Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 3 (14.1.1932)
- Date
- 1932-01-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450704-2450707--78489-2536181- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Israelit 14. Januar 1932 vs eite 2 Nr. 3 begrüßt — auch ein fieldjen von der Zeiten Wandlung . . . Das Judentum als Religion bleibt von dieser Wandlung unberührt. Als ewiges Bollwerk des chumanitätsge'dankens hat es in den messianischen Prophezeiungen des Jesajas die Vermenschlichüng der Bestien verkündet: „Da der Löwe Gras frißt, wie die Kuh und der Wolf weidet mit dem Lannne . . ." Die umgekehrte Entwicklung, die die Beftialifierung der Menschen prophezeit, ist antijüdisch. Es ist nur ein begrüßenswertes äußeres Symbol dieser tiefen inneren Wahrheit, wenn die Träger des neuen Entwicklungsgedankens sich als Judenfeinde bekennen, wie es auch Oswald Spengler scholl gelegentlich, wenn auch nicht mit der brutalen Deutlichkeit Hitlers, getan hat. Je schärfer der Gegensatz zwischen den Erben des jüdischen Humanitätsgedankens und den Anbetern der im Menschen latenten Raubtiernatur zum Ausdruck kommt, desto stolzer dürfen wir Juden sein. Dürfen wir wirklich stolz sein? Wir haben oben erwähnt, daß die Selbstzersleischung im jüdischen Lager hinter der in anderen Lagern kaum noch zurücksteht. Schuld daran ist die Entsrenrdung immer breiterer jüdischer Massen vom Altväterglauben. An die Stelle der sittlichen Ewigkeitswerte unserer Religion sind zeitgebundene Fragen politischer Prinzipien getreten. Und was die Religion geeint hat, das trennt jetzt die Politik. Die Judenschaft hat ihre einheitliche Orientierung, das Judentum seinen einheitlichen Charakter eingebüßt. Jene, die es nach gutem, altem Brauche als Religionsgemeinschaft auffassen, gerieten längst in Widerspruch mit Modernisten, die es teils als bloße soziale Institution, teils als eine n a - t i o n a l e Organisation deuten. Und seltsam: Je mehr wir uns unsere Köpfe über das Wesen des Judentums zerbrachen, desto mehr näherten wir uns der Mentalität jener, die sich unter der Parole „Kampf gegen die jüdische Mentalität!" im Lager der Raubtieranbeter sammeln. Der Tanz um das goldene Kalb gehört unserer Vergangenheit an; soll unsere Zukunft der Tanz um die goldene Bestie fein, deren Reich Spengler philosophisch prophezeit und Hitler taktisch vorbereitet? Das wäre doch eine gar zu paradoxe Entwicklung des Judentums und nur möglich, wenn dessen erhabene Aufgabe ganz in Vergessenheit geriete. Die weltgeschichtliche Mission des Judentums ist die Erlösung der Menschheit von den Schlacken der Tiernatur und ihre Läuterung durch den uns alle beseelenden Odem G'ttes. Wenn wir Juden uns auf diese hehre Aufgabe besinnen, dann wird zunächst die Selbstzerfleischung in unseren eigenen Reihen aufhören und wir werden endlich das fein, was unsere Bestimmung seit altersher war: „Ein Volk von Priestern ..." Und dann werden sich vielleicht auch die Nichtjuden, die uns heute bekämpfen, am Rande des Abgrundes endlich des Wortes entsinnen, das ihnen dereinst von niemand Geringerem als dem Gründer des Christentums verkündet worden ist: „ D a s H e i l k o m m t v o n d e n I u d e n . . . (Ev. Joh. iv 22). Wochenrundschau. 88K3 Nur keine Angstgemeinschaft; In der neutralen jüdischen Presse Deutschlands lebt in den letzten Tagen wieder der Gedanke des R e i ch s v e r b a n d e s der deutschen Juden auf, und die Nährmutter der jüdischen Nachrichtenblätter, die I. T. A., übernimmt die Idee und propagiert sie mit der ihr eigenen „objektiven und unaufdringlichen Intensität", die nötig ist, um dem Plan, ganz neutralisiert und über die Parteien gehoben, in die Zeitungen aller Richtungen den Weg zu bahnen. Bei Aufzählung aller Leiden, Kämpfe und Gefahren für das derzeitige deutsche Judentum wird zuletzt das eine Allerheilmittel genannt: die Einberufung eines deutschen Jude n t a g e s , der von allen