Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1932-01-21 · Heft 4 (21.1.1932) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 4 (21.1.1932)
Date
1932-01-21
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450704-2450708--78517-2536210
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der I s r a e l i t Blätter Nr. 1 Seite 3 21: Januar,1932 an ihnen vorüber, weil wir selbst, zu stark assimiliert, ihre , Eigenart nicht verstanden, ostjüdisch gesprochen „jäckisch" waren. Wirtschaftlich haben die Ostjuden den einen Faktor als Aktivposten vor uns voraus, daß sie sich, mit der kaptaliftlschen Wirtschaftsordnung niemals derart verbunden fühlten wie wir. Durch den Wechsel der Verhältnisse ist die Schicksalsgemeinschaft zwischen Ost- und Westjuden in Deutschland bei weitem stärker geworden. Aus eigener Kraft können wir so gut wie nichts zur Verbesserung unserer wirtschaftlichen Lage in Deutschland tun. Daran werden alle Stellenvermittlungen, Berufsberatungen und verwandte Institutionen nichts ändern. Es gibt nur einen Ausweg: Wir müssen uns zur proletarischen Lebensführung zwingen. Das aber ist eine Aufgabe, die auch den Ostjuden nicht leicht werden wird, denn Armut ist mit proletarischer Lebensführung in keiner Weise identisch. Praktisch wäre also zu fordern: Größte Vereinfachung in allen Lebensbedürfnissen, bevor die äußerste Not dazu zwingt; Ansiedlung von deutschen und östlichen Juden am Rande der Großstädte in nur von Juden bewohnten Siedlungen und Straßenblocks.*) In diesen Siedlungen soll der frühere Beruf in erster Linie beibehalten werden, was durch die Nähe der Großstadt ermöglicht wird. Daneben soll landwirtschaftliche und handwerkliche Betätigung geübt werden. Wichtig ist auch die psychologische Seite dieser Probleme. Die in der Tiefe der jüdischen Seele, insbesondere der ostjüdischen Seele, aufgespeicherten Lebenserfahrungen erzeugen Minderwertigkeitsgefühle, Ueberempfindlichkeit, auf die man bei allen Maßnahmen Rücksicht nehmen muß. Es wird sofort in die Diskussion eingetreten. I a c o b R o s e n h e i m, F r a n k s u r t a. M.: Drei Problemkreise sind in den Referaten erörtert worden. 1. pädagogische, 2. wirtschaftliche, 3. organisatorische. Redner schlägt vor, daß demgemäß drei Kommissionen gewählt werden: die pädagogische, die. über die Ausgestaltung des Talmud Thora- Lehrplanes, die Ausbildung der Lehrer, die Beziehungen der Eltern zur Schule, Ae schulmäßige Töchtererziehung beraten soll, die w ir t s ch a f t l i ch e, die die aus dem Strauß'- schen Referat sich ergebenden Fragen zu prüfen, die organisatorische, die das Wie der Erfassung der ostjüdischen Jugend nach und n e - b e n der Talmud Thora zu erörtern hat. Es folgt nunmehr die Wahl der drei Kommissionen antragsgemäß. Dr. Julius Möller-Altona berichtet über die Verhältnisse in seiner Gemeinde. Der größte Teil der ostjüdischen Jugend gehe ins Lager der Freien über, soweit sie fromm bleibe, gehe sie in der Regel zum Misrachi. Die in der Mehrzahl strengfrommen Eltern haben keine Ahnung von dem Umgang ihrer Kinder. Es sei eine dringende Aufgabe, das Gedankengut S. R. Hirschs zu modernisieren; hier liege das Arbeitsgebiet der SR. Hirsch-Gesellschaft. Auf- Antrag wird Ae Diskussion geschlossen, damit die Kommissionen sofort ihre Arbeiten beginnen können. Schluß der Sitzung 8 Uhr. Zweite Sitzung M o n t ag v o r m i t t a g s 12 Uhr 15 Min. Rach Eröffnung durch den Vorsitzenden verliest I a c o b R o s e n h e i m die Anträge der O r ga n i s a t i ü n s k o m m i s s i o n. Sie lauten: Antra g 1. a) Die Konferenz begrüßt die in Essen beschlossene Gründung einer Agudas-Horabonim in Rheinland-Westfalen als geeignete Maßregel zur Erhaltung und Verbesserung der Institutionen des Kaschruth, der Taharas Hamischpocho und des Chinuch in den ostjüdifchen Kreisen und erwartet, daß hierüber eine enge und freundschaftliche Zusammenarbeit mit den gesetzestreuen deutschen Rabbonim stattfindet. Sie ersucht den Vorstand der deutschen Landesorganisation der Agudas Jisroel, in diesem Sinne bei den beteiligten gesetzestreuen Rabbinerverbänden vorstellig