Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 4 (21.1.1932)
- Date
- 1932-01-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450704-2450708--78513-2536206- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
21. Januar 1932 Der I s r a e 1 i t Nr. 4 Seite 11 sie die Bäume zu ihrem Geburtstag überraschen wollten. Gestern war große Generalprobe gewesen, und es hatte gar nicht geklappt. Darum sollte heute ganz früh, wenn die Bäume noch schliefen, ein letztes Mal geübt werden. Der frische Meereswind hatte die kleinen Sänger geweckt. Nun waren sie alle auf einem hohen Berg versammelt, damit die Bäume nichts hören sollten. Ganz vorn stand ein kleiner Zaunkönig als Kapellmeister. Alle Vogelaugen waren aufmerksam auf ihn gerichtet.' Er gab mit seinem Schnabel das Zeichen zum Anfang, und nun fetzte lieblicher Gesang ein. Heute ging es sehr gut; sie gaben sich auch allergrößte Mühe! Gewiß werden sich die Bäume damit sehr freuen! Indessen glitten die ersten Morgenschatten über den Berg, und als die Gesangsprobe beendet war, flogen die Vögel leise in den Wald, setzten sich auf die obersten Baumspitzen, und nun ertönte erst ganz zart, dann immer lauter das herrlichste Vogelkonzert. Die Bäume erwachten, blickten erstaunt um sich, richteten sich aus und lächelten. So schön uKd zart waren sie noch nie geweckt worden! Nun hörte der Chorgesang auf, und ein paar Nachtigallen, die besten Sängerinnen, sangen ein Lied allein. So etwas Schönes hatte man noch nie gehört! Bald jauchzten sie in den höchsten Tönen, bald klagten sie mit weicher, zarter Stimme. Alle Tiere des Waldes, die sich sonst am Tage versteckt hielten, kamen herbei und> lauschten. Indessen war die Sonne goldenrot aufgegangen und sandte ihre Strahlen in den Wald. Als der Gesang' zu Ende war, gratulierten die Tiere und die Vögel den Bäumen zum Geburtstag. Sie wünschten ihnen, daß sie recht lange leben und viele neue Blätter bekommen mögen. Die Sonnenstrahlen küßten die^ Bäume, daß ihnen ganz warm ums Herz wurde, und weil ihnen so feierlich zumute war, mußten sie vor Rührung weinen. Die Tränen fielen in den Boden und drangen von da aus als neue Säfte in Wurzel und Stamm. Das war das Erwachen zum Frühling. Ob wohl all' die guten Wünsche, die.ihnen eben dargebracht wurden, in Erfüllung gehen würden? Als sie fragend nach oben blickten, nickte ihnen der klarblaue Frühlingshimmel lächelnd zu. Da fußten sie, daß ein frohes neues Jahr vor ihnen lag. Alice Lipski, Berlin. Schabbos Schiroh.') Kommt ans Fenster, ihr Vöglein, Hab Euch Gerste gestreut Ihr sollt mit uns singen — Schabbos Schiroh ist heut! Selbst die Sonne singt heute, Seht, wie hell sie schon scheint, Der Frühling kommt wieder, Wenn die „Schiroh" man leint. Heute singt jedes Wesen, Jeder Baum, jeder Strauch Pickt schnell eure Körner Und singet ihr auch! S. M. im rwm Es war in Jerusalem, am Vorabend des 15. Schwat. Awinoam und Schoschanna standen am Fenster und blickten aufgeregt hinaus. Eigentlich hätten sie schon längst schlafen sollen, aber sie mußten doch schnell noch mal Nachsehen,' ob es auch wirklich nicht regnete. Es waren so ein paar verdächtige Geräusche zu hören gewesen, ganz wie von Regentropfen auf dem Dache. Nein, sie hatten sich getäuscht, es war trocken und klar — es würde sicher morgen schönes Wetter, es mußte schönes Wetter werden. Morgen war doch Chamischa-afar bischwat-. Ein herrlich Heller Tag brach an. Begeistert jubelten die Kinder beim Aufstehen und so geeilt hatten sie sich schon lange nicht mehr mit dem Anziehen. Besonders Schoschanna war ganz zappelig vor