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Der Israelit · 1931-12-24 · Heft 52 (24.12.1931) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 52 (24.12.1931)
Date
1931-12-24
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 2 Nr. 22 B I älter 24. Dezember 193IVJ: Religiosität—Moderne—Jugend. Wir veröfsent ichten nachstehend «n Aufsatz des Herrn Dr. Ätathan Birnbaum, der in der letzten Nummer di:s „Aufstiegs" ei schienen ist und im wesentlichen die Äus führungen wiedergiot, die der hochgeehrte Berfas,er i.n Rahmen der „Agu^istischen Woche der Frankfurter Jugendgrup^e" seiner'eit machte. Wir hof,en, daß dieses wahrhafte nun vya auch im Preise unserer Leser tiefgehende Mittung ausüben wird. (Der „Aufstieg" erscheint im Verlag Au'im Ber in-Thar.ottenburg 4 Sybelflr.35. Abonnementpreis für drei Hefte Mt. 2.53). Wenn Religiosität das Sichverbundenfühlen des Menschen mit -dem G'ttlichen bedeutet*), dann steht die Moderne in schroffstem Gegensatz zu ihr. Denn — so widerstrebend ihre verschiedenen Aeußerungsformen unter einander auch sein, so sehr sie sozusagen aus. verschiedenen Meltgegenden stammen mögen — ihre beiden Grund elergente sind, gegenseitig sich bedingend, die Emanzipation vom G'ttlichen und die Souveränitätserklärung des Menschen — jenes Menschen, der sich als ein im HandumdHhen der Entwicklung zum G'tt avancierter, ^nschenaffe darstellt. Aus diesen beiden Grundelementen heraus erklären sich alle Parolen der Moderne, auch soweit sie sich bei den verschiedenen Gruppen widersprechen: So einerseits die Relativität der Moral und andrerseits die neue Justamentmoral 'im Gegensatz zur alten Moral; so die Emanzipation der Ethik von der Religion; so die Verneinung -der Religion selbst und andrerseits ihre Sterilisierung durch Abkehr von Religionsgemeinschaft und religiöser Form; so die Unterwaschung von Recht und Gerechtigkeit durch einen famosen Mißbrauch des bekamt ten „Alles begreifen"; so die Emanzipation des Fleisches; so, der KollekLivierungsfanatismus auf der einen und der Unfug des Sichauslebens auf der andern Seite; so die Verachtung aller Autorität, aller Ueberlieferung und des älteren Menschen und damit im Zusammenhang die Ueberschätzung und das aus ihr sich ergebende in den Vordergrund schieben der Jugend. ' Was ist die Lehre von der Relativität d-er Moral uno der Unabhängigkeit der Moral von der Religion anderes als eine Absage an die Religion selbst und damit auch an die Voraussetzung und das Ziel aller Religion, an die G'ttheit? Wie sollte Religion, Hingebung an G'tt, sich bei Menschen entfalten können, die das g'ttgegebene einheitliche Sittengesetz leugnen? Was soll ein G'tt, welcher der Menschheit, seiner wichtigsten Klientel, hicht den Weg zeigen könnte? Oder der sexuelle Freibrief an die Menschen — dieses Gchnzstück der Moderne — -ist er etibäs' anderes als eiste Absäge an die Religion,' wenigstens' in ihren höheren Gestältungen, , an die Religion, die den Menschen dazu ersieht im Sturm der Leidenschaften aufrecht zu'bleiben, oder wenn er schön einmal fiel, sich wieder aufrtchteü zu kpstnen? Ist dieser Freibrief etwas anderes1 als eine Absage an G'tt, der in seiner Herrlichkeit, in der Gewaltigkeit seines Weltenbaues nicht möglich wäre, wenn er die Liebe der Geschlechter als eine wirre und widerliche Riesenorgie gewollt habest.sollte? Oder dies alberne Sichfühlen der Söhne gegenüber den Vätern, der Töchter gegenüber den Müttern, überhaupt der Jungen gegenüber den Alten— ist es nicht in tiefstem Grunde der Beweis eines Aufrührertums gegen G'tt, der den Respekt der Kinder vor den Eltern geboten hat und die Aelteren gereifter werden ließ als die Jungen? Wie soll ein Mensch frommen Gemütes fein'können, der naseweiß, eingebildet, bockig ist, der nicht inne geworden ist, daß aus Bescheidung der Jugend und Entscheidung des älteren Men-, scheu Geschichte wird? Kurz, der Gegensatz zwischen Moderne und Religiosität liegt offen zutage. Aber ebenso offen liegen die Gefahren, die, diesem , Gegensatz entsprechend,. der Meligiosität