zu werden. b) Zur Gewinnung der ostjüdischen Schuljugend sowie der schulentlassenen Jugend für die Ideale des gesetzestreuen Judentums, sollen in Rheinland- Westfalen *) Siehe hierzu die Bekanntmachung an der Spitze dieser Nummer. Red. . a) Keren Hathora-Schülergruppen b) Keren Hathora-Jugendgruppen c) Bes Jakob-Schülerinnengruppen d) Bes Jakob-Mädchengruppen ins Leben gerufen werden. Die Wahl dieser Namen soll einerseits die religiös-weltanschauliche Grundlage dieser Organisationen zu eindeutigem Ausdruck bringen, andererseits ihren durchaus unpolitischen Charakter dokumentieren. Die Gruppen unterstehen der organisatorischen Leitung des deutschen Keren Hathora unter Mitwirkung der Agudas Horabonim. Die Gruppen zu b und d sollen auch soziale Arbeit leisten. c) Die Konferenz richtet an die dem Keren Hathora nahestehenden chassidischen Führer des Ostens den Appell, ihre Anhänger in Rheinland-Westfalen zur tatkräftigen Förderung der Keren Hathora- und Bes Jakob-Schüler- und Jugendgruppen zu ermund) Die Gründung eines jiddischen Presseorgans wäre erwünscht, wird jedoch zur Zeit nicht als möglich erachtet. Antrags Die Konferenz ersucht die deutsche Landesorganisation und die Jugendorganisation der Agudas Jisroel, weit mehr Gewicht als bisher auf die Erfassung aller ostjüdischen Kreise, insbesondere aber der männlichen und weibiichen Jugend, zu legen. Es soll versucht werden, die Aguda-Ortsgruppen aus West- und Ostjuden einheitlich züsammenzusetzen; das gleiche gilt auch für die Jugendgruppen. Nur an den Orten, an denen durch die Verschiedenheit der Aufgaben eine. Teilung der Gruppen nach Landsmannschaften erforderlich erscheint, sollen nebeneinander Ost- und Westgruppen eingerichtet und auch notfalls nach diesen Gesichtspunkten geschieden werden, wobei durch geeignete Persönlichkeiten, die beiden Gruppen angehören, dafür Sorge zu tragen ist, daß die Einheit der ganzen Gruppe gewahrt wird. Zu Antrag 1 bemerkt der Berichterstatter, daß eigentlich die Agudas Jisroel-Jugendorganisation und der Esra die berufenen Organe wären, die Organisierung der ostjüdischen Jugend Rheinland- Westfalens in die Hand zu nehmen. Nachdem jedoch die von dort anwesenden Vertreter erklärt hätten, daß die Essener Konferenz beides abgel e h n t habe, weil sie hiervon eine „Politisierung" der Jugend befürchte, müsse man, wie ungerechtfertigt diese Bedenken auch seien, hierauf Rücksicht nehmen. Uns kommt es nicht auf organisatorischen Machtzuwachs an, sondern auf die Rettung jugendlicher Seelen. Diese hoffen wir durch den von uns vorgeschlagenen Weg ermöglichen zu helfen. Nachdem Rabbiner Dr. F r a n k l - H a l b e rst a d t mit eindringlichen Worten auf die heilige Pflicht aller gesetzestreuen Rabbiner und Lehrer Deutschlands hingewiesen hatte, sich um den ostjüdischen Nachwuchs in Deutschland viel eifriger als bisher zu kümmern, wurden die Anträge der Organisationskommission einstimmig angenommen. Alsdann bringt Rabbiner Dr. Fr an kl-Halb er sin dt die Anträge der P ä d a g o g i s che n Kommission zur Verlesung. Sie lauten: Die Berliner Konferenz beschließt: 1. Sämtliche Talmud Thora-Schulen in Deutschland' zu bitten, ihr Lehrprogramm bis spätestens Rausch Chaudesch Adar der Keren Hathora-Zentrale einzusenden, damit in gemeinsamer Arbeit mit den Leitern der bestehenden Schulen ein Normalprogramm aufgestellt werden kann. Dieses Programm soll alsdann durch eine Haskomo der Gedaule Hathauro, als autoritative Richtlinie für die bestehenden und neu zu gründenden Talmud Thora-Schulen empfohlen werden. 2. Die Konferenz hält es für wünschenswert, daß nach dem Muster des Erziehungswesens im Osten auch für die Erziehung der . Tochter gesorgt werden soll. a) durch Gründung besonderer Bes Jakob- Schulen, b) durch Errichtung von Kursen evtl, durch Angliederung an die bestehenden T. T.'s. 3. Die Eltern der ostjüdischen Kinder sollen durch eine Reihe von Broschüren über die Wichtigkeit des Chinuch aufgeklärt werden. Für die Mitarbeit haben sich' maßgebende Herren des Ostens und Westens zur Verfügung gestellt. 