Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 4 (21.1.1932)
- Date
- 1932-01-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450704-2450708--78508-2536201- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 Nr. 4 Der Israelit 21. Januar 1932 die Ausgaben eingesetzt wird, die sich für die Berliner Jüdische Gemeinde aus der Lage der deutschen Juden ergbeen; 2. daß ein angemessener Dispositionsfonds bereitgestellt wird, über den der Borstand auf Grund der Borjchläge der gemischten Deputation verfügt; 3. daß die Berliner Jüdische Gemeinde beim Preußischen Landesverbände die Einberufung des Großen Rates und des ständigen Ausschusses, sowie der Vertreter der übrigen Landesverbände zu einer gemeinsamen Beratung über die auf Grund der Lage zu treffenden Maßnahmen beantragt. Punkt 1 dieses Antrages wird einstimmig angenommen; die Punkte 2 und 3 werden der gemischten Depuation als Material überwiesen. Die für 8.30 Uhr vorgesehene öffentliche Sitzung fand nicht mehr statt, vielmehr ist eine neue Sitzung der Repräsentantenversammlung zum Zwecke der Wahl des Präsidiums und der Erörterung der ordentlichen Tagesordnung für den 14. d. M. einberufen. Tagung des Rates des Bayerischen Landesverbandes. München, 10. Jan. Am Sonntag, den 10. Januar, traten Rat, Finanzausschuß und Ständiger Ausschuß der Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden unter dem Vorsitz des Oberstlandesgerichtsrats Dr. N e u m e y e r - München zu einer gemeinschaftlichen Sitzung zusammen, in der der Haushaltsplan 1932 beraten und der Umlagensatz für das neue Geschäftsjahr wie bisher auf 3 Proz. der Reichs- und Landessteuern festgesetzt wurde. Gegenüber dem Etat 1931, der mit Mk. 612.161.88 abschloß, wurden auf die Berichterstattung des Verbandsschatzmeisters, Kommerzienrat R o s e n z w e i g -Nürnberg, hin für das Jahr 1932 Ausgaben und Einnahmen mit Mk. 427.733.35 ausgeglichen. Hierbei wurde mit einer Mindereinnahme von ca. Mk. 50.000 gegenüber den Ausgaben gerechnet, die durch Entnahme aus dem Landeswohlfahrtsfonds des Verbandes Deckung findet. Die Leistungen für Beamtenbesoldung wurden von Mk. 283.481.39 auf Mk. 210.000 herabgesetzt. Für die sozialen und kulturellen Ausgaben, über die Justizrat Dr. Elias Straus, München Bericht erstattete, wurden Mk. 97.900 in Aussicht genommen, während im Jahre 1931 für diese Zwecke Mk. 156.562.72 zur Verfügung gestellt worden waren. In seinen einleitenden Worten gab der Präsident dem lebhaften Bedauern des Verbandes Ausdruck, daß die Not der Zeit die Eingänge an Umlagen so gemindert habe, daß zahlreiche Anstalten' und Einrichtungen, die bisher vom Verband Zuschüsse erhalten hatten, nicht mehr oder nur mit wesentlich geringeren Beträgen bedacht werden können. Den Verhandlungen über den Haushaltsplan wohnte als Vertreter des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus der zuständige Referent, Ministerialrat Mezger, bei, der auch in den Verhandlungen das Wort ergriff. Entsprechend der 3. Verordnung des Gesamtministeriums des Freistaates Bayern über die Gehaltskürzung und die Ausgleichsabgabe vom 17. Dezember 1931 (Bayerischer Staatsanzeiger Nr. 295/1931) wurden die Bezüge der Beamten und Angestellten des Verbandes ab 1. Februar 1932 neuerlich gekürzt und die Gemeinden und Bezirke veranlaßt, in gleicher Weife zu verfahren. Die Zuschüsse des Verbandes werden diesen Kürzungen angepaßt. Die Kürzungen treten am 31. Januar 1934 wieder außer Kraft. Um die wirtschaftliche Lage des Verbandes zu erleichtern, wurden weiterhin eingreifende Aenderungen hinsichtlich der Zuschutzleistungen an die Gemeinden und Rabbinatsbezirke oorgenommen. Die Sitzung war die letzte des gegenwärtigen Wahlabschnittes. Die Körperschaften des Verbandes werden im Frühjahr neu gewählt werden. Tagung des Vorstandes der Vereinigung traditionell-geseheslreuer Rabbiner Deutschlands. Mannheim, 18. Jan. Da infolge der Schwierigkeiten der Gegenwartslage eine allgemeine Generalversammlung der Vereinigung traditionell-gesetzestreuer Rabbiner Deutschlands sich nicht ermöglichen ließ, tagte der Vorstand der Vereinigung unter Hinzuziehung der