Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1932)
- Date
- 1932-01-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Hr.2 \<m Es war in der Mitte der Nacht. KS^ Von Rahel Baum in Ludwigshafen. (Schluß.) Sie schritten über Straßen und Plätze am Nil entlang, nach Gosen, und kamen an der Schlucht vorbei, in die einst Malul gestürzt war, daß die Eunuchen ihn mit zerbrochenen' Gliedern auf ihren Schultern zurück in den Palast tragen mußten, wo er nach -drei Tagen schrecklichster Qualen verschied. Adikos ging zu Fuß und sein Bart war mit hartem Staub gefüllt. Er gedachte seines Vaters, des Pharao Malul, der aussätzig war, viele Jahre, und den die Aerzte jeden Tag in dem Blut hebräischer Kinder badeten. Aber das Leiden war immer schlimüier-gewdrdest und sein Leib so zerfallen, daß Einbalsamieren unmöglich war und man ihn eingraben und verscharren mußte wie ein unheiliges Tier in der schwarzen Gruft zu Zoar. Er gedachte seines erloschenen Sohnes und stöhnte. Sie zogen über die Straßen und Plätze, aber da war kein Mensch. Denn. Mosche und Aharon und ganz Israel saßen ln ihren Hütten und aßen das Pasta. Da klopfte der König an die verrammelten Türen aus schwerem Schilf und fragte überall: „Wo ist hier Mosche? O, sagt mir, wo ich den Mann Mosche finde?" Endlich kamen sie an Amrams kleine Hütte, die am Rande des ärmlichen Dorfes an der Grenze steiniger, grauer Felder lag. Sie blieben stehen und warfen ihre Stimmen klirrend gegen das schiefgeneigte, niedrige Dach. „Wer ruft dort durch die frühe Nacht?" frug Mosche. Und Pharao antwortete: „Das bin ich Pharao." Da sprach Mosche: „Wie kommst du zu.mir? Ist denn dies eines Königs Art, umherzuschweifen in der Nacht und an die Türen der Häuser zu klopfen?" „O, Mosche," rief Pharao,„wie schwer hat uns dein G'tt geschlagen. Mein Volk ist hingesunken vor dem Hauch deines Mundes." Da sprach Mosche voll Zorn: „Warum hörtest du nicht aus mich. Trat ich einmal vor deinen Thron oder zweimal? Wie oft kam ich zu dir und bat, nimm ab das Joch von Jacobs Söhnen, entlaste.Israel aus deinem Dienst, .das für dich arbeiten mußte 210 Jsfhre lang.,in grausamster. Frohn, ohne Dank, ohüe Lohn, ohnenErbarmen- Gib meine Brüder frei, zu Unrecht, fesselst du-sie, daß ich sie in das Land führe, das unseren Ahnen schon verheißen ward. Du aber hast gekräht wie ein Hahn und gespottet, als ich friedlich vor dir stand und mit sanften Worten flehte, und dir Zeichen des Allmächtigen wies. Hast du nicht gehöhnt und mich gescholten; ... ist das alles, was er vermag? Wer bringt Salzbrühe nach Hifpanien und.Fische nach Akko, wer trägt Stroh nach Äpharäim und' ZKraut an einen Ort, der voller Kraut ist? Nur "Recht ist dir geschehen, Maß für Maß, Uebeltäter!" Da erhob Pharao seine Stimme und schluchzte und schrie: „Mosche, Mosche, geh hinaus auf das Feld und bete für uns, denn es ist in Aegypten fast kein Mensch mehr am Leben!" Mosche sprach: „Dies kann ich nicht. Der Ewige hat geboten, unsere Füße nicht über die Schwelle zu stellen in dieser Nacht." Da bat Pharao: „gedenke doch, daß mein Vater Malul freundlich zu dir war und dich erzog und dich umarmte und mit allem Glanz und aller Pracht umgab. Sind wir denn nicht wie Brüder aufgewachsen? O, zeige dein liebes Antlitz in der Fensterspalte!" Mosche aber rief: „gedenke der jungen Knaben, der taufend mal tausend,, die dein Vater im Nil ertränken ließ, vor meiner Zeit, gedenke der Unschuldigen, die ihr lebendig in die Mauern eurer Paläste vergraben habt, gedenke der Kinder, die er, Malul, hinschlachten ließ, um seine eklen Schwären mit eurem reinen Blut zu