde" (Quäker). Sie ist es, die als Hort des Friedens, als das Beständige sich bewährt hat bei aller Flüchtigkeit und Unstetigkeit einer Kriegs- und Nachkriegsmenschheit. Sie hat den Frieden gepredigt und die Menschlichkeit geübt zu einer Zeit, da Friede und Menschlichkeit in den Staaten Europas als Verrat galten und als Anklagepunkte für ein Kriegsgericht. Sie hat hungernde Kinder ohne Rücksicht auf Land und Nation gespeist zu einer Zeit, da Hungerblockade höchstes sittliches Gebot europäischer Kulturvölker war, sie hat, mit einem Worte, all das für eine spätere Menschheit gehütet, was die Kanonen der Schlachtfelder und die Repressalien der Nachkriegszeit zu zerstören drohten. Daß die Ideale, die sie zu hüten hatte^ heute noch ängstlich zu hüten sind, empfindet am ehesten die Berliner Gruppe der „Gefellschuft der Freunde". Diese richtete aus Anlaß der Kurfürstendammunruhen an die Jüdische Gemeinde einen. Brief, der als Lichtpunkt aus einer düsteren Zeit im Wortlaute aufgehoben zu werden verdient. Er lautet: „Liebe Brüder und Schwestern! Mit Schmerz und Scham denken wir an das Leid, das die würdelosen Vorgänge am Kurfürstendamm über Euch gebracht haben. Wir fühlen uns mitverantwortlich unb mitschuldig, weil wir nicht genug getan haben, um die haßerfüllte Atmosphäre zu entgiften. Deshalb bitten wir Euch um Verzeihung für das, was Euch angetan wurde. Wir danken Euch, wenn Ihr nicht mit Haß vergeltet. Wir haben Eurer in unserer heutigen Andacht gedacht: Euer Leid ist unser Leid. Wir bitten Euch, in uns Eure Freunde zu sehen." Die Antwort der Berliner Jüdischen Gemeinde hebt sich blaß und kalt genug von dem warmen Ton jener aufrichtigen Freunde ab. In drei Zeilen dankt der Vorstand für „die verständnisvolle Anteilnahme" und schließt mit „vorzüglicher Hochachtung". Dieses Dokument gemeindebürokratischer Verknöcherung verdient gewiß nicht, bei den Geschichtsakten aufbewahrt zu werden. Die „Gefell- ' schuft der Freunde" in Berlin kann aber sicher sein, daß große Teile des deutschen Judentums ihr Dank votieren, nicht auf steifen Kanzleibogen, aber tief im Herzen; daß sie die Bestrebungen der Quäker, die sich schließlich nicht allein in Worten erschöpfen, als ein Licht in der Finsternis der Zeit werten und begrüßen, das in eine bessere Zukunft weist; daß für sie die Worte der Anteilnahme der Freunde das wüste Gejohle vor der Universitätsrampe weit übertönen. ü Ideal — Wirklichkeit — Verwirklichung. Zu nir» msns- Von Herman Fischer (Sarospatak), Hörer der Thora- Lehranstalt in Frankfurt a. M. R. Josua, Sohn Lewis, sagte: Als Mose vom Berge Sinai herabgekommen war, trat hin der Satan vor G'tt und sprach vor Ihm: Herr der Welt! Wo ist die Thora? .am pm min sr'sm ins!? n»§i ppn aa G'tt antwortete: Ich gab sie zur Erde. Nun ging der Satan hin zur Erde: Wo hast du die Thora? Die Erde antwortete: G'tt allein versteht ihren Weg narn pan mp- Da ging nun der Satan zum Meere: Wo ist die Thora? Dasselbe antwortete: Sie ist nicht bei mir. Da ging er nun zum Abgrunde: Wo ist die Thora? Die Antwort lautete: Sie ist nicht in mir, denn so heißt es: Der Abgrund sprach: Sie ist nicht in mir, und das Meer sprach: Sie ist nicht bei mir! n»a cnm ’a pa n»a mnn 'aie? pa- Und vergebens suchte dann der Satan noch in der Hölle und bei dem Todesengel: „Die Hölle und der Tod antworteten: „Wir haben bloß mit unserem Ohre ihr Gerücht gehört." nya» in»v unaa rin« ni»i piaa/ Da kehrte er nun zu G'tt zurück und sprach: Herr der Welt! Ich habe überall auf Erden gesucht, fand aber die Thora nicht: Fürwahr, der Satan, der an Wirklichkeit haftende scharfe Blick der kritischen Beobachtung, sucht und sieht eben die — Wirklichkeit, wie sie ist. Er sieht, wie die Menschheit zum größten Teile in materialistische Denkungsart und Lebensweise versunken ist. „Leben und Genießen!" „Schwelgen