Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1932-01-21 · Heft 4 (21.1.1932) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 4 (21.1.1932)
Date
1932-01-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450704-2450708--78512-2536205
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 10 Nr. 4 Der Israelit 21. Januar 1932 denheit spielte, sehr spärlich fließen. Und war Goethe nächst Schiller der volkstümlichste Dichter im Ghetto. Schiller und Goethe im Ghetto standen zueinander in einem ganz anderen Verhältnis als in Deutschland. Dort hat Goethe, der ältere und bedeutendere Dichter, seinein jüngern Freund und Parnaßgenossen den ersten Rang nicht streitig machen können; Goethe mar dort an die zweite Stelle gerückt. Auch im Ghetto waren Schiller und Goethe, um ein schönes Wort Berthold Auerbachs zu gebrauchen, ein „Diphtong der deutschen Literatur"; man nannte sie dort fast immer zusammen, oft sogar unter Ausschaltung des Bindewortes, ganz einfach: Schiller-Goethe. Wenn man im Ghetto von einem ungebildeten Scheinaufgeklärten scherzhaft zu sagen pflegte: „Das ist einer, der Schillers Glocke von Goethe liest", so beweist auch dies, wie eng verbunden und unzertrennlich die beiden Dioskuren durch die Judengasse schritten. Doch brachten die gebildeten Juden im Osten den beiden Dichterhelden wohl die gleiche Ehrerbietung, nicht aber auch die gleiche Liebe entgegen. Goethe war ihnen bloß der große Dichter, Schiller dagegen war ihr Freund, ihr Tröster. Indes, genau wie zu Schiller standen sie auch zu Goethe in einem ganz unmittelbaren Verhältnis. Für sie gab es wirklich nur Goethe und Goethe: sie hielten sich ausschließlich an Goethes Werk, sie lasen es in Reinheit, von jeglichem kommentatorifchen Beiwerk unbelastet. Sie streuten nicht spitzige Steinchen auf den blumigen Pfad der Goetheschen Poesie und machten sich nicht den schönen Baumgang zu einem beschwerlichen Weg. Sie lasen nur wenig über Goethe, doch das meiste, zum mindesten das schönste von ihm. Das aber lasen sie mit Verständnis, mit dem Willen zum Verstehen, und wo das Dichtungswerk ihnen Schwierigkeiten bereitete, da machten sie sich ihren eigenen Kommentar dazu. Satz um Satz und Zeile für Zeile nahmen sie das Dichterwort mit der Deutung des Wortkenners in sich auf. Es gab im Ghetto große Goetheverehrer und wirkliche Goethekenner, das heißt Kenner der Goetheschen Werke; aber hätte man ein'.em von ihnen gesagt: das oder jenes im Tasfo oder in der Iphigenie, dieses oder jenes Goethesche Gedicht kannst du nur dann richtig verstehen, wenn du weißt, daß Frau von Stein dem Olympier Freundin, Schwester und Frau gewesen — unser Ghetto-Goethe-Kenner würde gar große Augen gemacht haben. Was gingen ihn des Dichters „Privatangelegenheiten" an? Er hatte es nur mit der Dichtung zu tun. Freilich wußten auch die Goethekenner im Ghetto, daß große Dichtung aus großem Erlebnis quillt; sie ist aber einmal hervorgelluollen, so lebt sie dann nach ihrem eigenen Gesetz, eigenständig und unabhängig von dem, was sie ins Dasein rief. Diese Einstellung zu Goethe und seinem Werk bewirkte es, daß sie sich vom Hauptstrom Goethe tragen ließen und die Nebenflüsse nicht beachteten. Man könnte es auch so ausdrücken: sie 'interessierten sich nur für den Haupthelden, die Nebenfiguren interessierten sie nicht. Man hätte doch annehmen sollen, daß ein Mann wie Jsaschar Bär Falkensohn, der Verfasser der „Gedichte von einem polnischen Juden", durch das Goethewort, das über ihn gesprochen ward, im Ghetto bekannt geworden wäre. Keine Spur! In dem gesamten neuhebräischen Schrifttum und auch in der jiddischen Literatur wird dieses Falkensohns mit keiner Silbe gedacht. Was für ein interessantes Thema hätte nicht „Goethe und der Stegreifdichter Wolff" für einen Goetheforscher im Ghetto abgegeben! Schon daß Goethe einem Juden, und sei es auch nur einem getauften, zu einer Professur verhals. Ist ja nicht ganz ohne Belang. Ferner: war nicht am Ende Wolffs Jmprovifationstalent jüdisches Erbe? Bei Juden, ist die Fähigkeit zum Stegreifdichten nicht gerade selten. Das Ghetto hat eine ganze Gattung von Improvisatoren hervorgebracht: die sogenannten Badchanim. Das Wort wird fälschlich mit „Hochzeitsspaßmacher" übersetzt. Die