benetzen. Tag für Tag, Zwei Jahre lang, bis er starb, nachdem sein Leib schon lange in Schande und Schmach verwest war!" Wieder hob da der König seine verbrannten Hände und schrie und weinte undalle seine Fürsten und Diener, die um ihn waren, weinten mit ihm. „Mosche, nimm deiüe Brüder, die Juden^ nehmt eure Schafe und Rinder, laßt nichts übrig von eurer Habe, wir geben euch Schätze und Kostbarkeiten, laßt ab von uns. Wir find alle des Todes!" Und Mosche eilte und ging an den Nil und irrte an seinen Usern. Er nahm einen Span Holz, ritzte heilige Buchstaben in seine weichen Fasern und warf ihn in die trägen, murmelnden Wasser. Er rief: „Josef, Josef, die Stunde ist gekommen, da G'tt seine Kinder aus der Knechtschaft führen will, er zögert aber deinetwegen. Josef, Israel wartet auf dich!" Da begann das Wasser zu sieden und zu kreisen, lautloser Wind brauste über den Strom, die summenden Wogen bäumten sich rauschend und ein riesiger, kupferner Sarg stieg aus der surrenden Höhle des Stromes und schwamm leicht wie das zarteste Schilfrohr über die Wellen. Und Mosche reckte die Hand aus und hob den Sarg mit Josefs Gebeinen auf seine Schulter. Osten im Westen. Von I. W. „Kommen Sie mit zum Trister", forderte mich ein guter Bekannter in London auf. Da hatte ich Glück. Kaum war ich einige Tage in der englischen Hauptstadt, und schon würde der Sohn des „Trister" barmizwoh. Mir hüpfte das Herz im Leibe vor Freude. Der Trisker, der Lhassidim-Nebbe, sein Sohn barmizwoh und das — in London. Das wird eine bisher noch nicht gekosteten Freude geben. Gleich nach Nacht brachte uns der bus Nr. 116 über Whitechapel Road nach Hackneck vor die Devonshir-hall. Die Straße war voll von Autos. Der Policeman stand in seiner weithin kenntlichen Uniform mit dem Feuerwehrhelm aus dem Kopfe, in der ihm eigenen unerschütterlichen Ruhe auf seinem Posten. Die Türen von Devonshirhall waren weitgeöffnet, um. die Änkommenden ungehindert in den Saal zu lassen. Zu einem Feste beim Rebben kann jeder kommen, auch ungeladen. Die Sudoh war ihrem Ende nahe. Das konnte mann an den regellos umherstehenden, .fast leeren . Tischen sehen. Das Schwergewicht der Gäste hatte sich um des Rebben Tisch gelagert, so daß man'kaum'einen Durchblick bekam. Der Rebbe hielt eine Rede. Daß man sie nicht verstand, war zum Teil das Verdienst derchassidischen ladies, die sich im Saale besuchten und unterhielten. Außerdem kamen unabläßig durch die offenstehenden Türen Zuschauer, die nicht unhörbar die Treppen zur Galerie hinaufgingen. Von oben hatte man in der Tat eine umfassende Schau. Wie glänzten die Farben auf der langfransigen großblumigen Shawls, die. züchtig die Schultern der Damen deckten! Wie grell leuchtete das Gelb und Rot und Blau der modischen seidenen Kleider! Wie frisch frisiert umhüllte der : starke Scheitel, das schmale Gesicht der Gastgeberin, der Triskerin, während die Schätzer Rebbezin eine Haube trug mit einer wirklichen Perlenkrone über die Stirne, eine entzückende Tracht. Die volle Mitte des Tisches, der sich fast die ganze Länge des Saales an der Seite hinzog, nahmen die Rebbes ein, unverfälscht in ihrer Kleidung aus uralter Zeit. Die Kapotte und der Gürtel, und hoch über allem der Streiml, dieser imposante Samthut mit dem schweren Rand aus echten Zobelschwänzen. Dort saß der „Schätzer" im weißen Bart, der Gastgeber, der Trisker, der Sassower. Zwischen ihnen eine ganz kleine zarte kindliche Gestalt, umhüllt von der Kapotte, einen jüdischen Hut auf dem Kopfe — der Barmizwoh. Es wurde geredet, gesungen, schirajim gegessen und gebenscht. Und man stand auf und