Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 3 (14.1.1932)
- Date
- 1932-01-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 3 De r Israelit 14. Januar 1932 } ,v; - -! . ■';; '' ewigen Angedenken gereicht." Da antwortete ihm seine Frau: „Ein jeder tue so, wie sein Herz ihn antreibt." Da erfüllte ein Gedanke den Sinn des Herrn, er wollte eine „Thorarolle" schreiben, auf Pergament aus Hirschhauten und alle mit der Ausführung verknüpften Arbeiten von der Jagd der Hirsche bis zur letzten — Korrektur — sollten in größter Heiligkeit und Reinheit vorgenommen werden. Und er schickte Briefe an alle seine Angestellten im Lande sowie in die entfernten Gegenden, gut nachzuforschen, um einen Wald zu finden, der reich an Hirschen sei. Und es taten die Leute nach dem Befehl ihres Herrn, und sie suchten gut nach, bis einem von ihnen ein Ort bekannt ward, in dessen Nähe ein Wald mit Hirschen sei. Und so geschah es denn, daß der Herr eines Tages einen Brief bekam, mit folgendem Inhalt: „Geehrter Herr! Nach vielem Suchen und langen Nachforschungen habe ich erfahren, daß im Lande Polen, nahe der Stadt 3E sich ein großer Wald befindet, der reich ist an sehr schönen Hirschen." Als der Herr den Brief gelesen hatte, erzitterte sein Herz vor Freude und Frohlocken. Er berief den Schochet in sein Haus, es war dies ein sehr einfacher und gerader Mann, fronnn und bescheiden. Und er redete ihm zu Herzen, mit ihm in die Ferne zu ziehen, — zu dem Walde mit den Hirschen. Und der Schochet willigte ein, dem Wunsche seines Herrn zu entsprechen, ihn auf seiner Reise zu begleiten. Dafür nahm es der Herr auf sich, während der Zeit ihrer Abwesenheit für die Frau und die Familie des Schochet zu . sorgen, und ihm selbst wöchentlich einen Lohn zu zahlen. — Und der Ort dieses fernen Waldes war sehr, sehr weit von Amsterdam entfernt. Ein Jahr dauerte die Reise, um dorthin zu gelangen. Die beiden zagen zusammen aus der Stadt und reisten in Frieden. Wohlbehalten kamen sie an ihrem Bestimmungsorte an. Als sie dort angelangt waren, mietete der Herr ein schönes und geräumiges Haus als Wohnung und gab auch den Befehl, eine Mikweh in dem Hof zu graben. Dem Schochet gab er ein besonderes Zimmer, damit er sich ungestört, nach Herzenslust mit der Thora beschäftigen könne. Danach ließ der Herr in der Stadt folgende Botschaft ergehen: „Jedem, der mir nach Hause einen lebenden Hirsch, an dem kein Fehl ist, bringt, bezahle ich eine große Summe Geldes." Da gingen die Leute der Stadt in den Wald und fingen lebende, fehlerlose Hirsche. Diebrachten sie zu ihm nach Hause, und er bezahlte ihnen dafür jeden verlangten Preis. Dann ging er zu einem jüdischen Messerschmied und bestellte bei ihm ein Schechitohmesser und ein Messer zmn Häuten für einen besonderen Mizwohzweck. Diese Messer übergab er dem Schochet und dem Manne, der die Häute abziehen sollte. Vor jedem Schlachten stieg der Schochet in die Mikweh des Hofes, dann. erst schlachtete er den Hirsch in Reinheit für den heiligen Zweck der Herstellung einer Thorarolle. Auch der Mann, der die Haut abzog, lag seiner Arbeit in Reinheit und Heiligkeit ob. Und so weilte denn der Herr in jener Stadt, bis es ihm gelungen war, hundertundfünfzig Hirschfelle zu erhalten. Nach dreijähriger Abwesenheit kehrte der Herr nach Hause zurück und brachte hundertundfünfzig Felle von besonderer Vollkommenheit und Reinheit mit. Hierauf suchte er einen geraden, frommen Schreiber, der in seiner Arbeit ein Künstler sein sollte, um die Felle in Pergament umzuwandeln. Er fand auch einen sehr geübten, frommen und vollkommenen Sofer, und er ließ ihn in seinem Hause wohnen. In Reinheit und Heiligkeit führte er seine Arbeit aus. So bereitete der Herr alles Material zum Schreiben der Thora vor, beachtete die kleinste Kleinigkeit peinlichst genau, war vorsichtig in all seinen Reden, bis er ein fertiges Pergamentblatt in seiner Hand hielt. Die Arbeit war überaus schön, in der ganzen Welt war kein ähnliches Pergament zu finden. Und als ' das ganze Pergament in einem besonderen Zimmer, ein Blatt auf dem anderen angeordnet war, ging er damit wie mit einem Heiligtum um. Nun schickte der Herr Briefe an alle Zadikim des