Badchanim haben nicht , nur Spässe gemacht, sie haben auch, wenn die Gelegenheit es tunlich erscheinen ließ, ernste Betrachtungen über Welt und Leben in wohlgeformte Reime gebracht. Die Weimarer Gesellschaft staunte über das Wunder, daß ein Mann Verse und Reime aus dem Aermel schüttelt. Dieses Wunder hätte die Weimarer Gesellschaft aus jeder jüdischen Hochzeit erleben können. O. L. B. Wolfs war nichts anderes als der erste deutsche' Badchan, der das Glück hatte, vor Goethe zu improvisieren. Es war im Ghetto die Möglichkeit gegeben, eine eigene Art von Goetheforschung zu betreiben. Die haskalischen Goethekenner taten dergleichen nicht. Es wäre doch für die Schriftsteller im Ghetto sehr naheliegend gewesen, das in das Fastnachtspiel „Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern" eingebaute Ahasverus-Spiel in ihrem Sinne umzudichten. Sie taten es nicht; sie schrieben lieber eine Umdichtung des „Faust". Sie suchten in Goethe nichts Jüdisches, sie suchten einzig und allein das poetisch Schöne und gedanklich Tiefe in seinen Werken. Es ist so recht bezeichnend, daß sie Goethes Stellung zu den Juden und seine Anschauungen über das Judentum wenig interessierte. Man wird in der neuhebräischen Literatur keine einzige Schrift oder auch nur einen umfangreichern Aufsatz über „Goethe und die Juden" finden; viel eher schon eine Abhandlung über Faust und Hiob. Die Frage, wer größer sei, Schiller oder Goethe, beschäftigte die Gebildeten im Ghetto mehr als die Frage, ob Goethe die Juden geliebt habe oder nicht. Was lasen sie von Goethe im Ghetto? Das Schönste, und fast alles im Original,'die Ueberfetzungen kamen erst hinterher. Am meisten gelesen wurde „Werthers Leiden". Es gab kein gebildetes Mädchen im Ghetto, das nicht dem unglücklichen Werther einige Tränen geschenkt hätte. Bon Goethes Frauengestalten gefiel ihnen am besten das blonde Gretchen. Goethes Gretchen — das hatte schon wegen der Alliteration einen guten Klang. Gretchen war der Inbegriff aller weiblichen Schönheit und Anmut. Viel gelesen wurde auch „Tasso", „Iphigenie", „Faust" (der Tragödie erster Teil) „Die Wahlverwandtschaften", „Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre"; am wenigsten bekannt war der „Götz". Von den Gedichten Goethes waren am meisten bekannt und wurden häufig deklamiert: das Mignonlied, Erlkönig, und das Nachtwandererlied — das kürzeste und reizendste von allen. An den „Erlkönig" knüpft sich im Ghetto manche hübsche Anekdote; auch wurde das Gedicht hebräisch und jüdisch öfter parodiert. Mit Schillers Balladen, die jeder gebildete junge Mensch im Ghetto auswendig konnte, vermochten die Balladen Goethes nicht in Wettbewerb zu treten. Doch eine Ehrung ward Goethe im Ghetto zuteil, wie sie selbst Schiller versagt geblieben ist. Goethes Tod wurde nämlich in einem galizifchen Städtchen von der ganzen Gemeinde betrauert. An diesem Tage wurde Goethe sogar das Epitheton „Rabbi" beigelegt. Die Sache trug sich folgendermaßen zu: Es war in der Synagoge zu Zolkiew, an einem Sabbatmorgen des Jahres 1832. Der Oberrabbiner von Zolkiew, Hirsch Chajes, eine talmudifche Autorität, dabei ein kenntnisreicher Mann und Goetheverehrer, hatte gerade durch die Zeitung von Goethes Tod erfahren. Die Nachricht erschütterte ihn dermaßen, daß beim Morgeng'ttesdienst in der Synagoge den Gemeindemitgliedern die gedrückte Stimmung ihres geistlichen Oberhauptes auffiel. Sie fragten ihn nach der Ursache seines Kummers, worauf er seufzend antwortete, Goethe sei gestorben. Die Gemeinde 'wußte von Goethe nichts, vermutete jedoch, daß es sich um einen bedeutenden Rabbi handeln müsse, dessen Tod ihrem geistlichen Oberhaupt so nahe gehe. Rasch verbreitete sich die Kunde in der Synagoge: „Rabbi Goethe ist gestorben". Jeder sprach mit Andacht den beim Vernehmen einer Trauernachricht vorgeschriebenen Segensspruch, und die ganze Gemeinde betrauerte den Heimgang des „Rabbi Goethe". von der jüdischen Presse in Newyork. Im Mai-Heft des Gemeindeblattes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin berichtet G. Hirschfeld, Newyork, über die jüdische Presse in Newyork. Es gibt in Newyork etwa zwei Millionen Juden, die über die Riesenstadt mit ihren 10 Millionen Einwohnern ungleichmäßig