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Der Israelit · 1932-01-21 · Heft 4 (21.1.1932) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 4 (21.1.1932)
Date
1932-01-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ST Der Jsraelit Die Thorarolle. «Schluß.» Und jene Tage waren die Tage des Sukkothfestes, eine FreudenzeiL ohnehin für Israel. Vis zu Haschonoh Rabboh dauerten die Freud en- Gastmähler. An Haschonoh Rabboh aber feierte er mit großer Pracht und Herrlichkeit den Sijum für das Schreiben einer Thorarolle. Alle Gelehrten der Stadt umgaben die Tische seines Hauses. Zu seiner Rechten und Linken saßen der Raw und die DajaniM, und er saß zwischen ihnen wie ein Bräutigam am Tage seiner Trauung. Und er tauchte den Federkiel in die . Tinte, die auf dem Tische bereitstand und schrieb den Buchstaben „Beth" des Wortes Bereschith und den Buchstaben Lamed des Wortes „Israel" am Ende der Thora, den der Schreiber freigelassen hatte für den Abschluß. Darauf ergriff er die Wimpel und den Mantel und hüllte die Thorarolle hinein und befestigte oben die Krone. Dann nahm er Me Thorarolle in seine Arme und eine Gruppe Musikanten spielten vor ihm mit Jubeltönen. — Und alle Leute der Stadt gingen ihm nach, und er tanzte und hüpfte den ganzen Weg, bis sie nach der Synagoge kamen. Die Freude des Herrn und seiner Frau kannte keine Grenzerl. In der Nacht, da sie die Thorarolle nach Schul gebracht und dort zwischen alle anderen Thorarollen in den Oraun Hakaudesch gestellt hatten, in der Nacht von Schemini Azereth, da veranstalteten sie ein Gastmahl für die ganze Stadt, von Klein bis Groß. Am Simchath-Thora-Abend ging die ganze Chewra Kadischa mit dem Raw an der Spitze nach Schul, und der Herr, der der Vorstand dieser Gemeinschaft war, trat vor die heilige Lade und sang: „Atta har'etha" Vers um Vers, wie es Brauch in der Stadt war. Darauf wurde allen Mitgliedern der Chewrah-Kadischah die Ehre zuteil, bei dem ersten Umzug um den Almemor die Thorarollen zu tragen. Dem Herrn aber gab man die von ihm gespendete Thorarolle. Er nahm die Rolle aus der Lade. Sie stand noch in den seidenen Mantel gehüllt und mit der goldenen Krone gekrönt, wie am Abend des Haschonoh Rabba, da er sie gebracht hatte.' Er trug die Thorarolle in seinem Arme,.wie ein zärtlicher Vater sein geliebtes Kind und sang die Worte! der ersten „Hakofoh": O! Allmächtiger G'tt, hilf doch, O! Allmächtiger G'tt, schenk' doch Gelingen, O! Allmächtiger G'tt, erhöre uns, am Tage, da wir Dich anrufen. G'tt der Geister, hilf doch, Der Du Herzen prüfst, schenke doch Gelingen, Der Du stark bist im Helfen, erhöre uns am Tage, da wir Dich anrufen. So trug der Herr die Thorarolle, die er G'tt geweiht hatte bei allen sieben Umzügen, und erfüllt war sein Mund von Lied und Gesang, Ruhmeserhebungen und Lobpreisungen für Ihn, der das Weltall schuf. Als die Umzüge beendet waren, bestieg der Herr den Almemor und legte die Thorarolle nieder auf den Tisch vor G'tt, um sie einzuweihen, und aus ihr zum ersten Male den letzten Abschnitt zu lesen. Man .rief den Herrn und er sprach mit Inbrunst den Segensspruch: „Der Du uns auserwählt hast von allen Völkern und uns Deine Thora gegeben", und der Vorbeter begann, ihm den ersten Abschnitt vorzulesen. Plötzlich jedoch unterbrach er den Vortrag: der zweite Vers des Abschnittes fehlte in der Rolle. Der Raw stieg auf den Almemor, um zu sehen, ob dem wirklich so sei, aber