Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 73 (1932)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 1 Der Israelit 1. Januar 1932 Pharao erhob sich und machte sich aus mit§ seinen Dienern. Sie zogen durch die dunkle Nacht und alle weinten bitterlich. Aus jedem Haus, aus jeder Hütte drang schrilles Wehegeheul und das unglückliche Vieh brüllte in den Ställen. (Schluß folgt.) Bon E. h. - „So, mein Kind, da hast du dein Ränzlein und fahre in die Jeschiwo zum Zehlemer Raw und schau, daß du - gute Kosttage bekommst." So verabschiedete mich mein Vater einen Tag nach meiner Barmizwo. Ich war mir dessen bewußt, daß von dem Tag an, da mein Vater sein „Boruch schepotrani" gesprochen hatte, ich für mein Fortkommen zu sorgen habe. Auch war es kein Zweifel, , daß mein neuer Barmizwo-Anzug, der jetzt im Ränzlein lag, mich bei meiner Rückkehr noch drei bis vier Jahre bekleiden würde. Natürlich würde er dann so abgewetzt und abgetragen aussehen wie der, den ich auf der Reife anhatte; und wieviel immer ich die Hose herablassen wollte, sie würde mir nicht viel über die Kniee herabeichen Zehlem?! Wo liegt Zehlem? Man wird Zeblem auf der Landkarte nicht finden. Aus zwei Gründen. Erstens besteht Zehlem, wie die meisten ungarischen Jeschiwos- Hochburgen, aus ein paar hundert Häuslein, die aus dem Schlamm emporzuwachsen scheinen, zweitens heißt dieser berühmte Ort gar nicht „Zehlem". Da er in Oesterreich liegt, trägt er den schönen deutschen Namen Deutsch-Kreuz. Welcher fromme Zehlemer Jude würde aber dieses unjüdische Wort in den Mund nehmen? So kam es, daß aus Deutsch-Kreuz Zehlem wurde. Nun, ich war in Zehlem angelangt. Ich bekam auch zwei Kosttage, Donnerstag bei Reb Srole Lederer, Schabbos bei Reb Mendel L i p s ch ü tz. Donnerstag gehe ich zu Reb Srole Lederer. „Küß die Hand," grüße ich jeden, dem ich auf der Treppe begegne. Ich trete ein. „Küß die Hand," grüße ich die Hausmagd, ebeno die Hausfrau. „Aha," beantwortet diese meinen Gruß, „der neue Bocher". Ich fühle, wie mir das Blut^ in den Kopf steigt und stelle mich hinter die Tür. Man wäscht sich und setzt sich zum Essen. Ich stehe; denn bevor der Hausherr mich nicht dazu auffordert, wage ich nicht, mich zu setzen. „Von woher sind Sie, Bocher?" fragte mich Herr Lederer. Vor Verlegenheit muß ich zweimal ansetzen. „Aus Borscha . . ." „Hm, nun ja, alle Schnorrer kommen von dort," sagt liebevoll Herr Lederer, „hier bekommen sie gut zu essen. Setzen Sie sich!" Ich folge der Aufforderung, und damit meine neue Hose, die ich Herrn Lederer zu Ehren angezogen habe, an den Knieen keine Falten bekommt, ziehe ich sie ein wenig hoch. Ich sitze bescheiden da, schwitze, und traue mich nicht, aufzuschauen. Aber aus dem Geklirr der Löffel entnehme ich, daß man schon zu essen begonnen hat. Aus Versehen bekam ich keinen Löffel. Natürlich traue ich mich nicht, ein Wort zu reden, und warte. „Warum essen Sie nicht?" sagt endlich Frau Lederer. „ . . . habe keinen Lössel," kommt es stockend aus meiner Kehle. Dann erst merke ich, daß sie gar nicht mich mit dieser Frage bevhrte, sondern einen jungen Mann, der neben mir sitzt. Ich werde wieder hochrot im Gesicht, bekomme aber einen