benachbarten Rabbinen am 4. und 5. Januar 1932 in Jugenheim a. d. B. Den Vorsitz führte an Stelle des leider erkrankten ersten Vorsitzenden, Herrn Dozenten Dr. I. Wohlgemuth-Berlin, Herr Rabbiner Dr. Unna -Mannheim. Es wurde zunächst die geplante Neuregelung der preußischen Judengesetzgebung erörtert und mit voller Einstimmigkeit die Notwendigkeit einer gesetzlichen Fundierung der autoritativen Stellung und tätigen Mitarbeit des Rabbiners an der religiösen Führung und an der allgemeinen Entwicklung der Gemeinden betont. Dann wurden die Maßnahmen besprochen, die zur Abwahr der immer gehässiger werdenden Antischächtagitation erforderlich geworden sind. Gegenüber der um sich greifenden Mischehe und der Vernachlässigung der jüdischen Ehegesetzgebung wurde die Pflicht treuer Wachsamkeit und kräftiger Gegenwehr durch alle Instanzen der Gemeinden festgelegt. Einen breiten Raum nahmen auch die Besprechungen über die Mißstände ein, die sich in der Frage der Sachverständigen für jüdische Angelegenheiten vor den Gerichten herausgestellt haben. Cs wurde hier ein solidarisches Vorgehen aller Rabbinerverbände gemeinsam mit den Zentralinstanzen des deutschen Judentums verabredet. Für die innere Arbeit innerhalb der Vereinigung wurde beschlossen, daß künftighin für die Vertiefung und Fortbildung der Verbandsmitglieder Bezirkstagungen veranstaltet werden sollen, in welchen lediglich wissenschaftlich-rabbinische Themen besprochen werden sollen, daß ferner der apologetischen und pädagogischen Kommission den Vereinigung größere Mittel zur Verfügung gestellt werden, um die rabbinische Arbeit auf diesen Gebieten zu erleichtern. Die ganze Tagung war erfüllt von dem Ernst der Gegenwart, die dem Rabbiner die doppelte Verpflichtung auferlegt, in den ewigen Werten der Religion den ringenden Menschen Halt und Zukunftshoffnung zu geben. Holland. Einbruch des liberalen Judentums in Holland. Amsterdam, 16. Jan. In diesen Tagen ist in Amsterdam eine Ortsvereinigung für das liberale Judentum als Zweig der holländischen Vereinigung für das liberale Judentum begründet worden. Zum religiösen Berater der Vereinigung wurde Rabbiner Dr. I. Norden aus Elberfeld, zum Rabbider der Vereinigung Dr. A. F r i e d m a n n gewählt. — Am Freitag, den 14. Januar, fand in Amsterdam der erste Sabbat-Abendg'ttesdienst der Vereinigung statt. Es wurde beschlossen, ein liberales Gebetbuch in holländischer Sprache und eine Zeitschrift der Vereinigung herauszugeben. — Wir kommen auf dieses wenig erfreuliche Ereignis für Hollands Judenheit noch zurück. Tschechoslowakei. Reue Zeiten in Preßburg. Bratislava, 14. Jan. Die letzten Wochen haben unserer Gemeinde eine für sie selbst sowohl wie für die ganze slovakische Orthodoxie bedeutungsvolle Wendung gebracht: die seit einigen Jahren durch den zionistisch-misrachistischen Zuzug in Verwirrung gebrachten orthodoxen Kerntruppen unserer Gemeinde haben sich wiederum ermannt und bei den Gemeindewahlen einen durchgreifende Erfolg errungen. Die misrachistische Strömung in Vorstand und Gemeinderepräsentanz ist völlig in die Minderheit gedrängt worden und die Preßburger Kehillo darf sich wieder einer ihrer ehrwürdigen Traditionen würdigen Verwaltung erfreuen. Das kommt am schärfsten durch die Uebernahme des Gemeindepräsidiums durch den bewährten Herrn Isidor Pappenheim zum Ausdruck, die am 1. Januar ohne jeden Mißton erfolgte. Man darf auch aussprechen, daß selbst die in die Minorität gedrängten Mitgliederkreise in ihrer großen Ueberzahl der neuen Verwaltung durchaus Vertrauen entgegenbringen und daß innere Kämpfe wesentlicher Art kaum zu befürchten sind. In wirtschaftlicher Hinsicht ist die Aufgabe der neuen Verwaltung natürlich, wie überall in der Welt, kaum beneidenswert. Um so bedauerlicher sind die Angriffe, die in der letzten Woche von einer Seite, von der man es am wenigsten erwartet haben würde, in der Presse gegen das ehrwürdige Besdin unserer Gemeinde gerichtet worden sind, wegen eines amtlichen Aktes, wie er in dem Betriebe jeder gewissenhaften orthodoxen Rabbinatsverwaltung Vorkommen kann: der Rücknahme einesDie Oeffentlichkeit hat an