auch er stellte fest, daß der Vers fehle und somit die Thorarolle zum Vorlesen nicht verwendbar sei. Der Herr aber fiel vor Schreck ohnmächtig zur Erde, und auch seine Gattin in der Frauenabteilung sank zu Boden, als die schlimme Kunde zu ihr drang. Man erweckte sie zum Leben, und Klagen und Wehgeschrei erfüllten die Synagoge. Das Freudenfest der Thora hatte sich in Trauer und Kummer verwandelt. Nicht nur der Herr und feine Fau weinten bitterlich, sondern das Herz eines jeden zerfloß gleich Wasser bei dem Unglück, das sie getroffen. Der Raw befahl, diese Thorarolle zu wickeln und in die heilige Lade zurückzustellen und dafür eine fehlerlose Rolle herauszunehmen, um aus ihr den Abschnitt zu beenden. Nach dem Gebet kamen der Raw und alle Vornehmen der Stadt zu dem Herrn und seiner Frau, um sie zu trösten, und sie sprachen: „Hast du denn nicht verstanden, daß dies kein natürlicher Vorgang war, sondern daß diese Sache von G'tt ausging? Nicht nur euch sollte diese Sache eine Lehre sein, sondern unserer ganzen Gemeinde. Geht denn dies etwa mit rechten Dingen zu? Drei hervorragende Schreiber korrigieren tagtäglich die neun 'Reihen, die sie an jenem Tage geschrieben, und nach ihnen kommen drei tüchtige Korrektoren, die mit größter Genauigkeit die ganze Rolle durchsetzen, und sie fanden nicht den geringsten Irrtum, und nun soll ein voller Satz fehlen? Dies muß von G'tt kommen. Jedoch wunderbar und verborgen finb die g'ttlichen Wege und, was sich unserem Verstände entzieht, dein wollen wir nicht nachforschen. Trauert deshalb nicht, und nehmt euch diese unverständliche Sache nicht zu Herzen. Dem Allmächtigen sei Dank, daß euch noch ein Pergamentblatt übrigblieb. Nach dem Feste beruft die Schreiber und laßt diese Seite nochmals schreiben, dann wird die Rolle zu gebrauchen sein. In diesen Worten fand der Herr Trost, und er nahm sich zusammen und tröstete auch seine Frau und redete ihr zu Herzen. Und seine Reden beruhigten sie, und sie feierten das Fest wie stets: im tiefsten Innern aber war ihnen weh und bitter zumute. ' Am Morgen ging der Herr in die Synagoge und bei den Umzügen ehrte man ihn wieder mit dem ersten Umzug. Und als er seine Thorarolle aus der heiligen Lade, nehmen wollte, da traute er seinen Augen nicht — das Sefer stand nicht mehr an seinem.Platze. Da erhob,sich ein Lärmen und eine Erregung in Schul. Sie suchten das Sefer in allen Winkeln des Hauses und fanden es nicht. Die Kunde aber drang in die ganze Stadt. Alle Leute verwunderten sich, und man suchte das Sefer in allen Synagogen und Bethäusern. Vielleicht war das Sefer an eine andere Vetstätte mitgenommen worden, als man für die Umzüge am Simchath Thora aus der großen Synagoge Thorarollen abholte. Aber das Sefer war und blieb verschwunden. Da weinte der Herr und mit ihm die ganze Gemeinde und sie beklagten ihn wegen des Unglücks, das ihn betroffen. Denn sie sahen darin die Hand G'ttes. Traurig und betrübt ging der Herr nach Hause und alle Geehrten der Stadt ihm nach. Sie setzten sich zu ihm, aber ihr Mund fand kein Trosteswort für ihn. Da erbarmte sich G'tt über den Herrn und alle Leute der Stadt, und es wurde dem Rabbi im Traume der Nacht verkündet: „Wissen und erfahren sollst du, daß die Thorarolle in den Himmel genommen wurde mit allem Schmuck, der sich an ihr befindet, damit kein Sterblicher sie mehr benutzen kann. Ein Heiligtum der Heiligtümer stellt dieses Sefer dar, und es ist