Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 3 (14.1.1932)
- Date
- 1932-01-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450704-2450707--78490-2536182- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
14. Januar 1932 Der Israelit Nr. 3 Seite 3 „Wenn ich unter euch spaniolischen Duden weile, fühle ich mich in der Heimat. Viele Länder habe ich bereist, überall habe ich meine jüdischen Freunde. In Deutschland war ich glücklich, von den dort lebenden Juden mit allen Zeichen der Sympathie empfangen zu werden. In Newyork wie in Paris stand ich in engem Kontakt mit den sephardischen Juden. Und immer, wenn ich unter Juden weilte, machte mich der Gedanke traurig, daß Spanien einst seinen Juden große Unbill zugefügt hat. Spanien, meine geliebte Heimat, hat sich des Vorteils begeben, d i e W i e g e e i n e r w u n d e r v o l l e it j ü d is ch e n Kultur z u sein; dies hätte es vor alleil anderen Ländern ausgezeichnet. Die Erinnerung an die Austreibung der Juden aus Spanien bohrte sich wie ein Dorn in mein Fleisch. Immer hege ich die Hoffnung, daß Spanien, einmal eine Republik geworden, das im Jahre 1492 an den Juden begangene Unrecht wiedergutmachen und den Begriff spanisches Judentum zu einer Realität machen werde. Als ich noch Justizminister war, fiel mir in den Cortes die Aufgabe zu, offiziell mitzuteilen, daß die Regierung das Judenaustreibungsedikt vom Jahre 1492 für ungültig erklärt hat und den spanischen Juden ihre Bruderhand reicht. In diesem Augenblick, da mir der Enthusiasmus der Deputierten und des Volkes entgegenströmte, fühlte ich, daß Spaniens S ch m a ch b e e n d e t fei. Nicht jene Nationen sind groß, die alle Elemente anderer Art ausschließen, sondern jene Nationen sind groß, die fähig sind, andere Elemente in sich aufzunehmen und mit ihnen eine Einheit zu bilden. Diejenige Kultur ist die größte, die fähig ist, verschiedenartige nationale Elemente zu einer Einhet zusammenzuschließen. Die Juden möge» die Vergangenheit vergessen und an die Zukunft denken. Eine Kultur wird es noch in Spanien geben, unter deren Oberfläche aber werden verschiedenartige Ströme fließen, jeder wird seine Eigenart bewahren; diese Kultur wird charakterisiert sein durch die tiefe Liebe zum Wissen, die euch Juden von je eigen ist. Vergeht nicht, Juden von Tetuan, daß ich zu euch nicht in privater Eigenschaft, als eine Einzelperson, spreche, sondern daß ich hier offiziell, i m Warnen der Regierung, d e r s p. a Nischen Republik, im Namen ganz Spaniens, das Wort ergreife." Die spaniolischen Juden im Orient haben zum Glück nicht allein die spanische Kultur gehütet, sie haben sich, soweit nicht ein übereuropäisches Schul- und Kulturwerk französischer Provenienz zerstörend eingegriffen hat, im Ganzen auch ihre jüdische Kultur bewahrt. Das beste Mittel, Und die Pfeifei? Sie war noch aus den alten Zeiten, vielleicht ein Erbe vom Großvater. Und daß sie seit damals gebraucht wurde, merkte man auch: der Rand war verkohlt und wenn er sie anzündete, glühte auch das Holz der Pfeife. Ich hatte Mitleid mit diesem Menschen, mit seiner Pfeife. Für einige Kreuzer kaufte ich. ihm eine neue. „Eine Ueberraschung", dachte ich mir. Als ich sie dem Manne hinter dem Ofen übergeben wollte, blickte er auf. Diese Augen sagten viel. Und ich konnte kein Wort herausbringen. Er verstand mich aber. Mit einem kleinen Kopfnicken lehnte er mein Geschenk ab. Er sog weiter an seiner alten, halbverbrannten Pfeife. Es war an einem nebligen Herbstabend. Ich ging ins Bethamidrasch. Am Ufer des Teiches, der neben dem Lehrhause war, bemerkte ich eine Gestalt. Es war der Alte. Er sucht mit einem langen Stock — seine Pfeife. Sie war ihm aus feinen zitternden Händen ins Wasser gefallen. Ich brachte gleich meine Pfeife. „Danke," sagte der Wortkarge und nahm sie. Ich freute mich, daß er das abscheuliche Ding nicht mehr hatte und meine Pfeife nahm. Am anderen Morgen kam ich wieder in diese Richtung. Er stand wieder — oder noch immer — am selben Ort. Und suchte seine — seine Pfeife. Aber nicht mehr mit einem Stock, sondern mit seinen schwachen Händen suchte er im kalten, schmutzigen Wasser — seine Pfeife. Und er fand sie. Ich trat an ihn heran. Er schaute mich an, griff in seine Tasche, zog die neue Pfeife heraus und gab sie mir zurück. Und er