Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 3 (14.1.1932)
- Date
- 1932-01-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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14. Januar 1932 Der Israelit Nr. 3 Seite 5 den größerer früherer Meister, ein Schlüsselbewahrer alter.Traditionen, die in der ihm allein heilig und rein erscheinenden Art zu erhalten, er sein ganzes Leben, seine ganze machtvolle Persönlichkeit, sein ganges über das Gewöhnliche hinausragende Können einsetzte. „Eine starke Persönlichkeit von stark ausgeprägter Eigenart." Aeußerer Rahmen und Werdegang dieses Mannes sind mit einigen Strichen gezeichnet. Fast zu kurz und gerade, zu wenig verschlungen für die Kraft und die Vielfalt des Lebens und Wirkens, die sich daraus ergaben. Als ältester Sohn von Rabbiner Dr. Salomon Breuer Vst erblickte er im Jahre 1881 in Papa in Ungarn das Licht der Welt. Um seine Wiege rauschten die Klänge der Thora. Die ersten Kindheitsjahre gehörten dem Thoralernen ganz und gar. Sie, die Thoralehre Ksaw Soser'schen Geistes, zu deren vornehmsten Interpreten Salomon Breuer schon damals in Ungarn gehörte, war seine e r st e Liebe. Im Alter von neun Jahren kam er mit der Berufung Salomon Breuers an die Stelle seines Schwiegervaters, nach Frankfurt und trat in die Schule seines Großvaters ein, die ihm die Grundlage für die Synthese von ps *]vi ay min im höheren Sinne gab. Durch ungewöhnliche Begabung und geistige Regsamkeit ausgezeichnet, war er schon in den Knabenjahren der Stolz und die Hoffnung seiner Lehrer und seines großen Vaters. Von der Schule kam er auf die Jeschiwa seines Vaters, um sich viele Jahre wieder ausschließlich der „alten Liebe" zuzuwenden. Iwrnn 'm nawn »man* Von dort wieder auf Gymnasium und Hochschule. Und so vollendete sich in harmonischer Wechselwirkung von min und von man und min der Mensch, der Charakter, der Gelehrte, der Rabbiner, derSchriststeller, der Redner, in jeder dieser Beziehungen gleich groß,' kritisch oft in den ersten Anfängen von der Welt ausgenommen, aber im Gründe stets und ungeteilt geachtet und g r e n z e n l o s bewundert ob des Feuergeistes, der aus diesem innerlich reichen und künstlerisch begnadeten Menschen glühte und weiter zündete. Es war mehr als die bloße Verkörperung von Thora- und Weltwissen, was wir in ihm bewunderten, es war mehr die Verkörperung und innige Verschlungenheit zweier Methoden, die bis dahin, sich ergänzend, aufeinanderfolgten: das Hirsch'sche „Thorajudentum in der Welt" und das Salomon Breuer'sche „Weltjudentum in der Stätte der Thora" fanden sich bei und in ihm zu einem herrlichen Zusammenspiel. Dieser Synthese diente eine ausgedehnte literarische und publizistische Tätigkeit von über drei Jahrzehnten. Schon in ganz jungen Jahren lenkte er durch Veröffentlichungen im „Israelit" die Aufmerksamkeit der jüdischen Welt auf sich Man hatte gleich das Gefühl: hier rüstete ein origineller Geist zu kühnem Aufflug. In seinen unzähligen weiteren, alle Probleme des jüdischen Lebens berührenden und behandelnden Aufsätzen in der ihm nahestehenden Presse fand er mit den eigenen, oft kühnen Gedankengängen und den scharf zugespitzten Formulierungen — er verschmähte bei der Auseinandersetzung mit dem Gegner auch die Waffe der Ironie nicht — nicht immer ungeteilte Zustimmung, stets aber aller Interesse und Beachtung. Es sprach ein Mann von eigener Prägung in eigener bestrickender Form zu uns. Man konnte feine Worte anerkennen oder ablehnen, sich auch innerlich dagegen auflehnen, aber man konnte nie achtlos an ihnen vorübergehen. Mitarbeiter des „Israelit" blieb er bis zuletzt. Er beschloß diese Mitarbeiterschaft erst vor einigen Monaten mit einer Arbeit über die