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Der Israelit · 1932-01-07 · Heft 2 (7.1.1932) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 2 (7.1.1932)
Date
1932-01-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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7. Januar 1932 DerJsraelit Nr. 2 Seite 7 fchungsmethode (Maimonides, Jehuda, Halevi, S. R. Hirsch) auseinander und wandte sich im Hauptteil seiner Ausführungen dem Problem des „Sinns" der religiösen Handlung zu. Nach Darstellung des individuellen Moments im Sinngehalt wurden vom Redner vier „Sinngesetze" des religiösen Handelns vermöge der sinnphänomenologischen Methode sowie der Gestaltspsychologie aufgewiesen. Durch die Entfaltung einer systematischen Typologie der verschiedenen Religionsformen konnte gezeigt werden, daß diese Sinngesetze ihre restlose Erfüllung lediglich innerhalb des Judentums und seines Mizwa-Begriffs gesunden haben. Die Diskussion bewegte sich unter Zugrundelegung der entwickelten prinzipiellen Unterscheidung von „Sinn" und „Bedeutung" vor allem um das Problem der Beziehung dieser beiden Untersuchungsgebiete zueinander. Der folgende Tag war dem das Wesensziel des Bundes berührenden Thema „Das jüdische Bildungsideal" gewidmet, über das Herr Studiendirektor Dr. Markus Elias, Frankfurt am Main referierte. Der Redner ging von dem Buche Sprangers über das deutsche Bildungsideal der Gegenwart aus. Zum Unterschied von dem in der Thora für alle Zeiten bestimmten Lebensideal fei das Bildungsideal dem Wandel unterworfen. Gerade in Zeiten der Resignation und der Kulturkritik, wie wir sie heute durchlebten, sei es die Aufgabe des jüdischen Bildungsideals, durch wertbestimmte Erfüllung mit der Kultur der Umwelt den Menschen zu Leistungen in Welt und Leben fähig zu machen. Die geistige, gesellschaftliche und politische Lage der Gegenwart zwinge uns, auf allen Gebieten der Kultur uns zu betätigen. In einem Korreferat entwickelte Studienassessor Max Feuchtwanger, Frankfurt a. M. den Tatbestand der Problemlage. Nach einer Uebersicht über die Bildungstendenzen des Talmuds und späterer Erklärer ging der Redner auf die Stellungnahme S. R. Hirschs ein, dessen Kulturbejahung als religiöse Haltung zu werten sei. Unter Verwertung der Gestaltpsychologie zeigte der Redner die Problematik dieser Synthese, die durch die europäische Kulturkrise noch verschärft werde. Aus der jüdischen Geschichte eine Entscheidung abzuleiten, sei nicht möglich. Dennoch müsse, wenn auch ohne strenge Begründung, das Prinzip „Thora im Derech-erez" weiterhin der Weg der deutschen Orthodoxie bleiben. An die beiden Referate schloß sich eine ausgedehnte Diskussion, die von verschiedenen Gesichtspunkten aus den Sinn der Synthese zu klären bemüht war. Der Freitag-Abend versammelte die Teilnehmer der Tagung zu einem halachischen Referat des Herrn Rabbiners Dr. David Carleb ach, Köln, über das Thema: „Mizwaus zerichaus kawonio". Nach Sabbat-Ausgang fand der traditionelle Kommers statt, der von R.