vollkommen intakt, nicht das geringste Zeichen fehlt daran. Eure Augen verschleierten sich jedoch, daß ihr es nicht sehen konntet, und dieses Geschlecht ist nicht würdig, diese Thorarolle zu benützen." Auch dem Herrn wurde im nächtlichen Traume Gleiches verkündet und ihm wurden noch Trostesworte wie folgt: „Du und deine Frau haltet eure Augen zurück vom Weinen, heil eurem Anteile, und freuet euch über das liebliche Los, das euch zuteil geworden ist. Diese Thorarolle, die ihr der Synagoge geheiligt habt, ist hoch emporgestiegen, und es ward ihr das Verdienst, in Himmelshöhen zu stehen, ihr Platz ist in einem Saale von Saphiren." Da erwachte der Herr und sah. daß er geträumt hatte. Da sprach er bei sich: Lügnerisches sprechen die Träume. Er schlief wieder ein, und es wurde ihm zum zweiten Male verkündet: „Wenn du den Worten dieses Traumes keinen Glauben schenkst, so soll dir gewährt werden, die Thorarolle zu sehen, wann immer du es willst." Da erwachte er abermals, und sein Gemüt war beunruhigt. Und es war am Morgen, da kam der Rabbi zu dem Herrn und erzählte ihm seinen Traum. Da sprach der Herr: „Auch mir wurde dies im Traume verkündet. Jedoch mir wurde noch hinzugefügt, daß mir gestattet sein solle, die Thorarolle an ihrem jetzigen Platze zu sehen." Als der Raw diese Worte vernommen, sprach er: „Wahrlich, dies sind wahre Worte, und wir müssen an die Wirklichkeit des Traumes, der uns beiden geworden, glauben. Trotzdem wäre es besser, das Sefer und den Ort, wo es sich jetzt befindet, zu sehen." Nachts erschienen dem Herrn zwei Männer. Die nahmen ihn in einen schönen Saal, so herrlich, wie er noch nie Aehnliches gesehen batt^ und sie brachten ihn zu dem Platze der, T.,//"-" ' rolle. Sie öffneten einen Schrank aus Saphirm, und dort erblickte er seine Thorarolle, gekrönt mit der goldenen Krone, und mit Wimpeln und Mantel umhüllt, von einem flammenden Feuer umgeben. Am Morgen erhob er sich und erzählte vor der ganzen Gemeinde, was er mit eigenen Augen gesehen. Nach diesen Begebenheiten veranstaltete der Herr ein großes Gastmahl und gab den Armen Geschenke, und alle huldigten G'tt, der dein Herrn eingegeben hatte, in ihrer Stadt dieses große Werk zu vollbringen, diese heilige Thorarolle in ihrer Mitte schreiben zu lassen. So möge G'tt, der Allmächtige, auch unsere Herzen erfreuen und in Zijon das Haus unserer Pracht wieder aufbauen, durch das Verdienst aller Gerechten, die schon auf der Welt weilten und durch das Verdienst der Gerechten unseres Zeitalters, die den geraden Weg der Pflichttreue wandeln. Goethe im Ghetto') Es wird vielleicht schon manchem aufgefallen sein, daß die Nachrichten über die Rolle, die Goethe im Geistesleben der osteuropäischen Ju- *) Zum Goethejahre erschien im Wiener Verlag „Die Neuzeit" ein Buch köstlicher Plaudereien über Goethe in der Vorstellung der jüdischen Gasse von Samuel M e.i s e l s, dem wir obigen Essay entnehmen. Wer diese Probe liest, wird Lust verspüren, auch die 11 weiteren Aufsätze zu lesen und das Buch beim Verlage Wien IX, Wilhelm Exnergasse 28/22 beziehen. Es ist hier mehr von der Einstellung der Juden zu Goethe die Rede, als vom Verhältnis des Dichters zum Judentum. Letzteres ist in Leo D e u t f ch l ä n d e r s Buch „Goethe und das Alte Testament (Omonuth-Verlag)" festgehalten, auf das wir hier mit Hinblick auf das Goetheja'hr ebenfalls verweisen.

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