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Der Israelit · 1932-01-01 · Heft 1 (1.1.1932) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 1 (1.1.1932)
Date
1932-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 1 Fazit: Das jüdische Kind hat sich in der Schule Wochenrundschau. „Glücklicherweise nicht so krüb..." Veranlaßt durch einen neuen Roman, der die Tragödie eines jüdischen Kindes in der feindlichen Umgebung einer nichtjüdischen Schule im Mittelpunkte hat, veranstaltete die E. V.-Zeitung eine Rundfrage unter ihren Lesern über Erlebnisse jüdischer Kinder in der Schule. Die Antworten ergeben, wie die Zeitung konstatiert, „glücklicherweise ein nicht so trübes Bild . . Dieses „nicht so trübe Bild" stellt aber die Tragödie der Wirklichkeit kaum hinter die de^ Romanes und läßt erst vermuten, wie die „Hölle" dort, wo das Bild noch trüber gefärbt ist als in den geschilderten Fällen, aussieht. Eine Schülerin rät den Juden und Jüdinnen in der Schule, nicht aufzufallen, nie eine besondere Rolle spielen zu wollen, sich den christlichen Mitschülern vollkommen gleichzustellen, „immer mitzumachen". Ein besonders gutes Bindemittel sei der Sport. Aber schon im folgenden Brief teilt eine andere Schülerin mit, daß sie wegen einer Rekordleistung im Hochsprunge eine antisemitische Anpöbelung über sich ergehen lassen mußte — nicht gerade über sich persönlich, „Sie sind eine Ausnahme" —, aber ein Verdikt über die jüdische Rasse insgesamt anhören mußte. Auch Mütter kommen zu Wort und erzählen, wie Mütter — Heldenmütter des dritten Reiches — ihre ahnungslosen Kinder zum Boykott jüdischer Mitschüler geradezu zwingen. Eine Dame empfiehlt größte Vorsicht; in jedem Falle habe man zu prüfen, ob nicht die jüdischen Kinder Anlaß zu der degradierenden Behandlung gegeben haben. Gegen antisemitische Grundeinstellung des Lehrers liehe sich wenig machen. Um die Auswirkungen solcher Einstellung unschädlich zu machen, kümmere man sich mehr um den E l t e r n b e i r a t. Eine Mutter aus Königsberg i. Pr. verspricht sich viel von geeigneter Aufklärung der Schüler. Im übrigen sei eine „gute Kinderstube" des jüdischen Schülers bestes Desinfektionsmittel für die antisemitische Atmosphäre in der Schule . . . So weit die Enquete. m ein Mausloch zu verkriechen, hat möglichst wenig Zeichen seiner Existenz von sich zu. geben, hat auf aues, was Kinderart und vielleicht auch Kinderrecht ist, zu verzichten, hat sich den anderen restlos anzupassen — dann wird es besser oder nicht. Wahrscheinlich nicht. Es wird ein Feigling fein, wenn es beim Sporte in der Ecke bleibt und ein zudringlicher Frechling, wenn es einen Rekord schlägt, rassisch minderwertig bei schlechten Leistungen und ein „echter jüdischer Streber", wenn es gute Roten erzielt. Und ahnen wir, was das für ein Kind gesetzestreuer Eltern bedeutet: sich ganz und restlos anzupassen; unter welchem Preise an kostbarem jüdischem Seelengute das vor sich geht?! Man denke an den Sabbat, an die gemeinsame Verpflegung bei Schulausflügen, an Schulfeiern mit kirchlichem Charakter! Und bei diesem gewaltig hohen Einsatz bleibt der eingetauschte Gewinn — das besagen die Erfahrungen der Schülerinnen und Mütter einmütig — mehr als problematisch. In allen, und vorab in den gesetzestreuen Gemeinden, die jetzt um die Existenz ihrer eigenen Schulen einen verzweifelten Kampf führen, sollten die Eltern aus diesen „weniger trüben Bildern" ersehen, um was es recht eigentlich geht. Es ist nicht eine Institution unter vielen anderen, die gehalten werden soll. Es geht um die Seele unseres Kindes! HMer macht Schule. Nationalsozialismus hat schon in seinem Namen national Begrenztes, das Atemberaubende der nationalen Absperrung. Und dennoch kann man heute schon, so widel'sinnig dieses sprachlich und logisch anmutet, von einer Nationals o z i a l i st i s ch e n Internationale sprechen. Hitler macht Schule, nicht allein in Oesterr e i ch. Wohin man schaut, nach Osten und Südosten, nach