Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1932-01-01 · Heft 1 (1.1.1932) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 1 (1.1.1932)
Date
1932-01-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2450704-2450705--78470-2536160
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Es war in der Mitte der Tlachk. Don Rahel Baum in Ludwigshafen. Ein Schrei gellte durch die Finsternis Aegyptens. „0!" schrie die Stimme, „o!" So schauerlich klagte der wilde Laut, daß König Adik auftaumelte aus purpurnjubelnden Träumen. Noch fühlte er die eisigen Finger des Pharao Malul über'feine geduckte Schulter tasten, sah das fahle von ^blutigen Schwären zerrissenen Gesicht, das riesengroß in seine geweiteten Augen wuchs, hielt noch im gierig gereckten Ohr das tonlose Murmeln des Alten, der ihn Nachfolger nannte und Beherrscher des mächtigsten Erdenreiches. Ihn und nicht Ethri, den schönhüftigen, anmutig lächelnden Erstgeborenen, der den Atem der Frauen umhauchte wie der Duft leuchtender Himmelsblumen. Ihn, nicht Marion, den zarten, goldhäutigen Knaben mit den Worten wie süßester Vogelruf und den weitgedehnten, blauschimmernden Liebesaugen. Ihn, Adik, den Schweigenden und Geringen, listig gekrümmt wie der grüne Uräus, den häßlichsten unter den Söhnen der stolzen Alparanith, den die Priester Akuz nannten: den „Kurzen", eine Elle und ein Daumen war er hoch. Seine scharfgeseilten, schwarzgeschminkten Zähne klirrten aufeinander. Seine aufgerissenen, traumblinden Blicke irrten scheu durch die. Dunkelheit des Schlafgemaches. Rauschteri'^a nicht die dünnen, feuchten Häute der braunen Fledermaus um seine flatternden Hände? „Memuschan!", heulte er auf in wahnsinnigem Entsetzen, „Admata!" Wo waren die Fürstensöhne, die seinen Schlummer bewachten in den zähen Stunden der Dämmernis und mit spitzen, duftenden, kleinen Flammen, die Geister der Haßtiere bannten? „Admata!" stöhnte er gurgelnd mit versagenden Lippen und verstummte jäh. Er zog die Füße an den verwachsenen Leib, hockte horchend, die Hände in die kühle Seide der Vorhänge gekrallt., die mit Schnüren aus Byssus und Purpurwölle um silberne Walzen befestigt, weiß,, grün und himmelblau an den. schwarzen, dreimal geweihten Marmorsäulen kjeMiederwallten. Die überlangen, grellrot gefärbten Fingernägel des Pharao, splitterten hart < an: dern schweigenden, rundgehauenen Stein. Der König-lauschte erstarrt. -. ,; Ein heiseres, unendlich schmerzliches Brüllen dröhnte hilflos wehklagend durch die weitgeöffneten Fenster des Pharäonenpälastes. In die Finsternis stürzte ein Schrei, der das Blut erstarren ließ. Ein Weinen schwoll auf hinter den riesigen Toren, Ah, ah, das war die Stimme der Königin Kedidas, der Tochter des Abilat, die atemlos verzweifeltes Stöhnen durch die..Nacht stieß. Adikos fing bebend bie! irrsinnig heulende Stimme auf, gleiches Stöhnen rollte von seinem wulstigen, schaumbedeckten, zitternden Mund. Gellend kroch er von dem hohen königlichen Lager, riß im Fallen mit Zähnen und Fingern verkrallt die goldenen und silbernen Polster und Kissen mit sich herab. Er raffte sich auf, stolperte, lag schreiend auf den leblosen Körpern der Fürsten, der Hüter des Schlafes, Memuschan und Admata. Die Fackel des Negers, noch glühend heiß, brannte tief in Pharaos Hände. Brüllend fuhr er hoch, stolperte wieder. Seine Füße verfingen sich in den aufgelösten Strähnen seines Bartes der um ein Weniges länger als der König, knisternd über den Boden schleifte. Da kroch Pharao auf Händen und Füßen wie ein hinkender Hund