Löffel. Die Röte steigt, als mein Magen vor Hungerzu knurren beginnt. Herr Lederer ist mit dem Essen der Suppe schon fertig, ich aber habe erst angesangen. „Grell, räume ab!", ruft Reb Srole seiner schönen, aber steifen Tochter zu. — Die Suppe muß ich nun stehen lassen. Bei meiner Abreise rief mir meine Schwester nach: „Vergiß nicht, die Gabel nimmt man in die linke Hand." Dieser gutgemeinte Rat fällt mir beim Fleischessen ein und ich befolge ihn. „Sind Sie linkisch?", fragt mich Herr Lederer. „Nein," sage ich, und die Gabel wandert von der linken in die rechte Hand. Dabei kommt ein Teil der Sauce im Teller ins Schwanken und ergießt sich über das weiße Tischtuch. Große Schweißtropfen rinnen mir übers Gesicht. „Nun, Sie sind doch ein Gast, benschen Sie mesumen!", spricht zu mir Herr Lederer. „O, bitte, bitte, ich danke schön," sage ich mit Anstand. „Wollen Sie benschen oder nicht?", fragt Reb Srole etwas aufgeregt. In der nächsten Woche ließ mir Herr Lederer sagen, daß ich nicht mehr zu kommen habe. Den Grund habe ich erst viel später erfahren. Beim Benschen hatte ich nämlich vergessen, „Birschuß morenu Horaw" zu sagen. Bei Herrn Lipschütz habe ich zwei Jahre je am Schabbos mit großem Appetit gespeist. Zum Gedächtnis Rabbiner Dr. Ehrenkreu's. , Fünf Jahre sind am 23. Tewes vergangen, seit der j unvergeßliche Münchener Raw, Rabb. Dr. Ehrentreu | ein wahrhaft Großer auf dem Gebiete der Thoragelehr-! samteit, abberufen wurde. Rechtzeitig zu diesem Gedenktage erscheint, herausgegeben von seinem Sohne, dem derzeitigen Rabbiner der Ohel Jacob-Gemeinde in München^ unter dem Name nn nv nma, Talmudische Studien, im Hermon Verlag in Frankfurt a. M. ein Denkmal seiner ' gesegneten Forscherarbeit auf dem Gebiete der talmudischen Wissenschaft. Aus der Einleitung zu dem Werke seien folgende «ätze wiedergegeben: Wer den Heimgegangenen Münchener b"tt an gekannt hat, wird in diesen Aussätzen ein Spiegelbild seiner Persönlichkeit wiederfinden. Anderen wird sie sich unschwer erschließen. Gereift in der na’t?' des naiv ana> der ihn einen seiner bedeutendsten Schüler nennt, geistig und seelisch verbunden mit dem Denken und Leben jener ragenden Rabbinergestalten, die im vorigen Jahrhundert den Gemeinden Ungarns und weiten Kreisen der jüdischen Diaspora das Gepräge gaben, fand er in jungen Jahren den Weg nach Deutschland. Es war im Jahre 1877. Noch durchbebt von den Stürmen der Reform, hatte das deutsche Judentum kraftvolle Führer gefunden, die, granitfest in der Tradillon stehend, die Lehre Jisroels an die deutschen Juden in neuen, ihnen gemäßen Formen heranbrachten. In diese Zeit fielen die ersten Veröffentlichungen von rr'nrnnnA -pm, welche die talmudische Geisteswelt in neuartiger Beleuchtung darstellten. Souveräne Beherrschung des gesamten jüdischen Schrifttums verband sich mit allgemein wissenschaftlicher Schulung und umfassenden philologischen und historischen Kenntnissen. Ern Zuviel an gelehrten Details wird vermieden; das Einfache, Ungezwungene der Lösung gesucht. Dies gibt den Aufsätzen das Anspruchslose, den Hauch des Persönlichen. Bescheiden in ihrer Form, lebensnahe in ihrem Inhalt sprechen sie nicht nur zum