von Seiten der Moderne drohen. .. Hört man einen von -den Hunderttausenden über das, was-modern ist,'sprechen, so macht matt fast durchwegs die Erfahrung, daß er an die Erkenntnis der Grundelemente des Modernen gar nicht herangekommen ist, vielmehr an einzelnen seiner Aeußerungseigenheiten haften bleibt, so z. 23.; an der notabene neuen — Sachlichkeit, an der Aktivität, am Tempo, am noch nicht Dagewesensein, an der kollektiven Methode. Daraus geht hervor, daß sich die Meisten im Volke, das ja im Grunde eine natürliche Scheu vor ganz großen Experimenten hat, der Moderne nicht deshalb anschließen, weil sie in ihr eine Vielfältigkeit und einen Wesenszusammenhang all des Vielfältigen erkennen, sondern weil sie sich-bloß einer harmlosen Neuheit auf diesem oder jenem' Gebiete oder auch auf etlichen; Gebieten gegenüber sehen. Sind sie aber einmal an einem Endchen erfaßt, das sich, w-ie gesagt, so harmlos ausnimmt und keine Weiterungen vermuten! läßt, dann ist ihr religiöses Schicksal meistens schon entschieden. Wer A gesagt hat, muß dann auch B sagen und sagt meistens auch C und D und viele kommen dann bis zum Z. Wer z. B. die nette Institution des Familienbades als, Ausdruck einer wied-ergewönnenen naiven Unbefangenheit in erotischen Dingen zu betrachten sich gewöhnt hat, der kommt auch leicht dazu, über allerlei Unkeufchheit den Mantel der Kunst zu breiten, im weiteren Zuge überhaupt keine sexuelle Moral anzuerkennen und schließlich, da in einer Welt ohne diese kein Platz für Besinnung auf G'tt ist, auch G'tt zu leugnen. Eine besondere Art von solchen der Moderne Verfallenden sind diejenigen, die in der Hauptsache nicht von den Freuden der Moderne, sondern von ihrem vermeintlich erlöserischen Inhalt, der den Forderungen der Religion entsprechen soll, angezogen und mehr oder weniger leicht überwunden werden. Der eine wird von die Luft durchschwirrenden Jrrlichtphrasen wie das schon erwähnte „Alles begreifen" bezaubert. Der andere erliegt einem -d-er verschiedenen Weltbeglückungssysteme und HM er einmal seine Nase in diese Dinge hineingesteckt, dann wächst er fast immer weiter hinein und immer weiter aus der Religion heraus. Dabei sind sich alle diese Leute, sowohl diejenigen der ersten als diejenigen der zweiten Art, wenigstens darüber klar, daß sie von Gegensatz zu Gegensatz gewandert sind. Allein, die Moderne gewinnt auch Freunde, die sich durch sie. ihre Re-; Miosität-777 eine klar ütNrisiene, niM^etwäjdiö neb elhafftö i her NeUreHDsen — miAt nehmen las< sen wollen Und nichtWhNten lassen, ja hft Religiöse strengster Observanz bteibeh. Es.sind dies seltsame N'Mrspiele M Jiltellekthafttät,' die,/—- entweder 'aüS einer getbiffeß Peschränttheit /hdex aus einet, gewissen UeheWitztheit Mchksts —' d eit absoluten Gegensatz zwischen der Moderne und der Religion und damit die ungeheure Gefahr nicht sehen, die dieser von jener droht, ja, sich meist sogar mit Fanatismus im Namen der Religion für die Ideen der Moderne einsetzen, .für sie werben, ihren antireligiösen 'Trägern und' Verfechtern -allerlei Komplimente machen. Irrtum wird doppelt gtoh, wenn sie *) Dabei nicht, wie man es neuerdings gern haben möchte, in einem unfreundlichen Gegensätze zur religiösen Gemeinschaft und Form, sondern in Einheit mit ihnen, ihre Ursache und Wirkung, undenkbar ohne sie. einbilden, dadurch den religiösen Verfall .ihrer Umgebung aufzubalten. In Wahrheit beflügeln sie ihn noch, indem sie tausenden anderen, die nicht gleich ihnen die Anlage zu soviel Widerspruch in sich selbst besitzen, das Zeichen zü völliger Flucht aus der Religion geben. Ja, aber infoferne die Moderne die Menschheit zur Herrin ihres -eigenen sozialen Schicksals machen, die Enterbten erlösen will — soll sich auch das nicht mit Religion und Hingabe an G'tt vertragen? Soll man, wenn man ihre sonstigen Forderungen und Leistungen ablehnt, auch auf diesem Gebiete nicht mit der Moderne gehen dürfe^ oder besser müssen? Zweifelsohne, wenn -das, was die.Modern.