Reorganisation der Orthodoxie, wie sie ihm geboten schien (das Alzenauer Referat). Von seinen Werken, die seines Geistes Erbes einen Teil in der Eigenart seiner Prägungskunst der Nachwelt erhalten, nennen wir: „Die fünf Megilloth, übersetzt und erläutert," Die Kommentare zu Jehauschua und S ch a u f t i m , „Unter seinem Banner, Beitrag zur Würdigung Rabbiner S. R. Hirschs", „Gedankenwelt der Halacha", „Von Mendelssohn bis Herzl" (früher als Artikelserie im „Israelit" erschienen). Ausgestattet mit Rabbinatsdiplomen von seinem Vater, dem Wiener Raw und ungarischer Gedaulim, nahm er 1909 die D i st r i k t s r a b - b i n e r st e l l e in Aschaffenburg an. Was er dort war und wirkte, zeigte die Stimmung der Gemeinde, ja das ganze Bild der Stadt Aschaffenburg am letzten Montag, am Tage, da wir diesen Menschen zu Grabe trugen. Es war ein etwas steiniger Boden, auf dem Rabb. Dr. Rafael Breuer seine rabbinische Wirksamkeit zu entfalten hatte. Vielleicht war die überragende Kraft seiner Persönlichkeit einer rabbinischen Kleinarbeit, wie sie eine bayrische Mittelgemeinde erfordert, von Haus aus nicht gerade dienlich. Aber man weiß heute, was er gerade Kraft seiner bezaubernden Persönlichkeit und im persönlichen Verkehr ausstrahlenden warmen Menschlichkeit alles, entgegen gewissen Strömungen, in 24 Jahren in dieser Gemeinde verhütet hat. Daß das Frauenwahlrecht, das von einer Seite mit größter Intensität betrieben wird, in Aschaffenburg doch nicht Gemeindestatut wurde, war sein persönliches Verdienst, nicht im Kampfe errungen, sondern als Tribut der menschlichen Verehrung der Gemeinde ab gerungen. Daß ein Stück des F vi e d h o f e s von Urnen und Blumenschmuck frei und verschont bleibt, war wiederum ein Wunsch, den die Gemeinde ihrem Rabbi nicht versagen konnte. Er selbst wird jetzt im frischen, frühen Ehrengrabe über die Reinhaltung dieses heiligen Teiles wachen. Leute aus radikal gesinnten Kreisen, die glaubten, alle Bindungen ans Judentum gelöst zu haben, eilten in die Synagoge, wenn Predigt angesagt wurde oder ein Lehrvortrag stattfand, suchten ihren Distrtktsrabd. Dr. Rafael Breuer ^xr* Rabbi auch in der Wohnung auf, um sich über Dinge des Glaubens und Denkens belehren zu lasten, schickten gern ihre Kinder in seinen Unterricht, in den Unterricht des „Stockorthodoxen", der kein Abweichen und keine Konzession kannte, damit er sie mit festen Füßen auf jüdischen Boden stelle und aus den geistigen und religiösen Röten der Eltern in das Helle Licht des jüdischen Wissens führe. Der nichtjüdische Küster der Synagoge erzählt uns treuherzig, wenn es Predigt in der Synagoge gab, war es für ihn in der hintersten Bank ein hohes Fest. Ein christlicher Metzger, der uns in den Weg kommt, berichtet uns, er fei regelmäßig bei allen jüdischen Beerdigungen auf dem Friedhof dabei gewesen, um die Rede des Herrn Rabbiner zu hören. Piele andere aus der Bürgerschaft taten es ebenfalls. Bei Einweihung eines Kriegerdenkmals, auf der er vor einigen Jahren als dritter nach den zwei Geistlichen der anderen Konfessionen sprach, hatte er mit einer meisterhaften Rede über die Pflichten und Rechte des Menschen, Juden und Bürgers, über das Wesen der wahren Toleranz, über das Licht des Glaubens und der Liebe in der öden Finsternis der Zeit, einen Eindruck hinterlassen, unter dem heute noch die öffentliche Meinung von Aschaffenburg und Umgebung steht. In dem völkisch stark durchsetzten Bayern von heute wirkend, erfaßte er seine Pflicht, mit der ihm von G'tt verliehenen Macht des Wissens und Wortes, — geschriebenen und gesprochenen — auch nach außen zu kämpfen. Im Rahmen der E. V.