Gelehrten; sie führen auch den lernenden fl’an i»s?a auf neuen Wegen zu talmudischem Denken. Die Verschiedenheit der Gebiete, die Vielgestaltigkeit der Problemstellung und ihrer Lösung zeugen von dem Reichtum eines schöpferischen Geistes. Und überall erkennt man den ungarischen T>a^n nan alten Schlages, dessen Werk oma nma seinem n-a’nn r-ns’pai ein Denkmal in der talmudischen Literatur gesetzt hat. Ein Teil jener Aufsätze, die im „Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft, Frankfurt a. M." in den Jahren 1905—1925 unter dem Titel „Sprachliches und Sachliches aus dem Talmud" erschienen, wird mit vorliegendem Werk einem weiteren Leserkreis übergeben. Es umfaßt vor allem halachische Themen; anderes möge einer späteren Veröffentlichung Vorbehalten bleiben. Die Aussätze sprechen in wenig veränderter Form zur großen Gemeinde von Freunden und Verehrern des Verfassers. Manche seiner min 'iviTn fanden schon lange — von Mund zu Mund gesprochen — Eingang in via ntnia und haben den Namen dessen abgestreift, der sie erdacht. Auch die Veröffentlichung möge beitragen, die Klarheit seines Geistes und den Adel seiner Persönlichkeit in Jisroel weiterwirken zu lassen. Der Münchner an gab der ersten Sammlung seiner ni'anj den Titel trns nma- Er verglich so sein Werk mit der nnia. die der Priester beim ersten Dienst im Heiligtum darbrachte. In Anlehnung an diesen Gedanken mag das neue Buch den Namen nnina rirua tragen. Maleochi, der Prophet, spricht (I, 11) von einer nmn mint>bic der Heiligung des g'ttlichen Namens in der Welt geweiht wird. Der Lehrer in Jisroel ist es, der solche „reine Gabe" darbringt. Er ist der Bote E'ttes an die Menschen. Maleochi sagt von ihm (ll, 7): ivpa' nnirii nvi marr jna wavl 'a •sin nsas m -js^a 'a iwaa „Denn die Lippen des Priesters bewahren Erkennen und Tauro verlangt man aus einem Munde. Denn er ist ein Bote des E'ttes der Scharen." Testament und Heimgang des Rabbi Eleafar Löw, genannt Schemen-Rokeach. Nach einer Darstellung von Rabb. Dr. Lazar Münz b"w Mitgeteilt zu dessen Jahrzeit am 24. Teweth. Schon als Rabbi Eleaser Löw das 70. Lebensjahr vollendet hatte, am 3. Adar 5589, schrieb er sein Testament nieder. Tiefergreifend und erschütternd ist es, die Worte dieses Dokumentes zu lesen. Hinschauend auf den ernsten Moment, in dem der Weltenrichter Rechenschaft von ihm fordern werde, ruft Rabbi Eleaser tiefbewegt aus: „Ich habe viel von meiner Lebenszeit mit den Nichtigkeiten dieser Welt zugebracht und mit Sünden mich befleckt." So klagt er, der sein ganzes Leben rastlos im Dienste E'ttes gearbeitet und. alle seine Kräfte der ANNONCEN-BÜRO JULIUS SCHMIDT FRANKFURT A. M. JETZT OSTENDSTR.83 heiligen Lehre geweiht hatte. Er wendet sich dann in seinem Testamente an die heilige Brüderschaft, Ehewra Kadischa, und trifft einige bedeutungsvolle Anordnungen über die Art und Weise seiner Bestattung. Von seinen Söhnen und Schwiegersöhnen, die das Wort E'ttes lehren, fordert er, daß sie in ihren Vorträgen irgend einen halachischen oder hagadischen Ausspruch von ihm anführen mögen, damit seine „Lippen im Grabe gleichsam noch sich regen." „Und Ihr, meine Söhne und Töchter," fährt er in seiner Anrede