^, anstrehtz.uur,.wirklich Erlösung wäre, wenn ihre Methode nicht.so beschaffen wäre, wie sie ist, wenn ihr seelischer Ausgangspunkt nur nicht so ganz der religiösen Gesinnung zuwiderliefe. Aber -es ist doch a priori Kar, daß ihre soziale Moral aus dem inneren Gesetze und Wesen, das sich in allen ihren anderen Prinzipien, Forderungen und Leistungen mit kecker Aufdringlichkeit offenbart, nicht herausfallen kann. Religiöse Menschen, wenn ihre Religiosität echt und tief/ist, müßten diese.-Art, von. Weltbeglückung, fliehen. Nicht nur wegen der Gewalt, mit der sie sich durchzusetzen sucht, sondernvornehmlich in der Erkenntnis, daß aus dem aller G'ttesfehnsucht und aller G'ttesgebot-Erfüllung baren . System kein Menschheitsglück erblühen kann. Ihre religiöse Intuition müßte ihnen sagen, daß-die soziale Frage nicht wie eine mathematische Aufgabe, in der die Rechnung restlos.-aufgeht,. gelöst werden kann, daß in die Weltgeschichte keine Luftschlösser hineingebaut werden können und daß der unstatthafte Versuch hierzu - noch unstatthafter ist, wenn er von Haß gegen G'tt und Menschen begleitet wird; Sie müßten emsehen, daß vor der messianischen Erlösungder- Menschheit nur Ein Weg beschreitbar ist: Der des Aufstiegs in geduldigem Streben nach liebevoll und überlegt helfender Gegenseitigkeit der Menschen. Nun ist es aber einmal, so, daß die Erkenntnis und 'Intuition. der Religiösen schwach gewör^ den ist, so daß sich ihr in der Schutt der Religion gut gewordener Wille jetzt'leicht und gutgläubig für eine Sache der Gottlosen einspannt. Und dies ist eine der ernstesten Tatsachen in dem heute so heißen Kampfe Zwischen. Glaube und Unglaube — umso ernster, weil es hauptsächlich die Jugend, die religiöse Jugend ist, die voh der Nachgiebigkeit gegenüber der Moderne ergriffen erscheint. Diese besondere Ergriffenheit der Jugend mag wohl für sie so wie für viele andere, ein Beweis dafür fein, daß die Moderne auf dem richtigen Wege ist. Aber in Wahrheit ist sie der Beweis für das Gegenteil. Denn nur kraft ihrer Modernität erhebt ja die Jugend den Anspruch, Orakel des Zukunftsweges der Menschheit zu sein und in deren Rat die entscheidende Stimme zu. haben. Und da sist doch ein Anspruch, der gegen die elementarsten naturgeschichtlichen und geschichtlichen Lehren und Erfahrungen verstößt. Gewiß kann die Jugend Bedeutung für die'Allgemeinheit erlangen, doch nur auf grund ihrer natürlichen Vorzüge: dadurch, daß sie sich ihr mit ihrem Temperament, mit ihrer Leidenschaft und' mit ihrem ganzen Kräftevorrat zür Verfügung stellt Allein aus eigenem geben, selber diktieren, das kann-sienicht, auch weyn sie. glaubt, es zu könnM öder gär es'tzu-tuni'-Sie nimM und g<- härcht — näch/dem GesHe dedMässe — bis vor nicht-täntzet Zeit denjemgett, die' UebeittiAruäg und Relitzköü MdWest, jetzt d-estjeUigM, Me sie? zllch erstem Faktor der WeftgefchiHe fümdichien, die iht Ml Schmeichelhastes sägen - ünÄ-vöÄrvichiit pölle Freiheit ill Tun'und Lassen gewähren/ Und sie gehorcht mit dem ganzen Elan der Jugend. Jede Verschrobenheit der Moderne wird peinlich mitgemacht. Und dabei ist man unglaublich — „fromm". Besonders stark hat sich diese Verkehrtheit -in der jüdischen Jugend eingebürgert. Und das ist Jht j,kein Wunder,. wenn man bedenkt, daß -eg innerstoch, halb der JÄdenheit''schon' eine gewisse Tradition , dafür gibt, die. Zeitmohe ntitzumachen, alles, was diese Mode Reaktion nennt, unbesehen pi den Bann zu tun und dabei 'nicht M Betracht zu ziehen, daß. die Religion und die Religiosität und 'ganz besonders die jüdische für die ungeheure Majorität her Modernen zur Reaktion /gehört. ’, Ustd hat denn -diese Mehrheit von. ihrem Standpunkte nicht Recht?, Und mM ihr nicht die winzige Minderheit,.die gläubig und. modern sein will,, geradezurgrotesk erscheinen^ Gibt es denn etwas „Reaktionäreres" als die mizwaus maasfiiaus, die der neuen Sachlichkeit — nicht zu verwechseln mit der alten, besser-ewigen — so sehr widersprechen? Oder ist es nicht höchste „Reaktion", wenn das Judentum nur eine absolute und

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