Aufregung, sie war erst nach dem letzten r-öZv in die Schule gekommen und war noch nie bei dem großen Festzug der Schüler und Schülerinnen dabei gewesen. Sie Halle wohl immer darum gebettelt in früheren Jahren, denn manch kleinere Kinder gingen mit ihren Müttern hinter dem Zuge *) Im Osten pflegen die Kinder am Schabbos Schiroh Gerstenkörner und Erbsen für die Vögel vors Fenster zu streuen. her, aber Schoschannas Mutter hatte es nie erlaubt. Um so gespannter war sie nun heute. Wie wird wohl alles werden? Ob sie auch das Lied noch können wird, das sie mit Rachel und Chawa zusammen singen soll? Hoffentlich wirds klappen! Immer aufgeregter wird Schoschanna. Warum eilt sich aber auch Awinoam nicht etaws mehr mit Beten und Frühstücken? Sie muß heute auf ihn warten, weil in seiner Schule sich alle Klassen Jerusalems versammeln, auch Schoschannas Klasse trifft dort zusammen. Sie kann sich noch gar nicht vorstellen, wie das gehen soll, wenn alle Schulen der großen Stadt sich in einem Schulhaus treffen werden. Endlich ist auch Awinoam fertig. Nun steckt er noch ein paar grüne Zweige an seine Mütze und Schoschanna setzt das Blumenkränglein auf, das sie sich tags zuvor gewunden hat und sie marschieren zusammen los. Von allen Seiten strömen schon die Schüler herbei, fast alle mit frischem Grün und Blumen an ihren Mützen. Das ist ein Gedränge und ein Lärm, bis jedes Kind seinen Platz gefunden hat. Von Schoschannas Klasse sind die meisten schon versammelt. Wie schade, daß Bathschewa, ihre beste Freundin, ausgerechnet krank ist und den schönen Tag versäumen muß. Aber Schoschanna will heute abend noch zu ihr gehen und ihr alles ganz genau berichten. Endlich wird es Zeit zum Aufbruch. Vorsichtig holt Jochebed die wunderschöne Fahne aus dem Schrank, die alle Mädels zusammen so fein gestickt hatten, ivüV’«1? war mit bunten Farben darauf gestickt. Ob wohl die anderen Klassen auch so schöne Fahnen hatten? Tamar, die größte der' Klasse, sollte die Fahne tragen. Jetzt beginnt auch schon die Aufstellung der Scbulen. Allen voran marschiert die Schülerkapelle mit ihren Instrumenten und dicht dahinter kommen die Kleinsten, die untersten Klassen. Schoschannas Klasse ist eine der allervordersten im Zuge, stolz marschieren die kleinen Mädchen mit ihren Kränzen und den Blütenzweigen, die viele in den Händen tragen. Sie finden kaum Zeit, sich umzusehen, welche Riesenmenge von Jungens und Mädchen hinter ihnen kommt — selbst die jungen Studenten gehen mit im Zuge — nur einen ganzen Wald von Fahnen und Schildern sehen sie. Alle Klassen haben sich ihre Fahnen und Schilder selbst angefertigt, gemalt, geklebt, gestickt, ganze Verse aus dem T'nach waren drauf zu lesen. Wunderbar sah das aus und Schoschanna war schon ganz glücklich, daß sie nun auch mal dabei sein durfte. Aber es kam noch viel schöner. Unter den Klängen der Musik zogen die Kinder hinaus aus der Stadt, zu einem der neuen Vorstadtviertel. Dort wurde Halt gemacht und einer jeden Klasse ein bestimmter Platz zugewiesen. „Und was tun wir jetzt?" fragte aufgeregt Schoschanna. „Das wirst du gleich sehen," erwiderte die Lehrerin und winkte einige der kräftigen Pfadfinderjungen — der n’sis. die den Zug mit den Gartengeräten in der Hand begleiteten — zu sich heran. Schnell gruben die mit ihren Pflanzhölzern eine Reihe von Löchern in die Erde. „Und nun komm mal her, Schoschanna," rief die Lehrerin. Voll Erwartung trat Schoschanna herzu. Da gab ihr die rnin einen zarten Baumschößling in die Hand und sagte: „So, Schoschanna, jetzt darfst du dieses junge Bäumchen in die Erde pflanzen