-Bestrebungen und auch weit darüber hinaus wirkte er aufklärend, belehrend und — bekehrend. Wenn wir alle am Bestattungstage in Aschaffenburg doch das Gefühl hatten, Entwickeln Kopieren Vergrößern Abzüge 6X9 Mk. 0.15 Abzüge 9X'2 Mk. 0 20 SCHLESICKY - STRBHLEIH KAISERSTRASSE 27 hier sei die politische Luft reiner und gesünder als anderswo im Bayernlande und im Reiche, fo schauten wir mit Dank zur voranziehenden Bahre hin. Es war dies mit ein Verdienst dieses Mannes an der Spitze der jüdischen Gemeinde und im Zentrum des Kulturlebens der Stadt. Ja, m i t t e n i in K u l t u r z e n t r u m der Stadt wirkte dieser Mann an der Seite der berufenen Führer. Das war klar herauszuhören aus den tiefempfundenen Worten des Oberbürgermeisters und des Gymnasialdirektors in der Synagoge. Das ist herauszulefen aus den seitenlangen Nachrufen, wahren Ausbrüchen des Schmerzes und der Trauer, in der „Aschaffenburger Zeitung" und der anderen lokalen Presse. In einer Dorfgemeinde des Bezirkes, so wird uns berichtet, hat ein katholischer Pfarrer erst am vorletzten Sonntag in der Kirche von der Kanzel herab eine Erklärung des Aschaffenburger Raw gegen die T a l m u d v e r l e u m d u n - gen der n a t i o n a l s o z i a l i st i s ch e n Presse verlesen und hinzugefügt, d i e Katholiken sollten für die Gesundheit dieses jüdischen Rabbiners beten, der zur Aufklärung und Aufrichtung der Geister in solch lichtvoller Weise wirke. Eine Kraft- und Kampfnatur war Rafael Breuer, und als Symbol e i n e s scharf umrissenen Standpunktes oft Objekt wogenden Kampfes. Wer aber Gelegenheit hatte, gerade in den letzten Jahren ihm persönlich näher zu treten und tiefer in sein Wesen zu schauen, staunte, hinter dieser Kraftnatur, die auf Kanzel und Katheder, in Wort und Feder, eitel Feuer und Flamme schien, ein weiches, liebes, fast kindliches Gemüt zu. finden. Nie kam Klage oder Anklage über seine Lippen. Im Tiefsten war wohl auch er davon durchdrungen, daß hinter den Dingen, die sich gegen ihn entwickelten, eine höhere Macht stand, wie er selbst sich von einer höheren Vorsehung berufen glaubte, Hüter der von großen Vätern übernommenen Traditionen zu sein. V? o*nsr nra^ri* Nun ist dieser geniale Mensch und Führer, von dem man noch so Vieles erwarten durfte, auf dem Zenith seines Lebens und auf der Höhe feines Wirkens stehend, früh abberufen worden, um in derviwp 8»*?v'wo er in die Reihe von S. R. Hirsch und Salomon Breuer als deren Siegelbewahrer einzieht, nrown in» teilhaftig zu werden. Möge sein Andenken uns Kraft in schwerer Zeit verleihen und sichern für die schwierigen Aufgaben, die unserer Gemeinde und Gemeinschaft harren. -irty p miDT -tz- Die Bestattungsfeierlichkeilen. Am Montag war dem ganzen Stadtbilde in Afchaffenburg das Trauerzeichen des entsetzlichen Ereignisses aufgedrückt. Auf allen Wegen rollten seit der frühen Morgenstunde die Autobusse, Privatautos und Wagen in die Stadt. Jeder Zug brachte neue Trauergäste aus Frankfurt, den bayrischen Gemeinden und auch aus entfernten Teilen des Reiches. Man sah viele bekannte Rabbiner. Gegen zwei Uhr war die hell beleuchtete Synagoge mitsamt der Galerien vollgefüllt. In den vorderen Reihen saßen vor der aufgestellten Bahre neben den Familienmitgliedern die Ehrengäste, auch Vertreter der Staats- und Stadtbehörden und der Geistlichkeit. Die Feier begann mit dem Absingen des r>»' i’Jtna pur durch Herrn Kantor Seif, worauf Herr Distriktsrabbiner Dr. Stein, Schweinfurt das Wort zur offiziellen Gedenkrede ergriff. Anknüpfend an die in seinem letzten Vortrag vom Heimgegangenen ausgegebene Parole: „Mensch, Jude und Staatsbürger", schilderte er unter Zuhilfenahme vieler Schrifttexte und Talmudspriiche den scheidenden Führer und Amtsbruder in seiner dreifachen Bedeutung und als Wegweiser zum reinen Men-