-A. Josef K l i b a n s k y, Frankfurt a. M. geleitet wurde. Bis in die späte Mitternachtsstunde blieben die Teilnehmer, unter denen sich eine große Zahl von Gästen befand, in freudig angeregter Stimmung zusammen. Der folgende Sonntag war den geschäftlichen Beratungen gewidmet, denen Herr Dr. Jacob L e v y, Berlin, präsidierte. An den Tätigkeitsbericht, den Dr. Joseph Stern namens des Bundespräsidiums erstattete, schloß sich die mehrstündige Generaldebatte an, in der die gegenwärtige Situation des Bundes nach allen Seiten beleuchtet wurde. Eine Reihe von organisatorischen Interna fand ihre Regelung. U. a. wurde beschlossen, die gemeinsame wissenschaftliche Arbeit der Bundesvereinigungen durch sorgfältig vorbereitete Gruppentagungen zu fördern. Daneben soll alljährlich im Kreise einer jeden Bundesvereinigung eine größere Zusammenkunft der aktiven und inaktiven Mitglieder stattfinden, bei der neben der wissenschaftlichen Diskussion der Hauptwerk auf den bundesbrüderlichen Zusammenhang gelegt werden soll. Ein weiterer Beschluß gilt der Pflege gesellschaftlicher Beziehungen zwischen den jungen Akademikern und den Alten Herren. Eingehende Erörterung fand die Frage, in welcher Weise die thoratreuen Studentinnen an der Arbeit des Bundes beteiligt werden können. Es gelangte eine Entschließung zur Annahme, die die Heranziehung der Studentinnen zu den wissenschaftlichen und geselligen Veranstaltungen fordert. Hingegen wurde die formelle Aufnahme studierender Damen in den Bund nicht für angezeigt gehalten. Die sich mehrende Zahl der gesetzestreuen Akademiker-Vereinigungen im Auslande gab Veranlassung zu einer ausführlichen Diskussion über die Formen, in denen sich in Zukunft die Pflege der gemeinsamen Interessen vollziehen soll. Es wurde die Schaffung eines Gesamtverbandes jüdischer Akademiker in Erwägung gezogen. Das Bundespräsidium erhielt weitgehende Vollmachten für die in dieser Richtung zu unternehmenden Schritte. Am Sonntag-Nachmittag fanden die Wahlen statt. Der Vorsitz im Bunde verblieb bei dem bisherigen Vundespräsidenten Dr. Joseph Stern, Berlin. Des ferneren wurden in das Bundespräsidium die folgenden Berliner Herren gewählt: Dozent Dr. Moses Auerbach, Stud.-Nat Dr. Harry Abt, Nabb. Dr. Alexander Altmann, Dr. med. Fritz L e v y, cand. phil. Mendel Matzner und R.-A. Dr. Alfred Wiener. Weitere 15 Herren, die sich auf sämtliche dem Bunde angehörenden Vereinigungen verteilen, wurden in den Bundesausschuß gewählt. Persien. Ein jüdischer Parlamentarier hingerichtet. Teheran, 1. Jan. Der jüdische Repräsentant in persischen Parlament, Schmuel Jecheskel C h a j i m, wurde beschuldigt, an einer Verschwörung gegen den Schah beteiligt gewesen zu sein. Trotz seiner Unschuldbeteuerungen wurde er von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt und am 31. Dezember auch hingerichtet. Die persischen Juden sind fest davon überzeugt, daß Chajim unschuldig und nur ein Opfer seines mutigen Eintretens für die jüdischen Rechte und Interessen im Parlamente wurde. Angarn. Winterhilfe in Budapest. Budapest, 4. Jan. Die Haupt- und Residenzstadt Budapest hat die heurige Notstandsaktion mit besonderer Jntensivität so großzügig wie keine europäische Metropole angelegt. Außer ber Verteilung von Lebensmitteln, Vekleidungs- und Heizmaterial verabreicht die Hauptstadt in 98 öffentlichen Volksküchen täglich an 50.000 Personen gratis Mittagsmahl. Anschließend an diese hauptstädtische Notstandsaktion creierte der Präsident der Pester Israelitischen Kultusgemeinde, Hofrat Samuel Stern, auf Anregung des gew. Stadtrates Desider K o r e i n eine aus den Delegierten der fünf Religionsgemeinden bestehende Jüdisch-soziale Zentralkommission mit dem Gemeindevorsteher Dr. Emil Zahler an der Spitze. Die Kommission schickte als Repräsentanten in die hauptstädtischen Behörden Desider Korein, der beim ersten Berliner Weltkongreß des Schomre-Schabbos als einer der Vorsitzenden mitwirkte. Die diesbezüglichen Bemühungen Koreins haben eminente Erfolge erzielt, indem