Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 3 (14.1.1932)
- Date
- 1932-01-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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UMil ist Aleph — Veth. Von S. Drückheimer in Marktbreit. x. Einige Tage nach dem 15. Juli 1918, der den letzten und erfolglosesten Angriff des deutschen Heeres gegen die Verbündeten bei Reims einleitete, wurde unser Artillerieregiment nach furchtbaren Verlusten aus der Kampflinie zurückgezogen. Mehr noch als die Einbuße an Offizieren und Mannschaften hatte uns die an zugfesten Pferden kampfunfähig gemacht. In Eile Wimmerten wir die Särge und Holztafeln, auf welchen — so gut es mit unseren beschränkten Schreibmitteln gehen wollte —die Namen der Toten und ihr Truppenteil von mir ausgezeichnet wurden. In kurzer Zeremonie bestatteten wir dann unsere Gefallenen auf dem schon weithin sich erstreckenden Friedhof. Die im Voraus aufgeworfenen Gräber gähnten wie die grausigen Schlünde der Hölle. Aber die Reihe der mit solch Schauder erregenden Fracht beladenen Wagen brach nicht ab. Die Jnfanterieregimenter hatten ihre Toten wie Kartoffelsäcke aufeinander gestapelt. Und nicht weit hinter uns krachte, polterte und schmetterte es in unaufhörlicher Folge. Wie Wetterleuchten, erst blutrot, dann totenweiß, zeichnete sich am Abend die Schlacht am Horizont ab. Uns aber fuhr in der Nacht ein langer Güterzug an die ruhigere Front der Vogesen. Als unsere Batterie vom Ausladebahnhof aus langsamen Schrittes die ansteigende Straße hinaufzog, trat ihre Kampfunfähigkeit noch deutlicher zutage. Das Rohr einer Haubitze war der Länge nach geborsten. Die Achsen zweier Munitionswagen wurden durch Rundhölzer notdürftig Zusammengehalten." Den Pferden rann das Blut noch in schweren Tropfen aus den Wunden über die abgemügerten Leiber herab in den feinen Staub der Landstraße. Die Menschen aber, die neben den Fahrzeugen hergingen, waren stumpf, müde und niedergedrückt. Kein Scherzwort, kein Lied tief wie sonst — selbst nach schwer bestandenen Kampftagen — durch die langgezogene; Reihe. Denn alle dachten der Toten, der Toten. — — —; ’ Da ich die Verbindung mit dem Stabe der Abteilung aufrecht zu erhalten hatte, fuhr ich mit einem Rade langsam hinter der Batterie her. Es war an einem Freitag-Nachmittag, eine Stunde etwa vor Sabbat-Eingang. Die Sonne verschwand gerade hinter den Baumkronen der den Höhen ringsum wie schwarze Kappen aufgesetzten Nadelwälder. Mit einem Male war ich auf der Landstraße allein. Die aufgewirbelte Staubwolke verbarg mir den voraus ziehenden Truppenteil. Und wohl deshalb überfiel mich in solcher Stärke eine nicht mehr zu bändigende Sehnsucht. . Ich mußte — wie im Zwange einer Hypnose — an die elterliche Stube denken. Ich sah die Mutter, wie sie die weiße Decke über den Tisch breitete, wie sie zur Küche ging, um Sabbatbrote und Kidduschwein zu holen. Ich sah den Vater auf einem Stuhle stehen, die blinkende Messinglampe mit frischem Oele füllend. Ich hörte, wie er nach aller Gewohnheit dabei leise die Melodie eines Lecho daudi vor sich hinträllerte. Das hörte ich so deutlich, als wenn dieses Sabbatliied ganz nahe bei mir erklungen wäre. Hatte ich es vielleicht selber vor mich hingesungen? Der Hauch eines Tones stand noch in der Abendluft. Da — krachte ein Donnerschlag, der wie das Dröhnen am Weltenende aus den bisher so stillen Vogesenwäldern widerhallte. Ein schweres Geschütz hatte wohl einen Schuß gelöst und mir dabei meine liebliche Schabboshymne in tausend Winde fortgetragen. Der Gegensatz zwischen der ein wenig erträumten Sabbatstille und diesem fürchterlichen Zeichen brutaler Machtvergötterung war zu kraß. Eine Trostlosigkeit überfiel mich, die unbegrenzt war wie der sich mit Gewitterwolken füllende Abendhimmel. Und nicht genug damit. Ueber mich kam herab das Gefühl der Vereinsamung des von seiner Glaubensgemeinschaft losgerissenen Juden. Dieser doppelten Belastung gegenüber hielt mein Wille nicht stand. Ich warf mein Fahrrad in den Straßengraben und lieh mich in die roten Kleeblumen des Feldes hineinfallen, so daß ich in den hohen Gräsern wie begraben lag.