Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1932)
- Date
- 1932-01-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450704-2450706--78478-2536169- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4 Nr. 2 Der Israelit 7. Januar 1932 Preisliste, auch anderer guter Nährmittel frei Dr. Fromm, Kötzschenbroda -2 1 yU.» / Frankfurt. Niederlagen Hirsch-Apotheke Zeil 111 Reformhaus Boermel-Ernst, Schillerstraße 27 den Katholiken Oesterreichs gesprochen. Er sagte u. a.: „Die katholische Kirche ruft die Christenheit auf, sich nicht länger dem Haffe hinzugeben und die gegen die Juden, G'ttes auserwähltes Volk gerichteten Lehren des Antisemitismus von sich zu weisen. Das jüdische Volk hat der christlichen Welt vieles geschenkt, die Haltung der Christenheit gegenüber den Juden sollte darum eine der Dankbarkeit und Liebe sein. Antisemitismus ist etwas den Lehren der katholischen Kirche Entgegengesetztes. Die antisemitische Bewegung ist für den Heiligen Vater eine Quelle des Grams; der Papst hat wiederholt der Christenheit zugerufen keine feindlichen Gefühle gegen das Volk der In den zu hegen." Und zuletzt Holland. Eine Aeußerli'chkeit nur und zeigt uns doch wie im Blitzlicht, was es mit der traditionellen Toleranz — Toleranz nicht im Sinne von Duldung, sondern in dem von selbstverständlicher Gleichachtung — auf sich hat. Für den Neujahrsfreitag, 4 Uhr mittags, war die Rede der K ö n i g i n im Rundfunk angesagt. Um diese Stunde riefen aber die Synagogen Hollands die jüdischen Bürger zumSabbatg'ttes dienste. Das war für die Königin Grund genug, noch im letzten Augenblick ihre Rede auf eine andere Stunde zu legen. Auch das wirkt symbolisch. Verständen es die Menschen und Völker, die mittels der neuesten Technik geschaffenen Werke und Werte dem Himmelsfunken der ewigen, ehernen g'ttlichen Gesetze zu unterordnen, es stände um die Moral — und sicher auch um den Wirtschaftsorganismus — der Welt besser, als heute in der Zeit der allgemeinen Not und allgemeinen Klage Halbe Landwirte und ganze Inden. In edlem Wettstreit arbeiten „Reichsbund für jüdische Siedlung" und „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten" am Problem der jüdischen Landsiedlung. Von einer auch nur teilweisen Lösung des Problems zu sprechen, wäre verfrüht. Man ist bis jetzt über Anregungen, Pläne und schwache Experimente nicht hinausgekommen. Eine zumindest sehr beachtenswerte Anregung macht der Präsident des R. j. F. im „Schild". Der Vorschlag lehnt /sich an den Plan der halbberuflichen - V o r st a d t - Randsiedln N F, wie sie in der Notverordnung vom 6. Oktober d. I. vorgesehen ist. Durch eine Siedlung in der Form, daß der Siedler seine halbe Arbeitszeit dem eigentlichen' Berufe widmet und in der anderen Hälfte, möglichst gemeinsam mit den Angehörigen, ein kleines Stück Land bewirtschaftet, kann er den geringeren Lohn durch einen wesentlichen für die Ernährung hinreichenden Ernteertrag ergänzen. Es ist also möglich, daß eine Arbeitsschicht statt eines Arbeiters zwei Arbeiter beschäftigt. Eine kräftige Durchführung dieses Systems würde eine gewaltige Ersparnis an.Arbeitslosenunterstützungen, sowie eine kräftige Ankurbelung des Baugewerbes und des Binnenmarktes bedeuten. Die erwähnte Notverordnung ist inzwischen durch die Presse bekannt geworden. Die Reichsregierung setzte für diese „Vorstädtische Kleinsiedlung und Bereitstellung von Kleingärten für Erwerbslose" einen Betrag von monatlich 8 Millionen aus. Nach den Richtlinien sotten die einzelnen Siedlungen nicht unter 600 und nicht über 5000 qm groß sein. Die Kosten für Aufbau und Einrichtung einer Stelle sollen ausschließlich Grunderwerb nicht mehr als 3000 Mk. betragen. Für die Errichtung kann