und Welken!" in» '2 nnvi i-iaa r-i'm, „Essen und Trinken! Denn morgen sterben wir ja so wie so!" »irr naV pu pai 'rh d’»e? w»vn „Der Himmel mag wohl das Reich G'ttes bleiben, aber die Erde wollen wir genießen!" Der kritisch prüfende Blick des Satans fällt auf die Erde, kvi p->n mm pan p Wo herrscht und regiert da die Thora? Fürwahr: pan cpVa nan G'tt allein kennt ihren Weg. Die Menschenkinder gehen andere Wege . . . Nachher wandte sich der Satan dem Meere zu. Die Meeresküsten waren seit jeher Zentralpunkte des Handels. pae?' d»»' fpnV piar „Sebulun wird am Meereshafen wohnen", lautete der Segen Jakobs. Und Sebulun wurde ein handeltreibendes Volk. Ist vielleicht die Herrschaft der Thora in der geschäftlich tätigen Welt anzutreffen? Wird da überall auf das auf die strengste Korrektheit im geschäftlichen Gebühren, und auf die pünktlichste Einhaltung der minutiösen Sabbatvorschriften geachtet? Oder aber wird da dem Gewinn und Nutzen zuliebe so manches preisgegeben? Der kritisch prüfende Blick wendet sich unbefriedigt ab. sr-pfm» ai- D’n!>xa p Das Branden und Wogen des Meeres erinnert uns aber zugleich auch an den Streit und Hader der Menschen untereinander. Da kämpfen nun Menschen gegen Menschen und Völker gegen Völker. Und in dieser Arena der Menschenwelt, wo Starke die Schwächeren niederstoßen, wo da ewig zu toben scheinen die brandenden Wogen und Wellen des Hasses und des Neides, des Zankes und des Haders — hier suchst du die Herrschaft und das Reich der Thora, am pm min? . . . Weiter . . . weiter . . . hier findest du sie nicht. rrnaxnaVv »inn ^a p Nun ging der Satan zum Abgrunde und suchte dort die Thora. Im rauschenden Lärm des Lebensmarktes hört er nicht ihre Stimme. Vielleicht findet er sie bei denjenigen, die sich in die tiefen Abgründe des Denkens, des Forfchens, der Wissenschaften hinunterlassen. Doch welche Enttäuschung! Auch sie, die Wissenschaftler, antworten: >a pa Wir wissen von keiner g' t t g e o f f enbar t e n Thora. Wir sitzen den ganzen Tag über Büchern und Büchern, daraus wollen wir unsere Weisheit und Einsicht holen. Wir wollen unser eigene Stirne mit dem Lorbeerkranze der Offenbarung schmücken . . . paaans»s? nsöw ii’iraa in»a mm „Aber auch der Untergang und der Tod sprechen: Mit unseren Ohren bloß hörten wir ein Gerücht von ihr." — Auch bei denjenigen, die schon alles durchkostet haben, die schon aus allen Bechern der Freude und Wonne, aber auch des Leides und des Kummers genippt haben, und nunmehr an dem düsteren Pessimismus angelangt sind — auch bei ihnen findest du die Thora nicht! Sie' können sich zu keinem festen Entschlüsse emporraffen, um nunmehr in der treuen Gefolgschaft der Thora ihre wahre Lebensaufgabe zu erblicken, zu erfassen. Sie sagen bloß: Wir haben ihren Ruf gehört. Es ist fürwahr schön und herrlich einzig in der Verwirklichung der Thoraideale des Lebens Sinn und Zweck zu erblicken, w i r aber fühlen uns hierfür nicht geeignet. n"apn -asipvn im. So kehrt nun der Satan zu dem Weltenthron G'ttes zurück und ruft klagend aus: wan mnaxnai>ipan^aa! Nirgends in der Menschenwelt finde ich die Ideale Deiner Thora verwirklicht. Ist aber dieser kritische Pessimismus berechtigt? Stehen wir wirklich vor einem Untergänge alles Idealen? Nun, achten wir einmal genauer auf die von der Erde erteilte Antwort auf die kritischen Nörgeleien des zweifelnden Satan: pan cp nan „G'tt verstand schon im vorhinein (dies bedeutet pan im Perf.) ihren Weg!" cac mpin ni"i>i c ’nma aV na 'r-ivV w1-? pai „Wäre nicht mein Bund bei Tag und bei Nacht, so hätte ich die Gesetze des Himmels und der Erde nicht gesetzt!" so sprach G'tt durch den Mund seines Propheten. Nein!Du Satan, du an des Menschen und der Menschheit sittlicher Zukunft verzweifelnder Pessimis-

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