Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 4 (21.1.1932)
- Date
- 1932-01-21
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 1 Der Israelit Blätter 21. Januar 1932 Dr. Deutfchlän'der gab einen kurzen, eindrucksvollen Bericht über die gegenwärtige Lage des gesetzestreuen Chinuch, der manches Trübe, aber auch viel Erfreuliches enthielt. Beih Jakob und Keren Hatorah tun ihre Pflicht, trotz der Ungunst der Zeit, trotz der Geringfügigkeit der zur Verfügung stehenden Mittel. Es sei Ehrenpflicht, bei jeder Tagung, die gesetzestreue Menschen veranstalten, auf die Haffkine-Stiftung hinzuweisen. Ein Wohltäter der Gesamtmenschheit hat sich durch dieses sein Testament zum besonderen Wohltäter des gesetzestreuen Judentums gemacht. Die Keren Hatorah-Zentrale hat mit dem Phönix einen Vertrag abgeschlossen über Keren Hathora - Legatversicherungen. Gelingt es, diese Legatversicherung auszubauen, dann wird es mit g'ttlicher Hilfe möglich sein, nach 20 Jahren aus den Zinsen dieser Legatversicherung, gemeinsam mit den Zinsen der Haffkin- Stiftung den Minimalbedarf der Jeschiwoth zu decken. In dankbarer Anerkennung der Leistung Oberrabb'iner Dr. Spitzers für den deutschen Keren Hatorah durch Errichtung der deutschen Talmud Thoras des K. H., für den allweltlichen durch die seinerzeit durch ihn mit äußerster Tatkraft im Wege persönlicher Reisen und Gewinnung der in Betracht kommenden Mäcene durchgeführte Jeschiwoth- Entschuldungsaktion habe die Keren Hatorah- Zentrale beschlossen, die ersten 50 Legatsversicherungen im Betrage von Mk. 50.000 zu einer Oberrabbiner Dr. Samuel Spitz e r - Jubiläums st iftung zusammenzufassen. Nachdem Oberrabbiner Dr. Spitzer für die ihm erwiesenen Ehrungen, die nicht seiner Person, sondern den durch ihn vertretenen Organisationen gälten, gedankt hatte, begrüßten Rabbiner Dr. Auerbach-Halb erstadt für den Reichsbund gesetzestreuer Synagogengemeinden Deutschlands, für den Preußischen Landesverband gesetzestreuer Synagogengemeinden und für die Freie Vereinigung, Rabbiner Dr. Jakobovits-Berlin für den traditionell-gesetzestreuen Rabbinerverband, James H a l b e r st a d t - B e r l i n für die Synagogengemeinde Ädaß Jisroel, Berlin. Alsdann erstattete Rabbiner Moses Findling, Elberfeld sein Referat über: „Die Essener Konferenz". Das Referat, das programmäßig nur die Beschlüsse der Essener Konferenz, welche 8 Tage vorher stattgefunden hatte, und über die ein ausführlicher Bericht in den „Blättern" noch folgen wird, wiedergeben und begründen sollte, wurde zu einer tiefschürfenden Untersuchung über die geistige und wirtschaftliche Lage der ostjüdischen Jugend Deutschlands erweitert. Die wörtliche Wiedergabe des Referates späterer Veröffentlichung vorbehaltend, seien hier nur seine hauptsächlichen Gedankengänge wieidergegeben. Was hat die ostjüdische Jugend veranlaßt, ihre eigenen thorafremden Wege zu gehen? Der Gegensatz der in der Schule gelehrten Kultur zur Tauroh; die Verständnislosigkeit vieler Eltern für die Probleme, mit denen die Jugend ringt; dadurch sucht sie im Freundeskreis nach Lösung und hierbei wird die Jugend von den unjüdisch eingestellten Bünden erfaßt. Die Hinneigung zum Kommunismus, die dreierlei Ursachen hat: Die Aussichtslosigkeit, in einem kapitalistischen Staat eine materielle Zukunft zu haben; der soziale Gegensatz im jüdischen Volk, der in der Verachtung handwerklicher Berufe u. a. zum prägnanten Ausdruck kommt; die mangelhafte Berufsausbildung. Auf Grund dieser Feststellungen werden folgende Maßnahmen empfohlen: Im Talmud Thora-Unterricht muß in weit höherem Maße als bisher auf weltanschauliche Dinge eingegangen, der Ausgleich zwischen Tauroh und weltlicher Kultur hergestellt werden. Dies setzt voraus, daß der Unterricht auf einem recht verstandenen Tauroh im Derech Erez-Prinzip aufgebaut wird. Die stark gefühlsmäßige Einstellung der Ostjuden läßt eine starke Beeinflussung durch S. R. Hirfch's Gedankengänge besonders aussichtsreich erscheinen. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen kann an den Talmud Thoras ein Lehrer nur dann mit Erfolg wirken, wenn er eine gewisse Allgemeinbildung besitzt, und auch im jüdisch-apologetischen Schrifttum bewandert ist. Das ostjüdische Mädchen leidet die gleiche Not wie der ostjüdische Junge; Fürsorge im Sinne der Veth Jakob-Prinzipien ist hier daher dringend geboten. Zur Fernhaltung der Jugend von den gefährdenden Bünden ist ihre Erziehung auch außerhalb der Talmud Thoras in Jugendvereinen dringend geboten. Die in der Organifations- und Erziehungsarbeit bereits bewährte orthodoxe Westjugend muß sich in den Dienst dieser Arbeit liebevoll stellen. 'Für die schulentwachsene Jugend wird die Erfassung durch berufliche Organisationen, die Gründung einer jüdischen Gewerkschaftsbewegung, nach dem Vorbild des christlichen Gewerkschaftsbundes zur Erwägung gestellt. Zur Abwendung der sozialen Gefahren empfiehlt der Referent, an die berufenen Führer der deutschen Orthodoxie heranzutreten, daß sie unermüdlich auf den Ausgleich der sozialen Gegensätze hinarbeiten und den Handwerkerberuf propagieren. Auch die Berufsberatungen sollen vor allen Dingen handwerkliche Berufe empfehlen, die eine schnellere Selbständigmachung und leichtere Möglichkeit zur Schemiras Schabbos geben. Schließlich soll Fühlung mit Ort und Zentralwohlfahrtsstelle zur Schaffung von Lehrwerkstätten, die den gesetzestreuen Anforderungen entsprechen, angestrebt werden. Zur Einwirkung auf die Eltern, zur Festigung des religiösen Lebens der. ostjüdischen Elemente überhaupt, hat die Essener Konferenz, die sich die Darlegungen des Referenten zu eigen machte und dessen Vorschläge akzeptierte, die Gründung einer A g u d a s H o r a b b o n i m, die alle Rabbiner Rheinlands/Westfalens, die auf orthodoxem Boden stehen, umfassen soll, sowie eine Agudas Charedim — von dem Referenten als „Ostjüdischer Rheinlandverein" bezeichnet, — beschlossen, und als weitere taugliche Mittel die Zusammenfassung der Talmud Thora-Schulen, in Bezirke gegliedert, Elternversammlungen und aufklärende Vorträge durch vertrauenswürdige. Redner, Rabbiner oder Lehrer, erkannt. Sam u e l Oste r f etzer-Duisb u r'g , der Leiter der Talmud Thora des deutschen Keren Hatorah in Duisburg, referiert nunmehr über Lehrplan und Aufbau der Talmud Thora-Schulen. Der Referent, dessen besondere Sachkunde die von ihm vorbildlich geleitete Duisburger Schule bezeugt, kennzeichnet einleitend den Unterschied zwischen oft- und westjüdischer Lehrmethode^ Im Osten, wo das Milieu und andere äußere Faktoren miterziehen, kann das Hauptgewicht auf die Beibringung des Wissensstoffes gelegt werden. Je mehr Wissen der Melamed vermittelt, als desto tüchtiger gilt er. Im Westen aber muß der Lehrer ostjüdischer Kinder vor allem auch ihr religiöser Erzieher und Betreuer sein. Das Erziehungsziel in einer Talmud Thora, deren Lehrer ihre Aufgabe verstehen, kann im Westen nur fein: das Kind zu Gesetzestreue und Frömmigkeit zu erziehen. Gründliche Durchdringung des Stoffes sei wichtiger als Beibringung großer Wissensmengen. Es darf festgestellt werden, daß ich 'großen Ganzen in den Talmud Thora-Schulen des deutschen Keren Hatorah das angestrebte Ziel erreicht worden ist: das zeigt die große Zahl derer, die von den Talmud Thoras des K. H. auf Jeschiwoth gegangen sind, einige auf die Hoffmann'sche Jeschiwah Frankfurt a. M., die meisten auf die- Breuer'sche Jeschiwah dort. Das belegt der Referent mit.Beispielen rührender Opferfähigkeit, die die Zöglinge der T. T.'s erwiesen, als es sich darum handelte, sie in Geschäften unterzubringen, wo man ihnen den freien Schabbos nicht gewähren wollte. Ueberhaupt fei festzustellen, daß der Kern des ostjüdifchen Kindes gut ist. Der