Zeitalters, ihm drei tüchtige Schreiber auszuwählen, Gerechte, Schriftgelehrte und in der Kabbala erfahren, und diese sollten ihm die Thorarolle schreiben. Und es kamen zu ihm drei hervorragende Schreiber, deren Namen Ruf hatte und die ihm von den größten Zaddikim des Geschlechtes empfohlen worden waren. Jedem von diesen gab er ein besonderes Zimmer und befahl ihnen: „Schreibet nicht zu viel auf einmal, ein jeder von euch schreibe täglich nicht mehr als drei Reihen, die aber in Heiligkeit und Reinheit." So blieben denn diese drei Schreiber im Hause des Herrn und schrieben die Thorarolle in hervorragend schöner Schrift. Sie schmückten die Zeichen mit Kronen'und hatten stets den einzigen g'ttlichen Namen, gesegnet sei Er, im Sinne und die g'ttliche Allmacht. Sie schrieben sehr langsam, in Heiligkeit und Reinheit, und keiner vollendete täglich mehr als drei Reihen. Und sie hatten den Brauch, daß ein jeder von ihnen, die drei Reihen, die sein Nachbar geschrieben, durchsah und einer genauen Korrektur unterzog. So pflegten sie tagtäglich zu tun, bis sie ihre heilige Arbeit beendet hatten. Dann brachte der Herr drei geübte, hervorragende Korrektoren von Ruf, um die Thorarolle nochmals sorgfältig durchzusehen. Nachdem diese drei Männer die Schrift genau geprüft hatten, sagte der Herr zu ihnen: „Ich weiß, daß ihr eure heilige Aufgabe ehlrich ausgeführt habt, denn eure Arbeit ist ja eine heilige g'ttliche. Trotzdem verspreche ich euch 5 Denare Goldes für jeden Fehler, den ihr in dieser Thorarolle findet, außer dem euch ohnehin zustehenden Lohn für eure Bemühung. Da lasen die Korrektoren die ganze Thorarolle nochmals aufs aufmerksamste durch und suchten und forschten nach einem überflüssigen Zeichen oder einem fehlenden. Bei jedem Pünktchen und Strichelchen hielten sie sich auf. Ihr Bemühen war jedoch umsonst, in der ganzen Rolle war kein einziger Fehler zu finden Danach zahlte ihnen der Herr großzügig ihren Lohn und entließ sie in Frieden. Nach all diesem berief der Herr einen Silberschmied, einen berühmten Künstler, dessen Herz von Weisheit und G'tteserkenntnis erfüllt war, und der es verstand, jegliche Arbeit in Gold oder in Silber auszuführen. Zu diesem sprach er: „Fertige eine prachtvolle Krone für die Thorarolle an, ganz aus Gold getriebene Arbeit." Da antwortete der Künstler: „Ich werde tun, wie du mir aufgetragen." Darauf befahl der Herr ihm, daß er sich zur Ausführung der Arbeit neuer Arbeitsgeräte bedienen müsse, die ein Jude zu diesem heiligen Zwecke ihm anfertigen solle. Der Künstler selbst solle auch bevor er an die Arbeit gehe, in der Mikweh baden. Mit großer Treue führte der Künstler die Arbeit aus, ganz so wie es der Herr ihm ausgetragen. Es war das Werk eines Mannes, dessen Geist von Weisheit und Erkenntnis erfüllt ist. In Reinheit und in Heiligkeit tat er seine Arbeit, und viele Tage dauerte es, bis er die Krone vollendet hatte. Hierauf berief der Herr einen jüdischen Weber. Er gab ihm verschiedenerlei Seidenfäden und trug ihm auf, daraus eine Wimpel und einen Mantel für die Thora anzufertigen. Wegen der Vorbereitungen und der Ausführung befahl er dem Weber das gleiche, was er dem Künstler gesagt. Und der Weber fertigte einen Mantel an, der auch dieser hervorragenden Thorarolle zur Pracht gereichte. Und es war, nachdem auch alle foiiftig.en Teile für die Rolle aus der Hand bedeutender Künstler hervorgegangen waren, da gab der Herr ein siebentägiges Gastmahl für alle Talmndgelehrten der Stadt, und er spendete den Armen reiche Geschenke. (Fortsetzung folgt.) Er hat heimgefunden. Es ist ein Merkwürdiges oft um ein Menschenschicksal. Das geht nun in die zwanzig Jahre, daß in unseren damaligen Kaffeehausstammtisch ein Herr eingeführt wurde, den wir sowohl wegen seiner reichen Kenntnisse wie wegen seines bescheidenen Wesens binnen kurzer Zeit liebgewannen. Er hatte eine Rente, die ihn sorgenfrei leben und für wissenschaftliche Zwecke ihm noch übrig ließ. Wir kannten ihn als Privatgelehrten; sein Lieblingsfach war die Folkloristik; insbesondere bezüglich der Balkanvölker, deren Länder er alle bereist hatte, wußte er ungemein Interessantes. In unserem Kreise fühlte er sich wohl; für