Oberbürgermeister Dr. Franz Ripka und Vizebürgermei st er Andreas Liber sämtlichen unterbreiteten Vorschlägen betreffs der rituellen Verköstigung der notleidenden religiösen Armen bereitwilligst zustimmten. Der Oberbürgermeister gestattete die Aufstellung 15 ritueller öffentlicher Speisehäuser, welche auf Kosten der Hauptstadt täglich 3000 jüdische Erwachsene und 1200 Schulkinder mit rituellem Mittagessen versehen. Die Differenz dieser konfessionellen Küchen tragen die hiesigen Kultusgemeinden, was unter den jetzigen schwierigen Wirtschaftsverhältnissen eine namhafte Belastung des Budgets bedeutet. Die Woche. Samson Raphael Hirsch und seine Schule. Zur Jahreszeit von S. R. Hirsch veranstaltete die Rabbiner Hirsch-Gesellschaft am Dienstag Abend einen großen Vortragsabend im Volksbildungsheim, mit Herrn Distriksrabbiner Dr. Raphael Breuer aus Aschaffenburg als Referenten, und zwar über das für uns brennend aktuelle Thema: „Samson Raphael Hirsch und seine Schule". Der große Saal des Volksbildungsheimes war schon eine halbe Stunde vor Beginn so voll besetzt, daß man dem nachdrängenden Publikum die Galerien öffnen mußte. In Vertretung des unpäßlichen Vorsitzenden der Rabbiner Hirsch-Eesellschast begrüßte Herr Rabbiner Horov i c z. Jerusalem die Versammlung und den Referenten. Er teilte u. a. mit, daß der greise Oberrabbiner dar Aschkenasim in Jerusalem, Rabbi Chajim Sonnrnf e l d, ein guter Kenner der Hirsch-Schriften sei und sich mit den Bestrebungen der S. R. Hirsch-Gesellschaft vollkommen einig wisse. Herr Rabbiner Dr. Breuer entwickelte mit großer Rhetorik und zum Teile eigenen meisterhaften Formulierungen ein Bild aus dem Kulturkampf zu Beginn des vorigen Jahrhundert, aus dessen Röten die geistige Rettungsaktion des S. R. Hirsch hervorgegangen ist. Eine kleine historische Skizze über die Kulturbestrebungen in Frankfurt um 1791, den von Rabbi Pinchas Horowitz ausgesprochenen Cherem, die durch Rat und Senat erzwungene Aufhebung des Cherem und die Gründung des Philantropins im Jahre 1804, war der Ausgangspunkt für die wert ausholende Betrachtung. Was S. R. Hirsch von Mendelssohn, Wessely und all den Kulturträgern der folgenden Zeiten auszeichnete, war der Chassidismus, seine kabbalistische Einstellung, die er, der sich, wie alle feiner Zeit, im Rationalismus angesiedelt hatte deutlich in seinen „19 Briefen" wie in seiner ganzen Lernmethode stets bekundet. Freilich blieb er den Aeßerlichkeiten und zeitgeborenen Formen des Chassidismus fremd. Diese konnte er für seine Gemeinde und seiner Schule nicht gebrauchen, denn es galt, den Anderen das Bildungsmonopol zu entreißen, ja, die Bildung für die Zwecke dse Judentums in Beschlag zu nehmen. (Er führte als Belege, Auszüge aus den Artikeln im „Jntelligenzblatt" an). Indes hatte die Bildung für ihn einen ganz anderen Klang, nicht der kulturelle Wert derselben wurde von ihm in den Vordergrund geschoben, sondern der rein soziale. Seine Parole hatte den Dreiklang: Mensch, Jude, Bürger. Zu allererst Mensch, ohne welchen der Jude gar nicht denkbar sei. Eine eingeschobene geistreiche Homilie zu dem Namen yvin' - yov (Joseph, der große Bildungsträger und Sprachenkenner, mit einem 'n, mit G'tt) veranschaulichte die von S. R. Hirsch vollzogene Synthese, die, wie damals bei Joseph, eine Welt in Staunen setzte, vvvn »nsn» *6 nsv, dieweil diese eine bis jetzt nie gekannte Sprache hörte. S. N. Hirsch fand mit dieser Methode die rückhaltlose Zustimmung der ungarischen Gedaulim, vor allem des