blickte mich wieder an. Ja, diese Augen sagten viel. Aber nichts Genaues. Waren seine Söhne im Pogrom umgekommen? Hat er vielleicht Hab und Gut verloren? Er setzte sich wieder hinter den Ofen und sog an der verbrannten — vielleicht vom Großvater geerbten — Pfeife. Jakow Meir. um Spaniens einstige Stiefkinder wieder ins alte Heimatland zu locken, wäre die Zusicherung o o ller, ungestörter religiöser Lebensm ö g l i ch k e i t e n in Spant en. Vis jetzt hat man von einem ausgesprochen wiedererblühten jüdischen religiösen Leben in Spanien nichts gehört, was gerade nicht Schuld der Regierung fein muß. Die Tauroh und die neue Sachlichkeit. Von Landrabbiner Dr. de Haas in Oldenburg. Wie der erste Punkt des Programms der Agudas Jisroel besagt, ist es ihre Aufgabe, alle jüdischen Fragen nach Maßgabe der Tauroh zu lösen. Daß zu dieser Aufgabe auch die Auseinandersetzung mit dem gehört, was man früher den Zeitgeist zu nennerr pflegte, wer möchte das bezweifeln! Wissen wir doch, daß dieser Zeitgeist, das geistige Gesicht, die seelische Haltung und Form einer Epoche, eine sehr reale Macht bedeuten, der wir alle mehr oder weniger unterworfen sind, und die bald freundlich, öfters aber noch feindlich mit unserem Judentum — darunter, ist im Folgenden ilnmer das gesetzestreue zu verstehen — zusammenstößt. An die Lösung dieser Aufgabe haben ja in den vergangenen Jahrzehnten unsere Allergrößten, ich brauche hier ja nur an Rabbiner S. R. Hirsch zu erinnern, «ihre allerbeste Kraft gesetzt. Heute möchte ich einmal den Versuch machen, Stellung zu dein vor mir Itegenöen Buche uou Franz M atzke zu nehmen, das den Titel führt: „Jugend bekennt: so s i n d w i r." (Philipp Reclam jun. Leipzig, 2. Ausl.) Gegenstand dieses Buches ist die geistige Haltung und Form der gegenwärtigen Generation, genauer gesprochen, der Großstadtjugend im Alter von zwanzig bis dreißig Jahren. In seiner Geschlossenheit, in seiner aufrichtigen, nichts beschönigenden Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit hat es wenigstens auf mich einen gewaltigen Eindruck gemacht. Man muß zu der in diesem Buche geschilderten Haltung unbedingt Stellung nehmen, da es eben die unserer Zeit oder doch die Haltung einer führenden, ausschlaggebenden Sckicht ist. Nun war den Herren, die mir die Behandlung dieses Gegenstandes nahegelegt haben, von vornherein nicht weniger als mir klar, daß es sich hierbei durchaus um ein Wagnis und möglicherweise um kein ungefährliches handelt. Aber Wagnisse sind doch dazu da, um gewagt zu werden, auch aus die Gefahr hin, daß der erste Versuch mißlingeu sollte. (Vereinigung von jüdischen Gemeinden in Italien.) Gemäß dem Regisrungsdekret über territoriale Einteilung der jüdischen Gemeinden Italiens mußte sich die alte jüdische Gemeinde von Siena mir der Gemeinde von Florenz vereinigen. Zur offiziellen Uebernahme der Führung der Genreinde in Siena traf der Oberrabbiner von Florenz, Professor Arton. der Regiernngskommiflar der jüdischen Gemeinde Florenz, Dr. Donati und mehrere Führer der jüdischen Gemeinde Florenz in- Siena ein. Prof. Arton hielt G'ttesdienste auf dem jüdischen Friedhof und in der im 17. Jahrhundert erbauten Synagoge ab, wo dann die feierliche Zeremonie der Vereinigung der Gemeinden stattfand. Im Verlauf der Zereinonie las der bisherige Vorsitzende der Gemeinde Siena, Gino Sadoun, eine: Abschnitt aus einem im Archiv der Jüdischen Gemeinde von Siena sich befindenden Manuskript, das über den Judenpogroin in Siena zu Ende des 16. Jahrhunderts berichtet. (Reue Ausgrabungen in Palästina.) Bei den in der Nähe von Nablus in Mittelpalästina gegenwärtig betriebenen Ausgrabungen find Funde von großem archäologischen Wert gemacht worden, die aus der Zeit des jüdischen Königtums stammen. So stieß man unter anderem aus eine von den Juden errichtete mächtige Mauer, an die die Römer zur Zeit des Herodes das Forum gebaut hatten, ferner auf Gräber mit zahlreichen Gold- und Silbergegenständen, sowie Glasgefäßen, auf einen ausgezeichnet erhaltenen, aus Stein gebauten Wasserleitungskanal und auf ein römisches Mausoleum mit steinernen Särgen. Die Zahl der jüdischen Gefallenen des deutschen Heeres.) Im „Fridericus" veröffentlicht ein Herr Zimmermann einen langen Artikel „Die Juden im Kriege", in welchem behauptet wird, daß im