Parteien, Organisationen und Körperschaften beschickt wird. Aus dieser einmaligen Veranstaltung soll dann der dauernde Segen eines permanenten Reichsverbandes der Juden erspriehen. Der Judentag soll die Tribüne sein, auf der die wirtschaftliche, politische und seelische Not der deutschen Juden erklingen kann. Der Reichsverband wird aber diese drei Nöte zu beheben haben. Es ist verfrüht, zu diesem Versuch, aus der Not eine Reichsverbandtugend zu machen, präzise Stellung zu nehmen. Indes fei jetzt schon gesagt, daß ernste und tiefer veranlagte Menschen im deutschen Judentum noch lange nicht gesonnen sind, von den Windstößen einer wirtschaftlichen und politischen Not den Zaun, der einmal weltanschaulich große Teile im deutschen Judentum voneinander trennt, einfach einreißen zu lassen. Wären wir heute schon, was G'tt verhüten mag, durch die Vorgänge draußen innerlich so ausgehöhlt, daß wir uns auch zur Behebung seelischer Not ohne weiteres die Hand reichen könnten, unsere Feinde hätten all das, und noch mehr als das, erreicht, was sie gegen und planten. Aber so weit ist es G. s. D. nicht. Darum würde eine allgemeine Tribüne, die über wirtschaftliche und politische Fragen hinaus auch'den Ehrgeiz hätte, die Seele des Judentums in eine Einheitsjacke zu schnüren, die seelische Not n u r n o ch v e r m e h r e n. Der Schrei nach der Zentralorganisation scheint uns mehr ein Nachklang früherer Zeiten liberaler Vorherrschaftspolitik zu sein, als ein Notschrei der Zeit. Die Verbände in Halberstadt, Berlin etc. arbeiten nach Kräften, und wo sich die unabweisliche Notwendigkeit einer Arbeitsgemeinschaft nach außen ergibt und ohne Preisgabe von Ueberzeugungsgut möglich ist, lagen dieser Zusammenarbeit auch bis jetzt keine Hemmungen im Wege. In rein religiösen Dingen haben sich aus der Not der Zeit heraus Komitees — wie beispielsweise das S ch ä ch t k o m i t e e in Berlin — herausgebildet, die, autonom, aber vom Vertrauen der gesamten deutschen Judenheit getragen und in engster Fühlung mit derselben, sachgemäß arbeiten. Die Front nach außen schützt und hält der Z e n t r a l v e r ei n der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens in einer Weise, die die Achtung, Anerkennung und Unterstützung der gesamten Judenheit verdient und auch besitzt. Eine Ueberorganisation und ein Dachverband, in dem naturgemäß die Körperschaften einer einzigen Richtung, der liberalen, das Uebergewicht haben würden, könnte nur lähmend auf die Ellenbogenfreiheit jener Gebilde wirken. Die äußere Lage allein darf kein Vorwand sein. Nur keine Angstgemeinschaft! Spanien wirbt! Es mehrten sich in letzterer Zeit die Lockrufe der neuen Machthaber in Spanien an die span i o l i s ch e n I u d e n , die viereinhalb Jahrhunderte die Sprache und Kultur des Landes, das sie lieblos aus seinen Toren gewiesen hat, treulich gehütet haben, zur Heimat zurückzukehren. Es ist nicht jedes Wort, das in der Maienblüte der spanischen Republik gefallen ist, auf die goldene Wagschale zu legen. Aber eine Ansprache, die der derzeitige Kultusminister, D o n F e r n a n d o d e l o s R i o s in der Stadt T e t u a n in Spanifch- Marokko dieser Tage auf einer jüdischen Veranstaltung gehalten hat verdient doch mehr Beachtung, als man sie sonst Höflichkeiten von Diplonraten schuldig ist. Der Minister sagte u. a.: Talmudische Wahrhaftigkeit. Von Rabbiner Dr. Kaatz in Hindcnburg O. S. Im Talmud (Roschhaschana 17a) wird berichtet: „R. Huna, Sohn des R. Josua, war erkrankt und R. Papa ging zu ihm hin, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Da sah er, daß es schlimm um ihn stand, und er sagte: Bereitet ihm die Sterbekleider! Dann aber wurde er gesund und R. Papa schämte sich, vor ihm sich zu zeigen. Da fragte man ihn: Was hast du denn gesehen? Er erwiderte: Ja, so stand es um ihn, aber der Heilige, gelobt sei er, sprach: Da er auf seiner Behauptung nicht besteht, so sollt ihr auch ihm