der Siedler bis zu 2500 Mk. als Darlehen zu einem Zinsfuß von 2 Proz. bis 4 Proz. erhalten. Zunächst sollen ganz besonders Groß-Berlin und das westliche Industriegebiet^berücksichtigt werden. Hier ist der Punkt, meint Dr/ Löwenstein, ,an' dem das Interesse und die Arbeit des R. j.. F.. einfetzen müssen. Gerade die alten Soldaten hatten ja im Kriege fast die halbberusliche Siedlung praktisch durchgeführt, denn wenn sie nicht im Dienste waren, haben sie ihr Stückchen Land bebaut. Praktisch denkt sich Dr. Löwenstein die Durchs führung in der Weise, daß kleinere Trupps-bis zu zehn Mitgliedern sich nachbarschaftlich ansiedeln, so daß sie untereinander leicht sich unterstützen können. Derartige Trupps würden sich über das gesamte Siedlungsgebiet verteilen. Eine weitergehende Zusammenballung, Abschließung und Ghettoisierung hält er nicht für erwünscht. In diesem Rahmen aber glaubt er, daß die jüdische Teilnahme an der Randsiedlung auch das gegenseitige Verständnis zwischen Juden und den nichtjüdischen Siedlungsgenossen 'nur fördern würde., " W i r glauben, daß aus einer Halb-, oder Kleinsiedlung in diesem Rahmen bei gutem Willen auch recht viel in jüdischer Beziehung — ohne die gefürchtete „Ghettoisierung" — herauskommen könnte; so für den Sabbat und den G'ttesdienst und andere gemeinsame religiöse Betätigung, für die „zehn Männer" genügen. Wir Empfehlen den Vorschlag, b'er gerade für unsere sabbathaltenden Glaubensbrüder von größtem Interesse sein könnte, der ernstlichen Beachtung aller zuständigen Organisationen. Ein Führer durch das gesehestreue Judentum. Non Direktor Dr. Elias in Frankfurt a. 21t. V. Gefchichte und Literatur. Menschliches und G'ttliches, Körper und Geist, Stoff und Form vermählen sich in unserem geschichtlichen Werden, in dem Leben und in den Werken unserer großen Persönlichkeiten. Dieser Mission, in ihrer Zeit, mit ihren irdischen Mitteln und g'ttlchen Idealen Himmel und Erde einander näher zu bringen, waren sich die Führer Israels so bewußt wie sie ihre Schwächen daran maßen. Und liest man und beschreibt man jüdische Geschichte mit ihren Augen, so wie sie Vergangenheit verewigten, Gegenwart erlebten, Zukunft erwarteten, dann erst ergibt sich eine nationale Geschichte, die der Eigenart Jisroels und dem „historischen" Judentum gerecht wird. Aber eine solche Geschichtsdarstellung, bei andern Völkern eine Selbstverständlichkeit, hasten' wir nicht. Wir lassen uns die Bibel und die Männer des Talmuds/ Rabbi Jehuda Manassi und Maimonides vonGrätz und Dubnow deuten, die. bestaller Gelassenheit und Gelehrsamkeit eben doch tendenziös schreiben. Und wenn schon Tendenz sein muß, warum nicht dem historischen Judentum entsprechende? Aber man kann die Geschichtsschreiber nicht aus der Erde stampfen. Und solange wir keine zusammenhängende Darstellung größeren Formats in unserem Sinne haben, müssen wir uns bemühen, sie durch Einzeldarstellungen vorzubereiten, in denen wir die markanten Persönlichkeiten und wichtigsten Epochen unserer Geschichte in ihrer Bedeutung für das religiöse Judentum ehen lernen. Maimonides ist unserer größten einer. Gewissermaßen als Einleitung zu dem seiner Perönlichkeit gewidmeten Aufsatz von Klein überetzt Herrn. Weyl, Ffm. (als Teil einer größeren Arbeit, die ihn beschäftigt), Einleitung und erstes Kapitel der „Acht Abschnitte", die Maimonides einem Kommentar zu Pirke Aboth vorangeschickt )at. Schlicht und stark kommt in dieser Ueberetzung, die ebensoviel Kleinarbeit wie Sprachge- 'ühl und Sachkenntnis erfordert und bezeugt, der Arzt und Psychologe Maimonides, der eigentliche „Führer der Irrenden" zu Worte. Aber das Bild dieses Titanen, so deutlich essich aus der Lektüre des More o de r des.Mischne