der Angelegenheit nur das eine Interesse, daß derartige Dinge nicht in die Presse gezerrt und dem regulären Verfahren des jüdischen Rechtes entzogen werden dürfen. Rumänien. Die Tragödie von Soroca. K i s ch i n e w, 13. Jan. Wie schon mitgeteilt, hat Tzichinowski, einer der sechs von den Grenzgendarmen erschaffenen jungen Juden, der 14 Stunden nach dem Massakre noch gelebt hat, dem ihn vernehmenden Staatsanwalt noch wichtige Mitteilungen machen können. Aus seinen nunmehr bekannt gewordenen Aussagen geht hervor, daß die jungen Leute tatsächlich in eine Falle gelockt worden sind. Tzichinowski erzählte, er wie seine ermordeten Kollegen, die arbeitslos waren, hätten sich auf die Arbeitssuche begeben wollen. Ihnen näherte sich der Schmuggler Papusojo und sagte ihney, sie mögen Geld mit sich nehmen, er werde sie über die Grenze führen, wo sie Arbeit finden werden. Papusoju setzte sich mit einem Korporal der Grenzgendarmerie in Verbindung. Beide hatten sich offenbar verabredet^ die jungen Leute an die Grenze zu locken, sie dort zu erschießen und zu berauben; als dann die jungen Leute sich der Grenze näherten, wurden sie für verhaftet erklärt^ in ein Außenviertel der Stadt Soroca geführt und aus einer Entfernung von etwa 5 Metern beschossen, wobei auch einige Handgranaten geworfen wurden. Das Geld war ihnen vorher ab genommen worden. Daß es sich nicht um eine Erschießung auf der Flucht^ sondern um ein beabsichtigtes Massakre handelt, geht schon daraus hervor, daß fast sämtliche Schüsse Brustschüsse waren. Noch als die sechs jungen Leute auf dem Boden lagen, wurde auf sie geschossen, weil man verhindern wollte, daß etwa ein Ueberlebender noch Aussagen mache. Tzichinowski hielt man für tot, sonst hätte man ihm auf der Stelle den Rest gegeben. König Carol hat den Gouverneur von Beßarabien^ General R i s ch c a n u , zur Berichterstattung über den Fall zusich befohlen. (ITA.) England. Pessach-Hilse für die russischen Juden. London, 13. Jan. Der Verband jüdischer Hilfsorganisationen in England hat durch seinen Vertreter in Moskau mit den Sowjetbehörden Arrangements wegen Verteilung von Mehl zur Herstellung von Mazzoth und von anderen Pessachwaren aus den Konsumlagern der Regierung an die jüdische Bevölkerung aus Anlaß des kommenden Pessachsestes getroffen. Man einigte sich auf die Versendung von drei Arten Einheitspaketen. Palästina. Jerusalemer Brief. Jerusalem, 10. Jan. Die Volkszählung. — Probleme der Jerusalemer Stadtverwaltung. — Konflikte in Thauras Chajim und Bikkur Cholim. — Eine orthodoxe Arbeiterorganisation. — Audienzen der Agudas Jisroel beim High Eommissionev und bei Lord Reading. — Agudistisches Schulwerk. — Beisetzung von Aschenurnen. Die Ergebnisse der palästinensischen Volkszählung gelangen in einzelnen Abschnitten fortgesetzt zur Veröffentlichung. Die traurigste Ziffer, die dabei ans Tageslicht gelangt, stellen -die 10.000 Konfessionslosen dar, die sich in die Listen eingezeichnet haben und die leioer zum allergrößten Teile auf jüdische Rechnung zu setzen sind. Man darf an dem furchtbaren Chillul-haschem nicht vorübergehen, der in diesem Bekenntnis vieler Tausender von jüdischen Müttern geborener Menschen zum öffentlichen Abfall vom Judentum liegt. Aber es gibt auch sonst recht viel Interessantes aus -den trockenen Zahlen der Volkszählungstabellen zu lernen. So z. B. ergibt sich, daß in Jerusalem denn doch 57 Proz. aller Einwohner Juden sind, unter Hinzurechnung der Vororte dürfen es nicht viel weniger als 662/3 Proz. sei.n In Tiberias bildet die jüdische Bevölkerung 60 Proz. der Einwohnerschaft, dann kommt Haifa mit 30 Proz. und Safed mit 25 Proz. Andererseits ist festzustellen, daß in der jüdischen Stadt Tel- Awiw sich doch schon 500 Nichtjuden befinden, außer den 266 Religionslosen, die wohl jüdischen Stammes sind. In Verbindung mit diesen Ziffern wird die Frage der Zusammensetzung der Jerusalemer Stadtverwaltung wiederum lebhaft diskutiert, und der alte sowohl von Agudas Jisroel als vom' Waad leumi immer wieder verworfene Vorschlag einer gesonderten jüdischen Stadtverwaltung taucht wieder auf. Es ist in der Tat uner-