gegenüber (auf dem Beschluß) nicht bestehen, denn so heißt es: Er verzeiht die Sünde und übergeht den Fehl. Wem verzeiht er die Sünde? Demjenigen, welcher den Fehl übergeht." So weit die Erzählung des Talmuds. Es mag sein, daß man hinsichtlich der Auffassung und Uebersetzung einzelner Worte dieses Berichtes verschiedener Meinung sein kann. Aber die hier gegebene Uebersetzung scheint mir die zutreffende zu sein. Das, was hier vom Talmud berichtet wird, ist sehr schlicht, aber bei aller Schlichtheit überaus interessant und lehrreich. Es ist eines der vielen Beispiele für die hohe Schätzung, welche die talmudischen Weisen der Wahrhaftigkeit entgegenbringen. Um aber den Sinn dieser Erzählung recht zu verstehen, müssen wir uns in sie vertiefen. Es fällt, wenn wir sie aufmerksam lesen, äüf, daß berichtet wird, R. Papa habe sich geschämt, vor dem genesenen R. Huna b. Josua zu erscheinen. Da die talmudische Darstellungsweise sich grundsätzlich größter Prägnanz und Kürze befleißigt, so entsteht die Frage, warum dieser scheinbar nebensächliche Umstand erwähnt wird, der doch auf den Zusammenhang des Ganzen keinen Einfluß zu haben scheint, denn R. Papa hätte ja in jedem Falle Rede und Antwort stehen müssen, wie er darauf gekommen sei, dem Kranken den Tod vorauszusagen. Ob er sich schämte, vor dem Genesenen zu erscheinen, oder nicht, das scheint doch für den Kern der Sache gleichgültig zu sein. Wozu wird es da überhaupt erwähnt? Eine zweite, in gleicher Weise sich aufdrängende Frage ist: Hat denn R. Papa die Charaktereigenschaften des kranken R. Huna b. I. nicht schon vorher gekannt? Wußte er denn nicht schon, als er am Krankenbett saß, daß der Kranke ein Mann war, der „nicht auf seiner Behauptung bestand" und daß ihm ma >,»2 nix, um dieses Verdienstes willen Heilung und Rettung zuteil werden könne? Wieso kam R. Papa erst nach der Gesundung des Kranken auf diesen Gedanken? Hier erkennen wir die Tiefe und Fülle der talmudischen Erzählung. Sie ist wortarm, aber gedankenreich. Es ließen sich mannigfache Antworten auf die beiden Fragen geben. Aber ich begnüge mich, ohne zu versuchen, den ganzen Reichtum der Erzählung auszuschütten, folgendes zu antworten: R. Papa hatte die edle Charaktereigenschaft des kranken Freundes gekannt, aber er hatte sie vorher nicht genügend gewürdigt. Erst als er die Nachricht von dessen Genesung erhielt und sich dabei ertappte, wie sehr er sich seines Irrtums schämte und wie schwer es ihm fiel, vor dem Freunde zu erscheinen, erst da brachte ihn die ernste Selbstprüfung zu einer rechten Schätzung und Bewertung jener edlen Eigenschaft R. Hunas b. I., den es keine Ueberwindung kostete, Jrrtümer einzugestehen. Es gibt niemanden, der frei wäre von Jrrtümern. Aber die Wahrheit kann nur dann gedeihen, wenn wir Jrrtümer, die wir als solche erkannt haben, nicht beschönigen und verschleiern, sondern sie frei und offen eingestehen im Sinne jener talmudischen Wahrhaftigkeit. Uleines Feuilleton. Die Pfeife. Was nicht der Jude alles zu lieben lernt! Und an feine Leiden hat er sich schon so gewöhnt, daß er an ein Leben ohne Schmerz und Not nicht glaubt. Auch an seine Pfeife gewöhnt sich der Jude. Und er liebt sie. In unserem Dorfe hatte jeder Jude, der schon Großvater war — oder es schon hätte sein können — eine Pfeife. Je älter er wurde, desto länger die „Lilke". Im Lehrhause, am Ende des Dorfes — wo Reb Schalem jede Nacht für Auserwählte aus dem heiligen Buche des Sohars vortrug, — in diesem Bethamidrasch saß immer ein kleiner Jude. Nach der Pfeife bemessen, dürfte er gar nicht so alt gewesen sein. Aber seine müden Augen im verrunzelten Gesicht und das schneeweiße Bärtchen der um den Mund herum von Tabakrauch gebräunt war, sagte anders. Er sprach nie ein Wort, kümmerte sich nicht um das Geschrei der Kinder und nicht um den Vortrag Reb Scholems. Mit gebeugtem Haupte und halb geflossenen Augen saß er hinter dem Ofen und sog an seiner Pfeife.