verteilt sind. Heute erscheinen vier Tageszeitungen in jiddisch: „Der Vorwärts": Abendausgabe 140.000, Sonntagsausgabe 160.000, Durchschnitt 143.000. „Yiddisches Morgen- Journal": Morgenausgabe 95.000, Sonntagsausgabe 80.000, Durchschnitt 85.000, Durchschnitt 82.000. „Tog" (Tag): Abendausgabe 80.000, .Sontagsausgabe 85.000, Durchschnitt 82.000. „Freiheit": Abendausgabe etwa 3.000. Diese 345.000 Leser repräsentieren etwa 18 Proz. der gesamten jüdischen Bevölkerung in Newyork City; im Durchschnitt kommt auf eine fünfköpfige Familie je eine jiddische Tageszeitung. Der Verfasser gibt eine Charakteristik jeder der genannten jiddischen Tageszeitungen und fährt dann fort: „Da hier von dem Einfluß der englischen Sprache im jüdischen Nachrichtenwesen die Rede ist, mag auf ein Unternehmen hingewiesen werden, das offenbar einen einzigartigen Platz in diesem Rahmen einnimmt. Dies ist die Jüdische Telegraphen-Agentur (Jewifh Telegraphie Agency) in Newyork City, die unter ihrem Leiter Jacob Landau heute wohl eine internationale Nachrichten-Zentrale für jüdische Vorgänge aus der ganzen Welt darstellt. Von dieser Telegraphen-Agentur wird täglich ein in englischer Sprache gedrucktes Bulletin (Jewifh Daily Bulletin) herausgegeben. Dieses Blatt ist einzigartig in der Beziehung, daß es nicht nur das einzige in englischer Sprache erscheinende Tageblatt ist, sondern daß es sich auch vollkommen von Agitation, Propaganda, Kommentar fernhält und sich einzig und allein mit jüdischen Nachrichten und Neuigkeiten, Vorgängen und Geschehnissen in aller Welt befaßt. Dementsprechend geschieht die Verteilung dieses Bulletins nicht auf die von der Tagespresse bevorzugte Weise, nämlich durch die Zeitungsstände usw., sondern durch die Post über das ganze Land. In diesem Unternehmen kristallisiert sich also ein jüdisches Nachrichtenblatt, das einerseits auf der englischen Sprache basiert und andererseits sich auf reine Neuigkeiten beschränkt." (Insgesamt existieren in den Vereinigten Staaten von Nordamerika 190 jüdische Zeitungen und Zeitschriften. Davon erscheinen 5 in hebräischer, 72 in jiddischer, 12 in jiddischer und englischer, 98 in englischer, 1 in deutscher und 1 in spaniolischer Sprache.) (Die Arbeit des Deutschen Archäologischen Instituts in Palästina.) Dr. Weiter, der Referent für Ausgrabungswesen beim Deutschen Archäologischen Institut, der zurzeit die Ausgrabung des alten Sichem leitet, hat von der palästinensischen Regierung die Erlaubnis erhalten, das in der Ebene am Meer gelegene Cäsarea auszugraben. Dem Jerusalemer Korrespondenten des „Berliner Tageblatt", Dr. Adolf Reiffenberg, erklärte Dr. Wetter, daß in der Ebene, an den einstigen Brennpunkten der römischen Kultur, in Wahrheit die Zukunft der archäologischen Erforschung Palästinas liegt. Cäsarea wurde von Herodes dem Großen an der Stelle des alten Strathonturmes zu Ehren des. Cäsar Augustus erbaut und i. I. 12 v. Ehr. eingeweiht. Hier war der Sitz der römischen Landpfleger Judäas, hier wohnte der Evangelist Philippus und der aus der Apostelgeschichte bekannte Hauptmann Cornelius. Hier war das Gefängnis des Paulus, und hier verantwortete er sich vor dem jüdischen König Agrrppa und seiner Gemahlin Berenice. Lange Zeit hindurch war Cäsarea der Haupthafen des Landes, reich geschmückt durch Markthallen und Paläste. Reibungen zwischen den in Cäsarea lebenden Juden und der überwiegend hellenistisch-heidnischen Bevölkerung verursachten den Ausbruch des von Josephus geschilderlen jüdischen Aufstandes, der schließlich zur Zerstörung Jerusalems und des Tempels führte. Cäsarea war der Mittelpunkt des Zusammentreffens der autochtonen jüdischen Kultur mit Rom. Ausgrabungen an dieser Stätte, meint Dr. Weiter, können vielleicht die überraschendsten Ergebnisse für die geschichtliche Forschung bringen. Rinderecke. Die Chamischoh-Ossor-Feier im Walde. Tiefe Nacht lag über dem Walde. In der Ferne rauschte geheimnisvoll das Meer. Da ging ein leises Raunen durch die Lüfte, wurde stärker, und bald vernahm man zartes Vogelgezwitscher. Heute brach ein wichtiger Tag an: Chamischoh ossor, das Neujahr der Bäume. Die Vögel hatten schon lange vorher einige Lieder eingeübt, womit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.