- „Wo fehlt's?" rief da eine scharfe Stimme von einem vorbeigaloppierenden Pferde herab. „Vorwärts!" Die Peitsche des Befehls wirkte. Ich trat auf die Straße zurück und ging, da sie jetzt stärker anstieg, zu Fuß weiter. Die ersten Häuser eines Dorfes wurden sichtbar. Sie flankierten die breite Landstraße. Gegen die Mitte des Dorfes zu stellten sie sich zu einem unregelmäßigen Haufen zusammen, um sich dann bald wieder den Weg entlang aufzureihen. Der Ort war noch nicht geräumt. Neugierig schauend liefen die Kinder neben der Batterie her und die Erwachsenen standen an den Fenstern und Türen. Vor einem der letzten Häuser setzte ich meinen Fuß auf das Pedal, um mich in den Sattel zu schwingen. Aber es gelang mir nicht. Mein Bein war plötzlich wie ein Baum an die Erde gebannt. Ein Ton, ein seltsamer Ton hatte mir meine Bewegungsfreiheit genommen. In starrem Staunen mußte ich einem Wort lauschen, das aus den Sphären herzuklingen schien. Ich wandte meinen Kopf nach allen Richtungen. Doch ich hörte jetzt nichts als das Knirschen der Bremsklötze an den Rädern unserer Fahrzeuge. Hatten mich meine ermatteten Sinne genarrt? Wollte mir meine wache Sehnsucht einen Possen spielen?: , ... Nein^ es war keine Täuschung! Trotz dem Dröhnen und Rollen der Kanonen hörte ich es wieder: Ueber dem Lärm und dem Getöse schwang die Stimme eines j ü d i s ch en Kindes. Ich hielt vor einem einstöckigen Hause. Ein Fenster war halb geöffnet. Und da heraus kamen die Laute, die mein Herz erzittern ließen. „m-a-ma-ji-m -majim." Meine fast erloschene Seele wurde wach. Diese gestammelten Silben sog ich in mich ein wie lebenspendende Arznei. Mein ganzer Körper lauschte. „t — — au-tau-r-oh -roh-tauroh." Hebräische Worte! Ein seuerheißer Strom jagte durch meine Adern. Mein Atem keuchte wie nach schwerster Anstrengung. Ein jüdisches Haus! Ich streckte mich in die Höhe. Hinter dem vom Wind gebauschten Vorhang sah ich die sechszinkige Schabboslampe, die Säge, an der sie hing und die Enden der weißen Dochte. Und-darunter war gewiß ein sabbatlich gedeckter Tisch, der Wein, die Brote, eine bestickte Decke. Daneben stand wohl die feiertäglich geputzte Hausfrau und- Ich mußte hinein! Hinein in die sabbatliche Stube! Einen Blick wollte ich tun in diesen eng umzrkelten Frieden, und einen Atemzug davon mit hinausnehmen in die weiter vorne wartende Verdammnis. Da schollen Hufschläge von der Straße herauf. Ich konnte es deshalb nicht mehr wagen, das Haus zu betreten. Doch diese singende Kinderstimme mußte ich noch einmal hören, die lieblichen Laute, welche aus einer Welt des Zaubers kamen und des Traumes. Ganz nahe drückte ich mich an die Wand des Hauses. Da klang es wieder: „ch-a-cha-ji — — mjim-chajim." Noch einmal zwängte ich meinen Blick durch den schmalen Spalt im Vorhang. Dann schwang ich mich schnell aufs Rad. Denn kaum zehn Schritte hinter mir schnaubte schon das Pferd. Das niederdrückende Gefühl der Einsamkeit war jetzt ganz verflogen. Ein Vers aus den Psalmen ging mir durch den Sinn:, „Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge hast du Macht begründet."*) In mir spürte ich deutlich das Fächeln einer beseligenden Tröstung. Die Arme weit ausgebreitet — so jagtUch die nun in ein Tal abfallende Straße hinunter. Die Thorarolle. Eine Thorarolle, die in Heiligkeit und Keuschheit geschrieben wurde.**) In der Stadt Amsterdam lebte.einst ein sehr edler Mann, der mit großen Reichtümern gesegnet war. Dieser Mann galt als mächtiger Herr in seinem Volke. Er war ein großer Kaufmann, g'ttesfürchtig, ehrlich in Handel und Wandel und eifrig in der Ausübung aller Gebote. Sein Name war daher auch auf der ganzen Welt bekannt. Seine Geschäfte breiteten sich nach Norden und Süden aus, nach Osten und Westen, und er gelangte bis in entlegene Inseln ferner Meere. Der Mann stand auf dem höchsten Gipfel des Glückes, und alle Leute in der Stadt ehrten ihn und seine g'ttesfürchtige Frau. Sein Haus, eine Stätte der Wohltätigkeit, war immer allen Bedrückten und Bedrängen gastlich geöffnet und keiner verließ es, ohne daß ihm Trost durch freundliche Worte und eine Geldspende zuteil geworden wäre. Seine Frau war ihm eine gleichgesinnte Gefährtin. Sie überwachte stets ihren großen Haushalt, fand aber trotzdem immer noch Zeit, heimlich an die Türen verschämter Arme zu klopfen, um mit ihnen den Segen'zu teilen, den G'tt ihnen beschert. Alle erdenklichen Glücksgüter hatte der Allmächtige dem edlen Paare verliehen, eines nur hatte er ihnen versagt — Kindersegen. Und der Mann war alt, er war in die Tage gekommen, auch seine Frau war schon alt, und sie hatten keine Hoffnung mehr auf Erfüllung dieses sehnlichen Wunsches. Und die beiden grämten sich tagtäglich und sprachen: „Was nützt es uns, daß G'tt uns so großen Reichtum verliehen hat, wenn wir keine Kinder, haben? Fürwahr, unser Todestag kommt immer näher, aber kein Name und kein Nachkomme wird nach uns Zurückbleiben." Und Trost allein fanden sie in den Werken der Mildtätigkeit, die sie ständig ausübten. Nach einiger Zeit sprach der Herr zu seiner Frau: „Wir müssen irgend eine große Sache tun, irgend ein g'ttgeheiligtes Werk vollbringen, damit wir Segen im Lande hinterlassen, der uns zum *) Psalm 6. 3 **) Diese Geschichte ist dem Sefer Hamaasijoth, Bd. 4, herausgegeben von M. ben.Jecheskel entnommen.