Wiener Rabbiner Salman Spitzer. Auf die Frage übergehend, ob und in wie weit die von Hirsch geschaffene Schule heute noch nötig sei, entwirft Redner ein erschütterndes Bild von dem unsere Zeit beherrschenden Radikalismus, der für die Jugend, und nicht zuletzt auch für unsere Jugend, noch weit gefährlicher sei als der Zeitgeist von damals. Damals ging es gegen den „G'tt Israels", heute gegen „den Schöpfer von Himmel und Erde", den man in der religiösen Krise der Welt entthronen möchte. Der Kampf gegen den Individualismus und der fanatische Fahnenglaube (ob Stern oder Kreuz die Fahne schmückt) zeichnen die zwei Merkmale der Zeit. Dazu eine Verg'tterung der Gewalt und Macht. Viele unserer Söhne, manche sogar aus dem Chassidismus kommend, sind über den Zionismus zum Radikalismus gelangt. Noch nie waren die Sorgen der Eltern um die Erziehung und Versorgung ihrer Kinder so groß wie heute, und man müßte sich fragen, m n» ]Rsn was haben unsere unschuldigen Kinder verbrochen, daß sie leiden müssen und wir sie noch obendrein in einer Zeit so voller Gefahren schutzlos in den Radgkalismus hineinstohen sollen. Die jüdische Schule sei der einzige Rettungsanker, nicht zuletzt auch angesichts der Tatsache, daß die deutschen Schulen, in die heute zumeist Brutstätten schlimmster antisemi.ischer Gesinnung sind. Es geht nicht allein um das Interesse unserer Gemeinde und Frankfurts. Die gesamte jüdische Welt braucht ein Vorbild, das wir ihr erhalten müssen. Der Kampf der ■ jüdischen Schule um ihre Eristenz sei ererschütternd und zugleich erhebend. Die Schule wird b e st e h e n, m u ß b e st e h e n! Redner schließt wirkungsvoll mit dem biblischen Bild der Mutter, die ihr verschmachtendes Kind in bcn Armen hält, im Begriffe ist, es von sich zu werfen, .um nicht Zeugin seines Todes zu sein und im letzten Augenblick die Stimme vom Himmel vernimmt: „Auf, nimm das Kind und stütze es!" Die Mutter ist unsere Kehilla, das schmachtende Kind die Schule, die himmliche Stimme kommt aber von ihm, dem Begründer der Gemeinde und Schule, heute am Jahrzeitstage: „Auf, haltet das Kind!" Nachdem der starke Beifall abgcebbt hatte, sprach der Versammlungsleiter, den Dank der Rabbiner Hirsch- Gesellschaft und des Auditoriums an den Referenten aus. Mit einem stiinmungsvollen i"»n-Gebet des Herrn Oberkantyr Pessachowilfch schloß die imposante Gedenkfeier. Tobias Schapiro Vst- ' Wie ein Blitz durcheilte am Donnerstag morgen die Kunde unsere Gemeinde: Tobias Schapiro ist nicht mehr. Aus voller Gesundheit und Schaffensfreude, eine Frohnatur, die mit steter Zuversicht eine Atmosphäre von Kraft und Vertrauen um sich verbreitete, wurde er plötzlich abberufen. Man hätte dem rüstigen, arbeitsfrohen, liebenswürdigen Manne von Welt und Wissen die siebzig Jahre nicht angesehen, wenn nicht voriges Jahr unser Rabbinat seinen siebzigsten Geburtstag, — er war Ehrungen aus dem Wege gegangen, — zum Anlaß genommen hätte, ihn mit der Chowerwürde auszuzeichncn. Die Trauer um Schapiro ist so allgemein und tief, daß man die entsetzlichci Tatsache gar nicht wahr haben möchte. Wenn, wie Talmud sagt, zwei Engel jedem Menschen mit aus den Lebensweg gegeben sind, so hießen die zweis Schutzengel Tobias Schapiros nnni ivn Er war einnvnvm' ein Mann der strengen, strikten, keine Verdunkelung und Vertuschung duldenden Wahrheit, ob im geschäftlichen Leben, in der Familie, im Verkehre mit Menschen. Redlichkeit rlnd Rechtlichkeit im Reden und im Handeln^

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