Hausgesellschasten war er nicht zu haben. Als Junggeselle bewohnte er im Universitätsviertel zwei behagliche Zimmer; gerne öffnete er uns feine Schränke mit den Reiseandenken. Da unser Kreis politisch und religiös neutral alles vermied, was hierin Verstimmungen hätte bringen können, kannten• wir die Konfession des Freundes nicht. Eines Tages nun begegnete er mir im Hofgarten. Ich fand ihn eigenartig gedrückt, wahrte aber natürlich taktvoll Ruhe und begann den Blumenschmuck des Gartens zu loben. „Wissen Sie auch," fragte er plötzlich dazwischen, „was die Juden übermorgen für ein Fest haben? Sie kennen ja und lieben das Judentum." „Jawohl," erwiderte ich, „jetzt kommt Schowuaus, das Fest der geistigen Volkwerdung Israels!" „Haben Sie ein Stündchen frei zu einem Spaziergang? Ich möchte Ihnen etwas erzählen." Ich bejahte und wir gingen in der frühlingsfestlichen Natur durch die Auen zum grün heraufleuchtenden Strom. Da kam unvermittelt die Frage: „Was halten Sie vom Austritt eines Menschen aus der Religionsgemeinschaft seiner Vorfahren?" Ich war momentan so überrascht, daß ich zunächst kein entsprechendes' Wort fand. Er fuhr fort: „Ich bin nämlich der Familie nach Jude." Das hätte ihm keiner von uns angesehen. Inzwischen hatte ich die Sprache wieder gefunden und frug ihn: „Was sind Sie der Gesinnung nach?" „Ah, Sie verstehen mich schon. Ich bin getauft nach dem Ritus einer protestantischen Kirche, aber im Herzen so wenig Christ wie Jude." „Bitte," sagte ich, „nicht zu rasch! Erzählen Sie mir erst das Nähere!" Und nun kam es, wie ich es von einigen anderen Füllen wußte. Der Vater, aus den kleinen Verhältnissen in Posen durch Rührigkeit in große Position gekommen, aber im Religiösen zugleich überrannt von Strömungen, die abzuwenden die religiöse Bildung des alten Herrn nicht hinreichte, führte den Sohn nicht dem Bunde Abrahams zu, sondern einem christlichen Prediger — die drei Töchter wurden Jüdinnen. Aufmerksam hörte ich dem Freunde zu und als er fertig war, sagte ich: „Wissen Sie, welches Gefühl Sie, nicht erst heute, schon seit langem, beherrscht: es ist Heimweh! " Nun kam ihm Staunen in Auge und Miene; nun fand er geraume Zeit kein Wort; dann kam es: „Heimweh! sagen Sie?" „Jawohl, Heimweh! — Vielleicht haben oie in der Ahnenreihe einen frommen Vorfahr, der an Sie denkt. — Sie müssen heimfinde n." Schweigend gingen wir zurück in die Stadt, verabschiedeten uns, und dann suchte ich einen lieben Talmudgelehrten auf, dem ich die Sache vortrug. Der ehrwürdige Greis nahm ineine beiden Hände-in den seinen, betete einen Segensspruch und schloß: „Er findet heim." Zu Schowuaus verabredeten der Freund und ich den Besuch der kleinen Synagoge, dort stellte ich ihn dem Talmudgelehrten vor. Nach der g'ttesdienstlichen Feier begaben 'ich die Beiden in die Klaus des Gelehrten, und, um es kurz zu sagen: Unser Freund hat heimgefunden. Es ward ihm hilfreich Rat und Tat; er arbeitete an sich, wie der Künstler am Marmorblock, unablässig. Aber wer meinte, daß es mit der Aufnahme ins Judentum rasch geg, ngen wäre, würde sich schwer täuschen. Nein, eine lange, ernste Prüfungszeit setzten sie ihm; er hat' mir oft davon erzählt, nie aber entmutigt, nie verstimmt, vielmehr stets hoffnungssreudig. Herbst und Winter kamen; eines Tages weihten die Berufenen seinen Körper mit dem Bundessiegel. Das tiefinnerliche Glück des bald Vierzigjährigen verklärte sein Antlitz. Er lebte den Festkreis mit ganzer Hingabe. Jedem Feste gewann er neue Blüten ab für seine Persönlichkeit; ein besonderer Glückstag war es ihm, wenn er flüchtigen Glaubensgenossen, wie sie damals verstört und verhungert aus 'östlichen Pogromen kamen, helfen konnte; manche Schiffskarte haben wir besorgt; alle seine Verbindungen nutzte er für diese Aermsten. So ging es ein paar Jahre. Wieder ward es Winter. Chanuka war vorüber. In dem Matschwetter des Januar tobte die Grippe durchs Land. Sie warf auch ihn nieder. Ein Erew Sabbat kam. Er, der Woche für Woche das Kommen des Sabbat so herzlich begrüßt hatte, ging, bevor man die Sabbatlichter anzündet, hinüber zum ewigen Sabbat, Mit ihm sei der Friede! I. W. ANNONCEN-BÜRO JULIUS SCHMIDT FRANKFURTA. M. JETZT OSTENDSTR. 83