4. Die Schaffung von Bezirksbibliotheken, die die Jugend mit geeigneter Literatur versorgt, ist dringend zu wünschen. 5. Für die Zöglinge der Talpmd Thoras find Feriengemeinschaften zu errichten, die zur körperlichen und geistigen Ertüchtigung der Jugend, beitragen sollen. Im Anschluß an diese Anträge, die vom Plenum einstimmig gutgeheißen werden, spricht Rabbiner Tarsis-Stettin über die verschiedenen Umstände, durch die die SelbstänAgkeit des Keren Hawrah-Lehrers in äußerer und innerer Hinsicht erschüttert werden könne. Ein Teil der von Rabbiner Tarsis angeführten Schwierigkeiten wird durch Rabbiner Dr. EsraMunk-Berlin erörtert. Redner weist auf Möglichkeiten hin, durch die diese Schwierigkeiten evtl, im Laufe der Zeit behoben werden können. Dr. D e u t s. ch l ä n d e r - W i e n befaßt sich ebenfalls mit den Tarsis'schen Ausführungen. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen sei es dem Keren Hatorah, weder seiner Zentrale noch den einzelnen Landesverwaltungen, möglich, den Etat der Talmud Thora-Schulen nur einigermaßen ZU sichern. Was aber an moralischer Unterstützung der Lehrer, die in Treue und Liebe ihres Amtes walten, geschehen kann, wird geschehen. Die deutschen Talmud Thoras müßten sich zu einem Verband innerhalb des deutschen Keren Hatorah Zusammenschließen, und die gesamte jüdische Oeffentlichkeit weit mehr als bisher auf ihre Wirksamkeit Hinweisen. Zur allgemeinen weltanschaulichen und pädagogischen Weiterausbildung der Talmud Thora- Lehrer empfiehlt Redner Ferienkurse, wie solche im letzten Jahre für die litauischen Lehrer der Jawne-Schulen mit ausgezeichnetem Erfolg in Palangen veranstaltet wurden. Im Anschluß an die Diskussion zu diesen Fragen wurden noch folgendeEntschließungen angenommen: 1. Die Konferenz hält Maßnahmen für nützlich, um eine allgemeine weltanschauliche und pädagogische Schulung der mit gründlichen Fachkenntnissen bereits ausgeftatteten Talmud Thora-Lehrsr durch regelmäßige Kurfs zu sichern. 2. Die Konferenz bittet die Keren Hatorah-Leitung, Maßnahmen zur Sicherung der inneren Unabhängigkeit der Talmud Thora-Schulen und ihrer Lehrer zu treffen. 3. Die Konferenz empfiehlt zur Erhaltung der ostjüdischen Talmud Thora-Schulen in Deutschland folgende Maßnahmen: 1. weitestgehende Inanspruchnahme von Mitteln jüdischer und anderer öffentlicher Stellen, z. B. Landesarbeitsamt, jüdische Gemeinden, Wohlsahrtsorganisationen 2. Gründung von Patronatkomitees in den ostjüdischen ausländischen Gemeinden. 3. Einrichtung von Stiftungsmöglichkeiten, z. V. Jahrzeitstiftungen, Uebernahme von Patenschaften für die einzelnen Kinder (Freistellen), Stiftung von Beiträgen, für die als Gegenleistung einzelne Schulzimmer oder die ganze Schule nach dem Namen des Stifters benannt werden. 4. Insbesondere wird empfohlen, die ostjüdischen Organisationen zur Zahlung von Subventionen heranzuziehen und durch Vermittlung diesep Organisationen einzelne begüterte Mitglieder derselben zu interessieren. 4. Die Konferenz empfiehlt den Zusammenschluß der deutschen Talmud Thoras unter Leitung des deutschen Keren Hatorah zu einem Verbände und erwartet die Förderung dieses Verbandes durch die Haffkine'fche Stiftung. Die Anträge der Wirtschaftskommission bringt H e i n r i ch F r e i r i ch, V e rl i n zur Verlesung. Die Kommission hat sich nicht darauf beschränkt, die wirtschaftlichen Fragen ausschließlich vom Standpunkt der ostjüdifchen Bevölkerung resp. der ostjüdischen Jugend zu prüfen, sie hat darüber hinaus auch zu den Wirtschaftsprablemen der allgemeinen jüdischen Bevölkerung Stellung genommen. Für die Sicherung des ostjüdischen Nachwuchses in wirtschaftlicher Hinsicht wurde durch Rabbiner Findling die Schaffung von Lehrwerkstätten im Industriegebiet dringend befürwortet: der Ort sei verpflichtet, sich für die Verwirklichung dieses Planes zur Verfügung zu stellen. Seine fernere Anregung, eine Gewerkschaft sabbathaltender Angestellter zu gründen, wird abgelehnt, da die Zeitverhältnisse hierfür ungeeignet seien. Willy G u g g e n h e i m - B e r l l n empfiehlt engste Fühlungnahme in allen Wirtschafts-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.