über den Estrich aus Porphyr und Dar und Socheroth, der wie ein flammender Spiegel kostbar Geglättet war und erreichte die eherne Pforte neben der katzenköpsigen Sechmeth, die nun zertrümmert beißenden Staub in seine Augen streute und riß es schäumend auf und schrie und gellte und taumelte schwarz geblendet in den Kreis der hageren Totenfackeln. Da lag die Königin mit irrem Gesicht, ein totes Kind auf den entblößten Knien, nackt lag sie aus der nackten Erde, Asche rieselte über die blutig zerrissene Stirn und sie schlug mit den buntberingten Händen in die Luft. Und Pharao erblickte die Kinder seiner Brüder, der Prinzen Ethri und Morion und die Töchter seiner liebsten Schwester, der lotossüßigen Ebusia, mit den bleichen, erloschenen Sprossen, den Knaben und Mägdlein, die sie ihm wimmernd entgegenhoben, und er schaute, so lang die riesige Halle war,- die Weiber und Töchter seiner Edlen auf den blanken Fließen liegen und die zerfallenen Statuen der tierhäuptigen Götter rollten ihren scharfen, stechenden Granitstaub auf sie und die matten Wangen der getöteten Erstgeburt. Und alle erhoben sie ihre Stimmen und schrien zu Pharao auf und suchten sein Antlitz mit blinden Augen. Sie schleuderten ihre Leiber an die harten geglätteten Säulen und verfluchten den Tag ihrer Geburt und die Nacht und jede Stunde ihres verlorenen Lebens. Und Pharao wandte sich und sah aus den Tempelgehegen zwei Männer nahen. Der eine kam aus dem Garten des Westens, der Lust heißt und nur blaue Blumen' trägt. Und der andere kam aus dem Garten des Ostens, der Freude heißt und nur weiße Rosen heroorbringt. Und der aus dein Garten Freude kam, war mit einer sehr hohen goldenen Mütze bekleidet und über seine Stirne hing das smaragdene Abbild der heiligen Nilrose. Und der aus dem Garten Lust trat, dessen Haupt bedeckte ein sehr hoher, glitzernder, spitz zulaufender Hut aus kostbar gehämmerten Silberplättchen, jedes Plättchen war mit einem runden, hellglühenden Rubin verziert. Ueber seine Schläfe aber hing zweimal die Knospe der Schneckentulpe aus einem riesigen Saphir. Das waren Jochanr und Mamre, die großen Weisen und mächtigen Zauberer des inneren Hofes und sie trugen auf ihren Armen jeder den einzigen Sohn. Sie warfen sich nieder und legten ihre toten Kinder, den Stolz ihrer Tage, vor Pharao auf die-'Erde und sie bückten sich dreimal und weinten sehr. :.*>•{•; Und Jochaüi'sprach: „Dies, o Pharao, hat uns Mosche getan, da du nicht hören mochtest aus seine Bitte, ihn upd das Volk Israel zu entlassen aus deinem Dienst, Er hat äusgerufen, im Namen des allmächtigen G'ttes, daß nun sterben müsse alle Erstgeburt Aegyptens und siehe, nun sind alle tot. Dein einziges Kind und unsere einzigen Söhne und wo ein erstgeborener Sohn oder Tochter war, sie sind erloschen in einem Hauch. Wir sahen knurrende, gelbe Wüstenhünde die Knochen der Erstgeborenen, der Langgestorbenen aus den Gräbern zerren am Nil und vor die schreienden Mütter werfen. Die Bildsäulen der ägyptischen Jünglinge sind in schneidende Splitter zerfallen, und die Götter aus Granit und Marmor, sie sind alle Staub, auseinander sind sie gestürzt und die Götter aus Silber und Gold sind zu Asche geworden. Auf den Schwellen der Hütten, soweit der Nil durch dein Land zieht, liegen Väter und Mütter und waschen die toten Kinder mit ihren fließenden Tränen. Und in den Ställen jammert das Vieh und klagt über die getötete Erstgeburt." Der Zauberer schluchzte laut und verbarg seine Augen. Seine langen schneeweißen Aermel bedeckten des Königs