reichte sich die Hände und tanzte, und tanzte aus vollem Herzen den hinreißenden bezaubernden chassidischen Kreis-Tanz der Männer. Begeisterung ließ im rhptmischen Schwung die Füße setzen, unermüdlich, bis verzückt sich die Augen schlossen, bis die Hände sich lösten, um die Schultern zu fassen, bis eine feste Wand die eng aneinander geschmiegten tanzenden Ketten bildeten, bis der Schweiß der Ausdauer unter den schweren Zobelhüten hernieder troff und man strahlend vor Freude einige Minuten aussetzte, um neue Kraft zu sammeln zum frischen Tanze. Brüderlich hielten sie sich die Hände und griffen immer neue Außenstehende in den tanzenden Kreis und überfluteten sie mit dem heiligen Rhytmus, der die chassidische Seele beschwingt. Und am anderen Ende des Saales, da tanzten die Damen in Gelb und Rot und Blau, im Kreise und einzeln, Polka und Fortrott, allen voran die kleine spindeldünne Trisker Rebbezin mit dem vollen tiefgewellten Scheitel, mit dem Stehbund bis unter das Kinn an dem himmelblauen Kleide, mit den großen glänzenden Augen. „Der Rebbe geht, und die Rebbezin noch beim Tanze", hörte ich eine lächelnde Bemerkung von irgendwoher inl Saale. Erft jetzt bemerkte ich die Uhr über der Türe des Saales. Sie zeigte 2 Uhr nachts. Devonshire-hall leerte sich langsam. Durch Hackney rollen die Autos voll von hochbefriedigen Chassidim und ihren Angehörigen. Uinderecke. Der Erretter Israels. Auf dem Thron feiner Herrlichkeit faß G'tt und um ihn standen die Engel des Dienstes. Da tönte ein Schrei zu ihnen empor aus den Tiefen. „Was war das?" riefen erschreckt die Engel. „Die Kinder Israel,haben geschrieen," erwiderte G'tt, „wegen ihrer Bedrückung und .wegen des Jammers um ihre neugeborenen Kinder." Die Engel waren sehr bestürzt und weinend flehten sie zu G'tt, er möge doch das geplagte Volk aus Aegypten befreien. „Ich werde die Erlösung bringen," antwortete G'tt, „sobald die richtige Zeit dazu gekommen ist." „Und wann wird das sein?" fragten drängend die..Engel. -.. . „Wenn der rechte Mann die rechte große Liebe zeigt, dann wird er Israel aus der Sklaverei befreien!" Der rechte Mann, dachten die Engel, wer soll das sein? Gewiß ist es der kleine Knabe, der auf so wunderbare Weise aus dem Strom gerettet wurde. Sicher hat G'tt diesen zu ganz seltenen Taten bestimmt. Ob wohl die große Liebe in ihm wohnt? Sie nahmen sich vor, sein Leben und Treiben ganz besonders''zu beobachten. Es vergingen länge Jahre, der Knabe wuchs Heran und noch hatte keiner der Engel eine Tat voll besonderer'Liebe liei ihm bemerken können. Eines Tages aber verließ der Jüngling den königlichen Palast, um sich nach seinen Brüdern umzuschauen. Da sah er gerade, wie ein ägyptischer Aufseher einen armen Juden,, der vor .lauter Müdigkeit nicht mehr arbeiten konnte, furchtbar mit der Peitsche' schlug. Der Jüngling, Mösche, ward erfüllt von Mitleid und Liebe zu seinem gequälten Bruder, der Zorn wallte in ihm auf und er erschlug den bösen Aegypter. Als das die Engel des Dienstes sahen, eilten sie sofort zu G'tt und riefen „Herr der Welt, nun ist die Stunde der Befreiung gekommen! Dein Diener Mosche ist erfüllt von der großen Liebe, wie Du sie wünschst. Er hat in seiner feurigen Bruderliebe sogar des eigenen Lebens nicht geachtet, denn er wird verfolgt jetzt werden wegen seiner Tat!" „Das ist nicht die Liebe, die ich gemeint habe," erwiderte G'tt. Manch anderer hätte auch so gehandelt; die Liebe zum Bruder ist schön und gut, aber die rechte und besondere Liebe, die der Erretter Israels besitzen muß, die ist' größer noch und stärker und allumfassender ist ihre Art."