Asien und Halbasien, überall segelt der Judenhaß als Partei und Bewegung unter der Hitler'fchen Fahne, mit Hitler'schen Farben, mit sichtbarem oder unsichtbarem Hakenkreuz. In Polen gingen die Studentenunruhen unter den bekannten liebenswürdigen Einladungen zum „Erwachen" und zum „Verrecken" vor sich, die ins Polnische übertragen (Deutschland wird mit „Polen", „Rumänien", „Lettland" usw. ersetzt, „Juda" bleibt) noch klangvoller wirken . . . Die N a t i o n a l d e m o k r a t i s ch e Partei, die in Warschau und Wilna hinter den Kulissen des Studentenpuppentheaters die Fäden bedient, hat eingestandenermaßen das Hitlerprogramm übernommen und in ihre Sprache und Denkweise übersetzt. In Bukarest, der Hauptstadt Rumäniens, dominiert zur Zeit in Parlament. Politik und Presse der treffliche Herr C u z a und wird, wenn er von der Tribüne, auf der er g e g e n D e u t s ch e u n d I u d e n gewettert, abtritt. von dem angeblich liberalen Ministerpräsidenten Jorga beglückwünscht. Er ist zwar ein ausgekochter Deutschenfeind, aber er bezeichnet sich -im Parlamente als Bundesgenosse Hitlers. Deuts ch e n f e i n d und Hitler genösse! Eine Kombination, die in einem höheren Sinne ganz gut stimmen kann. Schließlich wird uns mitgeteilt, daß die deutsche Jugend in Lettland fast samt und sonders von der Hitlerbewegung ergriffen ist. Aus dem berufenen Munde des Unterrichtsministers W a r m u t im Parlamente erfährt man, daß es in den meisten deutschen Schulen für die jüdischen Mitschüler schon nahezu eine Gefahr für Leib und Leben i st, a m U n t e r r i ch t e t e i l z u n e hmen. Von der Mittelschule überträgt sich diese Hitlerkultur aus die Hochschule, wo die deutschen Studenten mehr der Judenhetze obliegen als ihren Studien. Der Leidtragende, so sagte der Minister, ist dabei das Deutschtum in Lettland. Man weiß, daß sogar im Orient, unter den Arabern in Palästina und Syrien, die „Weisen von Zion", diese unseligsten Fal'schstücke einen gewissenlosen Menschenverhetzung, eine gewisse Rolle spielen. Hitler überall. Er, der Staatenlose, hat es erleben dürfen, daß sein Name an keinen Staat mehr gebunden ist; er ist als Programm überstaatlich, als Barometer für den Kulturtiefstand einer wirtschaftlich und moralisch geschlagenen Welt überall gleich gültig und bündig. Nur in der S ch w e i z kann er keinen festen Fuß fassen, und in Italien, wo der wahre Faschismus in immerhin achtunggebietender Weise auf Zucht und Ordnung hält, wird der gute Adolf, so oft und beharrlich er sich an die Rockschöße Mussolinis zu heften bemüht, konsequent abgeschüttelt. Die blutigen Früchte, die die Giftsaaten in Deutschland bereits gezeitigt haben, müßten doch, so sollte man meinen, abschreckend genug auf das Ausland wirken. Wir sind bei uns so weit, daß, wie in der C V.-Zeitung berichtet wird, in Mecklenburg Juden ihre Heimat verlassen müssen, Flüchtlinge aus einer Welt des Hasses und der Not. Fälle wie in L e u t.e r s h a u s e n, wo ein jüdischer Viehhändler ohne jeglichen Grund ED! Etwas über das Forschen nach den Gründen der Alizwoih. Zum 27. T e w e t h. Von Oberrabbiner PH. Fischer in Sarospalak. I. „Wenn du also etwa eine Verteidigung der g'ttlichen Eedole . .. von ineinem Buche erwartest . .. lasse mein Buch ungelesen ... wenn dir ein Wort willkommen.ist, das dir sinnbildliche Haudluugeu ... in zu deinem Geiste und Herzen redende Worte zu übersetzen versucht . .. weise mein Buch nicht von dir . ..". Ehaurcw, XI. In letzterer Zeit wurden Stimmen laut, die gegen das Bestreben, die Thoravarschriften gemäß menschlicher Eiiislchtsfähigkeit zu begründen, lebhaft Widerspruch erheben. Alan geht nämlich von der Annahme ans, da man nun einerseits die modernen gesetzocrachtenden Juden von der Bernüftigteit sämtlicher Thoravorschristen doch nicht überzeugen kann, andererseits aber die Gesctzcstreuen zufolge ihrer anderweitig feststehenden seelischen Einstellung die Vorschriften der Thora so wie so besolgen, — daher sei dieses ganze