Füße und des Königs Füße waren naß von des Zauberers glühenden Tränen. * Nun hob sein Genosse das Haupt, der gewaltige Priester und Weise Mamre, der Große, Uralte: Seine Augen flammten und seine dünne Stimme peitschte wie Schlangenbiß: „Wehe uns, wehe uns, o Pharao! Neunmal kam Mosche der Hebräer zu dir und bat, du aber hörtest nicht auf ihn und seine Worte. Er kam und kam wieder und flehte: laß ziehen die Kinder Jacobs, du aber achtetest seiner Worte nicht und nicht der furchtbaren Zeichen, mit denen der G'tt seiner Väter uns schlug. Wie furchtbar schlug uns sein G'tt: ' Der Nil mit seinen gesegneten Fluten, der unter dem Baume des Lebens hervorquillt und in seinen Wellen Früchte aus Eden birgt, jede schwer wie die Last zweier Eselinnen und mit dreihundert Arten von Wohlgeschmack gefüllt, er wurde zu Blut. Alles Wasser ward Blut und die Fische erstickten. Frösche wimmelten plötzlich im Wasser und in jedem Schluck und sie quakten in deinem Leib, wie sie im Teich-zu quaken pflegten. Stechmücken bedeckten die Erde Aegyptens zwei Ellen hoch und plagten uns sehr. Wilde Tiere brachen ins Land und vernichteten Menschen und Vieh und alle Gewächse. Schlangen und Skorpione, Mäuse und Maulwürfe, Kröten und Flöhe, Fliegen, Hornissen, Mücken, jedes Kerbtier, jedes Geziefer fiel über Aegypten und quälte uns über alle Maßen. Die Pest stieg herab und schlug die Rosse und die Esel, die Kamele und die Rinder, die Ziegen, die Schafe und auch die Menschenkinder. Von zehn Tieren war kaum eines am Leben geblieben, in Gosen aber blieb alles heil und gesund. Warum verstockten wir uns so sehr? Fieber befiel dein Volk, hitzige Glut, daß die Haut aufsprang und rissig ward und Krätze und Blattern uns entstellten vom Kopf bis zu den Füßen. Schwerer Hagel sauste aus grauen Gewitterwolken, traf die Weinstöcke und zerknickte die Obstbäume unö alle Pflanzen wurden trocken und welk. Alles Gras verdorrte und kam um, denn der Hagel war mit verzehrendem Feuer gemischt. Die Menschen und das Vieh, die draußen waren, wurden von dem Feuer des Himmels versengt und deine blühenden Dörfer verbrannten. Heuschrecken surrten in unendlichen Schwärmen und verdunkelten die Sonne. Sie fraßen, was der Hagel übrig' gelassen. Da wir sie aber fingen, um sie zu . essen, denn alles, was dein Volk besaß, war vernichtet und alles verdorben, da brauste ein mächtiger Wind vom Meer und wehte die Heuschrecken fort, die lebenden und die wir hergerichtet.'und gesalzen hatten. Keine Nahrung ist da und das Volk verhungert. Dann kam die Finsternis. Drei Tage lang bedeckte Dunkelheit ganz Aegypten und Patros. O, daß du jetzt noch Boten geschickt zu dem wilden Hebräer und ihn hättest ziehen lassen mit seinen Brüdern. Du aber sägtest, „meine Seele sterbe oder die Seele dieses Volkes." So ist es denn geschehen. Es ist fast kein Mensch mehr da im Lande. Und auch du wirst umkommen, denn als König bist du stets die Erstgeburt, wenn auch Ethri, der erste Sproß deines Vaters, erloschen ist zu dieser Stunde!" Und er warf sich wieder zu Boden und berührte mit der Stirne das Haupt des Genossen und stöhnte voll Grauen. Und auch mit ihm weinte der König. Er schrie laut auf: „Sterben werde ich! Ja, ganz gewiß! O, wo ist Mosche, daß er doch ziehen möge aus meinem Lande. Einst sagte ich: Nie wieder sollst du mein Antlitz sehen. Nun will ich ihn suchen gehen und bitten, laß ab von uns. O flehe doch zu dem allmächtigen G'tt, daß er seine Hand von uns nehme und Israel sei frei!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.