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Der Israelit · 1932-01-14 · Heft 3 (14.1.1932) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 3 (14.1.1932)
Date
1932-01-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 3 Der Israelit 14. Januar 1932 DlA19N’Pufe bfwifiirt Ihren Liebling vor Wundsein. aber nicht dadurch, daß man ihre Härte leugnet." Also, man will die Welt, wie sie ist und nicht, wie man sie sich träumt. Was man darüber denkt und fühlt, behält man für sich, und ein Schwätzer ist, wer viel über sich und seine Gedanken redet; war der Typus einer älteren Generation vielleicht der Commis voyageur, so ist es heute der schweigsame Chauffeur, und so ist die Welt, wo man sie früher reden ließ, heute still und fest, hart, klar und eckig geworden. So erscheint denn diese Jugend kalt bis ans Herz hinan, gefühllos und ideallos. Sie ist es aber nicht, wie sehr man sie dessen zeiht, und wenn die Ideale der älteren Generation nicht mehr die ihrigen sind, so ist es, weil man sieht, wie man diese Ideale früher beständig im Munde geführt, und wie wenig man sie verwirklicht hat. Nicht der Mensch, das Individuum ist wichtig, sondern die Sache, das Werk, die Leistung; man steht dort, wo man nun einmal steht, und tut dort feine Pflicht oder was man dafür hält, schlicht, selbstverständlich, ohne heroische Geste, ohne Heldenpose, wie der Soldat im Kriege, wie der Gentleman, dem das fair play zur Nwur geworden ist. Und so ist die ganze geistige Haltung dieser Generation eine rein diesseitige; weil wir über die jenseitigen Dinge doch nichts Bestimmtes wissen können, so interessieren sie einfach nicht mehr. Man bewundert vielleicht als Kunstwerke die philosophischen und ethischen Systeme der Vergangenheit, aber Bedeutung haben sie nicht mehr. Jede Philosophie, jede Metaphysik wird abgelehnt und ebenso jeder Versuch, die Ethik auf Ueberweltliches oder auf ein vom Menschen unabhängiges Wertsystem Zurückzuführen. Wissenschaft und Kunst werden geschätzt, aber nicht mehr überschätzt; keinesfalls sind sie mehr die Kultur selbst, Sinn und Höhepunkt der Welt. Die Kunst bleibt immer ein Spiel, ist niemals das Leben selbst; „Ernst ist das Leben und heiter ist die Kunst." Der Wissenschaft ist es nicht gegeben, die letzten Rätsel.zu lösen und in die letzten Tiefen hineinzuleuchten, wie denn der Verstand keine Sonne ist, die Alles erhellt, sondern nur eine Lampe, eben ausreichend, die nächste Umgebung, die nächsten Schritte zu beleuchten. So ist auch das Naturgefühl ein ganz anderes geworden. Nicht schöne Punkte, schöne Aussichten, romantische und liebliche Partien sucht man draußen; die Natur hat überhaupt nicht „schön" zu sein, man liebt sie, wie sie ist, groß, weit, kalt, klar und hart; das heutige Naturgefühl.steht wieder näher dem des Bauern, der ein Teil der Landschaft ist. Man. wird eins mit. der Natur, indem man in ihr Sport treibt, und während man früher von den Wundern des Sonnenuntergangs schwärmte, legt man sich heute in die Sonne und läßt sich bräunen. Die gleiche kühle Distanz, nicht unbedingt ablehnend, aber noch weniger bejahend, wird, wovon später noch eingehender zu reden ist, der Religion gegenüber eingehalten. So ist denn auch das Verhältnis der Geschlechter zu einander, auch die Ehe, nüchterner, kälter und prosaischer geworden. „Wir wollen," sagt Matzke, „Freiheit in geschlechtlichen Dingen., ohne Rücksicht auf die einst geforderte Ehe; Verzicht auf die Verbrämung mit Idealen, die für uns keine sind, dafür Wahrheit und Offenheit in allen geschlechtlichen Dingen." Die Moral hat in geschlechtlichen Fragen zunächst gar nichts mitzureden, sie beginnt erst dort, wo eine etwaige Verantwortlichkeit anfängt. So sympathisiert denn auch Matzkes Buch mit jenen Lehren und Ideen, die zu uns aus Amerika herübergekommen und besonders durch die Schriften Ben L i n d s a y s bekannt geworden sind. Ohne vorerst