Bestreben vollkommen überflüssig, ja vielleicht sogar etwas schädlich. Wir können wohl fragen, woher man den statistischen Nachweis für die Nichtigkeit der ersten Annahme herholt? Hat inan dem schon jemals versucht, in Propagandaveranstaltungen für ueologe Juden dieselben durch die Darstellung des Geistes und Sinnes der Thoragcsetze nach Anleitung S. R. Hirschs, in dessen Chaurew und anderen Schriften für die Gesetzesbeobachtung zu gewinnen, oder hat man schon irgendwo in einer neologen Neligionsschule es versucht, die Jugend mit dieser Methode für das Gesetz zu gewinnen? Und hat dann oie Methode ganz versagt? Wir glauben kaum, das; man uns einen derartigen Fall anführen könnte, und int unn ab i lautet die alte Regel. Wir wissen allerdings von einem entgegengesetzten Fall. Bor einigen Jahren war in den Blättern zu lesen, wie der Inhaber eines großen Geschäftes in Berlin, der bis dahin sein Geschäft auch am Sabbath offen hielt, durch die Lektüre der Wunderbaren Sabbath-Aufsätze S. R. Hirschs, die ihm der dortige Schomrc-Sabbath-Verein zukommen ließ, derartig seelisch ergriffen wurde, daß er sich entschloß, nunmehr sein Geschäft Sabbath geschlossen zu halten. Wir wollen aber diese Annahme auf sich beruhen lassen. Wir wollen auch nicht einmal auf den klassischen Vers in Deut. 4, 6 'isi a'nrn M’ya aanrar Barman um w Hinweisen (S. übrigens zu diesem v. Hirsch, Komm. zu St.— aber auch scharr Nachmandes zu St.) Wir wollen nur fragen, gibt es denn keine Halben, keine Wankelmütigen, die den mannigfaltigsten Versuchungen der menschlichen Leidenschaften oder materiellen Interessen ausgesetzi, vielleicht allzuwillig ihr Ohr „aufklärenden" Genossen oder Schriften über das „Unvernünftige", das „Ueberlebte" dieses oder jenes Gesetzes oder gar ganzen Eesetzeskompleres leihen möchten, und für welche ein Wort oder eine Schrift zur rechten Zeit, die den Beweis für die „Vernünftigkeit" des Gesetzes antreten, gerade erlösend wirken und den Wankelmütigen in seiner Treue befestigen? Vor allem aber müssen wir auf eine unleugbare geschichtliche Tatsache aufmerksam machen. Als in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die jüdische Reformbenegnng in Dentschlano einsetzte und solche Triumphe feierte, daß David Friedländer den Ansspruch wagen durfte: In hundert Jahren wird es niemanden in Berlin geben, der noch wüßte, was l'vn bedeutet, da erfolgte nicht der furchtbare Abfall der Masse auf einmal! Nicht an einem Tage wird ein Volt geboren, aber auch der Abfall eines ganzen Voltes von seinen altgeheiligten Idealen erfolgt nicht auf einmal. Einige Jahrzehnte hindurch ungehindert sich ausbreitende Wühlarbeit mußte dem Massenabsalle vorangehen. Es standen immer mehr und mehr geistig Irregegangene, Wegverlorcnc, wahre a^-nai avron inmitten des Volkes auf, die solange über die „Unvernünftigkeit", über die „Abgelebtheit" dieser oder jener oder der meisten Thoragesetze vor den Ohren des Volkes in Wort und Schrift raisomieten, bis daß endlich breiteste Schichten, vor allem das jüngere Geschlecht von dem Irrwahne der »"in ebenfalls erfaßt worden find, und dem alten Vätergesetze die Gefolgschaft kündigten' Wer sollte denn auch für die treue Beobachtung „unvernünftig" und '.abgelebt" gewordener Gesetze Opfer bringen wollen?! Aber noch breitere Schichten sind durch jene von allen Seiten ins Ohr dringenden Losungsworte in ihrer Ucberzengung erschüttert und wankelmütig geworden. Es schien bereits alles verloren zu fein! Da trat nun jener Unsterbliche ans den Plan, „um in Wort und Schrift zu bcweiseu, daß jedes Gebot vernünftig fei!" Ben it fiel trat auf den Plan, und stellte sich den a'rrnai amw», die die Masse mit den Schlagworten von der „Unvernünftigkeit", der „Abgelebtheit" der rrnn zu ködern suchten, mit gleichen Waffen entgegen! Wie?!, Ihr behauptet daß die mx» „abgelebte, erstarrte Mumien" sind. Nun ich will euch zu beweisen mich bestreben, daß sie voll des

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