Besuch der Schulen ist pünktlich und regelmäßig. Es herrscht durchweg eine gute Disziplin, obgleich dem Lehrer all die Erziehungsmittel, über die die Schule verfügt, naturgemäß fehlen. Cs ist auch auf die große Belastung der Kinder hinzuweisen, die vormittags die Volks- oder die höhere Schule besuchen^ und nachmittags Spiel- und Turnstunden haben, und überdies oft den liberalen Religionsunterricht besuchen müssen. Zu letzterwähntem Punkt macht der Referent ausführliche Mitteilungen vertraulicher Art. Soll der Unterricht in den T. T.'s wirklich dauernden Erfolg haben, dann muß mit der Erziehung der Kinder eine gründliche, systematische Aufklärung der Eltern Hand in Hand gehen, damit das Elternhaus das Kind in der Richtung der von der T. T. angestrebten Ziele mitbeeinfluffe. Soll die ostjüdische Jugend Deutschlands den Gefahren der Umwelt, die in Westdeutschland religiös-liberal eingestellt ist, nicht erliegen, dann muß auch für die schulentwachsene Jugend in entsprechender Weise gesorgt und auch der Mädchenerziehung besondere Aufmerksamkeit zugewendet werden. Die Notwendigkeit orthodoxer Jugendvereine ist den Eltern durch Vorträge klarzumachem ebenso sollte ihre Aufklärung, wenn es wirtschaftlich möglich ist, in einer orthodoxen jiddischen Zeitung, sonst durch Broschüren erfolgen. Der Referent verspricht sich ebenfalls von einem Zusammenschluß der Talmud Thoras und ihrer Lehrer, von gelegentlichen Lehrerzusammenkünften vieles für die Besserung der Verhältnisse und weist am Schluß noch darauf hin, daß seine Kritik hinsichtlich des mangelnden Verständnisses der Elternschaft nicht zu dem Schluß verleiten soll, daß die ostjüdischen Eltern d em Dingen gleichgültig gegenüberstünden. Die ungeheuren materiellen Opfer, die die Eltern, auch die ärmsten,' für den Unterricht ihres Kindes in der Talmud' Thora bringen, beweist das Gegenteil. Ueber „Die O st j u d e n im deutschjüdi scheu Gemeinde- und Wirtschaftsleben" referiert nunmehr B e r t f) o l ö Strauß, Fr an kfurt a. M. Der Referent, dessen Referat' im Wortlaut ebenfalls demnächst in den Blättern/erscheint, führte etwa Folgendes aus: , Die in den deutschen Gemeinden lebenden ungarischen, russischen und litauischen Juden haben sich den Westjuden stark angeschlossen und bilden selten eigene Gemeinschaften. Nur die polnischen und galizischen Juden haben ihre Eigenart gewahrt. Die alte Generation ist noch unbedingt thoratreu, bei der Jugend ist leider eine andere Einstellung vorherrschend. Man kann fünf Gruppen unterscheiden: Orthodox-agudistische, zionistische und misrachistische, kommunistische Jugend, Sportjugend nud Indifferente. Durch die verschiedene weltanschauliche Einstellung wird das Verhältnis zu der Gemeinde und zum Beruf bestimmt. Eine typische Erscheinung ist ein gewisser Dilettantismus auf beruflichem Gebiete, .oftmaliger Berufswechsel. Verhältnismäßig leiden die Ostjuden, da sie nach Deutschland kamen ohne dort' Wirtschaftsbedürfnis zu fein und da sie der Vorbildung ermangelten, naturgemäß sicher am stärksten unter der Wirtschaftskrise. Redner gibt interessante statistische Ziffern aus Silbergleits großem Werke über die Vevölkerungs- und Berufsoerhaltnisse der Juden in Deutschland. Aus diesen Ziffern ist u. a. auch ersichtlich, daß gegenüber der Abnahme der Zahl der deutschen Juden durch den stetigen Geburtenrückgang bei den Ostjuden während der ersten und zweiten Generation diese Entartungserfcheinung noch wenig sichtbar ist, so daß zweifellos das Verhältnis von Ostjüden und Westjuden sich in den nächsten Jahren sehr stark zu Gunsten der ersteren verschieben wird. Das ist insbesondere für die deutsche Orthodoxie von ungeheurer Wichtigkeit. Daß die einwandernden Ostjuden nicht restlos Anschluß an die orthodoxen Gemeinschaften, an agudistische Kreise gesunden haben, bedeutet für uns eine ungeheure Schuld. Wir gingen >