ein Wort für oder wider zu sprechen: man sieht: statt der Wärme Kühle, statt der Nähe Distanz, statt der menschlichen Gedanken und Empfindungen die Sache selbst, eine ganz nüchterne, vollkommen und restlos diesseitige Stellung zu Welt und Mensch. I. ■' - .. Trotz der hier notwendigen Verkürzung und Vergröberung wird hoffentlich ersichtlich geworden sein, was für ein wahrhaftiges, aufrichtiges Bekenntnis zu dieser neuen Lebensform Matzkes Buch darstellt. Nur e i n e Forderung wird an die Aelteren gestellt: „Laßt uns gelten, wie wir nun einmal sind. Wir sind in keinem Fall schlechter als ihr, auf jeden Fall aber wahrhaftiger und ehrlicher." Und gerade darum, weil dieses Bekenntnis so gerade und ehrlich ist, hat es Anspruch darauf, von uns mit gleicher offener Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit gewürdigt zu werden, ohne die ja doch Alles, was wir dazu sagen könnten, nur eitel Schaumschlägerei wäre. Mag diese Haltung namentlich den Aelteren unter uns noch so unsympathisch und widerwärtig sein — ehrlich und als Gesinnung anständig ist sie unbedingt, und man möchte darüber das alte.Wort setzen: tmm fr« mm *jn:m2 Und das madjt eine Stellungnahme unsererseits überhaupt erst möglich. Jede wahrhaftige Rede, sie komme, von wem sie wolle, muß im Juden, im g e - setzestreuen Juden, einen Widerhall finden, eine irgendwie verwandte Saite in ihm erklingen lassen auch dann, wenn — wie wir ebenfalls zu zeigen haben werden — er die vorgetragenen Anschauungen und Forderungen ablehnen muß. Jede wahrhaftige Rede muß in uns zuletzt als Muffar, als Aufforderung zur Teschuwoh, widerhallen. Darum frage ich ernsthaft: Ist diese neue Form, Menschen und Dinge zu sehen — wohlverstanden, ich spreche zunächst nur von. der Form, nicht von den Inhalten des neuen Denkens — ist diese Form so ganz und gar schlecht und unjüdifch, daß wir uns ganz davon abwenden müßten, weil keine Verwandtschaft zwischen ihr und der Tauroh, dem Judentum nachzuweisen wäre? Fragen wir aber lieber zuvor: Ist die Form, die Haltung, das Welt- und Lebensgefühl, in der wir, die Aelteren in unserer Mitte, aufgewachsen sind, die Haltung der vorletzten und vorvorletzten Generation, so mit dem Judentum, mit der Tauroh gegeben und verwachsen, daß Judentum und Tauroh mit dieser Haltung stünden und fielen? Den Mut, darauf ja zu sagen, bringt gewiß keiner von uns auf. Kann man das Thorajudentum als Ganzes und in allen seinen Teilen nur so erleben, wie wir es erlebt haben, wie es u n s gezeigt wurde, wie wir es zu ehen und zu zeigen gewohnt sind? Hat. man es doch auch vor dem 19. Jahrhundert gelebt, erlebt und gezeigt; warum also sollte'unsere Haltung die einzig mögliche und gültige sein? Wie man das Judentum erlebt, ist doch wirklich gar nicht so wichtig; wichtig und nötig ist doch nur, d a ß es erlebt und gezeigt, und dann-Natürlich vor Allem, daß es gelebt und gezeigt wird. Ist nun die Nüchternheit, Härte und Kühle, wie sie in Matzkes Buch beschrieben wird, dem Judentum an sich o fremd, feindlich und gefährlich? Ist nicht, um damit anzufangen, der Talmud ein Werk von ganz ausgesprochener Kühle, Nüchternheit und Sachlichkeit? Ist nicht auch die schriftliche T h o ra, im Gegensatz zu den literarischen Erzeugnissen der unmittelbar hinter uns liegenden Epoche, selbst in 'ihren erzählenden Teilen ganz sachlich, kurz und nüchtern? Wird in der Bibel viel gesprochen von den Gedanken und Empfindungen der handelnden und leidenden Personen, wird da viel mehr berichtet als das, was sie reden und tun? Und elbst die dichterischen Teile der Heiligen Schrift, die Psalmen, Hiob, wo es sich doch um Gedanken und Empfindungen handelt, wie sachlich, kühl und objektiv sind sie doch immer, verglichen mit gewissen Erzeugnissen unserer Lyrik, mit dem Empindungs- und Gefühlsüberschwang einer genäsen Romanliteratur! Unsere nachbiblische Dichung, ja die ganze jüdische Literatur, selbst