thora ergibt, scheint unklar und, widerspruchsvoll, wenn man beide Werke miteinander vergleicht. In dem einen, .finden wir Gesetzesauslegungen, wie z. B. zuninan ja nibir-und nairr nwa-die sich nach der mündlichen Ueberlieferung und nach der im Mifchne thora kodifizierten Halacha nicht aufrecht erhalten lassen; in dem More gibt er zu dem Verbote, die Vogelmutter mit den Jungen auszunehmen, eine Begründung, die in dem andern Werke nach der Mifchna in Berachoth für unzulässig erklärt wird; und in dem einen Werke bemüht er sich überhaupt, Verstandesgründe für die Gesetze anzugeben, während er im r\"a die verpflichtende Halacha einfach auf G'ttes unerforfchlichen Willen stellt. Aber sehr einleuchtend zeigt Klein-Nürnberg, daß Maimonides da wie dort den Boden der Halacha nicht verläßt. Im einen Fall handelt es sich um methodische (nicht bekenntnismäßige) Aeußerungen, im andern- Fall um zwei verschiedene Auffassuygen zur Mischna, die beide in der Ueberlieferung begründet sind, im dritten (und schwersten) Einwand um ein Mißverständnis,' das nur aus der rationalistischen Denkweise der Aufklärer .heraus zu erklären ist: als ob die Verbindlichkeit der Gebote je von dem Verständnis für sie abhängig: gemacht werden sollte. In Wirklichkeit hat Maimonides daran nie gedacht. Und wie wenig seine Zeitgenossen undgroßen Nachfolger seinen More so aufgefaßt haben, zeigt Klein schön an der einen Tatsache, daß der Schulchan oruch mit einem Gedanken beginnt, der aus dem More nebuchim genommen ist: nui 'Tan nai1? '*7 ww Eine wertvolle Parallele bringt Rabb. Dr. Unna, Mannheim in der Studie: R. Moses ben Nachman und R. Senior Salman aus Ladt. Beide lebten in einer Zeit tiefgehender Mei-Nungskämpfe, die das Judentum in ihren Grundvesten erschüttrten, beide waren berufen, versöhnend/ ausgleichend zu wirken. Es gelang ihnen, indem sie das rationale Denken der Zeit durch eine starke Dosis gefühlmäßigen und mystischen Erlebens bereicherten und vertieften. Beide lebten ja in einer Zeit, da die Verstandeskräfte überschätzt worden waren. Im Gegensatz zum Rambam betonte Nachmanides mehr die Gefühlswerte und führte die Mystik wieder in das Weltbild ein. Im Gegensatz zur einseitigen Verstandesrichtung, die sich im polnisch-litauischen Judentum durchgesetzt hatte, vertritt der. Ladiner, der hervorragendste Schüler des Vaalfchem von Meseritz, das Studium der Kabbala neben dem Talmuds das. Leben der Freude gegenüber der in weiten Kreisen gepflegten Askese. So:stehn beide in der Mitte zwischen zwei .Generationen: Nachmanides ist zu philosophisch, um mit den Gegnern des Maitnonides wörtliche Auffassung jedes Thorawortes -'zuverlangen, Rabbi Salman zu sehr Talmid chochüm, um mit den Gegnern des Wilnaer Gaons das Talmudstudium zu verachten. Noch mehr: beide bekämpfen nicht die Wissenschaft an sich. Rambam nur die für den Bestand des Judentums gefährlichen Lehren, R. Salman nur soweit sie nicht zum Unterhalt oder zum Dienste G'ttes angewandt wird. Und endlich: Beide berühren sich in der Auffassung^ vom einfachen Sinn und verborgenen Geheimnis' der Thoraworte,, beide messen sie der Zedoko eine unendliche Wichtigkeit bei, und beiden gemeinsam ist die heiße Liebe zum heiligen Lande. Geist und- Gemüt, Lehre und Liebe haben diese Männer zu Beginn des 13. und des 19. Jahrhunderts an der Schwelle der Zeiten zu besonderen Aufgaben berufen. Wie diese Polarität jüdischen Geistes im 20. Jahrhundert in zwei großen Vildungsbewegungen zu einheitlichem Lebensideal sich schließt, zeigt Schachnowitz in seinem Essay: „Zwei Erkenntnisse und ein Bekenntnis". Er führt uns in die Gedankenwelt der Chafsi-dim und Muffarniks ein. Aus jeder Zeile spricht der gute Kenner des Ostens, der