fort, „achtet um E'ttes willen darauf, daß immer Friede in Euren Häusern herrsche und lebet miteinander in Frieden und Eintracht; erziehet Eure Söhne für das Studium der E'tteslehre und verheiratat Euere Töchter an Thorajünger und richtet nicht Euer Auge auf das Geld, das die Augen blendet." Besonders legt er es seinen Töchtern und Schwiegertöchteirn und ihren Sprößlingen warm ans Herz, sich keusch und sittsam zu kleiden und nicht, jenen Moden nachzugehen, welche die alten jüdischen Sitten verletzten. Mittwoch, am 27. Tage des Monats Schewat 5597 (2. Februar 1837) war der Tag, an dem unser Rabbi in ein besseres Jenseits eingehen sollte. Am vorhergehenden Abend ließ er die Männer der heiligen Brüderschaft, Ehewra Kadischa, in sein Haus kommen. Diese weilten die Nacht über in seinem Vorzimmer, und um ihn waren seine nächsten Angehörigen und einige seiner vertrautesten Freunde. Rabbi Eleaser lag auf dem Bett nur hingelehnt, die Füße auf einen Stuhl gestützt. Er schaute im Gedanken zurück auf seine Vergangenheit und von Dank erfüllt für die Gnade, die ihm G'tt in seinem Leben erwiesen, sprach er: „Was habe ich zu dieser Welt zugesetzt? Mehr als 60 Jahre habe ich als Rabbiner gewirkt; ich habe die Thora gehalten, und ohne Scheu vor irgend einem Menschen bin ich für ihre heiligen Gebote immer eingetreten. Ich habe mehr als 1000 Schüler gehabt, und sehr viele unter ihnen sind Rabbiner geworden. Einer meiner Söhne ist der Schaare Thora..." Und so nannte er, dem Herrn dankend, für die Gnade,, die er ihm verliehen, alle seine Nachkommen, seine Söhne, seine Töchter und seine Enkel. Dann segnete er die anwesenden Kinder und tröstete seine Frau mit herzlichen Worten. Als der Morgen hereinbrechen sollte, ließ er sich Talles und Tephillin auf das Bett legen und befahl zu wiederholten Male nachzusehen, ob die Zeit des Morgengebetes schon gekommen sei. Noch immer aber waren die Schatten der Nacht nicht gewichen, noch immer war es zur Verrichtung des Morgengebetes zu früh. Er sprach sedoch jene Lobpreisungen, welche, den Namen E'ttes verherrlichend,, das Morgengebet einleiten und kam bis zu den Worten „Echod we-en jochid keichudo." Da wandte er sich zur Wand und hauchte seine reine Seele aus. Rabbi Eleasar starb den Tod der Gerechten." Der Denkstein, der den Grabeshügel Rabbi Eleasars bezeichnet, trägt die schlichten Worte, die in deutscher Uebersetzung lauten: „Der bekannte Rabbiner Rabbi Eleasar ruht hier." Diese Inschrift hat Rabbi Eleasar auf seinen Grabstein zu setzen besohlen. „Rabbiner bin ich — so sagte er — und als solcher auch bekannt — das ist die Wahrheit." Sonstige Ehrentitel ihm beizulegen, hat er verboten. Doch sein Ruhm wird durch ein Monument, dauernder denn Erz, verkündet! Der Schemen Rokeach hat sich durch sein Wirken und Schaffen einen Namen erworben, der ruhmumstrahlt bei der Nachwelt fortlebt. Wochenkalender. rom 2. — 9. Jan. 1931 rom 23. Tebet bis 1. Schebat 8692 'an ep vinn panaa viav D'noa Mauled: Freitag nachm. Samstag 2 23 a' 1 Uhr 10 Min. Sonntag 3 24 r a"iaa a'jyn Montag Jan. 4 nav 25 T Dienstag 5 26 iv Mittwoch 6 27 w Donnerstag 7 28 T’ naipn zvp maa dt Freitag 8 29 N' Samstag 9 1 v' enn vun rrnui