der Midrasch, und, der Niederschlag von all dem, unsere Gebete, unser G'ttesdienst, wie nüchtern und objektiv ist das Alles, so sehr, daß uns sogar vorgeschrieben wird, weis wir beten sollen! Und nun — wie hat denn unsere Generation das Judentum erlernt und erlebt? Notwendig doch in der Weise uns er.e.r Zeit, in der Weise der. uns unmittelbar voraufgegangenen Generation. Wir traten, wenigstens ein großer Teil von denen unter uns, die in Deutschland ausgewachsen sind> mit unserer Gedanken- und Gefühlswelt heran und suchten sie im Judentum wiederzufinden. Welche Rolle spielte etwa die Poesie des jüdischen Lebens in unserer Begründung und Propagierung desselben! Diese Poesie war immer dm zweifellos hat man sie auch vor zweihundert und dreihundert Jahren empfunden, aber man sprach nicht darüber, man machte kein Wesens daraus. Und hat man es kn den letzten drei und vier Geschlechtern dennoch getan, so denke ich gar nicht daran, mich darüber lustig zu machen, sondern meine eher, daß das vielleicht ein wirksames Mittel war, uns an die Thora heranzubringen, denn wir konnten doch nur in der Weise unserer Zeit, die auch die unsrige war,.erleben und denken — aber es steht doch nirgends geschrieben^ daß das jüdische Leben poetisch sein müsse, über den Alltag hinaus zu führen bestimmt fest statt, um im Sinne Matzkes zu redn, etwas ganz Alltägliches zu sein! Wir fanden die reifsten,, besten, edelsten Gedanken u n s e r e r Zeit in der Thora wieder; ob es aber wirklich immer die.Gedanken und Wahrheiten unserer Thora waren,- bedarf doch mindestens der Prüfung. Wohlbemerkt, ich tadle es nicht, ich hege uneingeschränkte Verehrung für unsere Großen, die die Auseinandersetzung zwischen dem Judentum und den Gedanken ihrer Zeit geführt haben, denn ohne ihre Arbeit gäbe es möglicherweise heute in Deutschland kein gesetzestreues Judentum mehr. Mag ihre Arbeit, was ich aber keineswegs so unbedingt behaupten möchte, vielleicht auch zeitgebunden, gewesen sein, so war sie jedenfalls auch schlechthin vorbildlich. Sie hat gezeigt, daß das Judentum keinen Zeitgeist zu fürchten hat, keiner Auseinandersetzung aus dem Wege zu gehen braucht, daß alles Echte, Wahre, Gute dem Judentum irgendwie gemäß und verwandt sein muß. (Fortsetzung folgt.) Distriktsrabbiner Dr. Rafael Breuer r st. Es ist ganz unfaßbar, die Feder sträubt sich, es niederzuschreiben. Dr. Rafael Breuer, über dessen Bortrag in Frankfurt wir in der jüngsten Nummer eingehend, berichteten, ist heute, e i n e. Woche später, selbst Gegenstand eines Artikels der Trauer sind des Gedenkens. Es war dieser Vortrag das .letzte Geschenk aus seinem sprudelnden Geiste, aus feinem rrp^n» p’sa 'ns* [einem Perlen jüdischer Weisheit in vollendetster - Form und schönster Fassung ausströmenden Munde. Ein kleines Unwohlsein überfiel ihn am Freitag. Am Sabbat segnete er noch seinen einzigen Sohn und um ein Uhr Mittag stand das große, warme Herz stille, am Sabbat k-wv an dem Sabbat, den Raschi in seiner Erklärung zur Sidra mit den Worten zeichnet: rrhi pnm hs *?2N' „wehe um die, die da gehen und nicht mehr zu ersetzen ftnix" „Er hatte gewiß nicht unverdient die seltene "2s' der jüdischen Welt Y'nsr ^2 sechs Söhne zu schenken, die *vm T»n L>^N2' und doch selber Persönlichkeiten von Eigenart sind." So zu lesen im Leitartikel vom 22. Juli 1926, der dem Andenken des Frankfurter Raw, Dr. Salomon Breuer Vs: gewidmet ist. Beides trifftin höchstem Maße auf den Heimgegangenen Aschaffenburger Raw zu. v'8N2. Eine Kampfnatur! Darin lag seine Größe und auch ein Teil seines Schicksals, aber er war es gewiß nicht aus Liebe zum Kampfe. Ein mutiger, mit allen Waffen sind strategischen Mitteln des Geistes ausgerüsteter Kämpfer aus eigener Position, war er doch ts •na*» fühlte er sich doch selbst nur als Instrument des Kampfes, geführt und geleitet von den Hän-

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