Weltkriege nn deut-! Matzkes Buch hat es nicht mit wirtschaftlichen, sozialen und politischen Fragen zu tun, sondern > allein damit, wie er und seine Altersgenossen : gleicher Art sich selbst und die Welt sehen; in Form eines ungeschminkten Bekenntnisses be- > schreibt er die geistige Haltung, die seelische Form; und das Lebensgefühl der heutigen erwachsenen Großstadtjugend, eine Form, die also jedenfalls, werk» auch M. selbst betont, daß sie notwendig etwas Vorübergehendes fein muß, für eine Zeitlang die herrschende bleiben wird. Wenn wir zunächst versuchen, diese Haltung wenigstens -in kurzen Umrissen zu schtdiern, so kann das natürlich nur in ungeheurer Verkürzung und Vergröberung geschehen und seblstverständlich auch nicht frei von objektiven Zutaten. Die geistige Haltung seiner Generation beschreibt Matzke als die der kühlen Sachlichkeit. Nicht etwa nur die Sachlichkeit der Methode ist es, um die es geht — die hat es immer schon gegeben, wo immer man um „der Sache" willen gearbeitet hat — sondern um eine höhere Sachlichkeit, die jene in sich begreift. Den früheren Generationen, der also auch meine Altersgenossen angehören, war der Mensch Alles gewesen, Höhe und Mittelpunkt der Welt, das Maß aller Dinge, das, was im Grunde dab einzig Interessante und Wichtige war. Es war eben die Zeit des schrankenlosen Individualismus, und nichts war so bedeutend wie das, was der Einzelne dachte, fühlte und empfand. Nicht was die Dinge für sich waren, sondern, was der Mensch über sie dachte, was er in sie hineinlegte, wie er sie sich nahebrachte, war wichtig: so hatte man Alles beseelt, Alles in eine warme „herzliche" Atmosphäre gehüllt, so war der größte Vorwurf, den man einem Kunstwerk machen konnte, der, es habe nicht genug „Seele". Das Alles hat sich von Grund auf geändert, man nimmt sich selbst, nimmt seine Gedanken und Gefühle nicht mehr so wichtig. Was man denkt und fühlt, ist vollständig Privatsache gewordeit, womit man andere nicht langweilen und behelligen darf, womit man allein fertig werden muß; man schreit sein Erleben nicht mehr in die Welt hinaus, sondern verhtillt es mit keuscher Scham. Wo inan früher die Dinge sich nahebrachte, hält man heute auf Distanz, läßt die Dinge so sein und so auf sich wirken, wie sie wirklich sind, und nicht, wie inan sie gern haben möchte. Kurz, mn Matzke einmal selbst reden zu lassen: „Wir wollen rein die Luft, wenn sie auch kalt und scharf ist. Wir wollen wach sein, keine Träutner über schönen Worteit. Wir wollen tlnverschleimf die Härteit dieser Welt. Steine zerschlägt man mit dem Hammer, scheu Heere insgesamt 5827 Juden gefallen seien. Deingogenüber gibt Dr. Löwen sie in im „Schild" bekannt: „Wir haben durch Umfrage eine jederzeit nachprüfbare Lifte von 10.871 Namen jüdischer Gefallener des deutschen Heeres im Weltkriege gesammelt. Bon diesen kannten bisher allein 0774 im Zentral-Nachweiscamt Spandau so identifiziert werden, daß in obiger Liste bei 0774 Namen die Nummer angegeben ist, unter der in Spandau das gesamte Stannnrolleninaterial über den Betreffenden eingesehen werden kann. Ban weiteren 220 liegt die eingeholte standesamtliche Bestätigung vor. Eine genaue Liste wäre nur ztl erzielen, wenn" das ungeheure Material des Zentral-Nachweiseamtes einmal dtirchgearbeitet ist. Die bisher auf Grund der vorsichtigen Statistik von Snoergleit und Segati angenommene Zahl von 12 000 jüdischen Gefallenen dürfte nach obiger Liste, die natürlich nur einen Teil der Gefallenen erfassen konnte, alsdann wahrscheinlich beträchtlich überschritten werden. Jedenfalls ist die Mindestzahl von 12 000 jüdischen Gefallenen als sicher anzusehen. Es ist eine Sch,„ach, daß mir heute noch gezwungen sind, die Blutopfer tausender deutscher Soldaten aktenmäßig festzustellen, damit verlogenste Parteihetze sie nicht aus dem Gedächtnis des deutschen Volkes stiehlt." Briefkasten. I. M. in Str. sss. 50.— für Abonnement eingegangen. L. ffs. 50.— — Mk. 3.18 ciiigegangci, nnd bereits weitergegeben. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das ffeutlleto» T. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. D.: <3. Schachnowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Ossenbach). — Berlaa des Israelit und Hermon G. m. b. H., Frankfurt a. M. — Dr«E Sermon-Druckerei, Frankfurt a. M.