zu Ehren von Chamischaasar bischwat. Wir wünschen ihm, daß es wachsen und gedeihen möge zum Segen für unser Land und für unser Volk und wünschen ihm alles Gute zu seinem neuen Jahre." Mit vorsichtiger Hand pflanzte Schoschanna das kleine Bäumchen ein, gleich stand es gerade, und stolz trat Schoschanna zurück. Das war doch das Schönste, was sie bis jetzt erlebt hatte. Alle ihre Mitschülerinnen durften natürlich auch ihr Bäumchen einpflanzen und ringsum, so weit sie schauen konnte, standen überall kleine und große Kinder mit Bäumchen und gruben sie ein. „Wie eine kleine Baumschule sieht es aus," dachte Schoschanna, „und ich durfte auch dabei mithelfen. Und das ist doch eine richtige n;?n hat die Lehrerin gesagt, wenn man Bäume in Erez Israel einpflanzt, das steht auch in der Thora! Das muß ich unbedingt Bathschewa erzählen!" Inzwischen war das Einpflanzen beendet und alle Kinder marschierten auf einen großen freien Platz neben dran, auf dem sie sich austoben konnten, ohne daß die jungen Bäumchen Schaden litten. Nun wurde gespielt und gesungen und fröhlich tummelten sich alle. Endlich kam nun auch die Zeit für all die Aufführungen, die sich jede einzelne Klasse ausgedacht hatte. Schon wochenlang vorher war in allen Klaffen geübt und geprobt worden und nun konnten sie also ihre Künste zeigen. Die einen führten ein Theaterstück auf, die andern hatten einen Chor einstudiert, wieder andere zeigten, wie fein sie turnen konnten und das meiste klappte ausgezeichnet. Auch Schoschanna, Rachel und Chawa machten ihre Sache sehr gut und auch das Spiel der Bäume, das Hadafsa, Ruth und Bathammi aufführten, gefiel allen sehr. Aber es war doch gut, daß dies jetzt glücklich vorbei war. Und was kommt nun? Noch eine große Ueberrafchung für diejenigen, die noch nie dabeigewesen waren — für jedes Kind gibt es ein Päckchen mit Früchten zur Feier des Tages! War das aber ein Jubel! Da wird jetzt geknabbert und gefuttert, obwohl schon vorher bei der großen Rast einige Riesenkörbe mit Proviant geleert worden waren. Aber allmählich werden die kleinen Mädels etwas müde und es wird Zeit, sich auf den Heimweg zu machen. Wieder stellt sich der ganze Zug in seiner Ordnung auf und mit Gesang und Musik ziehen die Schulen der Stadt zu. Strahlend vor Begeisterung kommen die Kinder zu Hause an. Kaum hatte sich Schoschanna ein wenig ausgeruht, da springt sie auch schon ins Nachbarhaus zu Bathschewa und nun berichtet sie ihr getreulich alles, was sie erlebt hat. Von dem großen Zug, der von den Fahnen, an denen man jede einzelne Schule erkannte, von den vielen Leuten, die den Zug auf der Straße angesehen haben, von dem Pflanzen der Bäume, von den Aufführungen und endlich auch von dem Früchtepäckchen. „Ich habe dir auch eines davon mitgebracht," schloß Schoschanna ihren Bericht und gab der Freundin das Päckchen, welches die Lehrerin ihr für die kleine Patientin mitgegeben hatte. „Das schmeckt aber fein," sagt Bathschewa, „und das war sehr nett, daß du mir das noch heute gebracht hast." Nun muß aber auch Schoschanna sich wieder verabschieden, es ist schon spät und höchste Zeit zuin Schlafengehen. Bald liegt Schoschanna im Bett. „Das war der schönste Tag meines Lebens," sagt sie — und dann ist sie auch schon eingeschlafen. Und im Traum pflanzt sie noch einmal ihr Bäumchen ein und da wächst es auch gleich und wird größer und größer und nun ist es schon ein ganz großer Baum — und den habe ich gepflanzt!! denkt sie und lächelt im Traum. Der reichste Mann. Von Heinrich Einstädler. (Schluß.) An einem der kältesten Wintertage war er einst auf dem Heimwege zu einem einsamen Gehöfte im Wald gekommen. Dort wohnten Leute, die sich schwer plagen mußten, um schlecht und recht durchs Leben zu kommen. Die Männer schafften als Holzarbeiter, die Frauen bestellten Feld und Garten und betrieben eine kleine Wirtschaft, in der zuweilen ein Holzfuhrmann einkehrte. So wunderbar die Lage des Gehöftes inmitten eines urwaldähnlichen, fast undurchdringlichen Bergforstes im Soinmer erschien, so trostlos und weltabgeschieden war sie im Winter. Keine Straße führte vorbei. Vom Feldwege, der die Verbindung mit dem nächsten Dorfe herstellte und den jetzt beim tiefen Schnee kaum ein paar Schlittenspuren andeuteten, war das Wohnhaus noch durch einen Abhang getrennt, den gegen hundert übereifte Stufen, die sogenannte „Steige", hinaufführten. ' Reich war gar Unzeit angelangt. Nicht daß etwa ein Konkurrent vor ihm eingetrofsen wäre. Aber dafür — der Storch! Der jungen Mutter ging es schlecht. Auf allen Gesichtern lag Angst und Sorge, und die .Hebamme verlangte dringend nach ärztlicher Hilfe. Aber wie sollte jetzt ein Doktor herbeigeholt werden können? Der nächste Arzt wohnte im Marktflecken. Telefon gab es nicht, und bis ein Bote dorthinkommen konnte, war die Nacht hereingebrochen. Der Arzt würde sich sicher weigern, vor dem nächsten Tage zu kommen, und dann war es vielleicht zu spät. Was sollte man tun? Reich wußte Rat. In seiner bestimmten Art sagte er: „Ich hol' den Doktor! Ich müßte doch bald heimgehen, da gehe ich lieber gleich. Und ich besorg' euch den Doktor her. Da dürft ihr euch darauf verlassen!" Damit griff er nach seinem Stock, und fort war er. Keiner hatte ihm geantwortet. Das war so die schweigsame Weise dieser Bauern. Aber Hoffnung war wieder in die zagenden Herzen gezogen. Sie wußten: der Doktor kommt! — Reich eilte heim und suchte sofort den Arzt auf. Zum Glücke traf er ihn an und konnte sein Anliegen Vorbringen. Aber da kam er bei dem derben Landarzt schlecht an. „Was wollt Ihr mir zumuten? Jetzt in der Nachr soll ich bei dem Sauwetter nach dem Nambachshof fahren? Wo bei dem Schnee kaum bei Tag einer Weg und Steg finden kann!" Doch Reich ließ nicht nach. „Es handelt sich um Menschenleben, Herr Doktor. Hier gibt es keinen Aufschub, hier gilt Menschenpflicht!" „Menschenpflicht?" schrie der Arzt. „Würdet Ihr vielleicht bei diesem Wetter die Steige hinaufklettern? Da wagt einer sein eigenes Leben!" „Ich würde das tun, und ich werde es tun, Herr Doktor," antwortete Reich in seiner festen, aber bescheidenen Art. „Ich fahre mit Ihnen, und ich führe Sie sicher die Steige hinauf und wieder zurück." Der Arzt schaute den Mann ein paar Augenblicke groß an. Dann sprach er: „Ihr gefallt mir. Ich komme mit Euch." Der Doktorschlitten wurde angespannt, und bald fuhr er ab. Von Reich unterstützt, fand der Kutscher den Weg, und mit der Laterne in der Linken, mit dem rechten Arme den Arzt stützend, führte ihn der starke Mann zu dem einsamen Hofe empor. Es war die höchste Zeit gewesen. Als spät in der Nacht die beiden Männer, von einem starken Kaffee erwärmt, den Heimweg antraten, sagte der Arzt zu seinem Begleiter: „Da habt Ihr Euch einen G'ttestohn verdient!" Da ist es nicht zu verwundern, daß Reich später, wenn er wieder nach jenem Hofe kam, als Bruder und Retter begrüßt wurde. Bescheiden wies er jeden Dank zurück, und indem er auf den Allmächtigen als auf den einzigen wirklichen Helfer hinwies, verstand er es, trübe Betrachtungen in lebensfrohe Stimmung zu verwandeln. So lebte er, ein einfacher Mann, aber nichtsdestoweniger ein Träger des Kiddusch haschem.